3. Kapitel
„Horch!“ Cornelius hält Venitrius zurück, der im Eilritt gestern angekommen war. Wie hatte sich Cornelius gefreut, weil die Planung in Erfüllung ging. In Rom wird er es richten, damit es bleibt, was er eingefädelt hat. Heute machten sie sich zu Maria auf, um die wichtigen Papyrus abzuholen. Sie stehn vor einer schmalen Tür, die in ihre Wohnung führt. Vor dem Hause standen ein paar Tempeldiener, die verschwanden, als die Römer kamen. Mochte ‚der‘ im Hause sehen, wie er fertig wurde. Drinnen hört man lautes Schelten.
„Bis jetzt, Mutter eines Römerfreundes, bliebst du unbehelligt. Ha, wollte der Messias sein, hätte Tote auferweckt und konnte Seinen Kreuztod nicht verhindern! Nun wird nicht gefackelt! Du hast die Schriften, die als ‚Zeugen des Messias‘ gelten sollten. Hahaha! Vor allem jene des Johannes, der mir der widerlichste war. Der sitzt schon fest auf einer Ruderbank. Als Römerfreund wird er gern auf den Galeeren rudern. Wo ist das Zeug? Her damit!“
„Dir gebe ich sie nicht!“ Maria hat sich aufgerichtet. Nach dem Schreck, als sie den Besucher kommen sah, spürt sie eine Kraft in sich und die Gewißheit: die Rettung naht. Denn DEN sie zwar gebären durfte, Der aber sie im Licht aus Seinem Geiste hob, ER wird ihr helfen. „Du kannst mich töten, kannst alles tun, dann erst kannst du suchen. Ob du das Heilsgut finden wirst —?“
„Tapfere Frau“, murmelt Cornelius. In der Rechten hält er hiebbereit sein Schwert. „Na warte nur, mein Kaiphas, heute wird ernst abgerechnet“, knirscht er durch die Zähne. Ja, es ist der Oberste, der sich diesen Streich erlaubt. Mit sechs seiner besten Knechte konnte er Maria holen, ohne daß es aufgefallen wäre. Er hat keine Ahnung, daß ihm die Schlinge droht.
„Ein letztesmal“, tobt er, „gib her und du bleibst ungeschoren!“ „Das soll ich glauben?“ fragt Maria „Die andern Frauen hast du in den ganz geheimen Rat geführt, wo bloß du, Hannas und zwei andere zugegen waren. Ich weiß alles! Tue, wie du willst, führ‘ mich fort als Gipfelpunkt all deiner Schlechtigkeit. Du hast auch Nicodemus morden lassen.“ Sie weiß noch nichts von dessen Rettung. „Du allein hast unsern Gott ans Kreuz gebracht! O du du, was wird der Höchste einsten mit dir tun?“
„Noch einen Augenblick“, sagt der Tribun, „er ist bei einer Tat zu überraschen.“ Da — ein Schrei aus Frauenmund, ein Poltern und ein böses Lachen. Sofort sind die Römer eingedrungen. Der Templer, seiner nicht mehr mächtig, stieß Maria auf den Boden und will sich eben auf sie werfen.
„Halt!“ Voll Entsetzen fährt der Templer hoch. Venitrius reißt ihn hart zurück. Legionäre, die das Lärmen hörten, kommen in das Haus. Cornelius bettet erst Maria auf die Ruhebank. „Still, weine nicht!“ „Dich hat unser Herr zu mir geschickt“, schluchzt Maria. „Oh weh — —“ Sie schlägt die Hände vor die Augen, um die Tränen aufzuhalten, die weiterfließen wollen.
Cornelius wendet sich an Kaiphas, den zwei Legionäre halten. „Du hast das Gebot des Kaisers wieder übertreten. Unsere Geduld ist nun zu Ende! Du hast eine freie Bürgerin belästigt und beleidigt, denn wisse: noch sind wir die Herren, wir beschützen auch das Volk! Und stehlen wolltest du? Ein Hoherpriester —? Wir kamen, um Maria zu besuchen und hörten, was du sagtest. Dein Gesindel war fix weg, als es uns kommen sah. Die kannst du nicht bestrafen; sowieso hätte ich sie fortgejagt.
