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Kap 7 Des Königs Traum und seine Deutung

Kapitel 7

(Dan. K. 2) — Arioch läuft umher, als ob sein Kopf in einer Schlinge wäre. Er will das Urteil nicht vollstrecken. Doch es gibt genügend Knechte, die mit Teufelslust die Menschen foltern. Auf einen Menschen kommen schier zwei Henker.

Es ist die neunte Morgenstunde. Wieder strotzt des Königs Saal von Pracht, von Polizei, Wächtern und Soldaten. Die Weisen werden förmlich hergetrieben. Es sind hohe Frauen unter ihnen, auch manch armes, kleines Weib. Trotz Beratung Tag und Nacht, die jede Gruppe führte, war der Traum nicht zu erkennen, viel weniger denn seine Auslegung. Daniel ist die Ruhe selbst.

Bis zum Boden bückt man sich, als der König kommt, und niemand sieht, wie zwei Augenpaare ineinanderlohen. Wer ist mächtiger: die Große Babylon oder der Prophet? Nebukadnezar drückt seinen Grimm zurück; aber wehe, wenn — — Wieder dieses ‚wenn‘, ein gefährlich scharfes Schwert.

„Bringt her, der Traum und Deutung weiß!“ Arioch erwidert: „Ich habe ihn, der dir deinen Wunsch erfüllt.“ ‚Wunsch‘ ist gut, denkt Aspenas. Arioch führt Daniel zum Thron. Seine eigene Hand ist kalt trotz sommerlicher Glut. Daniels Hand nimmt ihm die schwere Bürde ab — den Bel. Er beginnt mit seiner Rede:

„Das verlorene Ding, Euphratherrscher, konnte man dir nicht enthüllen. Du schobst die dicke Decke über die Gedanken, die dir nicht entfallen waren. Auch ich nahm dieses Tuch nicht weg. Das tat der HERR der Wahrheit und der Herrlichkeit! ER offenbart, was du — aus purer Angst — verborgen hattest.“

„Rede nicht zu kühn!“ klirrt es wie das Beil des Henkers. Daniel achtet dessen nicht. Er fühlt lichthaft Schwert, Schild, Helm und Panzer: GOTTES Waffen, die er trägt. Ungebeugt steht der Seher vor der Weltmacht da und spricht:

„Babylon, du Große, wirst regieren bis ans Ende dieser Welt! Wie viel Völker auch noch kommen — : stets wird Babylon, die Große, thronen, bis der Erste König kommt, der zugleich der Letzte ist! Der Strom, an dem Babel mächtig sitzt, herrschend über ungezählte Menschen, wälzt seine Flut durch alle Länder, alle Völker! Wer von diesem Strome trinkt, wird ihm bis zum Ende hörig sein! (S. 17, 5)

Nicht meine Weisheit redet; ich bin nicht mehr als alle anderen. Mein Gott enthüllt den Traum. So höre! Es war wie eine Mann-Figur geformt. Sein Haupt war wie von feinstem Gold, seine Brust und Arme waren Silber; sein Bauch und seine Lenden waren Erz; seine Schenkel Eisen; die Füße teils aus Eisen, teils aus Ton. Im Schlafe sagtest du: ‚So sieht mein Babylonien aus.‘

Ein Stein fiel nieder, den keine Hand geworfen hatte. Machtvoll stieß er an die Füße und zermalmte Ton und Eisen. Da fiel das Bild und ward zermalmt samt Eisen, Silber, Erz und Gold. Übrig blieb ein Haufen Staub. Ein Wind verwehte ihn wie lose Spreu, bis nichts mehr davon übrig war (2. Mo. 32, 20). Du suchtest zu erhalten, was dir so königlich erschien. Umsonst! Du drehtest dich zurück; da war der Stein zu einem großen Berg geworden, den niemand übersehen konnte. Er erfüllte bald die ganze Welt. — Nun sag‘ an, ob ich deinen Traum genau beschrieben habe.“

