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Kap. 11 – Nicodemus erkenntnisreiche Rede und sein gesegneter Heimgang

11. Kapitel

Man hatte an Maria einen Brief geschrieben und wer konnte, einen Gruß dazugesetzt. Sogar Sejananus, der nicht gern schrieb, hat mit ‚Vale‘ unterzeichnet. Scubatus fuhr mit dem nächsten Schiff nach Tyrus, dann ritt er nach Kapernaum, die Kunde einzuholen, wie es Maria und den Jesufreunden ginge.

Inzwischen waren Wochen hingegangen, Johannes war beim zehn ten Teile seines Evangeliums angelangt. Er verweilte lang beim ‚guten Hirten‘. Man sprach über diese wunderbare Lehre. Daß der Herr die ‚Türe‘ sei, mußte er den Römern erst erklären. Nur Cornelius wußte gleich Bescheid, wie das auszulegen sei.

In dieser Zeit ist Nicodemus schwach geworden. Johannes sieht und schweigt. Jeder Mensch geht seinen letzten Weg — er auch einmal. Es bricht ein heller Abend an, man sieht trotz vollem Mond die Sterne glänzen, das Meer ist glatt wie eine Decke. Die Turmgemeinde sammelt sich. Wie schön, daß der alte Hirte mit zugegen ist. Er hatte seine Herde nah herbeigetrieben.

Sejananus hatte der Maria ‚Vale‘ zugesandt, das Lebewohl. Hier vorausgesagt — nach Empfang des Briefes war sie gern bereit, ihre End-Lebenstrecke anzutreten. Nun spricht Nicodemus, was er selbst bloß ahnt, seine Valediktion (Abschiedsrede). Er wählt das Thema von den letzten Tagen, das ‚Hohe Lied vom guten Hirten‘. Johannes staunt, wie es der Priester auszulegen weiß. O, die Flügel aus der Ewigkeit haben dessen Seele schon berührt, das Licht flutet in ihn ein, so daß der Geist im Vorfeld steht.

„Meine Freunde! Ich denke an die Zeit, als ich ein Mietling war und die Gemeinde, mir in jungen Jahren anvertraut, beinah in die Irre führte. Auch in unsern werdenden Gemeinden sproßt neben großer Wahrheit und brüderlicher Herzlichkeit der falsche Eifer auf, wie Unkraut zwischen gutem Weizen. Und ist nicht abzusehen, ob man zur rechten Zeit das Unkraut tilgen kann.

O ja, das Wort des Herrn: ‚Der Feind hat zwischen Meinen Weizen Unkraut eingesät. Laßt beides wachsen! Bei der Ernte sollt ihr, die euren Nächsten dient, das Unkraut auf dem Acker liegen lassen. Dort wird es verbrannt‘ (Matt. 13, 25-30).

Das Unkraut sind symbolisch jene, die Zwietracht säen, indem sie Jesu Worte nach Belieben drehn und wenden, um sehr zu glänzen, wie weiland ich in der Gemeinde. Ich wollte besser sein als meine Vorgesetzten und hätte mir fast meinen Weg verbaut, wäre nicht ein Simeon gewesen, er im Auftakt zur Erkenntnis, und dann die höhere Erkenntnis durch den Herrn.

Es ist nicht ganz leicht, die Wahrheit von dem Schein zu trennen. Der Schein blendet uns. Ob wir selber ihn in uns entfachen, ob er als fremde Fackel uns betört, bleibt sich letzten Endes gleich. Wir können sogar unser eigener Mietling sein. Man muß sich prüfen, man darf mit sich selber nicht zufrieden sein; dabei wiegt der Mensch sich gern in seinen Schlaf.

Wie klar hat unser Meister dieses offenbart im Gleichnis von dem guten Hirten, von der ‚Türe‘, die ER ist, von der Gefahr, die die Welt wie oft in unser Leben trägt! Sind wir bereit, unser Unkraut auszureißen, auch wenn es schmerzt? Können wir den Brand entfachen, der es verzehrt? Das Böse, nicht die Bösen! Letztere sind zwar wohl das Unkraut; aber nie hat je der Heiland es gemeint, daß die Seelen, die sich schwer verirrten, zu verbrennen wären.

Fast schaue ich es wie ein Bild, wie einst die Überheblichen, die sich Kronen auf die Häupter setzen, nicht das Böse tilgen werden, und haben selbst so viel davon, daß, würden sie es sehen, vor sich selber fliehen müßten, sondern arme Menschen, solche, die unbewußt in eine Irre fallen, viele aber, die den Lichtweg gehen, der den Überheblichen nicht paßt, weil sie eingestehen müßten, wie falsch ihr eigener Weg und ihre Lehren sind.

So hatte es der Herr gemeint: das Falsche und das Weltliche wird getilgt, die Seele wird gerettet! Das hat Er herrlichst dargetan: ‚Ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; und dieselben muß Ich herführen. Sie werden Meine Stimme hören und wird eine Herde und ein Hirte sein‘ (10, 16).