Als Priester — welchem Götzen dienst du denn? — überfällst du eine Frau? Pfui! Rede dich nicht aus, du hättest bloß — — Wir sind zwei Zeugen; die gelten ja bei euch, nicht wahr?, laut Mose (5. Mo. 19, 15)! Laßt ihn nicht entwischen, ich habe ihm noch mehr zu sagen“, gebietet er dem Rottenersten, „Der entkommt uns nicht. Wohin mit ihm?“ „In die fensterlose Zelle bei der Richthaustreppe!“
Cornelius kann Kaiphas nicht richten; rundum bei der Gärung würde es fast schlimmer — für die Römer —‚ als die Kreuzigung des Herrn, die freilich diese Gärung nach sich zog. Einen Denkzettel will er ihm verpassen, damit der Templer zur Besinnung kommt. Er beugt sich nochmals zu Maria nieder und streichelt ihre Wangen. Bei Venitrius glitzert es ihm Auge.
„Du bist tapferer gewesen als mancher Mann. Cyrenius, der dich liebte, nannte dich die Fürstentochter, eine aus der ‚ersten Reihe‘. Joanus ward gerettet, er lebt zu seinem Schutz in Haft auf einer Insel. Niemand kann ihm etwas tun. Nicodemus konnte auch gerettet werden; zur rechten Zeit begab er sich in meinen Schutz, als ihm die Häscher dieses widerlichen Kaiphas schon auf den Fersen waren. O, wie hat er öffentlich gelogen!
Gib mir bitte diese Rollen, wir bringen sie zur Insel. Dort kann Joanus an seine Arbeit gehn. Sieh, Maria, dein — nein — unser Heiland hat es so geführt. Ich bin wie damals eurem Thomas — auch Joanus begegnet, als man ihn verschleppen wollte. Ich durfte beide retten und — dich, die Teuerste von allen, die Jesu angehören. Bitte, tue alles, was ich sage.“
„Cornelius“, flüstert sie, „dich und viele Römer liebe ich, wie der Herr euch liebt. Was du befiehlst, das tue ich.“ „Bitten, nicht befehlen. Dir bin ich doch ein Freund?“ „Ja, und ich habe nichts vergessen, wie Cyrenius gut zu mir gewesen ist, im Tempel und dann in Ägypten. Warte.“ Sie geht ins Nebengelaß, wo sie schläft, hebt eine Diele hoch und entnimmt der Öffnung einen Ledersack, einem Weinschlauch gleich getarnt. Sie kehrt damit zurück.
„Hier; grüß‘ Johannes, auch Nicodemus, und wie froh ich wäre, daß du sie gerettet hast.“ „Der Heiland hat‘s getan, ich war nur Sein kleiner Diener.“ „Cornelius!“ Maria wirft sich ihm an die gepanzerte Brust und küßt den Tribun auf beide Wangen. Auch Venitrius wird umarmt, der es sich gerührt gefallen läßt.
