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Der sechste Schöpfungstag – Da ward aus Abend und Morgen, der sechste Tag

6-1324 Wer faßt die heilige Stille, die dem großen Mahnruf folgt? Sie lastet schöpfungsschwer auf dem Entscheidungsort. Luzifers letzter Widerstand bricht zusammen, als er — bezwungen durch die Worte aller Eigenschaften — auf J E S U blickt. Doch da steht nicht mehr der Menschensohn, sondern der ‚Meister aller Ewigkeit‘ ihm gegenüber. Wie ein Feuerbrand stürzt es über seine Seele: Was habe ich getan und mich am Heiligen versündigt? Kann ich selbst aus raumweiter Ferne meine Augen auf 1 H N richten, der meiner Sünden Last trug? Darf ich eine Bitte um Vergebung meines frevlen Handelns hegen? Muß mich der Ewige nicht sofort verdammen, in ein Nichts auflösen, wenn ich bloß in Gedanken einen Schritt zu Ihm hinzugehen wage? —

6-1325 Die bitteren Fragen entfesseln einen neuerlichen Kampf im dunklen Wesen, der seine Hölle so erschüttert, wie noch nie geschah. Immer schrecklicher steht die Erkenntnis auf: Ich versuchte, die Gottheit zu betrügen! Golgatha wetterleuchtet über ihm als ‚Richterschwert‘. Er möchte seine Augen schließen, möchte fliehen, allein, an ihm erfüllt sich jenes wahre Wort: ‚Wo soll ich hinfliehen vor Deinem Angesicht . . .‘ (Ps. 139,7)

6-1326 Ordnung und Wille erfassen seine abwehrend ausgestreckten Hände, und Geduld, Liebe und Barmherzigkeit gehen wegbahnend vor ihm her. Weisheit und Ernst decken ihm den Rücken und verleihen Schutz. So läßt sich endlich der Dämon und Widersacher willenlos zur Gottheit führen; er hat seinen Willen hingegeben. Zwei Empfindungen streiten noch in seiner Brust: die große, nicht mehr einzudämmende Heimsehnsucht und das Gefühl völliger Verlorenheit. Er steht vor dem heiligen Kreuzträger. Die Engelsfürsten haben einen Ring um Licht und Finsternis gebildet. Noch wankt und schwankt alles in Luzifer; sein Ich gleicht einer zerplatzenden Welt. Jetzt streckt UR Seine Hände nicht noch einmal aus, jetzt muß das verlorene Kind selbst niederfallen und sich demütigen.

6-1327 Wer spürt auf Erden das erschütternde Geschehen, das hier vor sich geht? Nur die seligen Kinder ahnen es. Doch des Reiches Erste haben mit geheiligter Bereitschaft das Mit-Opfer übernommen im gerechten Dienst an URs Erlösungswerk. Ihr Gebetskampf hilft dem Verlorenen, sich endlich unter Golgatha zu beugen. Den allgewaltigen Sinn der Karfreitagnacht vermag niemand zu verstehen; ein anderer Tag wird ihn offenbaren.

UR allein trägt in sich die Gewalt der Entscheidung!

Doch Ursache und Wirkung der Erlösung sind zu erkennen, wenn sich ein Herz in der Erkenntnis aller seiner Schuld und Sünde beugt.

6-1328 Was alles durch Luzifers Seele jagt, sein Herz zerschlägt, in Menschenworten ist das nicht zu sagen. Er, der sich über UR erhob, der den Himmel an sich reißen wollte, schaut nur einmal in die Augen, deren Glanz er nicht erträgt; dann fällt er nieder. Sein Haupt wühlt er förmlich in den Boden. Ein Schrei voll unsagbarer Qual bricht aus ihm: „Geh von mir hinweg, Ewiger, All-Heiliger . . . zertrümmere mich; ich bin nicht wert, im Staub vor Dir zu liegen!“

6-1329 Das Wort, als Bekenntnis der tiefstgefallenen Seele ist ausgesprochen. Noch halten die Fürsten den Jubel einer Ewigkeit zurück, noch harren sie der Antwort. Doch das Ende schauen sie, und unnennbare Seligkeit durchbebt ihr Wesen. Sekunden gehen schweigend, lastend durch Raum und Zeit, erfüllt vom Schicksal Luzifers. Seine Seele fühlt das Geschick. Er drückt sich tiefer auf den Boden, und endlich, endlich brechen ihm mit elementarer Gewalt die Tränen aus. Luzifer weint! Noch ist‘s kein geläutertes Weinen, aus Erkenntnis kommend, sich versündigt zu haben. Noch ringen Schmerzen der Erniedrigung im Weinen mit, aber auch das Wissen, der Begnadigung nicht würdig und daher verworfen zu sein. Als Luzifer das bewegt, beugt der Vater sich zu Seinem verzweifelten Kind herab, richtet es empor, daß es kniend sein Haupt an jene Seite legen kann, die des Söldners Speer zerstach, und spricht:

6-1330 „Mein Kind, du willst, daß Ich dich vernichten soll? Das kann Ich nicht, denn du selbst hast dich in deinem Höllenwesen aufgespalten und zertrümmert. Aber ganz kann Ich dich wieder machen, dein Gebrechen heilen und dein zersplittertes Sein zu jener machtvollen Einheit gestalten, wie du am Beginn der Tat-Schaffung gewesen bist. Willst du das, so sprich, und es soll geschehen.“ „Das kann es nicht“, erwidert tonlos Luzifer. „Was ich DIR Böses tat, verlangt ewigliche Sühne. Verwirf mich, stoße mich von Dir, zu schwer lastet auf mir das Golgatha.“ „Meinst du, daß es dir schwerer ist, als Mir es war?“ Luzifer erbebt bei dieser Frage. Seine Hände suchen einen Halt am heiligen Gewand. „Du hast recht“, murmelt er hoffnungslos. „Lege Dein Kreuz als Sühne und gerechtes Gericht auf mich, bis ich unter meines fluchwürdigen Daseins ewiger Last vergehe.“ Nie war und wird jemand so ohne allen Trost sein wie jetzt der noch Verlorene.

6-1331 „Mein Kind!“ Gütiges Erbarmen umhüllt Luzifer. „Du willst nicht mehr sein. Ich soll dein Wesen und dein Leben nehmen. Es ist dein bitterster Ernst. Aber warum klammerst du dich an Mich an, warum suchen deine Hände einen Halt an Mir? Warum weinst du noch so sehr, daß deine Tränen Meine Opferschale des Heiligen Herdes füllen?“

6-1332 „Es ist mein Fluch, den ich mir aufgebürdet habe: von Dir loskommen, von Dir zerschlagen werden wollen und doch nimmer von Dir lassen können, weil . . . denn Du bist UR! Willst Du mich erlösen, so erlöse mich von mir!“ „Ich erfülle deine Bitten; überlasse mir jedoch die Art und auch die Zeit, die Ich daran knüpfe“, sagt UR. „Dein Opfer komme über mich“, entgegnet Luzifer und erwartet die Vernichtung.

6-1333 Im Himmel fluten übermächtig die vier Lebensströme. Engel, Kinder, selige Geister schöpfen an den Ufern dieses Wasser, das in dieser Nacht die höchste Segnung trägt. Die Wächter an den Quellen gießen es als heiligste Erbarmung über die Materie aus, über Luzifer. Es wird sein großer Fall gesäubert. Seine Reue erfährt höchstmögliche Steigerung, bis endlich seine Tränen solche wahrer Reue werden, frei von Schmerzen der Erniedrigung. Immer fester klammert er sich am Gewand des Heiligen an, je mehr er an die Vernichtung glaubt.

6-1334 „Mein Kind!“ Zum dritten Mal ertönt das Wort. „Was Ich dir jetzt kundtue, geschieht um Meines Werkes Krönung willen als UR, als der Ewig-Heilige, der Ewig-Einzige und Wahrhaftige! Denn da Mein Opfer aller Schöpfung gilt, muß die Entscheidung über dich nun aus dem Schöpfungsall getroffen werden. Doch siehe, wenn Ich auch als der Allmächtige, als Höchster und als Heiligster die Abrechnung mit dir zu halten habe, so wisse, daß nach deinem reuigen Bekenntnis Geduld, Liebe und Barmherzigkeit nicht mehr den Schutz von Ordnung, Wille, Weisheit und Ernst benötigen. Ihr Opferziel ist ja erreicht!