Bloß ein Stall, aber zwei verschiedene Gruppen Schafe. Der Stall und seine Schafe sind das Reich und die getreuen Kinder, die unsere Materie nicht verderben kann, würden sie auch einmal in die Irre gehen, wie ich in meine Irre ging. In Demut, bloß weil der Meister es mir sagte, darf ich mit zum Stall gehören, von Anfang an, als der Schöpfer mir im Reiche auch das Leben gab, wie allen Kindern, in Seinem Licht!

Die ‚andern Schafe‘ sind die Hingefallenen, die angerufen werden müssen, was mit dem Kreuz auf Golgatha geschah. Das ist und bleibt der letzte Hirtenruf an die Verstreuten, was nicht besagt, daß Gott von da ab immer schwiege. O nein! Aber was Er jetzt und bis zum Ende der Materie offenbaren wird, Selbst und durch Seines Lichtes Kinder, ist Sein ‚Wort vom Kreuz‘, so gesagt: Das Heil vom Kreuz durchflutet jede Offenbarung vom Anfang an, als es auf Gottes Altar stand [VH11]. Wer sich unter seine Strahlen stellt, der verfehlt des Weges nicht!

Weshalb hatte sich der Herr die ‚Tür‘ zum Stall genannt? Denen von der Welt gegenüber ist Er der Schutz für die Getreuen, besonders für die Wahrheit Seiner Offenbarung, als Er Sich des Lichtes Kinder schuf, Wäre Er nicht gleich als VATER aufgetreten — es gäbe nie ein Kind, weil es solche ohne Vater gar nicht geben kann. Sie sind ja Seine Edelschaffung von eben jenem Anfang an, wie Er sprach:

‚Sie (die guten Menschen) können hinfort nicht sterben!‘

Es bedeutet, sie werden niemals böse. ‚Sie sind den Engeln gleich und Gottes Kinder, dieweil sie Kinder sind der Auferstehung.‘ Sind sie den Engeln gleich, so müssen auch die Engel Kinder sein, sonst gäbe es die Gleichheit nicht (Luk. 20, 36). ‚Freuet euch‘, heißt es, ‚daß eure Namen im Himmel geschreiben sind‘ (Luk. 10, 20), also nicht erst eingeschrieben werden müssen, sondern sind!, als der Schöpfer sie aus Sich geboren hat.

Niemand kann das Heil zerstören, das die Gottheit aus Sich Selbst herausgehoben hat, noch Seine Offenbarung, die nicht vom Werk zu trennen ist. Diese ist die offene Tür, oder eine Wehr, jenachdem, wer sich ihr nähern will. Wer vom Himmel ist geht aus und ein, geht seinen Weg durch die Materie, um im Mit-Opferdienst zu helfen. Ist sein Weg vollendet, steht die Türe offen, nicht allein zurück ins Vaterhaus, sondern in die Herrlichkeiten höchster Offenbarung, die es bloß im Lichtreich geben kann.

Wer seinen ‚Unkrautweg‘ beging, wird — mindestens zuerst — die Tür verschlossen finden. Solche Seele kann auch eine Offenbarung nicht ertragen. Kommt die Sehnsucht aber einmal über sie, wie im Gleichnis vom ‚verlorenen Sohn‘ (Luk. K. 15), alsdann öffnet sich für solche auch die Türe, wie der Hirte sprach, daß Er die andern Schafe rufen wird und sie Seine Stimme hören werden, sobald sie sich ein wenig wenden. Das ‚Ganz-wenden‘ geschieht allein durch Gnade!

Mit dem Heil von Golgatha wird jeder ärmsten Seele Gottes Türe aufgetan. Wir wissen: ‚Da der Sohn noch ferne war‘, er hatte sich bloß umgedreht, und nur ungewisse Sehnsucht hatte ihn erfüllt, ‚da machte sich der VATER auf und ging dem Sohn entgegen!‘ Wunderbar ergreifend, daß man erkennen darf: Jedem abgeirrten Kinde gilt das Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Immerdar macht sich der Vater auf, und wird einstens eine Herde sein. Die Verlorenen werden durch die Kreuz-Erlösung heimgeführt. Daß es aber einen Hirten gibt, wissen wir im Glauben an den einen Schöpfer-Gott, der alle Dinge schuf, der alles auch erhält, dem nichts verloren geht!

Das Wunderbare haben jene Mietlinge nicht verstanden, die Hohen wollten‘s nicht verstehn, da wäre ihre arme Hoheit einem Scherben gleich geworden. Daher nannten sie den Meister einen ‚Teufel‘, was sie überdies des öfteren taten.

Einmal ging ich hart dagegen an und fragte, was die Höhnenden dem Volke böten, außer leeren Reden. Ihre Hände öffneten sie ja zum Empfang, nie um zu geben. Man griff mich mit der gleichen Härte an, bloß der Unterschied: ich wollte ihnen eine gute Gasse weisen, sie hingegen um mich zu verdammen. Für den Heiland zwar bescheiden — zwei der Brüder, keine aus der ersten Reihe, hörten mir bedächtig zu und kamen später mit der Bitte in mein Haus, ich solle sie zum Nazarener führen. Zwei Schäflein von den andern. Doch nicht meine Worte hatten sie gerufen, es war das Herren-Wort!