„Hole eine Rotte für das Haus“, sagt der Tribun zu ihm. „Es kann Abend werden, Maria, genau weiß ich es nicht; vor der Nacht aber bist du hier heraus.“ Die Jerusalemer wundern sich, als sie Kaiphas wie gefangen sehen und weichen ängstlich aus. Die Besseren flüstern es sich zu: „Der Tribun ist gut, der hat die Mutter Jesu vor dem Hohen Rat geschützt.“
„Richte deine Sachen“, mahnt Cornelius. Maria eilt, reicht auch den Legionären, die sie samt Haus bewachen, Brot und Wein und gutes Fleisch. Tags zuvor hatten Freunde sie damit versorgt. Die Wächter lassen sich im Scharten vor der Türe nieder und genießen gern die gute Kost. „Bei dieser Frau darf niemand rein, nur der Tribun und dessen Hauptmann.“
Cornelius läßt im Beisein des Venitrius und zehn seiner besten Leute den Templer vor sich führen, absichtlich frei. Er setzt sich an den Richtertisch, legt eine Rolle auf und schreibt. Kaiphas sieht gelassen drein, hochmütige Falten im Gesicht, innerlich aber brennt und brodelt es. Wie eine Schlange kriecht die Angst ins Herz. Was ‚er wohl schreiben mag? Endlich, nach einer Stunde, ist der Römer fertig, schiebt die Rolle dem Zenturio hin und befiehlt? „Lies vor, was ich geschrieben habe!“
Venitrius darf als Augenzeuge es nicht tun. So ist dann nicht zu sagen, es würde alles anders dargestellt. Der Zenturio überfliegt die ersten Zeilen, sieht den Templer an und den Tribun. „Lies!“ heißt es abermals. Unheimlich kommt‘s den Römern vor, daß so etwas geschehen kann. Sie kamen jetzt erst mit Cornelius her und wissen nichts von einer Kreuzigung und was daraus geschah. So sind sie an sich unbeteiligt; um so unbeeinflußter denken sie.
Nach der Verlesung unterschreiben Cornelius und Venitrius, auch der Zenturio, weil er den Tatbestand im Beisein des Inhaftierten vorgelesen hat. Daß dieser freigelassen würde, hätte der Zenturio nie gedacht. Cornelius kennt gut seinen Mann; später hilft er ihm politisch auf die Sprünge. Er steht auf und spricht sehr hart, der liebe Brausekopf möchte wieder ‚brausen‘. Diesmal bezähmt er sich, darum wirken seine Worte wie die Schläge eines Schwertes.
„Im Namen des römischen Gesetzes verurteile ich den Hohenpriester Kaiphas von Juda-Jerusalem zu zehntausend Silberlingen! Das Geld ist binnen einem Mond an mich abzuführen. Zu der Zeugen Beruhigung: es kommt nicht in meine Kasse!“ Daß er für viele Jesu-Leute, wie er gern sagt, das Bußegeld verwenden will, wird er dem Kaiser melden. Dieser hatte später zugebilligt.
„Du kannst gehen, Kaiphas. Laß dich nicht gelüsten, irgendwo die Summe aufzutreiben. Du wirst von nun an überwacht! Geh‘, solch ein Gewürm mag ich nimmer sehen, es ekelt mich!“ Er dreht jenem seinen Rücken zu. Als der den Raum verläßt, tun es alle Römer nach. Der größte Schimpf, der je dem Templer widerfahren ist.
Am Nachmittag muß er eine zweite bittere Pille schlucken. Sogar das Volk wird gegen ihn erbost. Wieder hat Cornelius zwei Kohorten aufgeboten, die Jerusalemer aufgefordert, friedlich vor dem Tempel zu erscheinen, jeder stünde unter seinem Schutz. Man kommt gern, er ist fast der einzige Römer, zu dem man Vertrauen hat und — man hört wohl etwas Neues.
Alle Templer haben sich geschlossen aufzustellen. Kaiphas in ihrer Mitte. Völlig machtlos muß er dem Befehl gehorchen. Ach ja, Rom kann ihn kassieren. Mit Aufbietung all seiner Seelenkraft stellt er sich absichtlich vor die Priesterreihe hin, tut so, als ob er, wie einst Aaron, das Volk segnen wolle. Seine Hände fallen nieder, als der Tribun, gerüstet und beritten, mit der Elite kommt. Die Kohorten schließen rasch den Ring.
Eine Stille herrscht, wie vor dem Sturm. Die Obersten forderten den Römer oft genug heraus. Gewiß — man möchte sich befreien. Rom schwingt seit über hundert Jahren schon das Zepter und ist‘s kein Trost, daß ‚es in aller Welt marschiert. Was geht uns Iberien, was Germanien an — und all die andern? Hier sollen sie heraus!‘ Mancher ballt die Faust und ist dann sehr erstaunt, als Cornelius sich hoch im Sattel hebt, ernstfreundlichen Gesichts.
