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Kap 11 Der Friedensgruß; ein schwerer Traum und seine Folgen

Kapitel 11

(Dan. K. 4) — Ein paar Jahre sind vergangen, teils im guten Frieden, teils mit Reibereien in den unterjochten Ländern. Die im Geblüt verwandten Perser und Chaldäer brachten gleichfalls manche Sorgen. Trotzdem läßt der König, den das ‚große Feuerwunder‘ noch bedrückt, überall verkünden: „Viel Friede zuvor!“

„Der Friedensgruß bringt keine Ruhe“, sagt Daniel. Misael stimmt zu, und Asarja nickt, ahnungsvoll, daß der schwer erkaufte Friede eine dünne Decke ist, die den Untergrund verbirgt. „Juda wurde ja zum Teil verschont“, fügt Hananja an, „es blüht wieder etwas auf. Aber wieviel Babylonisches hat es angenommen! Das wird es mit zum Jordan nehmen, wenn . . .“ „. . . es dahin wiederkehren darf?“ Asarja ist sehr pessimistisch.

„Heut‘ und morgen nicht“, bestätigt Daniel. „Wir erleben es, wenn wir graue Männer sind.“ „So lange dauert es?“ betrübt sich Misael. Daniel nimmt dessen Hände in die seinen: „Es sieht aus, als hätte Gott uns ganz vergessen, als wäre die Erbarmung ausgelöscht. Wenn wir aber GOTTES Soll und Haben mit dem unseren vergleichen, seit des Erzvaters Jakobs Zeit, was meint ihr, wieviel Manko sich für Israel ergibt?“

„Für die andern Völker nicht? Wo bleibt deren Abrechnung?“ „Sei ruhig, Kleiner! Kein Volk, kein Mensch wird ausgenommen; überlasse aber Gott, auf welche Weise es geschieht, wann und — wo! Babylonien geht eher unter als der Rest von unseren zwei letzten Stämmen. Und jene, die uns einst zerstreuen werden, müssen den Tribut sehr hart bezahlen, auch wenn es nicht gleich zu erkennen ist. Nun kommt, der König hat gerufen.“

Im wunderbar verschönten Saal sind die Hofbeamten schon versammelt, laut Anordnung zum Teil mit ihren Frauen. Asnorba wurde auch bestellt samt Jolea. Und Harphya ist dabei. Seit an der Schmiede eine Tafel prangt: ‚Asnorba ist der erste Schmied von Babylonien‘, hat sich die Neiderschar zurückgezogen. Ungehindert kann der Schmied jetzt schöne Dinge fertigen. Er ist schon manchmal in der Burg zu Gast gewesen. Die Begrüßung der Geschwister fällt so zärtlich aus, daß darüber gleich gemunkelt wird.

Der König hat‘s gesehen. „Wer ist das Mädchen?“ Daniel erwidert: „Meine Schwester; sie kam mit . . .“ „Erinnere mich nicht daran! Es war —“ ‚ein Fehler‘, darf er nicht sagen, „es ist geschehen.“ ‚O ja‘, denken die drei Obersten der Juden, die seit der göttlichen Errettung immer nah am Throne stehen, ‚geschehen, und nicht mehr zu ändern.‘ Oder doch — ?

„Hört auf meine Rede!“ Nebukadnezar richtet sich entschlossen auf. „Ihr wißt, ich hatte wieder einen Traum, den kein Babylonier, Perser, noch Chaldäer deuten konnte. Keinen habe ich deshalb zum Tod verurteilt, weil mir der ‚fremde Gott‘ mit Seiner Wundertat begegnet war. Man soll Daniels Gott nicht versuchen, so ein Wunder noch einmal zu tun.“ Er sieht die Juden an. Was sagen sie dazu? Der Jordanseher spricht für alle:

„Der König lebe lang! Du hast recht, daß man den Schöpfer nicht versuchen soll. Allein: ER ist niemals zu versuchen! Das setzte ja voraus, derselben etwa zu erliegen. Was Gott tut, im Kleinen wie im Großen, tut Er einmal! (u. a. Hebr. 9, 12). Das gleiche Feuerwunder wird die Welt nicht noch einmal erleben. Aber andere? Was weiß der Mensch von Gottes hehrer Wunderkraft? — ?

