Kapitel 16
Dicht vor einer Siedlung hört man lautes Jammern. Debora sprengt voraus. „Warum schlägst du dieses Kind?“ Ohne Hilfe gleitet sie vom hohen Sattel. „Das fehlte mir“, schimpft ein bärtiger Geselle, „in mein Hausrecht dreinzureden, noch dazu von einem Weib!“ Er sieht giftig auf ein kleines, ordentliches Haus, hinter dessen Türe eine Frau verweint und auch zerschlagen steht. Debora nimmt es wahr, ehe sich die Frau verstecken kann.
„Komm!“ befiehlt sie ihm. Selten spricht sie herrisch. Der Mann muckt auf, während sich das Kind an ihren Mantel klammert. Dicke Tränen laufen über sein Gesicht. Ohne sich zu wenden, geht Debora in das Haus. Wie oft hat sie auf diese feste Art die rohen Männer kleingekriegt. Befiehlt sie etwas kurz und streng, dann hat noch keiner widerstanden.
Das Weib hebt umgestürzte Schemel auf. Auch ihr befiehlt die Richterin: „Setze dich!“ Zitternd folgt die Frau, angstvoll auf die Türe blickend. Wenn ihr Mann die Fremde schlägt — ? Da stehen an der Tür zwei Männer. Sie atmet auf; ach, die Fremde wird beschützt. Sie selbst — wen kümmert es, ob sie geschlagen wird? Viel hält ihr armer Körper nicht mehr aus. Doch das Kind — o weh — — Was kann sie denn dafür, daß kein Knabe kommt? ‚Verfluchte Weiber‘, hört sie Tag für Tag, jahraus, jahrein.
Entgeistert flüstert sie: „Wer bist du denn?“ Debora streichelt das zerschundene Gesicht. Ein Kampf mit neuen Tränen. „Weine dich nur aus“, sagt sie, „das tut dir gut.“ Sie hebt das Kind auf ihren Schoß. Barak, mit Matthanja an der Türe stehend, hat den Wasserkrug entdeckt. Sein sauberes Schweißtuch taucht er ein und reinigt das Gesicht des Kindes.
Indessen kommt der Mann. Elam und Jizri machen den Beschluß. Vier Männer? denkt die Frau. Das muß sie bitterlich bezahlen. Plötzlich packt den Mann die Wut. „Hinaus!“ brüllt er, „niemand hat in meinem Hause was zu melden!“
„Warum bist du so gemein?“ fragt Debora. „Weibern geb‘ ich keine Antwort; da müßten andere kommen!“ „Kennst du mich?“ Jizris Schläfen schwellen an. „Nein, auch kümmert es mich nicht“, sagt der Grobe frech. „Ich bin Fürst Jizri, dem die Gerichte unterstehen. Das ist dir bekannt; oder nicht?“
Der Mann kratzt seinen ziemlich kahlen Schädel, während ihm der wirre Bart fast bis zum Gürtel geht. „Wenn dein Weib“, weicht er aus, „kein Kind heulen hören kann, soll es zu Hause bleiben, wohin das Weibervolk gehört.“ „Und du ins Richterhaus!“ zankt Jizri. „Wir haben einen Richter, und deine Schandtat wird zugleich dem Hohen Rat gemeldet; wir sind auf dem Weg dorthin. Weshalb hast du Weib und Kind mißhandelt?“ „Geht dich das was an?“ versucht der Mann zu trotzen.
„Jawohl, weil der Richter“, noch schweigt Debora, wer sie ist, „seit langem kundgetan, daß kein Mann die Frau und Kinder noch das Ingesinde schlagen darf. Es wurde angezeigt, und die Strafen sind bekannt gemacht, wer sich der Hausbestimmung widersetzt. Kennst du den Erlaß?“
„Nein“, knurrt der Mann und schielt auf seine Frau. Wenn die die Lippen öffnet, dann gnade ihr. Da sagt das Kind: „Der — der — Vater hörte es.“ Der Vatername kommt nur schwer heraus. „Er schlug die Mutter, daß sie lange liegen blieb, mich auch.“ „Und heute?“ fragt Debora. Ihr Auge bohrt sich in des Mannes Blick, der vergeblich auszuweichen sucht.
„Ach, das war nicht schlimm.“ Das Mädchen merkt, daß dem Vater etwas droht und das — — Man liest es von des Kindes Stirn. „Ich bin bloß ein Mädchen“, sagt es verschüchtert, „und der Vater liebt nur Knaben.“ „Dafür schlägt er euch?“ Die Frau schweigt aus Angst, das Kind lispelt „ja“.
„Barak“, sagt Debora, „am Kreuzweg stehn zwei Wächter; hole sie herbei.“ „Nein!“ gellt des Kindes Stimme. Die Tage seines armen Lebens sind zu zählen, wo es keine Schläge gab. Aber nun — ? „Bitte nicht, es ist doch unser Vater!“ Wieder weint es bitterlich. Auch die Mutter zittert bang. Was soll aus ihnen werden? Es gab ja wenig Brot, doch ohne ihren Mann kann sie mit dem Kinde Gras und Rinde essen.
Debora lächelt ihnen freundlich zu: „Jemand sorgt für euch; denn ich — du sollst es wissen“, wendet sie sich an den Mann, „bin die Richterin von Israel!“ Entsetzt fährt die Frau empor, fällt auf die Knie, heult jammernd, und das Kind mit ihr. Man hebt beide hoch und beruhigt sie. Der Mann starrt auf Debora. Ihm kriecht es kalt durchs Herz, uneingestanden, doch gefühlt, unterdrückt und drängt sich um so krasser vor.