„Volk von Jerusalem, ich rede heute nicht als Römer, heute will ich mal der Euere sein, weil es um eure Dinge geht, die ich klären muß.“ Du liebe Zeit, wann hat je ein Unterdrücker so gesprochen? Es glänzt manches Auge, manche Fäuste öffnen sich, wenn man auch nicht weiß, um was es geht. Schon spricht Cornelius weiter, man hört ihn bis zum letzten Rand der dichtgedrängten Menge.
„Ich habe stets für euch geredet, denn Juda hat viel gute Männer. Die gibt‘s in jedem Volk, man muß sie nur erkennen lernen. Es gibt auch manches Ungetüm, Leute, die den Frieden stören, die böse sind und voller Arg. Solche sind zu richten, sie sind der Schandfleck unserer Menschlichkeit.
Manche konnte ich durch Güte oder Strenge auf die bessere Gasse bringen; manche bleiben bös ihr Lebenlang. Ein solcher unter euch hat sich immer gut getarnt, sein Titel war sein Schild, hinter den er seine Bosheit zu verstecken wußte. Viele von euch anerkannten den Messias nicht und hat stets geholfen. Oftmals war ich Zeuge, wenn Er Wunder tat — richtige! Doch Er wurde hart verfolgt; ich brauche nicht zu sagen, wer Ihm den Tod bereitet hat!
Ruft mir nicht dazwischen“, hebt er eine Hand, „der Prokurator hätte das getan! Er erkannte Seine Unschuld an, hat das öffentlich bekannt — viermal! Ihr, zwar aufgehetzt, habt den Tod gefordert — den Tod eures Gottes! Ihr habt euer ‚Mene tekel‘ dafür eingetauscht. Das kommt nicht von Ihm, und nicht von uns; ihr selber habt‘s euch zuzuschreiben!
Heute decke ich ein großes Unrecht auf. Es geschah am Morgen hier in eurer Stadt. Ich kam mit meinem Hauptmann in ein Haus und hörte nicht bloß böse Worte, wir sahen eine böse Tat. Einer unter euch überfiel eine Frau.“ Pfuirufe unterbrechen den Tribun. Er gebietet wieder Ruhe. „Es war eine Fürstentochter aus dem Hause Davids. Was meinet ihr, was man mit solchem tut?“ „In den Kerker, hat er nicht sogar die Steinigung verdient!“
„Wir töten nicht so rasch“, klingt‘s vom Roß herab, „ich möchte Eintracht bei uns haben. Das fällt Juda schwer, was ich verstehen kann. Den ich aber meine, ließ ich nicht mal stäupen, habe ihm nur eine Zahlung auferlegt. Ist das gerecht?“ Da man nicht weiß, wen der Römer meint, wagt man nichts zu sagen. Einer ruft: „Das ist sehr mild, ich danke dir, Tribun.“
„Danke nicht zu früh, noch kommt mehr hinzu, eine Untat, die ihr wissen müßt. Es gibt einen Emerit mit hohem Hut, den ich vor dem Forum nenne, wie man den Wundertäter öffentlich verurteilt hat. Als Hauptzeuge rufe ich den Obersten des Tempels auf. Kaiphas, tritt vor!“ Dem Volk bemächtigt sich ein Grausen. Der Hohepriester ist gefürchtet. Seit Jahrtausenden eingeprägt: der erste Priester ist das eigentliche Haupt; so läßt es sich erklären, daß man ihm nicht nahe kommen will. Das weiß Cornelius schon längst.
Kaiphas wendet sich zurück, doch schon haben ihn zwei Legionäre festgenommen. Da schreit er wild: „Mit dir, Tribun, will ich nichts zu schaffen haben, dich und dein Volk verfluche ich in Ewigkeit!“ Das Fluchen ist verboten; mancher fiel ins Hoheratsgericht, den man ein mal fluchen hörte. Die Menge ist erstarrt. Der Tribun spricht ruhig, als wolle er sich unterhalten. Die Römer kennen seine Art, jetzt ist wirklich eine Stille vor dem Sturm.