Schau ein Blümlein an, das wunderbare Firmament. Kannst du die Sterne zählen? die Tropfen eines Baches? Wie wachsen Blumen? Wie wandeln alle Sterne ihre Bahn? Wie laufen all die Wassertropfen auf der ganzen Welt, die alle in die Meere strömen, und gibt es keinen Bach, aus der Tiefe kommend, der versiegt?

Trocknet zwar die regenarme Zeit die kleinen Rinnen aus, so keine Quelle, die aufs neue Wasser spendet. Es gibt Länder, wie du nicht erdenken kannst (damals), wo jeder Wasserlauf jahraus, jahrein die Fluten durch die Lande wälzt. Sind das keine Wunder? sogar größere, als das eine Feuerwunder war? So sprich nur aus, was du bedenken willst.“ Verstohlen neigt der König sich und sagt:

„Du weißt es, Oberster der Seher. Du hast den Geist der Götter, daß dir nichts verborgen ist. Alles gibt dein Gott dir kund! Den Traum, der mich erschreckte, will ich nicht verbergen, ich war so froh, daß unser Land in gutem Frieden lag und ich Ruhe hatte auf der Burg. Die Boten kamen mit Geschenken, und mit Gaben kehrten sie in ihre Länder heim. So wollte ich, daß alle Welt zum Frieden käme; denn ich habe Gott erkannt, dem Bel-Tsazar-Daniel gehorcht. Das aber träumte mir:

Inmitten meines Landes stand ein Baum. Seine Höhe ragte bis zum Himmel, seine Aste bis ans Ende dieser ‘Welt. Er trug viele Früchte und alle Menschen wurden satt, dazu auch alle Tiere. Da kam ein Wächter, der mit starker Stimme rief: ‚Hauet den Baum um und brecht ihm seine Äste; nehmet ihm das Laub und seine Früchte, daß alle Tiere vor ihm fliehen. Doch den Stock samt seiner Wurzel laßt im Erdreich stecken.

Er soll mit eisernen Ketten angebunden werden. Des Himmels Tau soll ihn bedecken und er soll sich wie des Feldes Tiere nähren. Das Menschenherz wird ihm genommen und ein niedriges der Kreatur wird ihm gegeben. Im Rat der Wächter ist‘s beschlossen; denn der Höchste hat Gewalt über alle Reiche dieser Welt. Er wird die Hohen niedrig machen, die Kleinen sanft erheben, bis sie einst im Schoß des Vaters ihre Ruhe finden. Und also soll‘s geschehen!‘

Ich war entsetzt. Zwar nicht bewußt, fühlte ich, als ob der Traum mich selbst beträfe. Nun, Bel-Tsazar-Daniel, verkünde, was das zu bedeuten hat. Verbirg‘ die Wahrheit nicht, selbst wenn sie bitter schmecken wird.“ Gutes liegt im Traume nicht, merken sogar jene, die sich sonst mit Träumen nicht befassen.

Harphya sieht Daniel bekümmert an. Was geschieht, wenn er sagt, was sie in kleiner, er in großer Sicht erkennt? Auch er prüft lange und besorgt, ob sich ‚aus dem Geiste‘ nicht ein Leichteres ergeben kann. Nein, ach nein — wie wenn die Dunkelheit der Nacht das Land verschlingt, so hat sich‘s wie ein schwarzes Tuch vor alles Licht geschoben.