Stets die starre Maske zeigend, erriet selbst Arioch es selten, was hinter jener Stirne stand, die ein schwerer Goldreif schmückt. Heute — ? Als ob ein Vorhang wie zerrissen wäre, zwischen dessen Riß des Königs Schreck wie eine Fratze steht. Daniel wartet eine Weile. Noch darf der König vor dem Hofstaat nicht zur Strecke kommen. Die Frage ist geheim gewarnt: „Willst du jetzt die Deutung wissen? Soll ich sie dir morgen sagen? — dir allein — ?“

Das Traumbild stimmt. Will Daniel durch das ‚von morgen und mit dir allein‘ bloß kneifen? Warte, Früchtchen, dir soll der Mut vergehen! „Jetzt will ich es wissen!“ zürnt der König hart und preßt die Zähne fest zusammen. Was wird die Deutung für ihn selber, für sein Volk, für dessen Zukunft bringen?

„Wie du willst“, erwidert Daniel. „Du wähnst, aus deiner Machtvollkommenheit Regent zu sein, Du irrst! Mein GOTT gab dir für deine Zeit die Herrschaft in die Hand. Und ER gab dir Gewalt, aber nicht zu Tod und Grauen. Das entstammt dem niederen Seelenteil. Aus der hohen Herrschaft hast du Herrschsucht hergestellt; aus Lichtgewalt Gewalttätigkeit gemacht.

Das goldene Haupt bist du, hast jedoch das feine Gold, die Herrschaft, die vom Licht gesegnet werden kann, auf Füße aufgesetzt, die leicht zerbrechlich sind. Wäre nun der Träger deines Hauptes auch aus Gold, was besagt, daß die Regierung voller Güte sei, dann wäre Gottes Segen durch dich offenbar. Aber nein!

Deine Ahnen sind gestorben. So stirbst auch du, während Babylon noch bleibt. Aber nie wird es von feinem Gold regiert. Nach dir tritt ein anderer auf, dessen Reich geringer ist. Ja, die Welt geht ihren Gang ins Grab! Die ‚Große Babylon‘ versinkt, wenn Mein König als der Letzte kommt!

Das Reich des Silbers kommt von Osten (Völker bis Christus) und versinkt im Westen. Das dritte hat die eherne Gewalt (Röm. Legionen). Äußerlich vergeht das Erz; bloß das Innere erstreckt sich lang und breit und — wird zuletzt sich selbst zerstören. Aber aus dem selben kommt das ‚Reich des Eisens‘, das viele Menschen unterjochen wird (Herrschaft Roms bis über das Mittelalter hinaus)! Haß, Feuer, Blut und Unterdrückung machen aus den Menschen weniger, als ein Staubkorn auf der Straße ist.

Die Füße und die Zehen teils aus Eisen, teils aus Ton, zeigt an, daß jede Herrschaft im voraus dem Untergang verfallen ist. Herrscher und Regenten, Heimliche und Hohe, Offene und Verborgene stehn mit ihrem Aufgang schon am Rande ihrer Gruft. Denn Ton und Eisen sind die Macht der Welt, die sich selbst den Todesstoß versetzt. Jedes Haus (Dynastie pp.) wird im Verhältnis kurz regieren.

Je mehr man sich auf Eisen stützt (Waffen), um so mehr steht ein Regent auf Ton. Das eiserne Gewicht zerreibt den Ton. Wie beides sich nicht ineinander mengen läßt, also werden alle Herrscher, die zu gleicher Zeit regieren, sich nicht einigen. Der Starke unterdrückt den Schwachen, solang die schwache Welt besteht, bis das Eisen mit dem eigenen Ton zerbricht.

Danach werden alle, die im Glauben hoffen, ins Reich des Ewigen gelangen. Es ist nicht von dieser Welt (Joh. 18, 36). Ewig bleibt das Reich des Geistes und des Glaubens. GOTT ist der Stein (Jes. 28, 16), geahnt und abgestritten, unsichtbar und doch vorhanden! Zum Berg geworden, werden dort die Kinder Gottes, die Könige des Lichts, auf seiner Höhe ihrem Schöpfer-Vater dienen und Ihn ehren.