„Ob du mich verfluchst, ist deine Sache, es kommt auf dich zurück, weil mich der HERR gesegnet hat, mich und viele Menschen, die Ihn lieben lernten. Sieh zu, wie du mit dem Gefluche fertig wirst — vor GOTT!, Der das verboten hat, nicht wahr? (Matt. 5, 44). Nun lernte ich auch gute Priester kennen, zumal den Nicodemus. Mit dem möchte ich gern sprechen, vor allem Volk. Wo ist er denn?“
Kaiphas wird aschgrau. Nicodemus — etwa haben ihn die Römer — — Alle Kraft nimmt er zusammen, als er vernehmlich spricht: „Er ist gestorben, er hat das ‚Totenwort‘ erhalten und viele Leute sind des Zeuge. Frage sie!“ „Wen, die Leute oder dich? Und wo liegt er denn begraben? Das muß ich wissen!“
„In Gadara ist er begraben, wo er zu Hause war.“ „Nenne mir die Zeugen, die dabei gewesen sind.“ Aus Angst und Ausweglosigkeit wird der Templer wütend. „Forsche selbst, du hast Macht genug dazu, uns zu unterdrücken! Also ist es dir ein leichtes, ungerechte Zeugen vorzuführen!“ ‘Raus ist‘s und nicht zurückzunehmen; denn es treten mehrere Legionäre vor und melden:
„Vor kurzem kam ein Priester auf uns zu. Ich“, sagt der Sprecher, „sah, daß ihm zwei andere folgten und andere kamen denen nach. Der Templer bat um deinen Schutz, Tribun. Wir brachten ihn zu dir. Die ihm nachgegangen waren, rissen aus. Was weiterhin mit ihm geworden ist, das weiß ich nicht; allein, deine Grundgerechtigkeit wird ihm bestimmt geholfen haben.“
„Wir werden sehen“, sagt Cornelius, um Kaiphas zu irritieren. Er fragt ihn also: „Deine Angaben kann ich prüfen lassen und wenn es nötig wäre, würde ich die Prüfer nach Gadara senden; die brächten mir die Kunde, ob das Grab vorhanden ist, mit einem toten Mann, der Nicodemus hieß und Priester hier im Tempel war.
Unnötig! Er war bei mir, lebendig, und lebendig unter vollstem Schutze ward er fortgebracht, wo deine Mörderhand“, scharf betont, „nicht hinzureichen weiß. Du hast öffentlich das Volk belogen, hast das Heiligste, was Priester tun, im ‚Nachwort‘ eines lieben Toten zu gedenken, in den Schmutz gezerrt, in deinen! Was sagst du jetzt dazu, Volk von Jerusalem?“
Die Priester, die Nicodemus jenen Rat erteilten, treten mutig vor, dem Obersten entgleitet jetzt die Tempelmacht. „Ja“, bekennen beide, „wir gingen Nicodemus nach, weil die aufgestellten Häscher schon den Auftrag hatten, ihn — Wir rieten ihm, sich unter deinen Schutz zu stellen, Tribun.“
„Ich lobe euch“, sagt dieser freundlich, „und tue euch zu wissen, daß Kaiphas die Mutter Jesu heute morgen überfallen hat. Er ließ auch Johannes unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu den Galeeren schleppen. Ich habe ihn gerettet, Nicodemus und auch andere. Merkt ihr, wie ich euch gewogen bin und viele meiner Römer? Weil eure Obersten die Leute allzeit aufgewiegelt haben, bloß daraus kamen manche Härten, die wir gern vermieden hätten. Ja ja, wie es in die Wälder schallt, so schallt es auch heraus!
Kaiphas“, spricht er diesen wieder an, „was nun? Dein Grab ist leer — noch! Zu Gunsten Juda‘s wäre es sehr angebracht, dich zu vertilgen. Brauchst nicht zu wanken“, spottet der Tribun, als man den Hohen stützen muß, „ich werde dich nicht töten, auch nicht Rom. Dein Volk wird selber wissen, was mit dir geschehen soll! So, für mich erledigt! Deine Buße mußt du zahlen, wenn nicht direkt an mich, dann an Marcellus, der demnächst hierher kommen wird; er nimmt für mich das Bußgeld in Empfang.
