Kapitel 12
(Dan. K. 5) — Der Babelgau, verbrieft, ist nicht zu enteignen. Beamte warnen ihren neuen König, den ‚Jordanseher‘, wie er noch allseits heißt, herauszufordern. „Dein Vater“, sagen sie, „hat die Judenobersten verbrennen wollen; doch ihr Gott half durch das Feuerwunder, über das man überall noch spricht.“
„Pah! Zauberei! Mag er ihn behalten, er ist ohnehin teils eine Wüste.“ Man verrät es nicht, daß der Gau durch Fleiß, vor allem längs der Flüsse, fruchtbare Felder und große Gärten hat, wovon ein hoher Zins die königlichen Kassen füllen hilft. Ja, manch Jude ist jetzt wieder reich geworden.
Daniel hat Harphya zu sich geholt, als seinerzeit der Räterat zur Herrschaft kam. Die Schmiedeleute waren sehr betrübt; doch Asnorba wußte, daß sie bei dem Bruder, an den sich niemand wagte, sicher war. Oft kommen sie zum Schmiedehaus, und für alle ist es dann ein schöner Feiertag.
Bel-Sazar hat den ‚Durafürst‘ noch nicht zu sich befohlen. Dem ist es recht. Er lebt nun unter seinem Volk. Man holt sich bei ihm Rat und Tat. Die Obersten Mesach, Sadrach und Abed-Nego, die noch das Privileg der Führung haben, achten ihn. In der letzten Zeit von Nebukadnezar konnten sich die Juden Synagogen sowie Lehranstalten (Schulen) für die Jugend bauen.
Eine Kunde macht das Judenvolk rebellisch. Bel-Sazar, ein Gastmahl gebend, ließ die Gefäße des Jerusalemer Tempels, die im Schloß zu Erech im Lande Sinear gehütet wurden, bringen. Die Hohen samt den Frauen sind befohlen worden, auch des Königs Harem ist dabei. Nur die Königin ist nicht erschienen. Wer weiß es wohl, daß Daniel sie Gott erkennen lehrte?
Am Mittag fängt das Gastmahl an. Jenen Kelch, der einmal im Jahr das Blut des Passahlammes aufzufangen hatte, hebt der König hoch, gefüllt mit dunklem Wein. Er ruft: „Seht her, ich bin nicht nur Bel, wie es mein Vater war — nein, ich bin der Gott der Götter, und ihr habt mich anzubeten! Ich bin auch der Juden Gott, darum trinke ich aus Seinem Kelch. Weil Bei aber unser Hauptgott ist, so nennt mich fürder ‚Bel-Gott-Bel-Sazar‘!“
Man jubelt, ißt, trinkt und tobt und scheut sich nicht, öffentlich sich zu begatten. Bel-Sazar achtet trotzdem scharf darauf, daß die herrlichen Gefäße nicht beschädigt werden. Geheime Räte sind dazu mit eingesetzt, und manch ein Dieb wird sofort abgeführt, der es wagte, ein Gefäß zu stehlen. Babylon ist zu dieser Zeit von Fremden überfüllt. Nachträglich feiert man Bel-Sazars Krönung, eine ganze Woche lang.
Bei der Thronbesteigung hielt er es für klug, den Tod des Vaters drei Monate zu beweinen. Nun zeigt er sein Gemüt, ein krankes und zerrissenes, von größerem Wahn belastet, als Nebukadnezar es in seinen schlimmsten Zeiten war. Noch merkt das Volk es nicht; noch schont er seine Untertanen — vorderhand, während er die Fremden auszusaugen sucht. Und nun — —
Es ist spät. Gröhlen, Raserei, Trunkensucht, nackte Weiber — ein Inferno-Schattenspiel. Hörner gellen von den Türmen: Mitternacht! Da ist‘s, als höbe eine Riesenfaust die breiten Türen aus, und wie ein Sturmgetöse grollt es durch den Saal. Ist‘s ein Tornado aus der Wüste? oder ist es die hier unbekannte Eisluft aus dem Norden? Die Festteilnehrner sind erstarrt.
Gerade hebt der König jenen Kelch, um ihn zum wievielten Mal — zu leeren. Kraftlos läßt er ihn zu Boden fallen. Der dunkle Wein tränkt sein Gewand. Ach — kommt ein Feuerwunder? ein anderes, als Nebukadnezar es erleben mußte — — ?? Eine Hand gleich einem Blitz zuckt hin und her, an der weißen Wand. Ein grauenvolles Bild. Immer wieder wischt die Hand das selbst Geschriebene aus und schreibt, eine halbe Stunde lang.
