← Zurück zu „Babylon, du Große“

Kap 6 Daniel hält ein falsches Urteil auf; die heilige Quadratur im Gebet

Kapitel 6

Der letzte Tag der vierten Woche. Im Residenzsaal steht der Stein der Weisen, mit einem Scharlachtuch verhüllt. Aus rundgeformten Hörnern gellt es durch das Schloß. Auf den Türmen und den Mauern wird Alarm geblasen, bis weit ins Land hinein, stromauf, stromab. Die Berge werfen das Signal als Echo in die Stadt zurück.

Erschrocken fahren alle Städter hoch. Bloß im Schmiedehaus hat Harphyas ‚kleiner Blick‘ die Angst gebannt. — Die Landesedlen treten in den Saal, hinterher die Traum- und Sterndeuter, umgeben von der gelben Polizei. Trotz des Glanzes sieht das Ganze wie ein Gang zum Henker aus — denken Perser und Chaldäer. Die Babylonier, gewoht an diese Art, haben keinen Arg. Noch weiß niemand, was der König fordern wird.

Die Pfauenwedler stehen ziemlich fern; die Wedel sind an langen Stäben festgemacht. Nebukadnezar duldet niemand in direkter Nähe. Auch Daniel und seine Freunde stehen abseits samt den Weisen. Nun marschieren viel Braune ein, bis sie, Schulter an Schulter, alle Wände säumen, während an des Königs Pforte sich die Gelben in drei Reihen sammeln.

Ein Hornstoß läßt den Saal erzittern. Die Hohen neigen sich, die Wachen stehen ehern da. Nebukadnezar kommt und nimmt auf seinem Throne Platz. Ein diabolisches Grinsen weiß er zu verbergen. Heute soll man spüren, daß er der Mächtigste der ganzen Erde ist (soweit damals von den Babyloniern erkannt).

Als er sich setzt, erschallt ein zweites Hornsignal. Die Hohen dürfen sich geraderichten, die niederen mit geneigtem Kopf. Ein Bild unerhörter Macht, ein Bild von Tyrannei und Grausamkeit. Zwei Männer fühlen das: Aspenas und Arioch. Doch absichtlich ziehen sie den Mund in herbe Falten.

„Ihr Weisen!“ Ätzend wirkt die königliche Stimme. „Ich hatte einen Traum, der mich erschreckt (Dan. 2, 3). Sagt an, was es für ein Traum gewesen ist.“ Lotusja, der Oberste der Chaldäer, hebt eine Hand. Allein — die Angst fällt von ihm ab, als ihn ein Blick von dem ihm unbekannten Daniel trifft. Später kommt die Sorge wieder, weil er nicht die Zukunft kennt. Jetzt — —

„Der König lebe ewig!“ Lotusja denkt nicht an die Welt; er kennt die Jenseitslehre, wenn auch nicht sehr tief. Der Babylonier aber sieht es weltlich an. „Sage deinem Knecht den Traum, ein Chaldäer kann dir alles deuten.“ Lotusja spricht chaldäisch, den meisten Anwesenden unverständlich.

„Er ist mir entfallen. Ich laß‘ euch stückweis töten, eure Häuser auch verderben mit allem, was darin lebendig ist, wenn ihr mir den Traum nicht sagt und deutet! Doch könnt ihr es, dann will ich euch mit vielen Gaben ehren.“ „Lasse uns beraten.“ Lotusja spricht mit seiner Gruppe altchaldäisch, was dem König ungeläufig ist und ihn außerordentlich verdrießt.

„Wir ehren dich, du Göttlicher“, fängt Lotusja wieder an. „Du verbirgst den Traum in dunklen Schleiern. Nimm diese weg, dann sind Schau und Deutung leicht.“ Nebukadnezar spielt ein böses Spiel; noch bezähmt er seine Wut. Ah, sie verrechnen sich — alle! Alle? Da ist der Jordanseher, der — — Pah!