Jetzt könnt ihr gehen; hoffentlich weiß jeder, was er seinem Volke schuldig ist. In Güte warne ich, denn sonst —“ Ein Zeichen, die Mannschaft geht im Takt davon. Cornelius tat alles, um dem schon etwas wankenden Rom die Stütze zu erhalten, die es nötig braucht. Er hat die Juden an der besten Seite angefaßt.
Kaiphas bringt man in den Tempel. Als er auf seinem Stuhle sitzt, für den er alles aufgeopfert hat, auch — den HERRN, rafft er sich auf und fährt die Priester an, die Nicodemus halfen. „Gehörtet ihr nicht mit zu uns, ich würde euch —“ Er verschluckt, was ihm die letzte Achtung seiner Brüder nehmen könnte.
Es steht ein würdiger Rabbi auf. Er ist kein Jesu-Freund, aber daß der Nazarener aller Menschen Können und das Wissen überstieg, hat er anerkannt. Hannas, der wegen seines Alters seltener im Rat erscheint, ist mit zugegen. Ihn wurmt es sehr, bis zum zügellosen Haß, weil der Römer vor dem Volk die ‚Sache‘ ausgebreitet hat, die bloß im Tempel auszutragen war!“
Daß Kaiphas die Mutter Jesu überfiel, ist ihm egal; aber daß man ihn so überraschte, das verzeiht er einem Römer nie. Dem Rabbi ist er nicht gewogen, keinem, der auch nur einmal den Meister angesehen hat. Ha Er ist erledigt. Nie glaubt er, daß Jesu auferstanden und gen Himmel fahren konnte. Märchen! Indessen fängt der Rabbi an, er möchte retten, was zu retten ist.
„Liebe Brüder, Hoherpriester, mir fällt es schwer, die Sache zu bereinigen. Daß ich unserm Tempel Treue halte, dem Hohen, sowie all denen, die zu uns gehören, muß ich nicht erwähnen. Solcher Schmach muß man ins Auge sehen, um sie zu tilgen. Was Kaiphas mit jener Mutter tat, bleibt unerörtert, nicht aber, daß er uns so angelogen hat, Nicodemus sei gestorben. Das war wirklich arg! Hierin verstehe ich den Römer, die Angelegenheit dem Volke vorzutragen und ist ein Schimpf geworden für uns alle!
Es würde mich nicht wundern, kämen bloß noch wenige Leute in den Tempel und die Opferstöcke blieben leer. Das nicht allein bedacht und sei der zweite Punkt; der erste Punkt ist jener: wie sollen sie denn Achtung vor uns haben, unserer Lehre glauben, wenn — wenn — — Denkt nicht, ich sei allein aufs Volk bedacht. O nein! Zuerst gilt mir der Tempel“, er vergißt zu sagen: zuerst gilt Gott!, „und ist nun zu beraten, wie wir das Volk beruhigen und wieder ‚in den Zügel‘ bringen können.
Zwecklos, gegen Rom jetzt vorzugehen. Ist über diese Sache erst mal Gras gewachsen, alsdann können wir mit Vorsicht unsern Samen streuen. Der geht auf, darauf könnt ihr euch verlassen! Der Tribun hat die Menge klugerweise richtig angefaßt, war die Güte selbst, nach außen hin; aber daß er damit uns nicht helfen wollte, sondern Rom, ist mir gleich gewiß geworden.
Es brodelt überall. Wir haben also Zeit. Ich schlage vor: Mancher wird uns fragen, weshalb der Hohepriester dieses tat und wird uns wenig Achtung zollen. Das ist verständlich. Nun — vom Mund zu Ohr lassen wir verlauten, daß Kaiphas sehr krank gewesen sei und böse Schriften des verhaßten Nazareners bei der Mutter holen wollte, die das Volk an Rom verriet. Auf diese Weise ist der eine Punkt leicht zu umschiffen.