Laßt uns freuen und fröhlich sein. Durch Gottes Gnade, Seine Liebe gehören wir zum Stall von jenem Lebensanfang an, den wir Menschen nicht ermessen können. Wenn wir einmal durch die Himmelstüre wieder eingegangen sind, werden wir es wohl erfassen, was unser ganzes Leben ist, seit uns Gott aus Seinem ATMA hob, im Licht erzogen, zum Wanderweg herangebildet [VH12] und wieder heimkehren können, sobald dazu für jemand die Zeit gekommen ist.

Gerade das soll unser Freuen sein. Das ist für uns ‚der Tag, den der HERR macht‘ (Ps. 118, 24), unser Auferstehungstag, wo wir die Materie ohne unsern Leib verlassen (Hiob 19, 26) und eingehen zur Freude unseres Herrn. Lasset uns IHN lieben, die Ehrfurcht und die Anbetung zu Seinen Füßen niederlegen und gerüstet sein, wenn der Lebens-Engel ruft. Denn der Tod ist der Wieder-Anfang unseres ewigen Lebens! Ich, ihr Freunde, bin bereit.“

Man konnte bis zuletzt die schwächer werdende Stimme hören, ihre Innigkeit geht niemandem verloren. Cornelius und Johannes betten ihren Freund und wachen in der Nacht. Der Hirte hatte leis das Haupt geschüttelt, als der Arzt von ihm ein Mittel wollte. Als die Sonne strahlend sich erhebt, da schließen sich des Priesters Augen. Mit seligem Lächeln schläft er ein.

An einer einsamen Stelle gibt es Grotten. Dort richtet man ein Grab, wohin die Fischer ihre Toten tragen. Der Arzt hatte Nicodemus untersucht. „Er lebt nicht mehr“, sagt er, und ihn schauert es. Ob des warmem Wetters muß man die Leiche schon am Abend in die Kammer tragen. Viele Insulaner trauern mit. Noch hat man das Gewölbe nicht geschlossen, als Johannes spricht:

„Meine Freunde!, sprach der Priester, und wir wollen gegenseitig Freunde sein. Auch der Heiland nannte Sich ‚der Freund‘ und hat die Liebe, die aus ihr zu Tage trat, sehr oft erwähnt. Nicodemus war ein lieber Freund; seine letzten Worte, aus dem Geist gesprochen, besiegelten das Freundschaftsband. Keiner von uns wird‘s vergessen und niemand unsern treuen Freund.

Ihr seid hergekommen, um zu trauern. Weltlich und des Abschieds wegen darf die Trauer gelten. Doch wer an Jesu glaubt, dem gilt die Trauer nichts. Denn gehen Gottes Söhne und die Töchter von der Erde fort, so gehen sie ins ewige Leben wieder ein. Das irdische Gemüt kann trauern, der Geist aber freuet sich. Ein jeder Heimgang ist für uns, die wir noch wandern, das hehre Siegelzeichen, von GOTT gegeben, daß wir zu unserer Zeit die Welt verlassen dürfen und sie hinter uns versinkt samt Leid und Not und Ungemach.

‚Laßt die Toten die Toten begraben‘ (Matt. 8, 22), sprach der Herr zu einem Jünger, dessen Vater man zu Grabe trug. Durfte denn der Sohn den Vater nicht begleiten bis zu dessen Ruhestatt, wie wir es tun? O, das ‚Zu-Grabe-tragen‘ hat der Meister nie gerügt. Damals gab es bei dem einen Bruder große Klagen; er war im Herzen uneins mit dem Herrn, wagte aber nicht zu fragen: ‚Warum hast Du mir den väterlichen Halt genommen?‘

Erst kurze Zeit waren wir mit Ihm gegangen, kannten Seine hohe Wesenheit noch nicht, wußten nicht, daß Er GOTT, der Vater war. Wir ahnten nur: Er ist der Messias! Ihm nachzufolgen ohne Rückblick auf die Welt war das, was Er sofort von uns forderte, allerdings in einer unvergleichlich warmen Liebe.

Drohte der Familie ein Schicksalsschlag, da war keiner unter uns, der nicht klagte. So auch der Jünger. Die Klage seiner Mutter, der Sohn ließe sie im Schmerz allein, ließ ihn die Bitte sprechen, den Vater auf den Grabweg zu begleiten.

Die Eltern hatten ihren Sohn verstoßen, weil er einem ‚falschen Eiferer‘ folge. Gar nichts wollten sie von Jesu Lehre wissen, ihre Seelen waren sozusagen tot. Und deshalb nur das Wort des Herrn. Es traf zu, daß die Trauernden die Toten waren und ihren Toten auch allein zu Grabe tragen sollten. Für den Jünger dafür jenes liebe Wort: ‚Folge du Mir nach!‘

Wer es weiß, daß das ewige Leben, von dem Nicodemus sprach, keine Unterbrechung, nie ein Ende hat, der ist nicht tot. Unser Freund ist lebendig eingegangen zu des Vaters Freude. Wir Lebenden tragen also einen Lebenden zu Grab. Der körperliche Leib hat damit nichts zu tun. Wie er aus einem kleinen Keim geboren ward, so sinkt er wie ein Keim zurück in die vergängliche Materie.