Da klingt es unerwartet mild: „Betrübe dich nur nicht, Oberster der Weisen. Ich spüre selbst die Last des Bildes. Viel Gutes hast du angeordnet, zum Wohl des Volkes und der Fremden. Das Perserhaus bedrückt mich noch. Allein — der Gruß soll gelten: ‚Viel Friede zuvor!“ Das erleichtert wohl; ob es aber bleibt, wenn der Seher Gottes Wahrheit bringt — ? Erst beugt Daniel ein Knie, dann stellt er sich dem König nahe gegenüber, sagend:

„König, für diese Welt bist du mein Herr. Darum und wegen deiner Wandlung wäre mir es lieber, die Deutung würde denen gelten, die von deinem Friedensgruß nichts wissen wollen. Die Gefängnisse sind fast leer; und ihre Vögte, deine ärgsten Feinde, sind erbost. Für diese wäre gut, erfüllte sich der Traum an ihnen. Gott aber will, daß du die Wahrheit hörst.

Der Ritter sprach: ‚Du bist ein Fürst der Welt, kein königlicher Herr. Du hast einmal alles abzugelten. Siehe es als Gnade Gottes an, wenn es noch auf dieser Welt geschieht (S. 50, 2)!‘ Das besagt der Traum, Manche denken, wenn sie gut geworden sind, wäre alles Alte abgetan. Nein! Wohl wird durch gutes Tun ein Teil der alten Schuld vergeben; aber alles — ? Und so höre zu:

Der Baum bist du, mächtig auf dem Stuhl der ‚Großen Babylon‘. Bis zum Himmel reichend, bedeutet, daß sich deine Fürsten sogar vor dir neigen müssen. Die Äste bis an alle Enden dieser Welt sagt an, daß du vielerlei Gesetze gibst und alle Untertanen bis an deines Landes Grenzen und darüber noch hinaus denselben unterworfen sind, deren ‚Früchte‘ also essen müssen.

Der Wächter steht mit drei anderen am Herrschaftsstuhl. Es war GOTTES WORT! Sein hoher WILLE! Als ‚Wurzelstock des Baumes‘ bleibst du trotz Ungemach in Gottes Erdreich haften. Dein Schloß mußt du verlassen und im freien Felde leben, bis abgegolten ist, was an Blut und Grausamkeit dein Regiment befleckt.

Dein Reich wird bleiben, bis seine Zeit vorüber ist, und nicht du erlebst sein Ende. Anerkennst du das Gesetz des Herrn, daß es sich an dir erfüllt, so kommst du wieder, wenn dich des Himmels Tau gereinigt hat. Deine Feinde werden den Triumph bereuen. Wie im hohen Vorbild ich dir einst den Goldreif wiedergab, also wird für deine letzte Lebenszeit das Königreich dir unterstehen.

Denke an das einst Gesagte: Mein König ist der Erste, ER ist ewig auch der Letzte! ER hat gesprochen, ER hat Seinen Willen kundgetan! Es ist eine unverdiente Gnade, die sich an dir erfüllen wird, auch wenn es manche ‚Gottes Strafe‘ nennen. Gott straft nicht! Was der Mensch als Strafe fühlt, ist der unbekannte Segen Gottes!

Hältst du dich an diesem Troste fest, dann hält Gott dich an der Vaterhand, bis du lernst, Seinem Willen zu gehorchen.“

Kann die Große Babylon das Gotteswort verstehen und ertragen? Ab und zu ist es geschehen. Auch Nebukadnezar nimmt es an. Gibt ein Großer seine Weltmacht aber restlos aus der Hand? Der Babylonier erfährt es an sich selbst. Eine heimliche Revolte, von den meisten Fürsten, Vögten und den Räten durchgeführt, setzt den König ab. Er soll gefangen werden. Daniel kann ihn retten.

