Der Verräter und die Zeloten
Und er ging hin. (Luk. 22, 4)
Kapitel 1
Südlich von Beth Semes, nahe der Philistergrenze, gab es Höhen, die wie zum Versteck geschaffen waren. Zur Zeit der „Heiligen Geschichte“ sind es eine Menge Männer, die sich daselbst geheim versammeln. Ihr Land, Judäa, ist schon lang besetzt und man stöhnt, obwohl es gar nicht viel zu stöhnen gibt. Der Haß gegen die Eroberer läßt oft die klare Sicht vergessen und — und jener Glaube, von dem man meint, er wäre ganz allein dem Volke Juda vorbehalten.
Es ist ein trüber Abend, doch noch hell genug, um Schleichwege zu erkennen. Unauffällig, wie allseits gewohnt, geht man zu zweit oder auch zu dritt; größere Gruppen werden zu rasch aufgehalten und ungut untersucht. Und allein — ? Das wagt sich zu dieser Zeit kein Mensch. Ein jeder tut, als strebe er dem eigenen Zuhause zu, sind es doch viele Einzelgruppen, die auf Windungen einer ganz bestimmten Höhe zuzustreben suchen. Trotz weiterer Verdunkelung der Nacht geht keiner irr, alle finden ihren Pfad.
Oft tiefer Sand, Geröll und Steine hemmen nicht den Fuß; man hat sich ihrer „heiligen Sache“ hingegeben. Keiner von der Rotte will es wissen, daß ihr Tun vom Heil der Wahrheit ebenso entfernt ist wie die Erde vom Gewölk des Himmels. Nun sind sie versammelt, zunächst etwa hundert Männer.
Die ausgewählte Höhe ist für sie das sicherste Versteck; sie ragt über alle anderen Höhen, die rundum lagern. Zugleich hat sie oben viele Rinnen, tief genug, um sich zu verbergen, aber nicht so tief, um nicht bis weit hinein ins Land die Sicht zu haben. Jeder Ankommende ist wahrzunehmen. Nur nach bestimmten Zeichen werden neue Kommende heraufgelassen. Für die Rotte, denken sie, ist‘s gut, daß Wanderer allgemein die Höhen meiden, weil zu beschwerlich und ein rasches Vorwärtskommen hemmen.
Man schreibt das Jahr „dreißig“, nach der großen Völkerzählung Roms. Es gärt und brodelt überall, nicht bloß in Judäa. Daselbst freilich ganz besonders; denn seit rund hundert Jahren schwingt Rom das Zepter über das arme Volk. An sich daher kein Wunder, wenn sich Rebellenhorden bilden. Wird dazu, wie eben in Judäa, der Glaube mithin eingezogen, ist‘s für die Besatzung gar nicht so leicht, Spreu vom Weizen auszuscheiden.
Die Männer hüllen sich in ihre Mäntel; denn die Nacht ist kühl, und Wärmefeuer können sie sich nicht erlauben. Römische Kolonnen ziehen auch durch Öde und durch Wüstenei. Man schweigt eine Weile, lautes Reden ist verboten. Der Anführer, namens Maradju, hebt nun leicht die Hand. Alle sind begierig, was Neues er zu melden hat. Offiziell ist er ein hochgeachteter Mann von Jerusalem, gibt sich aber stets bescheiden, freundlich und ist auch hilfsbereit, wenn — es um seine Volks- und Glaubensbrüder geht.
„Es kommt ein Neues auf uns zu“, beginnt er geheimnisvoll, „doch ist abzuwarten, was sich daraus ergibt oder ob wir uns, etwa erst mal einer, die Sache nutzbar machen können. Für uns allein“, ein glühender Eifer läßt den Redner förmlich erzittern, „gilt nur unser Glaube, den unsere alten Väter hinterlassen haben, der Glaube an Gott Jahve, ohne dem wir nichts vermögen und nichts unternehmen wollen. Die verhaßten Römer bringen uns die arge Götterlehre in das Land; und manch einer aus dem Volk, um ungeschoren bleibend, hängen sich den widerlichen Feinden an.“
„Komme doch zur Sache“, wird Maradju unterbrochen von einem älteren Mann, der auch in Jerusalem ein kleines Handelshaus besitzt. „Was du bisher sagtest, wissen wir.“ „Gemach, Churus, du kommst schon noch auf deine Kosten.“ Ein leises Lachen unterstreicht den Satz. „Ich war kürzlich hoch im Norden. Da kam mir ein junger Mann entgegen. An sich sah Er ärmlich aus, dem Äußeren nach; aber etwas fiel mir auf: Seine Augen! In denen lag ein tiefer Glanz, wie Feuer kam‘s mir vor, und hatte trotzdem ein ganz freundliches Gesicht.