Legt eure Trauer ab, auch wenn uns Nicodemus fehlen wird. Er war immer hilfsbereit, jeder konnte von ihm lernen. Du weinst“, sagt er zum Jungpiraten, der am Felsen steht. „Nicodemus war dir wie ein Vater; du hattest keinen außer den Erzeuger, was für solche Kinder schmerzlich ist. Weine, lieber Junge, es erleichtert dich. Wenn du willst, so komm‘ zu mir; und Cornelius wird dir gern von nun an auch ein Vater sein.“

Der Tribun stellt sich ergriffen neben den Piraten hin. Johannes deckt seine Trauer mit der Freude zu, daß er — wenn es auch lange dauern kann — mit den letzten Erdenschritten durch die Himmels-pforte gehen wird. Darüber spricht er noch:

„Als Menschen werden wir, was uns der Vater angedeihen läßt, nie voll erkennen; ist es ja des Lichtes Sache, uns zurückzuführen in die Ewigkeit. Dort werden wir das heilige Mysterium erkennen und ist dann nichts mehr schwer und rätselhaft.

Was ich sage, sollt ihr recht verstehen: Ihr, liebe Römer, liebe Fischer, ihr, die dem Raube nachgegangen sind“, Johannes meint die Piraten, „habt nicht von der Geburt an jenen einen Gott erkannt, man hatte Ihn euch nicht gelehrt. Das Um- und Hinzulernen war für alle absolut nicht leicht, ob da einer etwas schneller, der andere eben mühsam vorwärts kam, gilt vor unserm Heiland nicht.

Wem die Wahrheit nicht geboten wird, der kann sie nicht besitzen. Ihr“, der Jünger hebt die Hände, wie es oft der Heiland tat, „habt den guten Weg beschritten. Habe ich denn etwas euch voraus? Gleich bejaht ihr es; aber seht, ich sage ‚nein‘!

Schon als Kind den Ein-Gott-Glauben kennend, mußte es mir leichter sein, das Herrliche, vom Meister offenbart, hinzuzulernen. Vieles mußte umgebogen, vieles ausgerottet werden. Neues kam hin zu! In dieses Neue mußte ich mich ebenso vertiefen, verstehen lernen, wie ihr lieben Freunde auch. Man kann das Himmlische auf dieser Welt nie bis zum letzten Gera (Gramm) wiegen.

Gott wird niemals bis ins Feinste wiegen, mißt unser Tun und unser Lassen nicht nach einem Log. Würde Er das tun — wer mag vor Ihm bestehen? Er hat uns gesegnet, als wir aus dem Lichte gingen, Sein Segen bleibt bei uns von der Wiege bis zum Grab, und wer aufwärts klimmt — seelisch durch die wachsende Erkenntnis und leiblich, wenn man von hinnen geht. —

Wir schließen nun das Grab und als Zeichen der Lebendigkeit, denn für unseren Freund ist es der Auferstehungstag, pflanzen wir ein Lebensbäumchen ein.“ Der Hirte bringt, wie mit ihm abgesprochen, einen selten immergrünen Baum. Er ist noch klein, läßt sich leicht verpflanzen, und das führt Johannes für den letzten Teil der Rede als ein Beispiel an.

„Es gibt wenig solches Immergrün, das nichts verliert. Wer vom Himmel kam, gleicht solchem Baum, ob er auch hie und da ein Weniges verliert. Wir können in die Irre gehen, werden aber niemals drin verbleiben. Unser Leben vor der Welt ist Gottes Schild, mit dem Er unsern Geist bedeckt. Laßt uns im Glauben, in der Dienstbarkeit ein immergrünes Bäumchen sein.

Jedes Kind, im Licht geboren, mußte wachsen, was das Geschöpfliche bedingt. Nach der Reife dürfen solche Kinder die Mit-Opfer-Straße wandern. Auch da das Zeichen: wie aus der Mutter Leib gekommen, so unser Geist und unsre Seele aus dem Licht! Sind wir erwachsen, dann lehrt das Leben uns die Wege und wir werden fest, wie sich hier das Bäumchen auch verwurzeln wird.

Kommt die Stunde, wo wir durch Gottes Güte reif geworden sind, so folgt die Heimkehr in des Vaters Haus. Darin sind wir sozusagen wieder jung geworden, müssen uns erst wieder einfügen lernen in das Leben ohne Grenze, in des Lichts allewige Zeit.

Da sind wir auch leicht einzupflanzen, schlagen neue Wurzeln, um geistig stark zu werden. Nicht umsonst wählte ich für diese Stätte diesen Baum. Genau so wurde Nicodemus jetzt ins Reich versetzt und ich bin gewiß: Mit dem einen Tag, seit sein Geist und seine Seele von uns schied, wurde er schon fest. Sehet es als Zeichen an: das Bäumchen wird gedeihen, die Wurzeln gehen tief ins Land hinein, wie wir in das Erd-Reich heiliger Gott-Wesenheit!

Dem Vater Dank, Er hat den Sohn Sich heimgeholt.“ Und Johannes betet: „Herr, nimm den Dank in Deiner Liebe an, weil Du den Freund so sanft entschlafen ließest. Du hast ihn gerufen, er kannte Dich, ging Dir nach, hat Deine Wahrheit, Deine Lehre, Deine Herrlichkeit verteidigt. Er liebte Dich, wie wir Dich lieben Deiner Gnade wegen, mit der Du uns gesegnet hast.