6-1335 Vor dir liegt ein bitterschwerer Weg, weil die von dir erbetene Vernichtung nicht plötzlich, nicht ohne vorherige Buße vor sich gehen kann. Ich opferte in Meinem Erdenleben die von dir geraubte Schöpfungszeit, die geistig das unendlich Vielfache der Materiezeit beträgt. So wäre es kein Opfer, willst du schnell vernichtet sein. Dein Leben soll Ich nehmen, sagtest du. O, das geschieht ja ohnehin! Denn es ist zu nichts mehr nütze, es wird ausgelöscht! Auch muß Ich dir — nach deinem Wort — Mein Kreuz als Gericht und Buße auferlegen, bis du unter seiner ewigen Last dein fluchwürdiges Dasein verlierst und am Ende von dir selbst Erlösung findest. Das alles muß mit dir geschehen, Luzifer, bis zuletzt dein Höllenleben ausgelöscht sein wird. Nun höre und gib Antwort, ob du mit Meinen gerecht gestellten Bedingungen einverstanden bist.

6-1336 Deine Auflösung, die dir unter Meiner Kreuzesbürde widerfährt, kann erst beendet sein, wenn Ich nach Meiner geistigen Wiederkunft das Reich des Friedens aufgerichtet habe und nachdem alle Verlorenen und Verirrten ohne jede Ausnahme sich auf dem Rückweg zur Urheimat befinden. Dein Weg wird um so schwerer, je näher er dem Ende kommt.

6-1337 Und doch . . . was ist das gegen Meinen Weg! Ich trug fürwahr alle Sünden und heile damit alle Schmerzen. Deine Schöpfungsschuld nahm ICH auf Meine Schultern; du hingegen, Luzifer, trägst deine eigene Schuld, obwohl die Menschen ihre Lasten auf dich wälzen. Noch kurz vor Meiner Wiederkunft wird man heftig schreien: Luzifer, der Erzbösewicht, hat an allem schuld; er ist der Verführer!

6-1338 Da gedenke Meiner Marter und daß es bei Mir hieß: schuldig! Dann lerne schweigen, wie Ich geschwiegen habe, und trage willig dieses Kreuz. Nichts ist so schwer und nimmt der Seele alle Kraft wie das ‚Verkanntwerden‘! Am Wegsaum zwischen Licht und Finsternis wirst du fragen: ‚Warum glaubt man noch, ich sei der Fürst der Hölle?‘ Das Schwerste an der Bitternis wird sein, den Menschen nicht mitteilen zu dürfen, daß du dich dem Kreuz von Golgatha längst beugtest. Auf diese Weise ist es möglich, dich von dir selber zu erlösen.

6-1339 Was auch soll von deinem Dasein übrigbleiben? Die Hölle erhebt sich über dich und einer über den anderen. Das wirkt sich weltlich schrecklich aus, bis sich am Ende Welt wider Welt erhebt. Dem mußt du zusehen, ohne Macht, ohne dem Fürchterlichen Einhalt gebieten zu können. Man wird dich gar nicht hören, ja schmähen als den Urheber der entsetzlichen Zeit. Das sind die Folgen deines Falles! Gedenke der Schmähungen, die ICH schuldlos hingenommen habe!

6-1340 Du hattest aus deiner Lebenskraft eine um die andere Schar herausgestellt. Ein beachtlicher Teil von dir. Werden sie weggenommen und auf den Umkehrweg gebracht, so wirst du immer kleiner, bis endlich dein persönliches Wesen übrig bleibt. Dann, Luzifer, bist du von dir erlöst, vom teuflisch bösen Sein! So ist der Höllenfürst und seine Macht für immer ausgelöscht! Aber übrig, Luzifer, übrig bleibt deine Seele, dein Herz, deine Wesenheit. Und das muß bleiben als ewiges Symbol Meiner Erlösertat, Meines ‚Es ist vollbracht‘! Das mußt du willig auf dich nehmen unter Anerkenntnis Meiner dir neu gestellten Bedingungen. Tust du auch das, so werde Ich dir alles Weitere enthüllen, was mit dir hernach geschieht.“

6-1341 Hielten die Engel berechtigt ihren Jubel zurück, als sie zwar des Gefallenen Erkenntnis sahen, doch das Urteil des gerechten Richters noch nicht kannten? Ist das Barmherzigkeit, oder müßte nicht der Kronträger etwas hinzusetzen? Eine Urteilsergänzung? Niemand weiß, was folgt; es lebt in UR geheim. Es ist ein vernichtendes Urteil. Ein schnellerer Tod ist der kleinere Schrecken gegenüber eines lebenslangen Kerkers. Allein, es ist gerecht. UR hat es gefällt!

6-1342 Das geht durch Luzifers zerschlagene Seele, durch sein todbereites Herz. Wohl versiegen seine Tränen; allein die Traurigkeit ob seiner Verfehlungen bleibt ungemindert. Ganz still hält er, sein Haupt an JESU Seite, die Hände in den Gewandfalten des Heiligen. Nun hebt er sein Gesicht empor. Ach, wie muß der VATER in UR sich Gewalt antun, um sich nicht zu früh zu beugen und das über alles geliebte Kind zu trösten, ihm das bereitgehaltene, aber noch verhüllte Geschenk zu übergeben. Luzifers Stimme klingt fast ruhig, als er sagt:

6-1343 „Ich anerkenne Deine Bedingungen, Ewiger, will sie einhalten und Deinem Urteilsspruch mich beugen. Ich sehe, es gibt kein Entrinnen. Und wahrlich, o Allmächtiger und Allheiliger, Du zeigtest mir die Zukunft so, wie sie kommen wird. Ich anerkenne und bekannte, möchte alles wieder gutmachen, ach . . . wie soll mir das gelingen? Den Meinen werde ich zum Abtrünnigen, den Menschen der Erzböse bleiben und Dir, Deinem heiligen Schöpferwerk, bin ich ein ewiger Makel. Wieder gutmachen wollen und nicht können ist meine härteste Qual. Ich muß, ich will sie tragen. Und doch . . .“ Luzifer schweigt längere Zeit; neue Bilder drängen sich in seiner Seele, „. . . wie sollte ich das alles aus mir tragen können? Nein, nein, das bringe ich nie fertig! O JESU“, schreit er plötzlich auf, „JESU, hilf mir!“

6-1344 Luzifers Hände sinken nieder, sein Haupt liegt auf des Meisters Füßen. Die Fürsten haben im Moment des Notschreies ‚JESU, hilf mir‘ ihren Lichtring eng geschlossen. Ein Strahlen, ein Lichtfeuer hebt an, und im Reiche läuten alle Glocken. Helle Posaunen hallen durch die Räume, der Engelsjubel bricht hervor. Befehlsträger schmücken des Reiches Dom, Älteste stehen an den Toren, die Wächter auf den Zinnen. In verschwenderischer Pracht verstrahlt die UR-Sonne ihren Glanz. Nicht zu schildern ist, was der Notschrei, das Gegenwort des Kreuzträgers, auslöst. Dort: Es ist vollbracht; hier: JESU, hilf mir! Den Menschen ist der Titanenjubel bloß anzudeuten, die Welt hat weder Gedanke, Wort noch Vorstellung von dem, was der Hilferuf des reuevollen Schöpfungskindes hervorgerufen hat.

6-1345 Und UR, der Ewig-Heilige, der Ewig-Einzige und Wahrhaftige? Wie steht ER Seinem Kinde gegenüber? Warum zögert Er mit Seiner Hilfe noch eine kleine Weile? Muß auch Luzifer noch warten wie der All-Heilige, bis die eine Seele sich freiwillig beugte? Oder muß der Notschrei erst in aller Schöpfung widerhallen, bis er völlig den Gefallenen durchdrungen hat? O ja, wohl kann ein solcher Schrei — ausgelöst von tiefster Not — sich urplötzlich einem Kind entringen. Ob er aber auch den unbedingten Glauben an die Hilfe bringt, muß die Folge und die Zeit erweisen. UR schenkt die Zeit. Da flüstert‘s noch einmal zu Ihm herauf: „JESU, hilf mir!“ Luzifer hat wohl in der Noterkenntnis, aus Verzweiflung JESU angerufen, aber auch sein Glaube an die Hilfe ist erwacht, wenngleich er sich von ihr noch keine Vorstellung zu machen wagt und es auch nicht kann.