„Du? die Richterin — ? Ach“, tut er lächerlich, „ich hörte diese Narretei.“ Lauthals meckert er. „Ein albern Weib als Richterin? Sowas gibt es nirgendwo! Hahaha, ging solch Befehl, man dürfe nicht einmal im eigenen Haus regieren, von einem dummen Weibe aus, dann bin ich völlig frei.“
Debora unterbricht sein Lachen, denn Barak und die Wächter kommen schon. Sie sagt ohne Federlesens: „Bringt den Gefangenen nach Baal Hazor zum Jerusalemer Richter. Einer von euch beiden kommt hierher zurück, der andere meldet folgendes dem Volksrat Arthasus in Ophra: Thimna brauche dringend Hilfe; ihr Mann, der Maurer Zophat, sei für vier Wochen eingesperrt.“
„Woher weißt du unsere Namen? Und vier Wochen? Gnade!“ fleht die Frau. Er schlägt sie dafür tot, sobald er wiederkommt. „Lieber ziehe ich mit in den Krieg“, ruft Zophat aus. Ihm wird gewehrt: „Ich sehe deinen Otterweg, fix ausgedacht.“ Nachdem er gehen mußte, werden Weib und Kind betreut und „getrost, er kommt anders wieder und ist hoffentlich für alle Zeit geheilt. Betet nur, und Gottes Güte wird euch offenbar.“
Resigniert streicht sich Thimna über ihre Stirn. „Der kommt genauso wieder. Was habe ich Gott angefleht, und ihn, er möge sich doch ändern. Alles war umsonst. Um so ärger wurde er und höhnte: „Bei Gott gelten Weiber nichts; vor deren Tränen schließt Er Seine Augen und stopft die Ohren vor dem Seufzen zu. — Wir mußten schwere Arbeit tun, viel zu schwer für meine kleine Sua. Ich glaube nicht, daß er uns schont.“
„Glaubst du an Gott?“ „Es gibt einen“, bekennt das Kind, „nur ging Er stets bei uns vorbei, denn sonst — — “ Jizri dreht sich um, eine Träne preßt sich ihm ins Auge. Die Richterin liebkost die bleichen Wangen. „Gott ging nicht vorbei; Er hat nur gewartet, ob der Vater sich nicht selber wenden möchte. Da er es nicht tat, ist Gott heute bei euch eingekehrt.“
„Wo?“ fragt Sua. „Man sieht Ihn nicht.“ „Du fühlst dein Herzchen klopfen, sehen kannst du‘s nicht. So ist es auch mit Gott! Er ist zu fühlen, und durch Menschen kann Er uns begegnen. Auf der Welt sieht man Ihn selten, in Seinem Himmel stets.“ „Da will ich in den Himmel und Mutter mit“, ruft Sua innig. „Und — Vater auch. Du bist so gut, jetzt ist uns Gott durch dich begegnet.“ Debora drückt die Kleine an ihr Herz.
„Glaubst du jetzt an unsern guten Gott?“ fragt sie abermals die Frau. Diese haucht: „Ich will‘s wieder lernen. Wohl weil ich Gott verlor, wurde Zophat schlecht.“ „Der Gedanke liegt ja nahe“, sagt Matthanja, „doch dir ging der Glaube durch den Mann verloren. Wenn er kommt, dann tue so, als wäre er auf einem Bau gewesen, was zudem auch stimmt. Er braucht nicht im finsteren Verließ zu hocken, er muß fleißig mauern.“ „Und übers Jahr“, fügt Debora heiter an, „kommt der heißersehnte Knabe.“
Thimna glaubt jetzt ohne Zweifel; denn die Richterin — welch eine liebe Frau — ‚ nickt ihr freundlich zu. Es wird noch alles bestens angeordnet. Gar viele Freudentränen rinnen hinterdrein, als die ‚Gotteshelfer‘ weiterreisen. Wie gesagt, geschieht es auch. Zophat wird ein neuer Mensch und er setzt Sua hinter seinem ersten Knaben nicht zurück. —
In Silo stehn die Leute gruppenweise auf den Gassen. Man munkelt es, der Hohepriester soll verschwunden sein. Als man die Richterin erkennt, fragt man, ob sie es schon wüßte. „Wir hörten es“, weicht sie der Menge wegen aus, „darum kamen wir. Geht heim, Leute“, mahnt sie herzlich. „Wir sind abends bei dem Wirte Bilsuel. Wählt zwölf Männer aus und deren Frauen; sie sollen kommen, um das Weitere zu erfahren.“
„Die Richterin hat recht!“ Es ist der erste Tag, daß eine ganze Stadt ihr jubelnd folgt. Der Jubel läuft durchs Land, eilig wie der Wind, der seit kurzem günstig weht. Sie soll es auf dem Weg nach Sichem merken. Debora mag den Jubel nicht; doch dem Volk die Freude nehmen, wäre ganz verkehrt. —
Im Priesterhaus, das neben Mose‘s Gotteshütte steht, die Josua hier aufgerichtet hatte, tauscht man die Meinung flüsternd aus. Nie ging Delajah, ohne seine Wege anzugeben oder anzuordnen, was indes geschehen solle. Artham, Kisjath, Paros und acht andere Neugewählte fanden sich zusammen, um Vorkehrung zu treffen, falls ihr Oberster nicht wiederkäme. Heute drängt sich keiner nach dem Hohen Stuhle eines Ersten.