Hilf, unsere Wege zu vollenden, gib uns Deine Kraft, um nicht zu wanken; stärke uns durch Deine Lebensworte, wie Du uns, die Jünger, mit dem letzten Liebesmahl (Abendmahl) gesättigt hast. Laß uns allzeit unter Deinen Händen sein!“

Hinterm Felsentrakt hört man das leicht bewegte Meer, aber eine feierliche Ruhe senkt sich aus des Himmels Dom herab, daß sie lange stehen bleiben, all die Menschen, denen jetzt der Tod zum heiligen Symbol des Lebens ward. Zögernd wenden sie sich ab, als die Sonne ihren goldroten Strahl wie einen letzten Gruß entsendet. Jeder geht allein nach Haus, jeder muß den Tag bedenken, was man hörte, des Priesters Abschiedsrede, was der Seher sprach, und den Frieden, der ihnen spürbar überkommen ist.

Johannes steigt zum Turm hinauf, er muß mit sich selber fertig werden. Ihn bedrückt erst seine Einsamkeit. Noch ist er Mensch, den Gefühlen ausgesetzt, die das Auf und Ab des Lebens mit sich bringt. Nicodemus hatte nie gestört, er hatte eine feine Art, und war doch stets zur Hand, wenn Johannes sich mit ihm besprechen wollte oder einer Handreichung bedurfte. Umgekehrt ebenso. Er, der Jünger und der alte Mann, hatten bestens harmoniert.

Nachts wacht er plötzlich auf, er sah im Traum den Freund und der hatte ihm gewinkt. Obwohl Johannes ihn erkannte, wie er im Leben war, sah Nicodemus völlig anders aus. Ein Zwiebild war es zwischen alt und jung, und so froh — so — ja, ganz leicht wirkte er. Da ist es auch Johannes beim Erwachen, als wäre er geflogen wie ein Vogel in der Luft.

„O Herr, ich bin getröstet, weil Dein Sohn so glücklich ist. Sieh gnädig drein, wenn ich trotzdem seufze. All die lieben Leute geben sich viel Mühe, doch mit Nicodemus und Cornelius bin ich geistig eng verwandt. Das kommt daher, weil sie Dich erkannten und wie oft an Deiner Seite waren. Mir fehlt der Freund.“

„Kann ICH den Freund dir nicht ersetzen?“ klingt es deutlich an sein Ohr. Welch eine Frage! Johannes fällt auf seine Knie. „Es ist das Menschlichste am Menschen“, hört er jene Stimme, die sich in sein Wesen eingebrannt vom ersten Sehen an (S. 63, 2), „daß sich zwei Gefühle wie zwei Hände ineinander schlingen. Du fühlst dich einsam und bist zugleich getröstet. Letzteres aus der Freundschaftsliebe kommend; und die ist sonderlich gesegnet.

Sei nicht traurig ob der Mahnung, in MIR den einzig besten Freund zu sehen. Der ist ein rechter Vater, der nebst der Liebe und der Strenge für das Kind ein Freund geworden ist. Das bin Ich für jedes Kind! Auch für die Losgesagten! Diese mehr den alle brauchen Mich als väterlichen Freund. Wäre es denn gut, bloß die ‚lieben‘ Kinder lieb zu haben? Wo bliebe Meine Göttlichkeit, würde Ich wie mancher Erdenvater handeln —?

Du kennst das Gleichnis vom verlorenen Schaf und Groschen (Matt. 12, 11; Luk. 15,8). Das sind jene, die sich aus dem Lichte stahlen in der trügerischen Hoffnung, ohne Meine Willensführung auszukommen. Deshalb habe Ich, als sie den ersten Schritt ins Dunkel taten, für jeden armen Schritt einen Meilenstein des Lichts gesetzt, daß, wenn sie sich rufen ließen, die für sie klein gemachten Lichtstationen sehen sollten und des Rückwegs einmal nicht verfehlten.

Klein gemacht! Große Strahlen würden blenden. Es sind die kleinen Kerzen in der Ferne, die für immer nie zu übersehen sind. Mag es wie eine unmeßbare Zeit erscheinen, bevor ein Hingestürzter sich erheben läßt und verlangend nach dem stillen Lichtstrahl sieht — Ich sage dir: für Mich ist es ein Hauch der Zeit, weil Ich, so für dich gesagt, alle Ewigkeiten in Mir trage, während für Mich Selbst bloß eine Ewigkeit besteht. Denn Ich bin ein Gott!

Du bedenkst die Vielzahl Meiner Werke und ob nicht jedes seine eigene Ewigkeit besitzt. Ganz recht, besiehst du es vom Standpunkt des Geschöpfes aus. Immer in ein Werk hineingeboren und aus ihm herausgehoben, ehe es vom nächsten abzulösen ist, merkt kein Kind, wie Ich ein Einzelwerk beginne, wie Ich es vollende.

Derart hat ein jedes Teilwerk seine eigene Zeit-Ewigkeit. Da aber alle Meinem Born der Mitternacht entnommen sind und Ich als Schöpfer Selbst der Heilsborn bin, ist einzusehen, daß alles für Mich stets ein Werk, eine Offenbarung ist von allem, was Ich schaffe. Ewiglich, weshalb Ich nie zu sagen brauche: dies tat Ich in der Vergangenheit, jenes tu‘ ich in der Gegenwart, anderes werde Ich in Zukunft schaffen, zu irgend einer Zeit.