6-1346 UR beugt sich nieder, hebt den Niedergeworfenen auf, unterstützt von Michael und Rafael, legt Seine Hände auf das dunkle Haupt und dann — dann schließt Er das Kind in Seine Arme. „Ich habe Mein Kind wiedergefunden“, ruft Er den Ersten zu. „Eilet, Meine Fürsten, und sagt es allen, die es hören wollen! Verkündet die Froh-Botschaft:

Das Kind Meiner Liebe ist zur Heimkehr bereit!“

Alsbald enteilen die sieben Engel. In wenigen Erdsekunden sind sie zurück, neigen sich mit über der Brust gekreuzten Armen und sprechen:

6-1347 „Dein Befehl ist ausgeführt. Das Heiligtum ist schon gerüstet, die heilige Stadt geschmückt. Der Himmel bereitet Deine Bahn, und die weißen Rosse sind gezäumt. Die Lichter an der Feste strahlen aus in aller Pracht und Herrlichkeit. Unter Deinen Kindern herrscht unaussprechliche Freude, und des Jubels nimmt kein Ende. Nun erhält die Schöpfung die Erfüllung und der Liebe-Tag wird vollen Segen haben. Heilig, heilig, heilig, heilig bist DU, o UR! Wunderbar ist Dein Name und Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst! Preis und Macht und Ehre, Ruhm sei Dir, wir loben Dich, wir beten Dich an und sagen Dir Dank. Hochheilig bist Du, ohne Anfang, ohne Ende! Deine Macht, Kraft, Gewalt und Stärke durchdringen Raum und Zeit, alles Äußere und Deines Herzens Inner-Wesenheit. Heilig, heilig, heilig, heilig bist DU, UR, Ewig-Heiliger, Ewig-Einziger und Wahrhaftiger! Hosianna, Halleluja, Ewiger, ewig bist Du!“

6-1348 Der Lobgesang verhallt. Der Himmel hat ihn aufgenommen und in URs Herzen eine Sondertüre aufgetan. Daraus entströmt ein Liebe- und ein Segensstrahl, fließt über die Sieben hin, über alle Schöpfung und konzentriert sich dann auf Luzifer. Auch die Engelsfürsten wenden ihre Augen nun dem einen Kinde zu, dem der Ursinn der Erlösung gilt. Luzifer ist von allem, was geschieht, so stark beeindruckt, daß er seine zu erwartende Vernichtung ganz vergessen hat. Er schaut von einem zum andern; in seiner Brust beginnt ein lange zugeschütteter Quell zu rieseln. Fast tritt ein Leuchten in die Augen, das verrät, teilhaben zu wollen an der Lobpreisung und Anbetung, am heiligen Liebe- und Segensstrahl.

6-1349 Als er wieder einen Blick UR zuwendet, sieht er, daß doch JESU vor ihm steht, JESU mit den Wundmalen, JESU, gebrandmarkt für ihn, für seine Lossagung. Da versinkt das freundliche Bild; an dessen Stelle tritt der Schatten seiner Schuld und verdunkelt wieder seine Seele. Tonlos flüstert er: „Einst hattest du Anteil am wundersamen, heiligen Dienst. Nie wieder wirst du in den Reihen derer stehen, die ‚Licht‘ und ‚Heilig‘ rufen können. Ich muß mein fluchbeladenes Dasein bis zum Ende leben und weiß doch gewiß, daß ich es aus mir nicht tragen kann.

6-1350 Aber ich will, wenn ich schon keinen Lobgesang mehr anstimmen darf, immer wieder rufen: JESU, hilf mir!‘ So werde ich das letzte Stück meines armseligen Lebens doch ausharren können, bis ich von mir selbst erlöst sein werde.“ Keiner hätte die mehr gedachten als gesprochenen Worte hören können. Die Fürsten haben sie gesehen; UR hat sie vernommen. Er beugt sich abermals zu Luzifer herab, der noch einmal zu Boden gesunken war.

6-1351 „Mein geliebtes Kind! Endlich will der VATER zu dir sprechen, denn nun hast du dich ganz willig unter Meine Bedingungen, die Ich als UR dir auferlegen muß, gebeugt und hast vollkommen aus dir selber deine Hände nach Mir ausgestreckt, nach der Hilfe, die ICH allein dir geben kann. Vergessen sollen die Übertretungen Meiner heiligen Gebote sein, die Erhebung über Mich; vergeben will Ich alle deine Bosheit und deine Sündenschuld. Nichts soll mehr sein von dem, daß du Mich beleidigt hast. Nun hält ein Vater Sein Kind im Arm, drückt es wieder an Sein Herz! Ich frage dich: Willst du jene Wege gehen, die Ich dir zeigen werde, und nach Meinem Wort getreulich handeln?“

6-1352 „Ja, ich will! Also werde ich ein wenig wieder gutmachen können, was ich an Dir und wider Dich gesündigt habe. Aber mein Ende . . . Luzifer zögert und sagt mühsam weiter: „. . . mein Ende, ich muß es doch erwarten. Kommt es aber über mich, dann, o JESU, hilf mir!“ Luzifers Haupt sinkt tief auf seine Brust. Da bettet es der Vater an Sein Herz, berührt segnend die geneigte Stirn und spricht:

6-1353 „O Mein Kind! Du hast Mir Mühe gemacht mit deinen Missetaten und Sorgen mit deinen Sünden. Ich aber habe alle deine Übertretungen getilgt und will nun alle Gebrechen heilen. Das aber schreibt Meine Barmherzigkeit als Urteil ins Ewigkeitsbuch: Dein Leben, Luzifer, wird vernichtet; an seine Stelle tritt das Leben Meiner lieblichen Sadhana! Dein Dasein, Luzifer, wird ausgelöscht; dafür wird Mein Kind Sadhana eingesetzt!

6-1354 Unter dem Golgathakreuz wirst du, Luzifer, völlig aufhören zu sein bis zu Meiner großen Wiederkunft; doch mit Meiner glorreichen Erscheinung beginnt Meine Sadhana ihren Heimweg! Dann werde Ich dich, Luzifer, erlösen, dann wird der Name Luzifer nicht mehr sein! Dafür wird der Name Sadhana aufs neue in Meinem Himmel genannt, und das Vaterhaus wird sich auf die Heimkehr des erlösten Kindes rüsten! —

6-1355 Die Meines heiligen Opfers wegen gerecht gestellten Bedingungen sind dir nicht abzunehmen; sie sind zu erfüllen. Auch bedarfst du der Reinigung. Du mußt das Weltkreuz tragen, wie Ich für dich das Schöpfungskreuz der Erlösung trug. Du bist reumütig umgekehrt, hast dich vom Bosheitsweg freiwillig abgewendet. Die lange Straße, die dich seit deiner Lossagung von Mir entfernen ließ, ist Schritt um Schritt zurückzupilgern. Das kann dir nicht erspart bleiben.

6-1356 Aber sieh, dein fast unendlicher Pfad ist zu verkürzen, je nachdem du Meine Gnade in Anspruch nimmst. Dir wird schwerfallen, bei den guten Vorsätzen zu bleiben. Denn wie du verführtest, unterliegst auch du der Versuchung. Da die Umkehr jedoch eine wahrhaftige, deine bisherigen Grundfesten erschütternde ist, so wird kraft deiner Reue und Erkenntnis, die dich zum großen Bekenntnis, zur bedingungslosen Annahme der aus Meinem Kreuzopfer dir auferlegten UR Bedingungen brachte, ein Rückfall deinerseits kaum eintreten. Mein Opfersieg bewahrt dich vor einem zweiten Fall; und die Opferannahme vermittelt dir Meine Kraft, allen Verführungen zu widerstehen.

6-1357 Je mehr du dich befleißigst, ins Vaterhaus zu kommen, je rascher wird der Weg unter deinen Füßen hinter dich eilen und Meine große Wiederkunft auf Erden sein. Wenn es aber soweit ist, mußt du als letzte große Prüfung den Erdenweg noch gehen. Und das ist für dich das Allerhärteste. Den Menschen bleibt der Ursprung ihres Lebens verborgen; wenige ahnen, ganz wenige wissen davon. Du jedoch wirst zur Erkenntnis kommen, wer du warst. Der letzte bittere Kampf gegen Mich wird oft deine Seele verdunkeln. Fast tatenlos mußt du zusehen und hören, wie Ich abermals geschmäht und sinnbildlich gekreuzigt werde. Das werden deine bittersten Sühnestunden sein.

6-1358 Auch daß man deinen Namen schaudernd nennt, wird auf dir lasten. Man wird bis kurz vor Meiner Wiederkunft dich als den großen Verführer bezeichnen und dir allerorts fluchen. Erst wenn Meine glorreiche Erscheinung von Meinen Engeln auch innerhalb des Erdkreises vorbereitet ist, soll es geschehen, daß über dich die Wahrheit erstmals zur Offenbarung kommt. Doch wird darum mancher Kampf entbrennen. Denn die Menschheit, die an Mich glaubt, will so wenig deine Umkehr anerkennen, wie wenig die Finsternis von Mir etwas wissen will.

6-1359 Diese will dich immer als ihren Obersten in Anspruch nehmen und die Schuld an ihrer Trübsal MIR zuschieben, weil sie letzten Endes sieht, daß trotz allen Leugnens Meine Existenz nicht abzustreiten ist; jene hingegen will Mich anerkennen, ja viele werden ernstlich für Mich kämpfen. Doch auch sie möchten einen Schuldabladeplatz. Und da sie über dich noch keine wahre Kenntnis haben werden, legen sie mehr oder weniger ihre Sündenlast auf dich. Sie tun dies ohne böse Absicht; ihnen fehlt das Wissen, das du nun hast. Du suchtest alle Schuld bei dir; keinem einzigen Wesen schobst du den geringsten Schuldteil zu. Die Menschen aber tun es noch, sie werden dich bei Mir verklagen, als den Erzbösewicht hinstellen, der sie verführt, obwohl sie selber gern den Erdenfreuden frönen und es mit einem Dienst für Mich nicht allzu strenge nehmen.