„Warten wir drei Tage, nachher ist er eben tot. Es bleibt nichts anderes übrig“, schlägt Artham vor. „Anhänger des Delajah stehen am Gehegetor, fragend, was nun werden soll. Gestern sammelten sie sich in der Stadt. Ich weiß nicht mehr, was ich zur Beruhigung den Leuten sagen soll.“
„Schuld der Richterin“, bellt Paros. „Der nächste Löwe soll mich fressen, wenn die nicht Delajah fangen ließ!“ Kisjath höhnt: „Dann frißt er dich mitsamt Orakel. Ich bin nicht ihr Höriger, aber die ist viel zu klug, um solchen Staatsstreich auszuüben. Auch traue ich ihr das nicht zu.“
„Wenigstens ein Lob!“ Die Hügelleute treten unversehens ein, die Wachen durften sie nicht melden. Wie beim Blitz aus heiterm Himmel schreckt der Hohe Rat zusammen. Debora trifft mit feinem Spott: „Ihr weint?“ Artham knurrt: „Überlassen wir den Weibern.“ „Wenn man sie schlägt!“ „Denen tuen Prügel gut“, keift einer von den achten. „Dir noch mehr!“, Debora setzt sich auf den Stuhl, den sie zweimal inne hatte, „wenn du, Lapsas, in Silos Landkreis die befohlene Aufsicht unterläßt.“
„Ich prüfe jede zweite Woche“, gibt er an. „Dein Glück“, führt sie ihn irre. „Richter Sallumin braucht einen Maurer. Wie steht‘s mit Zophat? Kann der gut mauern?“ Augenlider flattern, ein Schweißbach rieselt, ein Gestotter: „Ja, er ist ein ordentlicher Mensch; mal fortzukommen tut ihm gut; sein Weib spinnt schlecht.“ Er meint, sie wäre unausstehlich.
„So so; Elam, berichte!“ Bald wird Lapsas immer kleiner. Er wußte längst, daß Zophat das Gebot mißachtet; und er, Lapsas — auch ohne einen Sohn —‚ hat ihm nie die üble Schlägerei verboten, Hoheitsvoll richtet sich Debora auf, ohne Geste, es ist ihre Himmelsart, das Angeborene.
„Euch war bekannt, daß ein Richter residiere, der Spannung wegen zwischen Kanaan und uns nicht offiziell. Allgemeine Anordnungen haben viele Älteste des Volkes anerkannt; nur der Hohe Rat begehrte auf. Nachdem das Richteramt mir offen übertragen wurde, trat das von mir erlassene Gesamtgesetz in volle Kraft, auch und erst recht für das Synedrion.
Wer dagegen aufbegehrt, der lese das von Josua, was nicht in euren Predigtrollen steht. Dem ‚Gesetz des Herrn‘ fügte ich den ‚Rat der Menschlichkeit‘ hinzu. Berufe du dich nicht auf Gott, Paros, Sein Gesetz enthielte nur das Menschliche. Oder willst du statt der Buße ins Gefängnis? Würdet ihr die Gott-Gebote halten, wahrlich — es bedürfte keiner Satzung Mose‘s, keiner Anordnung des Josua, noch einer Anweisung von mir. Das achte Grundgebot haben viele von euch übertreten.
Ich überließ es den Gemeinden, sich einen Rat zu wählen. Deren viele gaben mir Bericht, und manches Übel wurde abgestellt. Von Silo hörte ich noch nichts. Schön, wo der Hohe Rat zu Hause ist, muß ja beste Ordnung herrschen. Habt ihr gedacht, das glaube ich, weil ich keine Prüfung unternahm?
Heute tat ich‘s auf dem Weg hierher. Den ärgsten Fall hat Elam kundgetan. Aber schaut“, sie zeigt eine lange Liste vor, „hier und da und da, wo ihr vielmals keine Ordnung hieltet, wo das Synedrion versagte, wo . . .“ „Das war Delajahs Sache“, wehrt Artham, „er hatte es verboten.“ „Ah! Einem Toten“, sagt sie scharf, „ist die eigene Schuld leicht aufzubürden; der tut ja seinen Mund nicht auf, nicht wahr?
Schon Othniel gebot Gebietsbetreuung, nur bedachte er das Land und weniger die Menschen. Bei mir ist‘s umgekehrt. Und ihr, die ihr LIEBE üben sollt, handelt gegen das Gebot. Nennt eines, das nicht nächst dem Himmelssinn das Menschliche umfaßt. Ihr seid nicht mal ordentliche Landbetreuer, geschweige ordentliche Priester! Was soll man mit euch tun?“
Das klingt richterlich. Aber ist damit die Liebe auszuüben? Die Priester sehen sauer drein. Offener Trotz brächte Rebellion. Man weiß ja, wie beliebt Debora ist, wie rasch sie hilft, wie sicher sie ein Urteil fällt. Keine solchen wie bisher, mit Härte unter aller Würde. Manchmal — wie man hörte — schafft sie dies mit einem Blick. ‚Hexe‘, nannte Paros sie. Da drohte man ihm Prügel an. Käme es zur Meuterei, — die Männer des Synedrions würden nicht zu sehr geschont. Deshalb — —
„Ihr tut, als wäre es für euch ein Spiel“, unterbricht Debora die Gedanken. „Ich zwinge keinen, gut zu sein, Israel zu helfen, — nicht durch Last, wie ihr getan. Heute müßt ihr euch entscheiden. Ruft die übrigen des Hohen Rats zusammen, nur die Priester; die Obersten haben mich gewählt, was euch offenkundig ist. In einer Stunde sind wir wieder da.“
„Unmöglich“, windet Artham sich heraus. „Ohne Hohenpriester ist kein Beschluß zu fassen.“ „Ich denke, er ist tot?“ fragt Jizri wie erstaunt. „Tot — ?“ Artham fährt sich hastig durch das Haar. „Wir wissen‘s nicht.“ „Ihr wißt es nicht? und wollt das Volk belügen, er sei tot und wollt sogar ein Grabmal zeigen? Wie denkt ihr euch denn das?“ Kisjath, der gemäßigte, gibt kleinlaut zu:
„Wir sind ratlos. Delajah wäre hier, wäre er nicht tot.“ „Kann er nicht gefangen sein?“ Elam fragt absichtlich so. Kisjaths scheuer Blick fällt auf Debora. „Ich hab‘ es nicht geglaubt; aber wie die Dinge liegen . . .“ „. . . kann sie es befohlen haben?“ unterbricht Fürst Jizri hart. Die Stimme wieder mildernd, fügt er hinzu: „Jemand, der bis ins Allerkleinste auf Gerechtigkeit und Liebe sinnt, wie unsere Richterin es tut, begeht das nicht, was man ihr unterschieben will.“
Asa, für Bezai amtierend, braust auf: „Wenn ihr etwas wißt, warum führet ihr uns hinters Licht? Allerdings — ein Weib! Was kann man anderes erwarten!“ „Beleidigst du die Richterin, dann beleidigst du das Volk!“ Matthanja wird ganz grob. „In einer Stunde sind wir wieder hier.“ —
Vierzehn hohe Räte warten. Debora fängt gleich an: „Einer soll anstatt Delajah wirken. Nach dem Kriege wählen beide Fürsten, drei Städte-Richter und sechs Städte-Oberste, — und ich. Das Synedrion schlägt zwei Anwärter vor. Kisjath kann bis dahin Erster sein, wenn er es will.“ Daß sie nichts bestimmt, ist gut, sonst hätte mancher losgedonnert.