Sind sie tot, die an den Tafeln sitzen?, tot und nüchtern? Sie krallen sich an ihren Pfühlen fest. Und als die Hand enteilt, ist es finster. Alle Fackeln sind verlöscht. Unaufgefordert bringen Sklaven neues Licht herbei. Da sieht man angstverzerrte Fratzen, leichenfahl hockt der König auf dem hohen Stuhl. Er bemüht sich ängstlich, um sich zu ermannen. Mit großer Anstrengung festigt er die Stimme:
„Ist jemand hier, der das — das deuten kann?“ Wer wagt es, an die weiße Wand zu sehen, als ob der Blitz noch immer schriebe? „Wie gut“, sagt Bel-Sazar, jetzt schon lauter, „daß zum Fest so viele Fremde kamen. Holt sie alle her, die Wahrsager und Gelehrten! Ich will wissen was das war!“
In vielen Häusern pocht es an die Tür; man zerrt die Schlafenden heraus. Babylonier und Fremde murren. Bel-Sazar ist ein unbeliebter Herr. Mit dem Gastmahl wollte er das übertünchen. Und nun stehn die Traum- und Sternedeuter vor dem Thron, müde, trotzig, die meisten voller Furcht.
„Ihr sollt mir deuten“, fängt der König an, o — was? Verschwunden ist das Feuer, feindlich wirkt die lange, weiße Wand. „Es war eine Schrift“, will er erklären. „Ihr seid ja Leute, die das . . .“ Da taucht sie wieder auf, die ominöse Hand, und die Wörter bleiben eine Weile haften.
Einer, der die damals bekannten Sprachen spricht, schüttelt seine weißen Haare. „Es sind mir völlig fremde Zeichen, König Bel. Ich kenne alle Sprachen, diese aber nicht“, deutet er zur Wand, wo die Hand die Schrift verlöscht. „Niemand wird sie deuten können.“ Der König läßt in seiner Raserei die Männer sofort töten. Wenige entkommen. Mehr von dieser Tat, als von der Schrift entsetzt, wenden sich die meisten Hohen von Bel-Sazar ab und enteilen nach und nach dem Saal.
Er brüllt wie ein Tier: „Her mit dem, der das erkennt! Ich will ihn reich belohnen, er soll der dritte Herrscher nach mir sein!“ O, das Grauen unschuldig Gemordeter hat den Babylonier überfallen. Er sieht nicht die Blicke der Beamten, hört nicht ihr Flüstern unter sich, ahnt nicht, daß er schon bald vor einem Richter steht, dem er nicht entweichen kann.
Da tritt die Königin herein. Ihr Gesicht ist dicht bedeckt, sie will nichts vom Greuel sehen. Sie ist als erste Frau an ihn, den sie verachtet, den Wüstling, den Tiger, den Schakal, gebunden. Wird sie heute von ihm frei? Wie sehr sehnt sich ihr Herz danach, und sie möchte fliehen. Daniel hatte es ihr zugesagt, bald würde sie errettet werden. Ist die Stunde da? Es kostet sie viel Kraft, den Spruch zu sagen:
„Der König lebe ewiglich! Du sollst dich nicht erschrecken, und entfärbe dich nicht so.“ Sie spricht eine Lüge aus, aber eine, die tausende von Menschen retten kann. Freilich werden die Erwürgten nicht lebendig. Während ihre Seele weint, spricht sie weiter: „Es ist ein Mann in deinem Reich. Du hast ihn vom Schloß entfernt, wo er der erste Fürst des Landes war, von deinem Vater hoch geehrt. Du weißt, derselbe hatte ihn errettet.
Laß Daniel kommen, der den ‚Geist des wahren Gottes‘ hat. Dein Vater setzte ihn als Obersten der Weisen ein. Viele hatte er vor ungerechtem Tod bewahrt.“ Die Königin wagt es, darauf hinzuweisen, daß vor einer Stunde mehr als hundert Männer starben. Wieviel Blut in dieser einen Nacht!