6-1360 Das mußt du über dich ergehen lassen, schweigend, wie auch Ich vor Meinen Richtern schwieg. Du darfst die Menschen vor Mir nicht verklagen, nur verteidigen, obwohl sie dessen selten würdig sind. Denn siehe, wie verteidigten dich Meine Geduld, Liebe und Barmherzigkeit vor den Eigenschaften Ordnung, Wille, Weisheit und Ernst, und du bist‘s absolut nicht wert gewesen. Messe niemals mit dem Maßstab äußerer Erkenntnis; denke stets daran, wie dich Mein Leben, Geburt, Gethsemane und Kreuzestod gemessen haben! Tust du so, dann legst du gerechtes Maß an alle Menschen, die — ohne Rückerinnerung — ein Seelenteilchen deines finsteren Bestandes in sich tragen. Also kommt es auch zum rechten Maß für dich bei Meiner Wiederkunft.

6-1361 Rufe aber stets: ‚JESU, hilf mir!‘ Ehe du nicht heimgekehrt sein wirst, bin Ich dir JESU, der für dich das Opfer brachte. Stehst du einstens vor den Toren von Licht-Heilig und Ich erscheine, dich einzuholen, dann bin Ich dir der Ewig-Heilige UR, der Ewig-Einzige und Wahrhaftige! Bis dahin darfst du Mich nicht mit Meinem UR-Namen nennen. Doch JESU CHRIST bin Ich dir immer bis zur Erfüllung deiner Sühne. — Nun sprich, Mein Kind, ob du auch das annehmen willst, was Ich dir jetzt offenbarte, das letzte aus dem Urteilsspruch.“

6-1362 Im Schöpfungskind geht eine ungeheure Umwandlung vor sich; sie ist so gewaltig, daß alles Bisherige nur ein Auftakt heißen kann. Ungläubig, wie erstarrt schaut es auf. Hat es recht gehört? Der Name und das Wesenhafte Luzifer fällt dem vernichtenden Gericht anheim? Nicht es selbst? Es gibt keine ewige Verdammnis und keine Auslöschung? Es soll einst wieder Sadhana sein, heimkehren dürfen ins ewige Vaterhaus? . . . Wer kann die Erschütterung beschreiben. Der Seher, der es miterleben darf, erfaßt wohl den Sturm; allein — mit Worten darzustellen, das vermag er nicht. Die Fürsten tragen Luzifers Schmerzen treulich mit; sie könnten sagen, wie es aussieht im erlösten Kinde. Aber sprächen sie mit ihren Engelszungen, bliebe doch den Menschen ihre Sprache unverständlich. Luzifer fragt:

6-1363 „Wie soll ich das verstehen? Diese Gnade ist unmöglich. Das übersteigt Dein Opfer! O heiliger JESU, sieh, ich nahm das gerechte Urteil willig an. Meine Sünden und fluchwürdiges Dasein, Deines Kreuzes Lasten, alles will ich ohne Klage tragen; doch die Last dieser Gnade ist mir untragbar! Sie würde mir zur allerschwersten Bürde! — Dennoch müßte dieses über mich ergehen, weil in Ewigkeit meine Taten wider Dich nicht mehr zu sühnen sind. So will ich mich darunter beugen, o JESU CHRIST, und dem Gerichte stille halten.“

6-1364 Ein wundersames Lächeln leuchtet aus URs Augen. „Hattest du allein die Lastempfindung, Kind Meiner Sorgen und Mühen, als Ich dich der Gnade anheimgab? Erfüllte dich zuerst kein glücklicherer Gedanke? Enthülle Mir dein Herz.“ „Du willst, daß ich sage, was besser nicht in mir erstanden wäre. Ja, es war der Widerschein des Glücks, daß ich leben, einst wieder als Sadhana heimgeführt würde in Dein Reich.

6-1365 Aber ein Schein hat mich betäubt, ließ mich für Sekunden meine ewige Schmach vergessen. Hochmut war es, zu glauben, Deiner Gnade Anteil im Sinne voller Schuld-Loslösung zu erhalten. O JESU, hilf, daß ich nicht nochmals solchem Hochmut anheimfalle!“ Luzifer sieht flehend hoch. Zum zweiten Male geht das wundersame Lächeln über das urewige Gesicht. Fester drückt der Vater Sein Kind ans Herz.

6-1366 „Nimm Meine Gnade, so wie ICH sie dir gebe. Kein Hochmut erfüllt dich mehr, sondern eine Demut, die Mir wohlgefällig ist. Eines mußt du lernen, Mein Kind, — nämlich Meinen Opfersieg als vollkommen anzusehen. Damit ist vollste Sündenvergebung verbunden für alle, die Mein heiliges Opfer wahrhaft erkennen und sich in Demut und aufrichtigem Schuldbekenntnis unter Mein Kreuz stellen, somit sich auch willig Mir, dem Richter in UR-Ewigkeit, ausliefern. Darauf kann allein Begnadigung, Erlösung von Sünde, Schuld und Tod erfolgen. Die Begnadigung sprach Ich aus als Richter über dich!

6-1367 Also ist es keine Last; es ist Befreiung, ewiges Losgelöstsein von jeder Schuld. Was du bis zu Meiner Wiederkunft als volle Sühne auf dich nehmen mußt, kannst du kraft Meiner Gnade tragen mit der Gewißheit, durch Mein Opfer erlöst, einst heimzukehren zufolge deiner freien Umkehr. Das ist Meine Liebegabe an den sechsten Schöpfungstag. Möchtest du nicht lieber dieses Glück der Gnade nehmen statt eine Last, die Ich mit Meiner Gnade nicht verband?“

6-1368 Luzifer blickt auf. Die Fürsten lächeln ihm zu, und Uraniel sagt: „Luzifer, ich habe das Zeichen der Gerechtigkeit.“ Er hält eine Waage hoch, „in der Schale liegt deine Schuld, in der andern die Gerechtigkeit. Deine Schuld zog bis zu deiner Umkehr tief herab. Doch ich nehme des Verteidigers Schwert und Kreuz.“ Michael und Rafael übergeben Uraniel die Symbole schöpferischer Hoheit. „Beide wurden dir zum Gnadenheil, denn sie haben dich besiegt. Ich lege darum in die Schale der Gerechtigkeit die Zeichen dieses Gnadenheils.“ Als es geschieht, schnellt Luzifers Schale hoch. „Deine Schuld ist aufgewogen. Was du als Sühnung trägst, ist die Wiedergutmachung deiner Frevel. Empfändest du diese jedoch als Last, so hättest du dich ja bedingt unter JESU Kreuz gebeugt. Nimm darum das Gnadenheil an mit beiden Händen, wie der heilige UR-Vater es dir dargeboten hat.“

6-1369 Brennenden Auges sieht Luzifer dem Vorgang zu. Als seine Schuld nach unten zog, daß die Waage kein Gewicht mehr zeigte, klopfte sein Herz nochmals todesbang; als aber die Gerechtigkeit in Wille und in Liebe als Verteidiger das Gewicht ergab, ging ein Schauer über seine Seele. Nun blickt er halb ängstlich, halb erleichtert UR zaghaft an und fragt: „Gilt das wirklich mir? Kann, darf ich diese Gnade haben? Dessen ist kein Mensch, kein niederes Wesen würdig, am wenigsten aber ich! O JESU, Du mein Meister, sage mir, wie es ist!“

6-1370 „Das sei dir kundgetan, zumal du die Belehrung brauchst“, entgegnet UR. „Sieh, eine Gnade kann jedermann erhalten; für jedes Kind bereite Ich sie vor. Ob sie aber auch zur Offenbarung kommt, liegt am Empfänger ganz allein. Wenn ein Kind Meine dargereichte Gnade nur zum Teil in Anspruch nimmt, wird sie selbstverständlich auch entsprechend offenbar. Doch in jedem Falle hat etwas vorauszugehen. Und das ist ein Würdigwerden! Wer nicht zu Mir kommt und zu Meinem Kreuz, wer Mich bekämpft oder wer Mich kennt, ohne Mir jedoch zu dienen, kann niemals diese Gnade haben! Erst dann, wenn jemand in aufrichtiger Reue sein Unrecht eingesehen hat und ist buß- und sühnebereit, über diese fällt in großer Fülle Meine Gnade, die um so mehr zunimmt, je mehr Reue und Sühnebereitschaft vorhanden ist.