Bloß Artham donnert: „Zwecklos unser Wille! Ein Weib“, betont er kraß, „befiehlt, die Schafe müssen folgen.“ Sagt Elam trocken: „Auf dich trifft‘s zu; schafsmäßig hast du geblökt.“ Den kleinen Fehler streicht Debora aus: „Die meisten Leute sind wie Schafe ohne Hirten (1. Kö. 22, 17), richtiger: die dem Hirten nicht gehorchen wollen. Der Hirte“, hält sie Arthams Abwehr an, „ist unser Hoher Herr! — Genug davon. Soll Kisjath Erster sein?“ Einige nicken unbestimmt, der Großteil schweigt.
„Gut“, sagt sie, „durch einstimmiges Schweigen angenommen! Notiere es, Barak.“ Wie sehr die Richterin den Hohen Rat beschämt — nicht gewollt — ‚ sieht man zu spät. Hätte man ihr widersprochen, so — — Kisjath wird ihr wie ein Hündchen folgen. Dieser aber denkt nicht dran, zu allem einfach ‚ja‘ zu sagen. Nicht wissend, daß er schon am Scheidewege steht, sagt er zögernd:
„Den Brüdern ist die Freiheit arg beschnitten, wenn ihr Schweigen den Beschluß ergibt.“ Er fühlt sich sehr bedrückt; man wird ihm seinen Stuhl zur Hölle machen. Uneingestandenes, das ihn zu Debora zieht, wird von Sorge überwuchert. Was sie durch das Richteramt, von GOTT erhalten, aber wirken wird, soll er bald genug erfahren. Jetzt erwidert sie:
„Keineswegs, Erster Priester; so sei dein Titel. Meine Frage war nicht stumm. Kann eine ordentliche Frage keine ordentliche Antwort haben?“ „Wohl“, gibt Kisjath zu. Er wirft einen raschen Blick auf ‚seine Brüder‘. Was die denken, sieht man ihnen an. Debora spricht schon weiter:
„Du berufst dich auf die Freiheit. Es stand frei, den Vorschlag zu bejahen oder zu verneinen; ich habe also euren freien Willen nicht beschränkt. Hingegen frage ich: Hat jemand unter Jabins Herrschaft tun und lassen können was er wollte? War des Volkes Recht nicht arg gestutzt? Bezahlte jemand gern den Zins (Matth. 22, 17)? oder — mußten wir es tun?“
„Das gilt der Welt“, fällt Phillas hitzig ein. „Hier geht es um des Geistes Recht; da . . .“ „. . . kann jeder machen was er will? Sag‘, du Kluger, was höher steht: Geist oder Welt, Jabin oder Gott!“ „Wir sind überfragt“, grollt Paros garstig. „Das allerdings!“ Es klingt ernst und streng. „Und weil du eine Lehre brauchst, wird sie dir durch mich zuteil.
Von Gottes Grundrecht hast du keine Ahnung. Nur wenn‘s am Säckel nagt, entscheidest du dich für den Geist. Bei GOTT behältst du dir die volle Freiheit vor und übertrittst Sein heiliges Gesetz. Der Welt gibst du die Herrschaft in die Hand. Zähle deine Tage, wo du prüftest, ob du böse, ob du gut gehandelt hast. Du bezahlst das GOTT gegebene Gelübde nicht (Ps. 50, 14)! Was nützt der freie Wille, wenn nicht Gottes Wille dich beschützt? An Delajah seht ihr das Exempel.“ Prächtig hat sie auf den Kernpunkt ihres Kommens hingelenkt. Lapsas hakt auch ein:
„Wohl, ein Exempel! Wo blieb sein freier Wille? Wo erst recht der Schöpferwille, der den Mord versagen mußte?“ „Mußte nicht“, widersetzt Fürst Jizri. „Niemand kann den Schöpfer zwingen. Kläre sie jetzt auf“, sagt er zu Debora, „sonst verfallen sie zum Schluß in pure Gotteslästerung.“
„Soweit möglich, soll es hier zum guten Ende kommen. Zuerst das eine: Paros, dir überbrachten die vier Abgeordneten vom Richteramt mein Urteil, zehn Witwen samt den Kindern einen Mondlang zu ernähren. Zudem solltest du für diese Zeit ins Richthaus kommen. Dieses bog Fürst Jizri ab. Ihr hattet es zur Hand versprochen, über jenen Tag im Rat zu schweigen. Allein, du wetztest gleich am Abend deine üble Zunge.
Auch das Heutige ist des Krieges wegen zu verschweigen. Haben wir dann einen Hohenpriester nach der Ordnung Melchisedeks (1. Mo. 14, 18; Hebr. 5, 6), dann wird die Angelegenheit dem Volke kundgetan.“ „Bis dahin bleibt es also Lüge?“ ruft einer aus. „Gelogen und betrogen hättet ihr“, sagt Debora kalt. „Wer die Schweigepflicht nicht halten will, muß bis zur Wahl des Hohenpriesters ferne bleiben.“ Viel zu gierig, Delajahs Schicksal zu erfahren, geht keiner fort. Zu Paros sagt die Richterin:
„Ich will dich absolut nicht kränken, doch dir hüpft die Zunge allzu rasch dahin. Und weil du mich verleumdet hast, bist du bis zur neuen Wahl im Hohen Rate frei. Ein zweiter Wortbruch brächte dir Gefängnis ein.“ Es ist beklemmend still. Sechs möchten gehen, um zu zeigen, daß man ‚sie‘ nicht anerkennt. Priester sind nicht einfach wegzuschicken.