Listig wendet er sich den Chaldäern zu: „Ich zog keine Schleier vor; mir entfiel der Traum. Nennt und deutet ihn! Wenn nicht —“ Er braucht die Drohung nicht zu wiederholen. Lotusja sagt: „Niemand kann die Forderung erfüllen. Ebenso gibt‘s keinen König“, sucht er zu besänftigen, „wie mächtig er auch sei, der solches wünscht. Du bist mächtig, und so siehst du als Gott Bel, wie ehrlich wir dir helfen wollen.“

Nebukadnezar übergeht die Schmeichelei und fragt die Perser aus. Sie handeln wie der Oberste der Chaldäer. Schuthnaza, der Oberste der Babylonier, fügt am Ende an: „Du bist allmächtig; Heil dir als unser Bel!“ Das Weitere klingt unbefangen, um die Todesdrohung wegzuwischen. „Du hast uns oft befragt; und nenne mir ein Ding, das wir nicht erklären konnten. Lotusja ist besonders klug, und so weise ist der Perser Sasmigal, der das Wort der Sterne kennt. Er kann Schwierigkeiten lösen.

Was du jetzt verlangst, o Euphratherrscher, das geht über jede Todeslinie hinaus. Kein Gott wird dir den Traum enthüllen, wenn er dir entfallen ist. Bel ist der höchste aller Götter; und du selbst bist Bel.“ Der kluge Babylonier hat das Ärgste abgewendet. Diese Schmeichelei, daß Nebukadnezar als der Oberste der Götter angesehen wird, hat ihm seine Henkershand gefesselt — zunächst — — Doch er widerspricht:

„Ich warte noch drei Tage. Ruft die Wahrdeuter sofort her! Wenn dann der Traum nicht vor mir ausgebreitet wird, noch seine Deutung kundgetan, sollen alle sterben, samt den Weibern (1. Sam. 28, 7-12), die wahrsagen können. Niemand wird verschont! Die ‚Künder‘ kommen in den ‚dunklen Flügel‘!“

Das ist ein Haus auf der steilsten Stelle, bis wohin das Schloß sich zieht. Es hat keine Fenster. Ein Schacht inmitten gibt den Zellen etwas Licht und Luft. Man betreut die Weisen gut. Auch ein Nebukadnezar darf den Zorn des Perserkönigs nicht heraufbeschwören. Er schadete sich sehr, weil es in seinen Protektoraten heftig gärt und schwelt.

Arioch geht zu Daniel. „Du Jordanmensch“, tobt er zornig, „hast das angezettelt; wehe dir, wenn das Urteil spruchbar wird! Ich töte dich mit eigener Hand!“ Er fühlt sich ausgelaugt. Zuviel steht auf dem Spiel. Glaubt der König, daß er als die schwarze Hauptfigur der Sieger bleibt? für immer — —

Daniel lächelt vor sich hin ‚„Dir vergeht das Lachen!“ schnaubt der Richter. „Ich lachte nicht, ich war über jemand froh.“ „Etwa über die Gefangenen, die Könige des Geistes und angesehene Männer sind ?“ „Nein, über dich. Du verdeckst die Angst um euch mit deinem Zorn, weil der König Babylon im harten Spiel verliert. Das zerreißt dir dein Gemüt.“ „Du spinnst!“

„Du hast bereits das Urteil in der Hand“, erwidert Daniel, „bist aber zag geworden, weil es jedes Menschenrecht zerbricht. Warum legt der König sich‘s zur Last? Unmögliches bleibt unbewältigt!“ Er sieht: der Richter hat gehofft, er könne helfen. „Wann ist das Urteil zu vollstrecken?“

„Morgen, wenn die Sonne kommt.“ Arioch steht müde auf. Daniel hält ihn zurück: „Melde mich beim König.“ „Du willst — Woher nimmst du diesen Mut?“ Arioch bangt um ihn, der ihm — nicht zu gegeben lieb geworden ist. Die Freunde jammern: „Gehe nicht, du bist verloren!“ „Und wenn — ? Dann besser ich allein für alle (Joh. 11, 50)!“ Der junge Seher richtet sich entschlossen auf.