6-1371 Freilich muß Ich oft den Anstoß zur Reue und zur Buße geben; das geschieht aber niemals durch die Gnade als GABE, sondern durch einen der Gnade vorausgehenden Akt, der darin besteht, daß Ich solche Kinder, besonders Menschen, durch Krankheit, Trübsal, Leiden und anderes gehen lasse. Mein Wille sendet dies nicht, sie sind selbst zu allermeist die Urheber, wie auch der Kriege und Schrecknisse.

6-1372 Allein, Ich benutze die von Abtrünnigen verursachten Lasten und helfe ihnen scheinbar nicht. Ich lasse sie durch die Trübsalswogen gehen, bis sie seufzen lernen und nach Hilfe Umschau halten, von der sie — allerdings mehr unbewußt — glauben, sie käme von oben her. Ist solch kleines Fünklein nun erwacht, so leite Ich den Gnadenakt zur puren GNADE über. Dann aber, soll ein Kind aus freiem Willen sich zu Mir bekehren, muß Zug um Zug erfolgen: einmal ein Stück Meiner Gnade, dann wieder ein Stück Er- und Bekenntnis. Und das so lange, bis sich Meine Gnade vollstens offenbart zufolge einer größtmöglichen Reue und Sühnebereitschaft.

6-1373 In gleicher Weise ist es mit dir geschehen, der du verloren warst und wiedergefunden bist. Daß Ich in deinem Falle Meine Gnade zuerst aufs Kampffeld führte, war durch das der Schöpfung angetane Unrecht vorbedingt. Aber eine Grenze war gezogen, über die hinaus selbst der ganzen Schöpfung wegen Meine Gnade nicht geschoben werden durfte. Die Grenzlinie hieß GOLGATHA! Hier wartete Ich deine Umkehr ab. Das ‚Hochziel Meiner Gnade‘ wirst du freilich erst erhalten, wenn du als Sadhana deine Heimkehr angetreten hast. Soweit aber nun ihr Anteil — und er ist nicht klein — über dich gekommen ist, soweit bist du würdig, die Last abzutun und dafür Glück und Freude über deine Umkehr und das Urteil einzutauschen. Darum freue dich in Mir, wie Ich Mich und Mein Himmel über den Sieg Meines Blutopfers freuen!“

6-1374 Ein kurzes Zögern, beinah wie ein Anlauf, und dann schlingt das Kind, das heimfinden will, seine Arme um des Vaters Hals. Es läßt sich nicht allein umfangen, nein, es schmiegt sich schutzsuchend und selig in die starken Arme, an das große Gnadenherz. Kindlich befangen flüstert es: „Ich darf noch nicht ‚VATER‘ sagen; aber mein Herz jubelt: Vater, Vater und noch mal Vater! O welchen Dank möchte ich Dir bringen! Wie wollte ich jauchzen!

6-1375 Aber ach, nun will ich lieber stille sein und mich vorbereiten auf den schweren Weg. Muß ich ja erst lernen, Dir ganz entgegenzugehen. Meine Schritte sind armselig und klein, die eines Kindleins an der Mutter Hand; Deine hingegen, die Du, o JESU, mir entgegenkamst, waren schöpfungsweit. Ich kann dieselben weder messen noch übersehen. Ich weiß aber, dergestalt kam über mich die Gnade Deines Heils, weil DU allein mich hierzu würdig machtest.“

6-1376 „Du hast das Beste erkannt! Nun rüste dich, der Weg wird wirklich schwer. Bis zu Meiner Wiederkunft und glorreichen Erscheinung bin Ich dir der MEISTER, denn ICH habe dich gemeistert und bezwungen! Bis dahin werden dich die Menschen den Höllenfürsten und Versucher nennen. Selten siehst du Mich und stets aus weiter Ferne. Doch allein, Mein Kind, lasse Ich dich nicht! Rufe Meinen Opfernamen JESUS CHRISTUS an, und alsbald sende Ich dir den, der einst gegen dich zu kämpfen hatte; er wird Mein erstes Kind beschützen.“ Michael hält gleich sein Schwert über UR und Luzifer. Dieser bittet:

6-1377 „Meister, zeige mir den Ort, wo ich bis zu Deiner Zeit verbleiben und Dein Gebot mit Deiner Kraft befolgen kann.“ „Du tust gut, darum zu bitten. Diese Sonne sei die Stätte deiner Vor- und Zubereitung. Hierher kommen deine Bösen, und du mußt mit ihnen fechten, nicht mehr als ihr Herr, sondern als ein Wesen ohne Machtstellung. Das sind bittere Kämpfe, und selten wirst du Sieger sein. Doch so oft du jede Niederlage überwindest, wirst du an eigenpersönlicher Kraft zunehmen, bis der ganze Luzifer tot, von sich erlöst, ja gänzlich aufgelöst sein wird, wie Ich dir im Urteilsspruch verkündete. Dann kommt über dich der Sieg zur Zeit, da man in allen Schöpfungsteilen die Friedensglocken läutet, dazu auch Mein Segen, den Ich dir als Trostkraft gebe. Dessen bleibe eingedenk!

6-1378 Nun, Mein Kind, der Welt Morgenröte naht. Noch ein Wort darfst du sagen, dann harre aus am Orte der Entscheidung, des Kampfes, Sieges und der Gnade.“ Luzifer kniet langsam nieder. Auch die Engelsfürsten beugen ihre Knie. Seine Hände hebt er hoch empor und spricht:

„DICH lasse ich nicht, DU segnest mich denn!“

o welch Verlangen, welche heiße Sehnsucht legt er in die bekannte Bitte; wie ist sie so ganz neu geworden. UR läßt sich — ganz Güte — durch sie bezwingen. Er legt beide Hände auf das geneigte Haupt.

„Als Hochpriester Melchisedek aus Urraum und Urzeit segne Ich dich!“

6-1379 Als Luzifer nach einer Weile aufschaut, ist das Licht enteilt. Wo der Heilige saß, blieb ein heller Schein zurück. Dort überkommt ihn später immer wieder Kraft, wenn sich Dämonen auf ihn stürzen, wenn Verzagtheit ihn befällt oder — wie in erster Zeit — alte luziferische Machtgelüste aufzusteigen drohen. Er nennt den Platz ‚Rettungsring‘; denn steht er dort, so fühlt er Gottes heilige Nähe. Kein tobender Teufel kann ihm etwas tun. Je mehr er den zugeworfenen Rettungsring in Anspruch nimmt, um so mehr nimmt seine Reue und Bußwilligkeit zu, und sein Weg führt als Kind ins Vaterhaus zurück, Schritt um Schritt zum heiligen Dom der UR-Unendlichkeit. (Der 3. Markstein)

6-1380 Es ist vollbracht! Tod, wo ist dein Stachel; Hölle, wo ist dein Sieg!? Diese Frage ist unmißverständlich gelöst. Zwar ist der UR-Sieg noch nicht völlig offenkundig; noch haben die Lebenskinder viel zu tun, bis allen Erdenwandlern Golgathas Wahrheit zu zeigen ist. Doch der hohe Himmel ist vom JUBILATE – GLORIA erfaßt. Die hellen Scharen strömen zum Lichtweg hin, wo die Befehls-Engel stehen. Dort harren sie, und ihre Sonnen funkeln um die Wette. Die UR-Sonne hält ihr Quell-Licht nicht zurück; es überstrahlt den ganzen Schöpfungstag und vergoldet schon den nahen Feierabend. —

6-1381 In der Materie ist getan, was UR als ‚Sohn der Liebe‘ wollte. Er kehrt sichtbar ins Reich zurück, ohne jene zu verlassen (Matt. 28,20) die dem ‚Herrn JESU‘ gläubig folgten. Er gibt ihnen Seinen Geist. Nicht den, der aus dem UR-Quell ohnehin gegeben ist, aus dem ewig alle Nahrung fließt. Es ist jener Gnadengeist, mit dem ein Kind zum ‚Dienst‘ gesegnet wird. Ist er auch allein im Herzen zu erschauen, wie UR durch den Fall nicht mehr äußerlich, so bleibt er dennoch gegenwärtig, wie vordem bei den Engeln. Gerade das festigt die Verbindung mit IHM im Himmel und im Weltenall. Bald können die Getreuen die letzte Straße wandern, die ‚CHRISTUS‘ ging. Dann werden sie Ihn sehen in Seinem ewig unmeßbaren Glanz, in Seiner Herrlichkeit! —

6-1382 Im Augenblick, da der ‚sich verklärende HERR‘ gen Himmel fährt, geistgesegnete, fassungs- und furchtlose Jünger zurücklassend, hat UR die mit Licht, Jubel, Glanz und Pracht gesäumte Bahn betreten. In majestätisch heiliger Würde schreitet Er durch die Reihen der Legionen, die — sich anschließend — Ihm folgen, bis UR vor dem Dom Seiner Herrlichkeit und Erhabenheit steht.