Für Mich, Mein Seher, gilt stets das ‚ist’! Im Augenblick, wo Ich einen Teil vom ganzen Werk erstehen lasse, ist es in schöpferischer Wirklichkeit schon dagewesen; denn was da für die Kinder war, ist und wird, war in Mir als UR schon völlig fertig in der ungeheuren Vorschau Meines Schöpfertums! Kein Ding, es sei kleiner als die Mücke, größer als die größte Sonne, das nicht sein fertiges Gebilde in MIR hat, ganz gleich, ob, wann und wie ich diese zur Gestaltung bringe oder wieder einvernehme in den Quell der Mitternacht!

Es überwältigt dich, du fühlst dich vor Mir wie verloren. Du bist es nicht, Mein Sohn — und niemand, dem ein gleiches Wort gegeben wird! Vieles, was du gehört, gesehen hast und was dir weiterhin zu zeigen ist, sollst du niederschreiben oder auch versiegeln, was in späterer Erdenzeit den Menschen dieser Welt zu offenbaren ist, wenn die Reife über ihre Seelen kommt, obwohl sogar dann weltlich wenige es voll erfassen werden.

Was bedeutet mir denn diese kleine Welt? Du meinst, weil Ich wie ein Mensch zu ihr gekommen bin, müßte sie den Vorrang haben. Den hat sie bestimmt, bloß anders, als die Fernen denken werden. Da hängt mancher sich sein Eigenlob um seinen Hals wie ein eitles Weib die falsche Perlenschnur: ‚ich — wir — allein sind ausersehen‘, wie es das Volk am Jordan sagt und tut. Gerade daran ist das Beispiel zu erkennen, wie unmöglich Ich als Schöpfer eines Himmelsvolkes, dessen Zahlen menschlich nicht zu zählen sind, ein kleines Erdenvolk als das ‚alleinige‘ erwählt, hervorgehoben hätte, so wenig die gesamte Welt mit allem, was zu ihr gehört!

In einer Hinsicht ist die Welt erwählt, weil sie der Kernpunkt der Verlorenen ist. Darum trat Ich als Erlöser in sie ein, darum kam Ich zu dem kleinen Volk, das wie oft sich von Mir wendete mit seinem widerlichen Götzendienst. Niemals auserwählt, nur gewählt zu Meinem heilig-hohen Zweck der ewigen Erlösung! Kein Mensch ist bevorzugt vor den ihm Unbekannten, die Meinem Reiche innewohnen!

Ist der Mensch von selber auf die Welt gekommen? Hat er allein den Weg gefunden? Hat er Besonderes getan, daß ihm der Vorzug werde, den es gar nicht gibt? Oder habe ICH ein jedes Kind geleitet, die Mich baten, denen mit zu helfen, die verloren sind! Habe Ich denn wohl gesagt: ‚Nun, so gehe hin‘, ohne seinen Weg zu richten, ohne eine Stelle vorzusehen, samt der Zeit, wo es dann ohne Schaden diesen materiellen Weg begehen und vollenden kann?!

Du tust recht, es zu verneinen. Ich sagte ja: ‚In des Vaters Haus sind viele Wohnungen‘; also muß es viele Örter geben, die allesamt von Mir gesegnet sind. Es gibt keine Unterschiede, weil Mein Segen niemals unterschiedlich ist. Ob er sich an einem treuen Kind, am Abgeirrten unterschiedlich zeigt, hat nichts damit zu tun, daß Mein Segen einer ist, wie Ich ein Schöpfer-Vater bin und vieles mehr. In allem aber stets die EINS!

Wer glaubt, allein er hätte sich das Himmelsmaß verdient, was er gern für sich in Anspruch nimmt, dem gilt das Wort:

‚Wer glaubt, daß er stehe,

der sehe zu, daß er nicht falle.‘ (1. Kor. 10, 12)

Das wird jener Sohn erkennen und auch predigen, von dem ihr Jünger glaubt, er sei nicht echt. Er war nicht echt, die Eltern hatten seine Seele nicht erzogen. Da Ich ihn aber auch vom Reiche hierher und in diese Zeit geleitet habe, so fiel die Irre von ihm ab und er erkannte Mich.

So ersiehst du, daß Ich jedes Kind an seine Stelle leite und zur Zeit, die ihm und Meinem Werke dienlich ist. Wo immer Meine Kinder sind, ob auf dieser Welt, ob anderwärts — überall setze ICH sie ein zum Mitdienst oder zur Erlösung. Die Mitdienenden werden von dem Rückbringgut erlöst, sie sind die ‚Beladenen‘, wie Ich sie nannte. Die Hingestürzten sind die ‚Mühseligen‘, die sich durch den Abfall ihre Gasse sauer machten. Und diese werden ganz erlöst, denn sie brauchen das. Unterschied, Mein Seher?“

„Ich sehe keinen“, wagt Johannes aufzublicken, obwohl er niemand sieht. Er spürt nur, daß ein Ungesehener bei ihm steht. Die Stimme hat er so vernommen wie die des Meisters, wenn Er zu den Jüngern sprach. Seligkeit! ER ist da, jubelt seine Seele, dankt sein Geist und er bekennt: „Du, Herr, hast alles wohlgetan, Du bedenkst die Kleinen und die Großen, Du segnest Deine armen Fernen wie auch die Getreuen; denn sie sind alle Dein!