Ach ja, meine Brüder und Genossen, offen müssen wir auch freundlich sein, müssen immerzu den Römern gegenüber heucheln. Allein, unseren Glauben wollen wir benützen, um sie endlich zu verjagen. Mir kam also plötzlich der Gedanke, als ob man diesen jungen Mann für unsere Ziele mit gewinnen könnte.
Merkt es euch aber alle gut: man nennt uns zwar Zeloten, wie ich es vielmals hören konnte, jedoch stehen viele allgemein auf unsrer Seite. Nein, nein“, wehrt er heftig ab, als mehrere Männer darum fragen, „nicht einfach öffentlich; das wäre außerdem für uns nicht gut. Aber eben dieser Eine — ? Man müßte jemand finden, einen sogenannten Pendler, damit wir es erfahren könnten, was hinter jenem jungen Manne steckt. Hört euch doch alle einmal um, ob und mit wem Er befreundet ist, dann lassen sich die Schlüsse ziehen. Gleich an Ihn heranzutreten — wollen wir das erst mal lassen.“
„Von jungen Leuten halt‘ ich überhaupt nicht viel“, widerspricht ein untersetzter Mann. Er hat an einer Mauer von Jerusalem einen kleinen Stand mit Obst, das er aus nahen Gärten kauft. „Ha, solche blasen sich gern auf; und was steckt dahinter? Nichts!“ „Du mußt es wissen, Freund Feodar, „hast ja selbst drei junge Söhne“, wird er gehänselt. Man weiß, wie stolz er auf seine Söhne ist, und nachsichtig. „Meine Jungen gehen einen guten Weg!“ Die Verteidigung klingt ein wenig grob. „Und dann . . .“
„Wir wollen uns nicht streiten“, fällt Maradju gelassen ein. „Zunächst wissen wir, wie wir uns verhalten müssen. Also jetzt an die Arbeit!“ Dem kommt man willig nach. Es ist zu aller Gunsten, sich vor Römern gut zu sichern. Man hat von den Rinnen aus mehrere Gräben abgezweigt, an verschiedenen Stellen abwärts. Sobald man Truppen sichtet, die auch nachts marschieren, können die Zeloten, je zu zweit und dritt, in diesen Gräben abwärts schleichen. Nie sind sie bisher aufgestöbert worden. Auch fällt‘s nicht auf, wenn man zu einem Händler geht, oder hin zu Maradju, der ein halber Rechtsgelehrter ist. Er läßt sich seinen Rat bezahlen, doch von Armen nimmt er nichts. Was ihm löblich anzurechnen ist.
Ein weit verzweigtes Netz haben sie gebildet, und selbst scharfe Römeraugen haben noch nichts anderes erkundet, als daß „Leute“ zu den Glaubenseiferern gehören. Nun, Rom hat den Glauben unterjochter Völker noch nie angetastet. Du liebe Zeit, sie haben Wichtigeres zu tun, als sich mit „Überspannten“ abzugeben. Dabei geht es den Zeloten erstrangig wirklich um den „Glauben ihrer Väter“, wohinein sie nunmehr auch die Rebellion beziehen. Sie halten fest zusammen und keiner läßt sich das Geringste merken, daß unter ihrer „Glaubensdecke“ etwas anderes verborgen wird. Daher sind sie frei, auch auf ihren Wegen, soweit und wie erlaubt.
Es gehen ein paar Wochen hin, während dessen sie schon mehrmals sich zusammenfanden, ohne wirklich einen Schritt ihrem Ziele nahzukommen. Wohl — es brodelt unterm Volk, doch ist die Einigkeit nicht bloß zu schwach, auch könnte ja das Volk nicht mal gesamt gegen die Besatzung etwas unternehmen. Maradju, der Klügste und Geschickteste unter seiner Gruppe, hat in dieser Zeit so mancherlei erfragt, zumal über jenen „jungen Mann“ aus Nazareth. Doch er hat bisher geschwiegen, er will erst sicher sein, ob und wie man diesen Sonderbaren einzuschätzen oder auch zu Nutz und Frommen einzusetzen weiß! Denn das hat Maradju gemerkt:
Der Nazarener ist ganz anders als Männer seines Alters, so — er weiß noch nicht, wer und was Er wirklich ist oder — kann. Wunder? Er hat bereits davon gehört, gibt darauf aber keine Stater. Nur Vernunft und Verstand können ihrem armen lang gequälten Volke helfen. Dabei läßt es den Vernünftigen absolut nicht los, nämlich diese Augen, diese sonderbare Würde, das Handeln, wie Er Sich gibt. Ach was — Maradju schiebt die Gedanken wieder einmal weg und — kommt nicht los davon.
NEUOFFENBARUNG