6-1383 Der Dom öffnet sich. Die Fürsten gehen auf den vier Teppichen vor UR her, dieser auf dem roten Teppich durch das Tor Seiner unendlich sich enthüllenden JESU-Geduld und CHRISTUS-Liebe. Das tut sich auf für alle, die Ihn sehen oder auf den Erlösungswelten mit gesegneter Sehnsucht wandeln. UR berührt den geschlossenen Vorhang; alsbald weicht er nach beiden Seiten ab. Und UR bleibt stehen, denn die Sieben holen vom Heiligen Herd die Krone IHM entgegen.

6-1384 Auf der Schwelle zum Allerheiligsten, durch den Fall mit Ausnahme der Fürsten im Dienst für alle geschlossen, überreichen sie kniend das Symbol der UR-Herrschaft, dessen durch Golgatha unbeschreiblich gewordene Kostbarkeit sogar die Seligen blendet. Die vier Wächter halten die Ecken des reinweißen, leuchtenden Raumteppichs hoch und lassen sie erst fallen, als UR ihn betritt.

6-1385 Die Ältesten, soweit sie nicht als Jünger auf der Erde leben, tragen den kostbaren Saum des könig-priesterlichen Gewandes. Das Innere des Heiligtums, von Befehls-Engeln eingesäumt, füllt sich mit Scharen, die bis über ‚Hephata‘ hinaus stehen. UR begibt sich zu dem erhabenen Stuhl. Als MELCHISEDEK hält er das heilige Hochamt ab.

6-1386 Wunderbar glüht der Schöpfungskelch; dreimal hat Rafael aus ihm getrunken. Noch ist er gefüllt mit dem Tribut von Golgatha. Der UR-Sonne innerster Strahl fällt während der Hochamt-Handlung auf den kristallenen Kelch, durch den das rote Opferwasser schimmert. Das All durchflutet eine Stille, als wäre da kein ‚ATMA‘, und wird doch von heiliger Erlösertat durchpulst. Da hebt der Hochpriester seine Hände segnend auf. Im Augenblick fallen die Äonen nieder.

6-1387 Nicht wie vor dem Opfer beugen sie die Häupter, kreuzen sie die Arme; nein, dem Licht entgegen sind ihre reinen Angesichter und die Hände hoch erhoben, zur wieder offenbar gewordenen heiligen Höhe, geöffnet gleich Blütenkelchen, denen alles Heil von oben wird. Ein Strahl, so unendlich gut, entströmt URs Augen, die Scharen fest umschließend vom kostbaren Lebensring, der nun für sie vollwahr der ‚Ring der UR-Ewigkeit in Raum und Zeit‘ geworden ist. Jetzt wird der neue Tag im glorreichen Glanze herrlichster Erhabenheit sein urgesetztes Ziel erlangen. Melchisedek spricht:

6-1388 „Ich rufe dich, Rafael, an Meine Seite. Im Dienst für alle Kinder sollst du sie vertreten und die verwahren, die Meinem Hause ferne sind. Du standest hier an Meiner Statt; du folgtest deinem Trieb, die Liebe für das Schöpfungs-UR-Werk der Vollendung wegen restlos einzusetzen. Und Ich, sowohl als Menschensohn wie auch als Gott, war mit eingeschlossen; Ich konnte ja nicht außerhalb derselben stehen! Es war gut, daß du dies nicht wußtest, sonst hätte die Gewalt der Wahrheit dich zu anderer Tat entfacht.

6-1389 Dennoch ahntest du die unfaßliche Tiefe; denn du zögertest, den heiligen UR-Kelch“, Melchisedek hebt ihn hoch, „an dich zu nehmen, und du zittertest davor, aus ihm zu trinken. Was dich, Träger Meiner Liebe, dazu bewog, es doch zu tun, entsprang keiner Bedingung, die durchaus mit dem Opfer zu verbinden war, noch dem Gesetz des freien Willens, das als Ausgleich des den Schöpfungsfundamenten zugefügten Unrechts gelten konnte. Ein Gedanke ließ dich das scheue und ehrfurchtsvolle Gefühl gegenüber dem, das MIR persönlich und allein gehört, überwinden. Dein Gedanke war: dem Opfersohne dienen, Seine unsagbare Last erleichtern helfen!

6-1390 Hierin warst du zeitlos für die Dauer des Geschehens dem Werke unverbunden; du standest über ihm, wie auch Ich als Schöpfer über allen Werken stehe. Du hast mehr vollbracht, als dein reiner, nun geheiligter Geist erfassen kann! Du und ihr Träger Meiner heiligen Grundlebensstrahlen wachst in der Folge in das VOLLBRACHT hinein. Mit der eigenen Erkenntnis hat deine unmittelbar kompromißlose TAT den Stempel höchster Gesetzmäßigkeit erhalten. Darum will Ich sie aufgrund der Haupt-UR-Lebensbedingung mit allen gerecht gestellten Bedingungen in Verbindung bringen, und sie soll der Ausgleich des vorerwähnten an den Fundamenten begangenen Unrechts sein.

6-1391 Als Meine menschgewordene Liebe mehr unter der Last der Entscheidung als jener des zu schweren Kreuzes zusammenbrach, wollte Meine Heiligkeit das Tat UR-Jahr in Mein unerkanntes UR-Sein senken. Die Hand war schon ausgereckt! Wer hätte Mich wohl hindern wollen, selber Meiner Heiligkeit gerecht zu werden?! Das am vierten Schöpfungstag geschriebene Testament sollte zwar nicht angetastet werden. Damals aber, höret es, ihr reinen Kinder, durfte der Gedanke keinen Raum gewinnen, daß ein Mitunterzeichneter dieses Testament herausfordern würde. Und Ich tat es nicht! Denn ein geringster Hauch des Gedankens wäre zu einer sich auswirkenden Bedingung geworden, womit auch MIR hernach es unmöglich war, Hand an diese UR-Kunde zu legen.

6-1392 Ihr Fürsten versteht den heiligen Sinn, der Meinem Wort zugrunde liegt. Jeder Gedanke ist UR-Lebenskeim und UR-Lebenstrieb. Aus ihnen bildet sich das Sein und ist nichts ohne die Gedanken! Da Ich aber selber UR-Keim und UR-Trieb bin, wäre ein solch vorbesagter Gedanke die zwingende Notwendigkeit geworden, mindestens das Ergebnis einer Folge über Wort und Tat. Also wären alle jene eben mit dem großen Schöpfungsfall Gestürzten ohne Verantwortung gewesen, ungerecht dadurch ihre Verbannung und die mit ihr zusammenhängende Rücknahme der bereits erworbenen Kindschaft; ganz besonders jedoch hinfällig das von Mir unter fast vollständiger Aufgabe Meiner UR-Herrschaft gebrachte Schöpfungsopfer!

6-1393 Nun in Mir nicht der Gedanke, gleichfalls keine bewußt getragene Vorschau lag, konnten wohl Mein Schöpfer- und Mein Priestertum an jenem kritischen Wendepunkt Meine Heiligkeit unter Meinen höchsteigenen UR-personhaften Schutz nehmen, um dem Tat-UR-Jahr vollste Genugtuung zu leisten! Denn ein Mitunterzeichneter war zum großen Fall geworden! Das führte zur allerdings einzigen Berechtigung, das Testament aufzuheben!

6-1394 Ihr Fürsten sagt, Ich hätte einst vom möglichen Fall gesprochen, auch daß aus eurer Reihe er geschehen könne. Nun, Meine Hinweise bezogen sich nicht auf einen aus UR-Lebenskeim und -trieb nachgegangenen Gedanken, sondern lediglich auf ein ‚In-Rechnung-Stellen‘ von seiten des Werkes. Die Möglichkeit, mit der zu rechnen war, sah Ich allein vom Werke au. Ihr glaubtet bisher, daß die Andeutung in Meiner persönlichen UR-Schau lag. Wollte Ich euch zu Meinen Schöpfungs-Mitträgern heranbilden, durfte Ich so lange euern Glauben nicht stören, bis er nun durch den Tatbestand Meines Löse-Opfers hinfällig geworden ist.

6-1395 Als nun Rafael, seine Scheu in Liebe-Mitleid umwandelnd, dem SOHN das weltgebundene Übermaß der Last vom mensch-göttlichen Geist und Herzen, von der Seele und dem zermarterten Leibe hob, da erst war wirklich Mein Heiliger Geist besänftigt. Im stillen Auftrag aller Fürsten, aus persönlichem Herztrieb hervorgegangen, löste Rafael jenes von euch frei gegebene Versprechen ein, die Heiligkeit zu schützen. Er tat es für alle! Darin lag der volle Schutz; es trat die besänftigte Heiligkeit an jene Stelle, wo Meine sich reckende Hand schon nach dem Vorhang griff, ihn als Mantel einer UR-Nacht zu benutzen und das Tat-Jahr damit zuzudecken.