Wäre es ein Synagogenleiter irgendwo in einem Winkel, — man überginge ihn. Drei Priester pendeln; nur Asbak, Kisjath und zwei neue stimmen ihrem Urteil zu. Das Feine der Gerechtigkeit hat ihr Eis geschmolzen. Wie körperlich fühlen sie, als hege sie Deboras gutes Wesen ein. Sie sagt:
„Zu eurem Schutze mußte Paros gehen. Oder wollt ihr, daß das Volk euch nichts mehr glaubt? Ich bin gegen keinen, nur gegen alles, was den Priestern nicht geziemt. Sie, das Vorbild, müssen doch in allen Stücken ohne Tadel sein. Das ist keine Überforderung, wie Artham meint: ihr wäret auch bloß Menschen, dem Verlangen, dem Versagen ausgesetzt.
Kein Mensch würde an euch rühren, wenn ihr mal versagt, wenn das Blut zu heiß durch eure Adern rollt. Aber viele nackte Lügen und Betrug, Herrschsucht, wie sie gang und gäbe ist, Überheblichkeit, Verachtung aller Armen und noch mehr, — seht, das hat schon längst dem Volk die Augen aufgetan. Nur die alte eingefleischte Angst ist noch das Band zwischen ihm und euch.
Seit Jahren war vom Rat nicht einer im Gebiet. Ja natürlich, der ‚abgesetzte Rabbi‘, wie sie heißen, mußte zu euch kommen, wenn er eine Bitte hatte, die meist abgeschlagen ward. Seht nach Achsaph oder Arrat, nach Beth Kamul oder über Ataroth hinaus! Dort geht man gern zu einem Synagogenleiter, der mit den Armen noch sein karges Essen teilt, die Kinder freundlich lehrt, am Krankenlager sitzt und vieles mehr.
Es ist gut, euch die Augenbinde wegzunehmen. Ein Priester soll sich nicht ins Weltgetriebe mengen; zumal für ihn scheidet sich die Welt vom Geist (Matth. 6, 24). Wäret ihr wie Priester aus der Ordnung Melchisedeks, die ihr Werk mit GOTT beginnen und beenden, o — nie gingen wir verloren, wie ebenfalls kein anderes Volk mit solchem Priestertum. Aber so — — ?
Der Hohe Rat ist hohl, ihm nützt keine Tünche mehr (Matth. 23, 27). Wer nun gehen will, dem wird es nicht zur Last gelegt.“ Das nagt am alten Trotz, an den man sich gewaltsam klammern möchte. Kisjath, mit Bedacht die Zügel an sich nehmend, entgegnet schlicht: „Wir bleiben und — wir schweigen.“
Debora gibt daraufhin bekannt, was sich mit Delajah zugetragen hat. Ah, kaum zu glauben! Die Freunde nehmen einen Stab, Symbol des großen, wie er noch aus Mose‘s Zeit in Gottes Hütte liegt. Die Nachbildung benutzt man im Synedrion. Wer nach diesem weißen Stabe langt[VH22], braucht keine Formel auszusprechen. Es ist das Zeichen für die Wahrheit, das niemand anzugreifen wagt, wenn sein Zeugnis unecht ist.
Grauen kriecht durchs Herz. Kisjath will der Richterin von nun an folgen. Gott hat sie gewählt. Sie ist gut und weise, wie die großen Alten waren. Er sagt: „Wir müssen schweigen, bis der Krieg beendigt ist, Wenn man aber nach ihm fragt? Und dann: Wenn du wußtest, was geschehen würde, konntest du mit Gottes Kraft ihn nicht bewahren? ihn umwandeln, wie du viele umgewandelt hast? Auch fast das ganze Volk?“
„Nicht leicht verständlich“, sagt sie warmen Tones. „Delajah ließ bloß seinen Willen und nicht Gottes Führung walten, denn er dachte sich zwei Wege aus. Er wollte mit Gewalt das Richteramt, von Gott dem Josua übertragen, mit dem Hohenpriesteramt einer einzigen Person verleihen. Wem — ? Aber Geist- und Weltmacht so vereint, ist das schlimmste Übel was es gibt. Denn nur ein Träger beider Mächte muß sich stets in jeder Hinsicht spalten, sobald das Gottes- oder Weltenleben es erheischt.
Geist wider Welt oder umgekehrt! Doch auf welchen Teil man etwas stellt, das muß erst vom anderen genommen werden. Das hat Delajah nicht bedacht, weil solches Amt kein Beispiel hat. Ein Abraham, Mose oder Josua ist er nicht, jene, die aus GOTTES GEIST sowohl das eine wie das andere Amt beherrschten. Ihm wäre es zur untragbaren Last geworden. Davor hat der Himmel ihn bewahrt.
Das zweite Schlimmere war, weil er sich töten wollte.“ „Wenn wir alles glauben — dieses nicht!“ rufen einige entsetzt. „Weil ihr keine Schau besitzt“, sagt Debora ruhig. „In ihm nagte eine große Angst — vor GOTT! Ihr meint, dann erst recht hätte er sich nicht entleibt? Er sann öfter an den Grüften: ‚Da liegen die Gebeine; wer weiß, ob und wann der Herr sie auferweckt. Bis dahin — hat Er sicher manche Schuld vergessen.‘
Kindisch macht die Ausgeburt der Angst. Er sah seinen Stuhl zerstört. Diese Schmach wollte er nicht auf sich nehmen. Er konnte ihn behalten, hätte er zum Herrn sich umgewendet; doch er hatte sich zu arg verstrickt. Zum dritten kam, daß nicht er den Krieg gewinnen würde, worauf er jene Macht zu setzen hoffte: Delajah — Weltfürst Israels; Delajah — Hoherpriester!