Das Traumbild ist ein ‚heiliges Gesicht der Zeiten‘ bis zum Ende dieser Welt. So erkenne, daß nur ein Haupt ewig existiert: unser Gott, der Schöpfer aller Lebensdinge! ER allein verkauft das feine Gold (OJ. 3, 18). Das besitzt die sieben Geister Gottes: Regiment, Herrschaft, Wahrheit und Gerechtigkeit, Brüderlichkeit, Liebe und die sanfte Hand [VH2].

Sanftmut ist kein lascher Zügel; sie ist Barmherzigkeit, die dem Volke zuzukommen hat. Handelst du danach, dann wird man von dir sagen: ‚Seht, er hatte sich zu Gott gewendet und kam heim wie ein verlorener Sohn!‘ Dann bist nicht du die Große Babylon, der Schreck von ungezählten Menschen. Geht eines aus dem anderen hervor, wie ein Tier sein Junges wirft, so kommt es dennoch darauf an, wer sich aus der Finsternis zu Gottes Licht erheben läßt. ER macht aus dem Niederen das Hohe, aus dem Verworfenen das Gute, aus der Finsternis das Licht.

Denn ewig war und ist und bleibt Sein Regiment!“

Dem Wort folgt feierliche Stille, durchhaucht von einem Raunen, als ob Ungesehene alle dirigieren — auch den König. Er sitzt lange da, die Stirne aufgestützt. Die Oberen fürchten seinen Zorn. Wann jemals hatte er ein Recht des anderen anerkannt? Die drei Judenräte fürchten sich am meisten. Ist Daniel verloren, alsdann auch sie: Sadrach, Mesach und Abed-Nego.

Anders denken Arioch, Aspenas, die Perser und Chaldäer. Sie erkennen, was im König vor sich geht und wie tief der junge Seher in den Traum geleuchtet hat. Trotzdem atmen sie nur heimlich auf; von Menschenteufeln ist Nebukadnezars Hof durchsetzt. Etwa wendet er sich heute um; aber morgen — oder später — —

Endlich sieht er hoch und befiehlt: „Einen Altar her, der noch in keinem Tempel stand, Weihrauch, Myrrhe, Narde, Gold! Ich will euch zeigen was ein Gott vermag!“ Meint er sich? als Bel — ? Der Kästner (Schatzmeister) rast davon, Bald schleppen Sklaven das Befohlene herzu. Allein — so rasch verwandelt sich kein arger Mensch in einen guten. Listig fragt der König:

„Bist du hier gewesen und hast meinen Stein befragt?“ Er zeigt nicht auf die Verhüllung; es soll kein Fremder wissen, daß er den ‚Stein der Weisen‘ hat. Es wäre möglich, daß — Der Prophet sieht ruhig drein: „Frage deinen Hüter, ob ich aus unserm Raum gegangen bin. Du hast ihn fest verschließen lassen, und kein Wächter hätte je gewagt, dem Gebot zu widerstehen.“

Kniend rutscht der Wächter vor. „Herr, nimm meine Hände oder töte mich, hätte ich die Pflicht verletzt!“ Aspenas bestätigt, daß die Jungen nicht herausgekommen sind, nicht einmal zu einem Gang ins Freie während der vier Tage. „Hast du wirklich meinen Stein nicht angerührt?“ fragt Nebukadnezar abermals.

„Mein GOTT, nicht der tote Stein hat mich erleuchtet! Ich weckte meine Freunde, aber das ‚Gesicht‘ verschwieg ich ihnen.“ Der König grübelt vor sich hin. Ein Unbegreifliches geschieht: Er steigt zum reich geschmückten Altar nieder und legt den schweren Reif, den seine Stirne ziert, den Inbegriff der weltlich höchsten Macht, inmitten hin und winkt Daniel herzu, während sich der Hofstaat etwas nähert.

Nebukadnezar wirft ins Altarfeuer je ein viertel Bath vom Gold [VH3], vom Weihrauch, von der Narde und der Myrrhe. Das Feuer frißt das Ganze auf. Nimmt Daniels Gott die Opferung nicht an?