6-1396 Als du, Rafael, den heiligen Herdkelch zum Munde führtest, hattest du Meine universelle Schöpfermacht und Priesterkraft in ihrem Lauf gehemmt! Und als du dich neigtest, noch zweimal aus der Bitternis zu trinken, zog sich Meine Hand zurück, denn — Ich war bezwungen! Du hast an Meiner Statt und für Mich das Heiligtum verwahrt; damit für alle, die im Herzen am Schöpfungsopferweg mit Bangen hingen, die Tat an ihrer Statt vollbracht! Dein erster Sohn, Mahal, wurde zum Kreuzträger für Mich auf Erden. (Simon von Kyrene)

6-1397 Auch dich, Agralea, rufe Ich an deinen rechten Platz. Du warst beseelt, Meinem Opfer mit zu dienen, dem keine andere Gerechtigkeit geschehen konnte als durch einen Sieg, der aus der Dienstbarkeit der Gott-Gewalt den Widersacher zur Erkenntnis leitete. Es war nebst dem Opfer das schwerste Tagwerk-Soll, das Ich Meinem dritten Herzteil auferlegte. Dieses Soll hast du, Fürstin der Liebe, getragen! Ich nenne dich nun so, weil euer beider Taten — zwar aus deinem Ursprung kommend — zwei Ziele zu erfüllen suchten, die Ursprung und Ziel zur herrlichsten Einheit formten. Trotzdem seid ihr nicht getrennt, weil Ich dich eine Fürstin nenne; nein, Cherub und Seraph bleiben stets ein Fürst in jeder Tages-Ewigkeit.

6-1398 Für deine persönliche Tat, Fürstin Agralea, bleibt auch dir bis zum Tagesabend ein Sonderamt übertragen, das freilich manche große Lasten mit sich bringt. Du sollst bis zur Heimkehr Sadhanas sie vor Meinem Heiligen Stuhl und Herd vertreten und an ihrer Stelle stehen! Mein ‚Vollbracht‘ verlangte sofort Ausgleichung. Doch so wenig Ich den Widersacher aus Gewalt bezwingen wollte, so wenig kann aus ihrer Dienstbarkeit sofortige Heimkehr und Einsetzung in Recht und Pflicht erfolgen. Sadhana muß den Sühneweg gehn; er ist notwendig und gut! Aber in Meinem wieder geöffneten Heiligtum darf keine Lücke sein!

6-1399 Du nimmst das schwere Amt in Demut an. Sieh aber Mich, Mitträgerin der Gottes-Wesenheit. In Mir hast du den Vollender des UR-Opfers; in Mir kannst du den Helfer sehen, der nicht von deiner Seite geht, wie nicht du von Mir auf dem Marterweg nach Golgatha. Nimm Sadhanas leeren Thronstuhl ein, bis sie ihren Fuß auf die Erde setzt. Dann kannst du noch einmal das Liebelicht ins letzte Dunkel tragen. Denn starke Hilfe braucht das Schöpfungskind.“ Uraniel geleitet Agralea zu Sadhanas Stuhl. Er und Michael stellen sich hinter ihr auf, die übrigen Fürsten rechts und links. Alle andern Stuhlersten nehmen ihre Plätze ein, während Rafael an Melchisedeks Seite bleibt. Dieser übergibt ihm den rotleuchtenden Schöpfungskelch und gebietet:

6-1400 „Nimm das Kostbare aus UR-Raum und UR-Zeit, was im dir anvertrauten Tag Gestaltung und Vollendung fand. Zwar ist das zur Mitternacht geschöpfte Wasser rot von Meinem Gott-Herzteil; doch wird es nun durch GOLGATHA verwandelt. Gieße den Kelch in die Opferschale aus und halte ihn darunter, daß ihm wiederkommt, was von ihm genommen ward.“ Rafael tut es. Noch nie stieg köstlicherer Weihrauch zur UR-Sonne auf, die in majestätischer Pracht das Werk mit ihrem Lichte übergoldet. Die Opferschale fließt über, es tropft in den heiligen Kelch. Doch sein Inhalt leuchtet purpurn. Rafael schaut prüfend in das heilige Gesicht. Hätte nicht das durch den Fall rotgewordene Mitternachtswasser kristallen fließen müssen, wie kristallen der Kelch selber ist? Melchisedek gebietet aber weiter:

6-1401 „Halte den Kelch über den silbernen Teller. In der Opferschale mußte ja das Opfer sichtbar bleiben. Die Flamme des Heiligen Herdes bedeutet die gerechte Sühne, das Läuterungsfeuer, das den Schöpfungsfall verzehrt.“ Rafael tut wieder nach dem heiligen Gebot. Alsbald flammen die sieben Fackeln bis ins Domgewölbe auf. Das Herdfeuer hüllt die Opferschale ein. Und es wird der Kelch samt Inhalt im Zeichen der Sühne umgewandelt. Rot ist nun das reine Glas geworden, aber wieder weiß das Wasser aus dem Quell der hohen Mitternacht.

6-1402 Der Fürst stellt das erhabene Versöhnungszeichen zwischen Teller und Schöpfungslebensbuch. Da werden die einst niedergelegten Zweige der Ersten wieder sichtbar, auch Sadhanas verdorrter Zweig. Diesen nimmt Melchisedek, taucht ihn in den Kelch und hält ihn dann ins Feuer auf dem Herd. Und er beginnt zu grünen, eine herrlich weiße Blüte öffnet sich: Sadhanas Umkehr! Ein Aufatmen geht durch die Scharen: aller Augen strahlen, sie sehen die zweite, noch kostbarere Blüte voraus: ‚die Heimkehr‘! Melchisedek handelt weiter:

6-1403 „Ich halte Meines ersten Kindes Lebenszweig. Er wird nicht mehr verdorren! Nicht allein durch Mein Opfer; nein, euer aller Mitopfer ist daran beteiligt. Ich gebe den Zweig in den Schöpfungskelch, darin er bis zur Heimkehr bleiben soll, wo unser geliebtes Kind ihn selbst herausnehmen und ihm jenen Platz geben darf, den es als ewig bleibend anerkennt! Gib Mir dein Hoheitszeichen, Rafael.“ Kniend befolgt dieser das Gebot. Und Melchisedek schreitet von einem zum andern, bei Rafael angefangen, bei Agralea aufhörend, so daß alle Kinder das Erlösungsdokument einmal berühren können.

6-1404 Bei jedem wächst und wächst es zu unvorstellbarem Ausmaß. Sein Stamm senkt sich in heilige Schöpfertiefe und ragt empor zu hehrer Priesterhöhe, die letztsinnig unerforschlich sind. Der Teil, daran die Erlöserhände hingen, langt mit einem Ende in die Weite, über den Fall hinaus, und sein hohes Gottestum erfaßt kein Kind. Das andere Ende senkt sich in Melchisedeks Brust, wo das Vaterherz für alle Kinder sorgt und segnet. Damit wird die einst erworbene Kindschaft im Vollmaße ihrer Kraft und Herrlichkeit zurückgegeben.

6-1405 Erschüttert sehen alle das Kreuz und — lichtartig — den Priester UR ins Uferlose ausgedehnt, die Unendlichkeit, das Universum form- und wesenhaft ausfüllend. Dann steht das gewaltigste aller Mahnmale vor dem Heiligtum aufgerichtet; es überragt alle Sphären. Melchisedek aber, wieder zur Gestalt geworden, geht zurück zum Heiligen Herd, an dem während dieser Wandlungszeit Fürst Rafael die Hände auf das Schöpfungslebensbuch gelegt hatte. Der All-Heilige spricht:

6-1406 „Nun füllt Mein Kreuz die Schöpfung aus. Aus ihr ist es gekommen, ihr ward es dargebracht. Ihr, am Tag der Ordnung und am Liebetag Geborenen, habt durch Mit-Opferschaft das Liebe-Zeichen angenommen. Auch euer Gang zur Materie heißt ‚KREUZGANG‘! Ich will, Ich muß ihn also werten! Ihr habt für die Liebe aufgegeben, was ihr in eurer Freiheitsprobe durch Treue und Gehorsam erworben habt, vornehmlich die Kindschaft!

6-1407 Ich nahm euer Opfer voll in Anspruch, und die Kindschaft konnte bis zu Meinem Kreuzgang schwer zurückerworben werden; sie bezog sich einzig auf das Vater-Wesen. Wohl kehrtet ihr als selige Geister, als Himmelswesen heim, denen aber allgemein das Beste fehlte. Freilich seid ihr immer Meine Kinder; doch die Voll-Kindschaft konntet ihr noch nicht zurückerhalten. Ihr hattet sie ja selber hergegeben.