Was Sadhana wie aus sich selber schuf, geschah aus jener Kraft, die sie von DIR empfangen hatte. Sie konnte damit ewig Gutes tun, konnte der geschöpflichen Entwicklung wegen fallen. Du hattest sie an Deine Langmut angebunden, als sie sich losgerissen hatte. O, Du hältst sie fest! Mich auch, mein Gott, mein Vater und Erlöser!“

„Gut erkannt! Du bist gefangen und doch frei, ein Beispiel denen, die von oben und von unten kommen. Du kannst dich auf der Insel frei bewegen, rundum ist das Meer die Grenze, über die du während deines Erdendaseins nicht mehr kommst. Ebenso die Sadhana. Innerhalb der Materie war sie frei; doch bis zu ihrer Umkehr war Mein Wille auch ein Meer, über das sie nicht hinüberkonnte. Mein KREUZ wurde ihr zum Steg, über den sie einst zur Heimkehr kommen kann.

Was bedeuten die von Mir gesetzten Grenzen? Sind sie nicht das Herrlichste vom Herrlichen, das Ich allen angedeihen lasse? Die Getreuen sehen es als das In-Mir-Verwahrtsein an, weil sie wissen: außerhalb von Mir und Meiner Ewigkeit gibt‘s nichts und keinerlei Bestand, kein Leben, keine Seligkeit. Die Hingefallenen stoßen sich an ihnen, ohne dies im tiefsten zu verspüren, weil Meine Grenzen Güte, Gnade, Langmut, Sanftmut sind (OJ. 21, 16) und nicht hart, aber fest gemauert. Du verstehst den Unterschied. An einer Festigkeit (Veste), die Ich Selber bin, kann sich jeder klammern, die Großen und die Kleinen, die Fernen und die Nahen. Wer sie auch von sich aus anerkennt, hat die wahre Freiheit aus dem freiherrlichen Willen Meiner Schöpfermacht!“

„Vater, Du mein Meister, so viel an Gnade gibst Du mir, ich kann nicht alles fassen. Aber weil Du mich in Deiner Liebe fragen läßt, so bedenke ich die Brüder. Was wird aus ihnen? Ich sorge mich um sie. Denn eigentlich — — in eine weltlich enge Grenze hast Du mich gehegt; gerade sie ist die Behütung, die ich gnädiglich erfahren darf. Möchtest Du die andern nicht auch auf die Insel führen, daß ihnen in der Welt kein Leid geschieht? Ich befürchte, man wird sie hart verfolgen, töten, und . . .“

„Johannes, kann Ich nicht nach Meiner Weisheit tun, wie Ich ihre Wege vorgesehen habe? Muß Ich Mich nach deiner Bitte richten?“ „Nie, o Herr! Du tust alle Dinge nach dem Wohlgefallen Deiner Liebe für die Kinder. Ich bin nur besorgt, und das — kann das nicht auch eine Freude für Dich sein? Du hast uns die Liebe eingepflanzt, zu Dir, zu unsern Nächsten.“

„Gewiß, und so sehe Ich‘s auch an. Doch die Frage: Wer soll Mein Evangelium zu den Völkern tragen, wenn alle, die Ich lehrte, auf der Insel leben?“ „Oh!“, ein langer Ausruf und — Johannes sieht Gott vor sich stehen. Mit einem Schrei beugt er sich nieder, umschlingt die Knie und läßt sich hochziehen, bis sein Haupt an Gottes Seite ruht. Er braucht nichts zu sagen, was sein Herz bewegt. Wer besser als der Heilige kann im Verborgenen lesen —

„Du bist nicht bevorzugt, weil du auf Patmos lebst, währenddes die anderen die Schlachten auszutragen haben, wie weiland Michael mit Luzifer (O.J. 12, 7). Sie siegen, auch wenn ihr Leib zum Opfer fällt, wie Ich Meinen Sieg schon vor dem Falle Sadhanas für Werke in der Rechtshand hielt. Nur für die letzte halbe Zeit (O.J. 8, 1), die Ich der Materie bewilligte, brachte Ich den Sieg Meiner Gottes-Herrlichkeit im Kreuz von Golgatha zur Offenbarung, wobei ich ebenfalls den äußerlichen Leib zum Opfer gab.