Der Seher betet laut: „Herr, Dir sei Dank für Deine Tat! Du hast ein starres Herz gewendet. Kein Rauch und kein Geruch entstand beim Opfer; also hat Dein Licht es angenommen. Wenn das, so bleibt nichts Weltliches zurück. Das Licht nimmt alles — — oder nichts! Dir allein gebühren Preis, Ehre, Dank und Anbetung!“

Selten wird die Welt erleben, daß ein König sich im Beisein seiner Untertanen beugt. Der Babylonier tut es vor dem Altar. „Jetzt weiß ich, daß es etwas gibt, was man aus sich selber nicht erkennen kann. Du geheimer Gott des Daniel hast mir gezeigt, was kein anderer zu sagen wußte. Deshalb will ich an Dich glauben, wie ich‘s eben unter Deinen unsichtbaren Augen tat.“

Da setzt Daniel dem König seinen Goldreif wieder auf. Selbst die härtesten der Männer sind gerührt. Und Nebukadnezar sagt zu seinen Hofbeamten: „Ich tue euch zu wissen und soll jeder darauf achten samt dem ganzen Volk: Ich erhebe dich, Daniel, zu meinem nächsten Fürsten hier an meinem Thron!

Die Altargaben, das weiße Fürstenhaus und die Landesgüter von der Landschaft Babel sind dein steuerfreies Eigentum. Regiere dort an meiner Statt. Du bist der Oberste von allen Weisen und darf kein Rat geschehen ohne deine Gegenwart. Kommen Oberste der Perser und Chaldäer her, dann unterstehen sie dir ebenfalls, solange sie in meinem Lande sind.“

Man bringt ein fürstliches Gewand. Mancher denkt: ‚Nun wird er an mir tun, wie ich an ihm und seinen Freunden.‘ Gedanklich schwimmen manche Ämter weg. Dennoch jubelt man. Einmaliges hat man erlebt: Selber aus der altgewohnten Bahn geschleudert und als säße er auf einem neuen Thron, der höher stünde als der alte, läßt‘s der König heute zu, daß man ihm sehr nahe kommt.

Zum Landgau Babel gehört das Judenlager zwischen Sepharvaim und Akkade. Das Eisen muß geschmiedet werden, solang das Feuer auf dem Amboß glüht. Deshalb läßt sich Daniel rechts des Thrones auf die Oberstufe nieder und sagt:

„Der König lebe lang — im Frieden meines Gottes! Du hast mir viel von dieser Welt geboten. Deine Gaben sollen Segen bringen. Nur laß mich bei dir bleiben; die Umkehr ist nicht leicht, um nunmehr in Gerechtigkeit zu herrschen, ebenso in guter Strenge, die bei jedem Volke nötig ist. Bin ich fern von dir, wer soll dir meines Gottes Rat vermitteln?

Es gibt drei hohe Männer, die dir dienen, wenn sie freigelassen werden: die Schriftgelehrten Sadrach, Mesach und Abed-Nego. Diese setze als Verwalter ein. Du wirst bald erkennen, wie gut mein Rat gewesen ist. Laß auch Jojakim aus seiner Haft, daß er bei den Juden wohne. Nicht als Regent! Er hat sein Herz bekehrt, daher kann er seine Freiheit wiederhaben.“

‚Wie gerissen‘, flüstern sich die Argen zu; ‚wie klug‘, denken andere. Die Klugheit siegt. Noch ist Juda nicht zurückzuführen, noch lange nicht. Der weite Weg in die Gefangenschaft, der völlige Verlust von Hab und Gut, zerstört die Städte und die Dörfer Kanaans — wo sollte man da bleiben? Doch unter eigenen Gelehrten wird das Leben in der Fremde leichter zu ertragen sein. Auch bleibt so das Volk bei seiner Art.

Daniel am Königshof — das ist Gottes Führung. Ein Nebukadnezar kann sich zwar im Augenblick bekehren, doch aus einem Raubtier wird kein Lamm, es läßt sich höchstens zähmen. Und das ist des Sendlings Auftrag aus dem Reich.

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