„Wie du willst! Aber gib nicht mir die Schuld, wenn dein Plan danebengeht.“ „Du bist frei vor meinem Gott!“ Arioch meldet es mit wenigen Worten, weil mit vielen nichts gewonnen wird. Nebukadnezar ist‘s gerade recht, um noch Öl in seinen Groll zu schütten. „Herein mit ihm, er soll mir büßen!“ Die Wachen öffnen.

Kriecht Daniel herein, um sich zu retten? Er beugt ein Knie, steht auf und sagt: „Dem König gilt mein Gruß! Groß bist du gewesen, als du meiner Frist drei Tage zugemessen hast, im Urteil größer, das noch niemand sprach. Aber besser — ? Echte Herrscher müssen über alle Dinge die Gerechtigkeit erheben. Warte noch vier Tage ab, ehe du dich mit dem Blut befleckst, das niemals abzuwaschen wäre. Dann erfährst du meines Gottes Macht!“ Wer ist ob der Kühnheit dieser Rede nicht entsetzt?

Die Wächter rührt es nicht, wenn einer hingemordet wird, mit und ohne Recht — meist ohne. Nebukadnezar ist zum ersten Male fassungslos. Wann hat er so etwas erlebt? Der ‚Sendling Gottes‘ sieht ihn furchtlos an. Entgegen seiner Wut sagt der König laut: Es sei!“ Das Wort, vor dem Geheimdienst ausgesprochen, muß er halten, sonst verliert er Thron und Volk.

Ungebeugt geht Daniel hinaus. Der König sagt zu Arioch im raschen Gehen: „Das Urteil gilt, am fünften Morgen, wenn —“ Dieses ‚wenn‘ hängt über Babylon. Auch die Freunde sehen nur die Frist, wie der Richter dachte: ‚Nicht aufgehoben, bloß aufgeschoben.‘ Der Seher bittet seine Freunde: „Laßt uns das Gebet in Gottes Hände legen, Er wolle mir des Traumes Deutung geben. Denn vier Tage hat die Große Babylon mir zugebilligt.“

Er berichtet, was sich zugetragen hat. Bis zum Abend beten sie; nicht in langen Litaneien. Inbrünstig steigt die Bitte auf, die Gefangenen und sie selbst zu schützen. Und siehe da — in der Nacht wird Daniel das Bild und dessen Sinn gegeben. Darüber wacht er auf und weckt die drei Gefährten.

„Danket mit dem Höchsten Herrn! Dem Menschensatan wird die Hand gebunden, und er muß die Pein vier Tage leiden, obgleich sein Zorn wie schwere Wellen tobt.“ Im höchsten Licht- und Sternezeichen, was damals schon verloren ging, in der ‚heiligen Quadratur‘, knien sie nieder, und Daniel betet an:

„Gelobet sei Dein Name, ewig-wahrer Gott in Deiner Herrlichkeit! Du änderst Zeit und Stunde, ohne Deine Ordnung aufzuheben; Du hast des eitlen Königs Zeit zerstört. Du setzt die Weltregenten ein und wieder ab; und einen Teufel weißt Du leicht zu zügeln nach dem Rate Deines weisen Willens. Der Mensch versteht es schlecht, warum ein Mächtiger oft lang am Ruder ist. Aber Du zerschlägst die Macht der Mächtigen, auch wenn sie ihre Völker lange unterjochen.

Du hast mir geholfen, dem Räuber eine Beute zu entreißen. Wer von DIR sich unterweisen läßt, dem gibst Du Deine Weisheit her und den gesegneten Verstand. Was tief verborgen ist, das hebst du hoch ans Tageslicht; was über uns in hehrer Höhe thront, trägst Du mit lieben Vaterhänden Deinen Kindern zu. Kann Dir die Finsternis verborgen sein? Dein Licht erhellt das Innerste der Erde, wie das Verborgene in eines Menschen Brust.

Dir danke ich, Vater derer, die voraufgegangen sind, die heute und in Zukunft leben, in allen Teilen Deines Reichs. Dir danke ich für Deine Stärke, um vor dem Schakal als Löwe aufzutreten. Dir sei gedankt, Deine Weisheit hat das Bild mir aufgezeigt. Heil Dir, o Herr, in Deiner Höhe der Unendlichkeit!“

← Zurück zu „Babylon, du Große“