In einer Nacht ward ihm die Decke weggezogen. Das Licht, fernher leuchtend, kam ihm nebensächlich vor. Sein Glaube war nicht ganz verlöscht, sonst hätte er das Leuchten nicht gesehen. Doch wie er stets dem Weltlichen die Vorhand gab, so auch im Traum den Abgrund vor den Füßen.
Durch Gnade wurde er bewahrt. Die Brücke ist geschlagen, daß er noch im Leben dieses heiligferne Licht erreicht. Anders wäre seine Seele in den Tod gefallen. Erst der HEILAND hätte ihn aus seinem Tode, der nicht ohne Angst und Pein verläuft, erlöst. In der Fremde wird er eine Heimat finden; als Gefangener wird er von seiner Welt befreit.“
Eine schwere Schlacht, die das Licht den Priestern liefert. Wäre es ein Mann, der das sagt und tut, — alle würden jetzt die Waffen strecken. Daß solche Wahrheit, Gottes Führung und die Offenbarung Seiner Herrlichkeit, vom GEISTE kommt, unabhängig von der Person, sieht nur Kisjath ein, und zwei der neuen, die noch nicht vom Hochmut angefressen sind.
Er bekennt: „Nun seh‘ ich selber ein, wie falsch es wäre, auf ein leeres Grab zu zeigen. Was aber sonst?“ Sagt Matthanja: „Hast du wahres Gottvertrauen?“ ?? Ein Schulterheben. Zu einem ‚Ja‘ langt es noch nicht. „Ihr habt euch oft geärgert, wenn Delajah seinen Dienst euch aufgebürdet hatte.“ Das gibt man zu. „Also“, fährt Matthanja fort, „ist man längst gewohnt, den Hohenpriester kaum zu sehen; man wird gar nicht fragen, wenn ihr eben wie bisher die Gottesdienste leitet.
Im Kriege sind die Männer fort; nur Alte oder Frauen kommen her zu euch; und die tun ohnehin den Mund nicht auf. Jeder wußte, daß Delajah selbst die Leitung übernehmen wollte. Da nur wenige an ihm hängen, so versteht man nach dem Kriege die Verlautbarung, er sei ausgewandert. Gerade dadurch wird man ihn noch achten, was auch dem Hohen Rate mit zugute kommt, während — für die Welt gesehen — es ihm unerträglich werden mußte, ohne Sieg und abgesetzt den Menschen zu begegnen.“
„So leicht hätte ich‘s mir nicht gedacht“, bekennt Phillas, der eine neue Priester. „Und was die Schar betrifft, die sich in Silo sammelte“, sagt Jizri, „wird Fürst Hamer zugewiesen. Da sie nicht wissen, daß der Fürst der Richterin die Treue schwur, gehen sie im guten Glauben nach. Haben sie den Sieg erlebt, dann ist ihr Jubel viel zu groß, als daß sie ihn, weil ohne Hohenpriester, sich selber schmälern würden.
Delajah hätte ausposaunt: Ich habe diesen Krieg gewonnen! — Seine Ehrsucht hätte noch das letzte Krümchen Licht erstickt. Doch bei uns heißt es: Israel hat gesiegt — aus GOTTES KRAFT! Dann kann sich jeder notfalls selber ehren. Gott legt der Richterin den Sieg in ihre Hand und sie — dem Volk! Sehet ihr den Unterschied, der sich aus ihrer Art ergeben muß?“
„Ihr bleibt kaum anderes übrig“, beißt Artham wieder. „Schon daß sie zu Hause bleiben muß, trägt ihr keine Ehre ein. Ich gebe heute zu, daß sie gute Gaben hat; die beste wäre Demut.“ „Du kannst sie nicht beleidigen“, entgegnet Barak glühenden Gesichts. Debora hält ihn an:
„Rege dich nicht auf. Er hat recht; nur weiß er nicht, was Demut ist. Er verwechselt sie mit Unterwürfigkeit, Willenlosigkeit der Frau dem Manne gegenüber. O, weit gefehlt! Als Geschöpfe sind wir — ohne Fessel aus dem freiherrlichen Willen Gottes an die Gottheit angebunden; darin liegt der Kern der wahren Demut, die vom Himmel kommt und nicht von dieser Welt.
Der Geist, Gottes höchste Gabe ans Geschöpf, beugt sich Seinem Willen; er fällt nie. Ob wir ihn hören oder nicht — er bleibt mit Gottes Geist vereint. Unseres Geistes Demut ist die Hoheit unseres Wesens, durch die wir Gottes Kinder sind. Was meinst du, Artham, ob nicht solche Demut auch dem Mann geziemt? Ohne diese wärest du kein Gotteskind.“
Es ist eine Ausflucht: „Jeder ist Sein Kind, Er hat uns allesamt gemacht.“ Debora lächelt fein: „Zwei Fehler! Gottes Kinder? Fragt sich nur, ob auch aus uns geworden. Darin liegt die Rückgabepflicht an das Empfängerrecht! Das verstehst du doch?“ Artham nickt ohne jegliches Verständnis.
„Ohne weiteres gelingt es nicht, wenngleich man aus dem eigenen Geist die freie Rückverbindung pflegt. Das zweite Minus: die Frauen in die Winkel abzustellen, du sagst jedoch, wir wären allesamt von Gott gemacht. Ist das der Fall, weshalb sind die Frauen weniger wert als Männer? Schuf der Schöpfergott aus Seinem einheitlichen Geist zwei grundverschiedene Geschöpfe, die vor Ihm getrennt in Hoheit und in Niedrigkeit verbleiben?