Jedes Lichtkind auf der Welt und anderwärts opfert seinen Körper durch den Tod, auch wenn er wie bei Nicodemus sanft gewesen ist. Ob so, ob anders — alles liegt im Schöpfungsopfer Meiner UR-Wesenheit! Der materielle Tod steht aber bloß im zweiten Rang. Des GEISTES Weg, die Hingabe eines Kindes, hat den Vorrang auf jedem Wanderweg und wird eingeschrieben in die Schöpfung (O.J. 20, 12), in das Buch des Lebens. Sei also nicht besorgt um deine Brüder. — Was hast du weiteres noch auf dem Herzen?“

„Herr, warum fragst du mich? Du weißt alle Dinge, Du kennst die zugedeckten Winkel meiner Seele. Ich denke an Maria und an viele Freunde, die im Heimatland verachtet sind, obwohl die rechte Heimat ewiglich Dein Himmel ist. Was wird mit Maria werden?“ „Wegen Meiner Leibesmutter laß es Meine Sorge sein, wie Ich sie von hinnen führen werde. Zu deinem Trost gesagt: sie wird bis zum letzten Atemzuge wohlbehütet sein, auch viele deiner Freunde.

Anders steht es um das Jordanvolk. Du weißt, wie wenig Leute sich nach Mir umgesehen haben. O ja, wenn sie einen Vorteil hatten, der dem Leibe galt (Matt. 14, 21), gesund werden wollten, und wenn sie dachten, ihnen welthöchste Macht zu geben, da wußten sie, wo Ich zu finden war! Sonst — ? Als die Besten bis zur Richterzeit gegangen waren, sogar schon unter Mose, was hat man denn getan? Hat man etwa MIR gedient oder allewege auch den Götzen? Und ist der schlimmste Götze nicht die Eigensucht gewesen?

Darum — und zu einem Heil, das dem Volke unverständlich bleibt — habe ICH die Axt an seinen Wurzelstock gelegt, weil es dem faulen Feigenbaume gleicht (Matt. 3, 10). Bringt es jemals gute Früchte? Ich warte in Geduld, allein — Ich sehe, was da werden wird! Frag‘ Mich nicht danach, Johannes; denn an diesem faulen Baum, wie an allen Völkerbäumen, wachsen Früchte mit, die sich vom Licht bescheinen lassen. Und diese pflücke Ich Mir ab, des sei gewiß!“

„Herr, ich frage nie nach Deiner Schau, doch spüre ich: das Faule wirst Du einst vertilgen; das ‚wie‘ liegt in Deiner Schöpferhand. Die Faulen wirst Du Dir zur rechten Zeit erziehen, und wenn es erst nach ihrem Tode ist. Wie wunderbar und gnadenvoll: Dir geht nichts verloren! Und bewahrst Du Dir die Guten . . .“ „Die andern auch, Meine Seher!“ „Ja, ja, ich meinte nur im Leben auf der Welt, so kann das Volk auch gute Zweige treiben.“

„Sei gesegnet, wie Ich alle Kinder segne, die zu Meiner Rechten und zur Linken stehn. Die Segnung zeigt sich allerdings verschieden, ihr Inhalt aber, Mein Johannes, ist immer einerlei. In Güte für die Rechten, in Erbarmung für die Linken. Was wiegt schwerer, die Güte oder die Erbarmung?“

„Ich weiß es nicht“, sagt Johannes leise, um die Heiligkeit der Stunde nicht zu stören. „Weil Du vom einen Segen sprachst, hast Du kein zweierlei Gewicht. Alles in Dir ist das ewig Gute, o ja, die GÜTE! In ihr wirken Deine Herrlichkeiten, auch die Erbarmung für die Linken, denen Du, wie ich‘s nun fühle, die Seite Deines Herzens zugewendet hast. Die zur Rechten stehn in Deinem heilighohen Recht und in dem ihren, ihrer Treue wegen ihnen zubedacht.“

„Das war eine himmlische Erkenntnis und solcherlei wirst du noch viele haben. Deine Schrift (Evangelium) wird nie untergehen; denn wer Augen hat, zu sehen, und Ohren, um zu hören, der wird es weder drehn noch wenden. Und ausradieren kann es keiner von der Welt, der armselig aus der Tiefe stieg! Ich habe dir den Engel zugesandt, der dir behilflich ist; wo nötig, wirst du Meine Stimme hören wie eben jetzt, auch wenn du Mich nicht immer dabei siehst.

Noch meinst du, daß das ‚Immer-sehen‘ höchste Wonne wäre. Sieh, die ist für das Reich verwahrt; alles Höchste offenbart sich nur Meinem Licht. Was aber während eines Wanderwegs gegeben wird, ist so viel an Gnade, daß ein heimgekehrtes Kind rückschauend dankbar vor Mir niederkniet und Mich dafür lobt und preist

Die Erscheinung Gottes ist mit einemmal wie weggewischt, so daß Johannes ängstlich wähnt, es wäre gar nicht wahr gewesen oder aber selber wäre er nicht mehr auf Erden. Doch bald überflutet ihn die Seligkeit, und er setzt sich eilig an den Tisch und schreibt und schreibt, erst alles, was er hörte und dann noch drei Briefe. Der erste werdenden Gemeinden, er wird wohl jemand finden, sie mehrmals abzuschreiben. Der zweite ist an jene liebe Frau gerichtet, die in Kapernaum Maria und das Haus betreut.

Den dritten richtet er an einen Römer namens Gajus, der sehr bald zur Erkenntnis kam, den Herrn liebt und vielen treuen Seelen hilff. Als er damit fertig ist, er hat bei Lampenlicht geschrieben tagt der Morgen hell zum Turm herein. Wie sonderbar, er ist überhaupt nicht müde und geht froh hinaus zum Strand.

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