Er bringt ihn hinter seinem Schlosse auf der Durahöhe in geheime Höhlen. Ein nur Daniel bekannter Gang führt in die größte. Getreue helfen ihrem König, die weltlich gnadenlose Zeit zu überstehen. Ein ‚Regime der Räte‘ herrscht, was sich Persien, von andern Ländern unterstützt, zunutze macht. Blut und Tränen fließen wie ein Strom durchs Euphratland.

Arioch und Aspenas sind abgesetzt. Daniel hat sie befreit. Sie sind beim König in der Höhle. Hart ist ihr Lager, arm die Kost. Zu ihrem Schutz bleibt Daniel oft länger fort; nur nachts geht er zu ihnen. Sie würden stranguliert, würde man sie finden. Zwei Jahre lang steht Babylonien unter dem Regime von Terror, Ungerechtigkeit und Tod. Da — plötzlich — —

Ein Sonnentag bricht an. Wie mit blauer Seide hat der Himmel sich geschmückt. Der ‚Blutrat‘ ist vom Volk verhaftet worden. Da kommt auf weißem Pferd der König angeritten, ihm zur Seite und im langen Zuge hinterdrein die Treuen. Immer mehr vom jubelnden Volke hängt sich wie eine Traube an. Nebukadnezar besteigt noch einmal seinen Thron. Soll er die Verräter töten? Sollen sie bis an ihr Lebensende im Gefängnis schmachten?

„Daniel, rate mir!“ Ein Ruf, aus tiefster Seele kommend. „GOTT wird dir raten“, sagt der Jordanseher ernst. „Du selber weißt, was der Herr an dir getan, das tue deinen Nächsten auch.“ „Du bist mein Nächster und die Treuen“, bekennt der König, während sein Gesicht von Trauer überschattet ist. Auch ist er krank geworden, krank und alt. Daniel sagt liebevoll:

„Gönne deinen Feinden nicht, so zu tun, wie sie an dir gehandelt haben. Es sind arme Seelen, ohne Lebensherz, das ihnen sagt, was gut und böse wäre. Schau, sie leben noch dem Körper nach, aber sie sind tot! Sie kennen weder Gott, noch Liebe, noch Erbarmen. Willst du nun an ihnen tun, wie GOTT an dir getan, dann laß sie frei und ungestraft; und du hast ein Wunder, heiliger und größer, als das eine Feuerwunder war.“

Kann man aus Feinden Freunde machen? Auf dieser Welt gelingt‘s nicht oft; doch heute hilft das Licht. Der Regent befolgt den Rat und befiehlt die Gefangenen zu sich. Deren Angst ist ärger als ein Foltertod, weil sie nicht ahnen, daß Nebukadnezar sie begnadigen wird. Bloß mit einer ernsten Mahnung entläßt er sie aus ihrem Amt. Verwirrt brechen sie zusammen.

„Herr“, klagt sich einer an, „mache uns zu Sklaven, wir haben es verdient.“ „Nein, ihr sollt freie Untertanen sein. Mir sollt ihr nicht geloben, Treue zu bewahren, aber jenem Gott, Den der Prophet vom Jordan zu uns brachte und IHN erkennen, wie ich Ihn erkennen durfte: erst als König, in meiner Grausamkeit, in der Verbannung und nun wieder hier auf meinem Thron.

Ja: Arioch, Aspenas und die andern suchten mich, und Daniel mit seinen Freunden, die Judenoberen und viele mehr. Sie führten mich zum Schloß zurück. Größere Herrlichkeit ist mir geworden durch den Rat der frommen Männer. Deshalb lobe, preise und ehre ich, Nebukadnezar, diesen höchsten König.

Sein ganzes Tun ist Wahrheit, und Seine Wege sind gerecht!

Den Stolzen kann Er niederdrücken; wer sich aber vor Ihm beugt, den hebt Er in Sein Licht empor.“ — —

Nebukadnezar regiert nicht mehr lang. Sein Sohn Bel-Sazar übernimmt bei dessen Tod das Regiment. Damit tritt die ‚Große Babylon‘ wieder stärker auf den Plan.

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