Rede nicht erst wieder falsch“, wehrt sie ab, „schon der Körper zeige einen Unterschied. An ihm, in der Materie, nicht in Hinsicht eines Wertes! Was tiefstherrlich es ergibt, des Geistes Hoheit, der Seele Kraft, des Gemütes Güte, der Gedankenadel, — das macht unser Wesen aus. Aus der Personalität des Schöpfers ist der Geistanteil geworden, aus Seiner Werkkraft unsere Seele. Vor Gott gibt‘s nur die Unterscheidung zwischen gut und böse. Die TATEN prägen unser Sein!“
Eine Sprache, den Gelehrten fremd. Gottes Wort haben sie studiert und manches davon weggenommen, auch hinzugefügt. Doch es blieb stets das, was es immer war. Keiner konnte daran rütteln. Hinein vertieft haben sie sich nicht, das hätte mancher Satzung widersprochen. Nun ist‘s, als schiene ihnen ebenso das ‚ferne Licht‘, wie Delajah es im Traume sah.
Phillas sagt: „Ich habe einen Feind. Nun ich sehe, was du Gutes lehrst, will ich bitten, Gott möge ihm verzeihen.“ „Tust du damit nicht zuviel?“ fragt Debora, nicht ohne kleine Ironie. Phillas sieht perplex und forschend drein. Hatte sie sich über seinen guten Willen nicht gefreut?
„Du meinst es ehrlich“, nickt sie freundlich. „Doch überlege, ob nur dein Feind am Streite schuldig war. Und was hat das mit Gott zu tun? Du mußt deinem Feind vergeben! Reichst du ihm die Hand und er schlägt sie aus, dann ist‘s gut, den Herrn zu bitten, Er möge ihm vergeben, — nicht das Unrecht, das ist deine Sache. Bloß wenn er deine Hand nicht nimmt, ist‘s dem Herrn zu überlassen. Alsdann ist die Bitte ganz gerecht.“
Phillas seufzt: „Das greift tief in unser Menschentum hinein. Ich wollte ihn belehren, er hörte aber nicht.“ Sie erwidert: „Die beste Lehre ist, ein Beispiel sein (Joh. 13, 15).“ Sagt ein anderer: „Alles schön und gut, doch für unsre Zeit nicht angebracht. Zwanzig Jahre ohne Sühne kann man Jabin nicht vergeben. Denn wer brennt, der wird gebrannt; wer schlägt, den schlägt man wieder. Meinst du“, fordert er die Richterin heraus, „daß die zwanzig Jahre Elend Gottes Wille war?“
Sie weist ihn ab: „Nach Ithamar und Eleasar gab es wenig gute Priester, die in der Lehre der Leviten blieben (4. Mo. 3, 12). Diese wußten: Alles geht durch Gottes Hand[VH23]! ER, selbstgewordene Güte, gibt nur Gutes; und jedes Ding dient dem zum Besten, der Gott über alles liebt (Röm. 8, 28).“
„Und ein Blitz?“ fragt jener arg. „Kommt der auch von Gott, wenn er in des Armen Hütte schlägt? Ist er glaubenslos, kann man ja von einer Strafe reden; doch ein Reicher, mit und ohne Glauben, baut sich das Zerstörte wieder auf. Er ist von Gottes Güte oder dessen Zorngewitter unabhängig.“
„Bist du fertig?“ Matthanja zügelt sich nur schwer. Einer aus dem Hohen Rat und solche Anschauung! Der zuckt die Schultern: „Von mir aus?“ Eine Antwort ist ihm ganz egal. „Deinetwegen, Basjuth, bliebe mein Mund still; und den HERRN braucht keiner zu verteidigen, das merke dir! Bloß möchte einer daraus seinen rechten Glauben wiederfinden.“ „Einer — ?“ lacht Basjuth langgedehnt. „Dieser Sieg kann mich erschüttern.“
Matthanja übergeht die freche Anspielung. „Dir diene jetzt ein Bild. Ein Samenkorn ins Land gesenkt, und seine Ähre trüge hundert Körner, von denen wieder jedes hundert, und so fort. Es wächst ein Rebstock aus dem Kern. Rechne selber seine Vielzahl aus, von GOTT als Segen in den einen Kern gelegt. Noch ein anderes, das zwar selten vorzufinden ist.
Als uns Kanaan besiegte, als uns die Last aus Gottes Hand die Rute, um uns zum Glauben zu erziehen — ‚ fast erdrückte, war ein Samenkorn zum Heil erwählt. Bei den Menschen währt es länger, bis der Same, aus dem Boden kommend, jene Früchte trägt, die in Gottes Licht und Liebe reifen. Zwanzig Jahre lag das Korn im Herzensboden einer Frau. Dann durchstieß es ihre Herzenserde und wurde für die Menschen offenbar: Debora!
Sie auch fand den elternlosen Barak, dem sie ihre Auserwählung anvertraute. Führende des Volkes waren noch nicht reif dafür. Und der junge Barak ward für uns der eine Same. Läßt sich‘s heute etwa leugnen, wieviel Früchte es geworden sind? Israel und viele Stämme sind erfaßt. Nicht nur, wie mancher von euch denkt, des Krieges und der Waffenhilfe wegen, die wir brauchen, — nein, nach dem Kriege werdet ihr erfahren, welche schönen Früchte unser Glaube bei den Helfern trägt.
Delajah — damals viele hinter sich — suchte die Verbrüderung des Krieges wegen. Das war nicht falsch; doch es durfte nicht an erster Stelle stehen. Debora lehrte all den Heiden unsern Gott, ER stand allein im Vordergrund. Sie hin zum Höchsten leiten war ihr einzig hohes Ziel. Weil sie daran keinen Weltgedanken band, es möchten ihr die fremden Freunde einmal helfen, darum kam die Hilfe ganz von selbst: durch GOTT!
Wir sind als Volk weder weltlich, am wenigsten dem Geiste nach zu stürzen, wenn wir Gott die Treue halten. Nun fraget euch, was einer kann. Überdies: der Eine Herr, Er segnet uns; der Eine Herr kann alles, was Er will. Ich wiederhole daher gern, was Debora einmal zu uns sprach: Gott sagt immer Ja; denn Sein Nein ist ein geheimes Ja Seines Willens an uns!