Wütend denkt Bel-Sazar: ‚Wer bist du, Weib? Du sollst den Morgen nicht erleben!‘ Doch die edle Frau sagt unbeirrt: „Ich weiß, was du dir vorgenommen hast. Tue es, du selbst drückst dich in Staub und Asche!“ Hinausgehend sagt sie noch: „Du findest Daniel im Haus des Schmiedes Asnorba.“
Es ist nicht weit bis vor das Tor, am nächsten liegend. Hat Daniel den Ruf erwartet? Er steht vor der Tür, im letzten Dunkel dieser dunklen Nacht, in der Hand den Zügel eines Renners. Unterwegs die kurze Frage eines Boten: „Hast du gewußt, daß man dich holt?“ „Ja, ich sah im Traume eine Hand, die schrieb und schwand. Und darunter stand ‚Bel-Sazar‘!“
Die Tore sind geöffnet; die Wachen neigen sich vor Daniel. Er ist den meisten gut bekannt. Wenn einer ihres Königs Jähzorn zähmen, seine Wut besiegen kann, dann nur der Jordanseher. Er geht bis vor den Thron; und aus geheimen Ängsten übersieht Bel-Sazar, daß der Fürst nicht grüßt.
Trotzdem forscht er herrisch: „Bist du Daniel, der Gefangene, den mein Vater hierher brachte?“ „Du saßest oft genug an seiner Tafel und weißt, wie ich ihm diente.“ Heftig winkt Bel-Sazar ab; er konnte sich die Frage schenken. Allein das Grauen vor der Schrift — — Er markiert sehr maskenhaft den unerschrockenen Regenten, weshalb er weiter herrisch sagt:
„Ich hörte, du hast den Geist der Götter. Alle, die . . .“ „. . . du morden ließest!“ unterbricht ihn Daniel sehr hart. „Woher weißt du das?“ Hat ein Bote es verraten? Dann wehe ihm! „Der Geist der Götter, wie du sagst, ER hat es mir im Traum gezeigt.“ Der Wüterich erzittert. Aber um zu zeigen, daß er über allen Dingen steht, sagt er nur wie nebenher:
„Ich weiß, du kannst, was kein anderer vermag. Löst du mir, was sich um Mitternacht hier zugetragen hat, so will ich dich mit Gaben überhäufen, mehr, als mein Vater jemals tat. Du sollst in Purpur gehen, sollst die goldene Fürstenkette tragen und das Weiße Schloß zurückerhalten. Du sollst . . .“
Daniel unterbricht den König: „Jetzt spreche ich im Namen meines Gottes, den dein Vater kannte und vor seinem Tod verehrte. Behalte deine Gaben; denn in Kürze wirst du nichts mehr geben können! Du kennst das Leid des Volkes, noch mehr das Leid der Fremden. Früher war auch Nebukadnezar so wie du kein Herrscher, sondern ein Tyrann. Alle hatten Angst vor ihm.
Persien in Vereinigung mit anderen konnten euch vernichten. Die ‚Große Babylon‘ kann aber nur ein Volk vertilgen, das vierhundert Jahre lang in Glaubenstreue, Wahrheit und in Nächstenliebe — ohne Kriege — leben würde. Wann würde das geschehen? Diese Welt hat dafür kein ‚Gesicht‘!
Nebukadnezar tötete, wen er wollte; und er erhob auch, wen er wollte: Schurken, die vom Teufel ausgegangen waren.“ „Dich eben so“, fällt Bel-Sazar zynisch ein, „und die Judenoberen, Arioch, Aspenas und andere, die ich neben mir nicht dulde.“ „Sehr recht, armer Mann vom Euphratstrom! Wisse, daß dein Urteil vor dem Höchsten Herrn nicht gilt! Und deine Seele — — ?
Bloß eines kann dich nach dem Tod von deiner Pein erretten, weil du von Jugend auf kaum anderes als pure Grausamkeit gesehen hast und dein Gemüt davon erkrankte. Möge es für dich einst in der Waage der Erbarmung liegen! Aber höre zu: Du erlebtest, wie dein Vater sich vorübergehend neigte, als das Feuerwunder an den drei Obersten geschah, wie er sich abermals erhob und vor seinen Fürsten fliehen mußte. Mein Gott hat ihm durch mich geholfen, weil er hatte, was du nicht besitzt:
Er überlegte, leider oft zu spät, ob er falsch gehandelt hätte; nur bekannte er es nicht. Wenn er als König einmal Gutes tat, dann hast du ihn verlacht und mit deinen Knaben ihn verspottet. Diese Knaben sind jetzt deine Räte. Was für welche — ? Die alten, die deinem Vater treu und ehrlich dienten, haben sich von dir gewendet. Und warum?