Nicht das mit Nicodemus. Laßt den Tribun erst wieder fort. Ich hörte es, Pilatus würde bald entfernt. Mit einem neuen Prokurator kommen meistens neue Leute, die vom Vorfall wenig wissen. Laßt dann geheim verlauten, der Tribun hätte Nicodemus fortgebracht, wohin wissen wir ja nicht. Um uns Templern, die er haßt — wie wir natürlich ihn und Rom —‚ eines auszuwischen, hätte er sich alles ausgedacht, und Nicodemus wäre tot. Das mußten wir ja glauben; deshalb sei das Nachwort ihm gehalten worden.
Somit gewinnen wir zwei Dinge: Kaiphas wird wieder angesehen und dem Römer schieben wir es in den Schuh. Mag er sehen, wie er damit fertig wird! Kaiphas hält sich am besten jetzt zurück. Da wir ja verlauten lassen, er sei krank gewesen, wird man glauben, er wäre nicht gesund genug, um sein Amt schon wieder auszuüben.“
Er wendet sich dem Hohen zu: „Warum du wanktest, als der Tribun dich vor der Menge kränkte, ist schnell abgetan. Es mußte dich ja treffen, weil du öffentlich verläumdet wurdest. Da wird auch ein Stärkster einmal schwach. Am besten ist, wir tun, als ginge uns der ‚Aufmarsch‘ gar nichts an. Im Wesentlichen stimmt‘s. Einmal geht auch Rom zugrunde, und wir — “
Plötzlich schweigt der Rabbi. Sehen ihn nicht ernste Augen an?, jene, denen er begegnet war und starken Eindruck hinterließen? Er, der Schriftgelehrte, hatte diesen Eindruck abgeschüttelt. Oftmals aber tauchen diese Augen vor ihm auf: ‚Die Augen deines Gottes, Dem du nicht auszuweichen weißt! Ist‘s ein Wort von außen her?, ist es innerlich, in ihm — —? Der Rabbi hatte ‚IHM‘ den Kreuztod nicht gewünscht; er hatte sich herausgehalten, als man ihn befragte, welchen Tod man von Pilatus fordern sollte. Doch dem ‚Salomonischen‘ verhaftet, das beengt die Sicht. Heute pocht‘s an seine Seele: ‚Wäret ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; nun ihr aber sprecht: „Wir sind sehend“ (klug), so bleibt eure Sünde!‘ (Joh. 9, 41). ‚Alle Sünde und Lästerung wird dem Menschen vergeben — wer bereut —‚ aber die Lästerung wider den GEIST wird nicht vergeben‘ (Matt. 12, 31). Er hatte schlau den Herrn gefragt, welchen Geist Er meine.
Der Heiland sagte kurz: ‚Du bist schriftbewandert und mußt es wissen: GOTT ist GEIST, der Einzige! Wer weiß, daß es Ihn gibt und lästert Ihn, dem bleibt die Sünde. Und wer gegen bessere Erkenntnis spricht und handelt, verlästert jenen Geistanteil, den der Schöpfer allen Menschen gab!‘ — und war gegangen.
Als stünde jetzt der HERR vor ihm, so hört er jene gute Stimme, die er nirgend wiederfand. Zu spät! Ihn fröstelt es. „Überlegt euch alles, was ich angeraten habe.“ Er verläßt den Raum und — er sucht Maria auf, trifft sie aber nicht mehr an. Nach ein paar Tagen lernt er Leute kennen, die dem Heiland angehören. Heimlich trifft er sie und da ist‘s, ihm würde doch die Lästerung gegen Gott und seinen eigenen Geist vergeben werden. Lasten fallen von der Seele ab.
Vorweggesagt: Kaiphas lebt nicht mehr lang, er verdüstert mehr und mehr, sein Leib verfällt. Krank, in Wahn und Einsamkeit stirbt er einen bittervollen Tod.
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