Der Blitz kommt wohl von Gott, zwar nicht wie Basjuth wähnt. Das Natürliche hat sein eigenes Gesetz, vom Schöpfer festgelegt. Wütet es wie blind, dann sind viele Menschen, auch ein ganzes Land ihm ausgesetzt. Jabin war für Israel ein Blitz, verdientermaßen, weil man Gott verloren hatte.
Du hast zwei Ungläubige zitiert. Den Armen ruft das Ungemach. Er hört zumeist darauf. Bittet solcher einen Reichen, ihm zu helfen, so ist das der Ruf, der dem Reichen gilt. Leider wird er selten aufgenommen. Ruf- und Warnsignale sind die Blitze und die Donner Gottes (OJ. 4, 5).
Ich erinnere an Hariph, dessen großes Haus am Ölberg lag. Er war reich. Vor Jahren äscherte ein Blitz ihm alles ein und blieb keine Mauer übrig. Er sprach lästernd: ‚Schöner, größer baue ich‘s mir wieder auf. Gott hat mir einen Dienst erwiesen, ich brauche es nicht selber abzutragen.‘ Bald danach, und es standen Haus und Hofraum fertig da, wirklich schöner und viel größer. Ich selber hörte ihn dann sprechen:
‚Man sagt, Gott hätte mich gestraft. Dann mußte Er mir alle Habe nehmen. Gott kümmert sich in dieser Weise nicht um uns; er regiert den Himmel, der Mensch die Welt. Mein Erbe habe ich vermehrt.‘ Mit Betrug — “, betont Matthanja. „Nachts darauf starb der arme reiche Mann (Luk. 12, 20-21).
Genug der Bilder. Wer einem Schlag mit Schlägen Antwort gibt, ist Gott ferner als der Ararat dem Sinai. Doch eins, damit Artham nicht erst widerreden braucht: Kriege machen es erforderlich, dem Schwert mit Schwertern zu begegnen. Allein — man kann auch schlagen, ohne totzuschlagen.“
Die Richterin steht auf. „Unsere Arbeit ist getan. Wir sind bis morgen früh bei Bilsuel. Wer etwas will, der komme hin.“ Kisjath sagt verlegen: „Ich bitte dich, nimm bei mir ein Mahl, alle“, wendet er sich an die ganze Runde. „Dachte schon, du wolltest ihr alleine schnurren“, haut Basjuth nochmals arg daneben. Debora lacht das Gift hinweg, das Kisjath traf. Sonderbar — gleich hat er verstanden und erwidert ruhig:
„Ich bat euch ja, also war die Rede überzählig. Und ich stimme in das liebe Lachen ein. Basjuth, hast mich nicht getroffen, daher ist‘s nicht ernst zu nehmen. Mich würde wirklich freuen, wenn ihr kommt.“ Debora nickt ihm zu. Mit Kisjath, einmal umgewendet, läßt sich eine Bresche schlagen und — wolle es der Herr — wird der Hohe Rat bald sauber sein.
Kisjath bereitet seinen Gästen ein paar schöne Stunden. Freilich sind nur Phillas, Asa, Asbak und Sophereth gekommen, lauter neue für die Abgegangenen. Lapsas wäre gerne dabei, doch er fürchtete die Richterin. Nebst anderen Fragen stellt Asa eine wichtige. Damals hätte es geheißen, daß bei einer Wahl Delajah noch am Ruder bleiben sollte, nur nicht mehr allein. Nun wäre durch die Flucht das nicht mehr nötig.
„Du meinst“, kommt Debora ihm entgegen, „die Anordnung als meine Prophezeiung bliebe unerfüllt? Lieber Asa, wenn der zugegen ist, dem sie zu gelten hat, wird sie verhüllt, weil Gottes Liebe dann noch hilft, wenn der Mensch es gar nicht mag. Erst bei dem Zuspät zeigt sich Gottes zweiter Weg: der Ernst! Delajah mußte frei zur Umkehr kommen, dafür war ihm angeboten, noch im Amt zu bleiben. Er schlug dies aus. Also trat für ihn ein anderer ein, der sich rechtzeitig umgewendet hatte.“
„Arthasus oder Bezai könnten Erster sein“, sagt Kisjath. „Sie haben ja ein Priesteramt: die Tat!, mit der die Lehre auch verbunden ist“, entgegnet ihm Debora. Beide danken später, weil Debora sie ‚herausgerettet hätte‘, denn das begonnene Amt machte ihnen viele Freude.
Man geht zum Wirt. Die Abordnung von Silo grüßt Debora ehr erbietig, so daß Kisjath denkt: ‚Gut, daß der Herr sie uns gesandt und ich ihr „Gottesamt“ erkennen darf.‘ Das Vertrauen festigt sich. Als sie sagt, Delajah könne nicht amtieren, nimmt man‘s nebensächlich auf. Eine Frau wagt gar: „Man sah ihn selten, bei seiner Predigt wurde keiner warm. Dennoch achtete ich ihn, wie Gott befiehlt, den Obersten zu gehorchen (Hebr. 13, 17).“
„Wenn sie gut und weise sind“, berichtigt Jizri und reicht dem Weibe einen Trunk. „Wenn sie gut und weise sind“, wiederholt deren Mann. „Eine solche Oberin, wie nie gehabt, besitzen wir, dazu einen feinen Fürsten und Getreue, unseres Volkes hohe Zier.“
Als anderntags die Deputierten überall erzählen, was sie mit der Richterin geredet haben, erfüllt die Leute frohe Zuversicht. Auch trifft Matthanjas Ansicht ein. Wohl fragt man nach Delajah, begnügt sich aber mit „er ist dispensiert“. So hat Debora samt den engsten Mitarbeitern vorgesorgt, spätere Konflikte zu vermeiden.
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