Du bist ein größerer Tyrann geworden, als jemals eins der Völker einen sah, und — du hast die heiligen Gefäße unseres Tempels, die dein Vater fest verwahrte, hergeholt und sie entheiligt. Mit deinen Teufelslippen hast du aus dem Opferkelch getrunken. Deine Knechte und die argen Weiber aßen von den Tellern und den Schalen; und du hast beim höllischen Gelage unseren — auch deinen — ewig-wahren Gott verhöhnt!
Auf deine Tafel hast du deine Götzen aufgestellt; und der Götze deines Wahnsinns, deiner Macht- und Blutgier, deiner Grausamkeit, deine ‚Große Babylon‘, war Herrscherin bei diesem Fraß! Die Gefäße unseres Tempels sind zwar selbst nicht heilig; aber was aus reinem Herzen und aus hohem Glauben man dem Höchsten weiht, das nimmt Er an als Gabe unserer Dienstbarkeit, IHM dargetan! Deshalb hast du unser Heiligstes entheiligt.
Also hat der Schöpfer der Unendlichkeit die Hand gereckt, wider dich und alle, die zur Großen Babylon gehören. Es war SEINE HAND! ER hat sie in die Fackel Seines Ernstes eingetaucht, wie einst, als Er das Schöpfungskind, das sich wider Ihn erhob, aus dem Vaterhaus vertrieb [VH6]. Da fiel es in die eigene arme Tiefe.
Die Fackel Seines Priester-Ernstes hat dir jene Schrift gezeigt, die in deinem armen Lebensbuche steht:
Mene, Mene, Tekel, U-pharsin!
Schrift und Wort, in keinem Volk bekannt, auch in keinem, die bis ans Ende dieser Welt noch kommen werden, mit ihrem Aufgang und mit ihrem Niedergang!“ „Die Deutung, die Deutung!“ schreit Bel-Sazar wild dazwischen. Ruhig sagt der Seher:
„Dir wäre besser, du hättest nicht gefragt. Doch ob so — ob so — — Die Feuerschrift wird sich an dir erfüllen.
Mene — Gott hat dein Königreich gezählt und vollendet, deine Weltuhr ist bald abgelaufen.
Mene — Dein zweites ‚Mene’ gilt deiner eigenen Lebens- und der Seelenuhr.
Tekel — Gott hat dich schon gewogen in der Waage Seiner Schöpferordnung, und in allen Stücken hat Er dich zu leicht befunden.
U-pharsin — bedeutet: Du wirst geteilt, dein Leib zerfällt zu Asche, die Seele fällt der eigenen Finsternis anheim, bis du einmal alles abgegolten hast!
Denn nicht wie Nebukadnezar, dem die Gnade widerfahren war, auf Erden einen Teil der Sünden abzubüßen, als er auf nacktem Felsen lag, nein — dir bleibt keine Zeit! Schwer wird deine Seele ringen müssen in der Finsternis der Pein, bis Gottes wundersame Gnade und Erbarmung dir ein Lichtlein senden wird.
U-pharsin heißt auch noch ‚peres‘, was die Weisen kannten, nicht aber Gottes heilig-hohes U-pharsin. Du hast sie also ganz umsonst gemordet. Und Peres ist die ‚Teilung‘. So wird dein Reich geteilt. Perser und die Meder (Nachkommen der Altchaldäer-Sumerer) schwingen schon die Schwerter.
Frage nicht, was diesen Völkern einst geschieht. Frage dich: Was wirst du tun, wenn der Hohe Richter ruft?“ Bel-Sazar, ahnungslos, was das zu bedeuten hat, erschrickt. Bloß daß in seinem Land ein Seher wohnt, der das Geheimste künden kann, das ist sein Stolz. Er läßt trotz Abwehr Daniels die Fürstenkleider kommen und erhebt ihn über alle seine Hohen.
Daniel nimmt es plötzlich an, im Auftrag seines Hohen Herrn. Der ihm das Chaos zeigt, das sich noch am gleichen Tag durch Babylon ergießen wird. Und da ist es gut, als weltlich erster Fürst, aber frei von aller Welt, ja als Himmelsfürst, das Ärgste abzuwenden. Das kann er tun, wenn er den Menschen ‚als ein Mensch‘ begegnet. Ein Vorsymbol für Gott als Heiland und Erlöser!
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