6-1408 Konntet ihr euch auf Mein UR-Opfer ganz beziehen, so mußte Ich euer Höchst-Opfer Meinem Werke nutzbar machen können. Doch knüpfte Ich daran keine zusätzliche Last für euch. Es wurde euer ‚Blick‘ gehalten. Ihr wußtet nicht, daß ihr bei eurer schon ersten Rückkehr berechtigt waret, sie einzufordern. Die Stuhlersten sahen es. Aber sie bedachten stets ihr hohes Liebepflichtsoll, indem sie ihre besonders zu Recht bestehende Kindschaft in Meinem UR-Quell ruhen ließen. Sie warteten geduldig auf die Stunde, da Mein Vollbracht auch jenes aller treuen Kinder werden konnte.

6-1409 Ich, der UR-Priester, gebe eure Kindschaft als ewig beständiges Eigentum zurück. Ich sehe die entflammte Glut, eure Liebe weiterhin zu opfern, bis Mein Erstkind seinen Stuhlplatz wieder eingenommen hat. Ihr reicht die reinen Hände Mir entgegen, erneut mit eurer Kindschaftsgabe. Gut, Ich mache sie dem Werke weiter dienstbar; euch bleibt das Opfer aber offenbar als Kraft für die jetzige Bereitschaft (auch mehrere Materiewege gelten als ein Mitopfer; vor Golgatha die erste, danach die zweite Hingabe), den Gang zur Materie nochmals anzutreten. In euch loht das Ziel: ‚Helfen, Sadhana dem Vater heimzubringen!‘ Die Unendlichkeit wird von eurem äonenfachen Schrei durchdröhnt, und der Widerhall mindert die Zeit bis zur Erfüllung.

6-1410 Für eure große Willigkeit wird euch Besonderes zuteil. Ihr könnt das Kreuz in seiner Ausdehnung nicht übersehen. Nun habt ihr es in der Hand, das Opfermahnmal wieder zum Hoheitszeichen vom Heiligen Herd zu machen. Sobald ihr in einem neuen Gang die letzte Lücke schließen helft, sollt ihr bei der Heimkehr es berühren, wie vorhin geschah. Und wie es wuchs, weil Ich eure Opferwege, aber auch alle Sünden in Meinem Kreuz vereinige, so wird es wieder kleiner, daß auch die Last der Sühnung aufgehoben werden kann!

6-1411            Denn recht habt ihr erkannt: Kommt Mein Kind zurück und müßte vor dem Heiligtum das verschuldete Ausmaß dieses Kreuzes sehen, so könnte es nicht seinen Fuß über die heilige Schwelle setzen! Und das wäre mehr als eine Schöpfungslast, die wir unserer Sadhana nicht aufbürden wollen.

6-1412            Jedesmal wird das Kreuz samt Last kleiner und leichter werden, sobald eines von euch bei seiner Rückkehr das Opfermal umfaßt und unter ihm die der Materie abgerungene Gabe niederlegt. Daß der Fall zumal von jenen Wesen zu sühnen ist, die mitgegangen und mitgefangen sind, wißt ihr ja. Ihrer sind viele! Ihnen soll aus GNADE werden, was euch zu RECHT geschieht. Ihr werdet hernach sehen, wie sich Mein Segenswort erfüllt. In der Halle Jechahal und ihrer Sphäre warten jene, die aus der Dunkelheit durch einen Weltenweg zum Licht emporgestiegen sind. Nicht aber konnten sie ins Reich, erst recht nicht ins Heiligtum gelangen, als bis GOLGATHA geschehen war und Ich, der Ewig-Heilige UR, der Ewig-Einzige und Wahrhaftige, als Hochpriester Melchisedek das erste Opfer-Hochamt mit euch Gesegneten, die ihr die große Schöpfungsfreiheitsprobe bestanden hattet, feierte.

6-1413            Nun ist‘s soweit, wo die Erlösten heimzuholen sind. Denn das ist das Hochamt: für die Heimkehrer bereit zu sein! Rafael, rufe die erste Schar der Befehls-Engel auf und hole mit ihnen die erlösten Kinder. Nicht länger sollen sie draußen vor den Toren stehen, sondern führet sie als Bürger und Miterben in die Stadt herein, wie ihr, Kinder Meiner Heiligkeit, die Bürger und die Erben seid.“

6-1414            Da stimmen die Stuhlersten einen Hochgesang an, und es fallen alle Gruppen ein, bis der ganze Himmel widerhallt. Während der langen Jubilate führt Rafael die Befehls-Engel nach Jechahal. Dort steht eine große Schar bereit, die — erlöst — auf ihre Heimkehr wartet. Beim Anblick des strahlenden Lichtfürsten meinen sie, es sei Gott. Sie fallen nieder, ihre Augen vor dem Glanze zu verbergen, aber auch noch einmal ihre Schuld. Ein Wink, und Engel richten die Gebeugten auf. Die Berührung der reinen Himmelsboten durchflutet die Erlösten. Was sie bisher an Gnade haben durften, versinkt hinter ihnen wie das Morgendämmern vor dem vollen Licht der Sonne. Rafael ruft ihnen zu:

6-1415            „Ihr Erlösten! Nicht ich bin GOTT; ich bin der Träger jener Liebe, die sich für alle Kinder opferte. Als der All-Heilige Seinen Kreuzweg ging, habt ihr abermals die Qual der Finsternis verspürt. Das war eure letzte Läuterung. Nun hindert euch nichts mehr an eurer endgültigen Heimkehr. Droben, umloht vom Feuer Seiner Ewigkeit, umbraust vom Jubel guter Kinder, wartet UR, der All-Erhabene, auf euch. GOTT steht bereit, der für euch das Kreuz der Schöpfung auf sich nahm! An diesem Kreuz müßt ihr als letzte Prüfung vorübergehen; keinem bleibt erspart, es in seinem ganzen Ausmaß zu erblicken. Noch einmal müßt ihr euch unter dieses Mahnmal beugen, um in ihm die ganze Last eurer Schöpfungsschuld zu sehen.

6-1416            Wollt ihr das tun, so folgt mir nach; ich führe euch zum Vater der Barmherzigkeit.“ Da bekennt einer für alle ihre Schuld und ist gewillt, die Bedingung anzunehmen. Es ist der zweite Hügelälteste der einstigen Ataräus, auch jener Finsterling, der Kretoh zu verführen suchte und — er war Kain. In plötzlicher Erkenntnis, Kretoh und Abel gegenüberzustehen, fühlt er sich auf einmal wie erwürgt. Aber Rafael und Remach (Abel), der Gruppenführer, nehmen ihn in ihre Mitte.

6-1417            Rauschender Jubel umfängt die Erlösten. Ein Traum? Oder wirklich los von der dunklen Tiefe und von Harmagedon? Sie fragen sich vergeblich: Gilt der Jubel uns? Für wen frohlocken aber die vom Reich? Doch als sie vor dem Heiligtum das UR-Kreuz sehen, da stockt ihr Fuß, da überfällt sie nochmals ihre Lossagung. Rafael und Remach führen den Hügelältesten vor das riesige Mahnmal hin. Der Fürst legt seine Rechte an den Stamm und beugt sein Knie.

6-1418            Als die Erlösten dieses hohen Himmelsboten Anbetung und Ehrfurcht sehen, erkennen sie das Beispiel, das gegeben ist. Aber auch den Lichtkindern ist‘s zum Hinweis, wie sie vor dem Kreuz sich beugen sollen, wenn sie vom letzten ‚Gang‘ nach Hause kommen. Alsbald neigen sie sich ohne Ende und erleichtern damit den Erlösten ihre Last. Diese berühren, zwar zaghaft, das große Kreuz und klammern sich daran fest. Als sie das tun, fällt alle böse Bürde ab, als sei sie nie gewesen. Erschüttert sehen sie empor, erschüttert auch die Himmelskinder, die es merken, wie das Kreuz bei der Berührung ein wenig kleiner wird. Die Erlösten überbraust die Gewalt der Seligkeit, deren Maß sie nicht erfassen. Eines wird ihnen ganz bewußt:

Das Alte ist vergangen, es ist für sie alles neu geworden!

6-1419  Die Pforten öffnen sich. Zur Seite stehen jene zum Dienst bereit, denen sie zu dienen hätten. Rafael geht vor ihnen her und gruppiert sie rechts des Heiligen Herdes. Dann begibt er sich hinter Sadhanas Thronstuhl. O, nun ist alles ein himmlisch-seliger Traum! Erst später, auf den ihnen zubereiteten Sonnen, wird ihnen allmählich klar, was sie im Heiligtum erlebten: URs Gnadenwort, Seine Frage, ihr Ja, die Segnung und ihr eigenes erstes Jubellied. Die sie betreuenden Reichsbürger haben alles Köstliche verwahrt, bis sie es nach und nach selbst im Herzen tragen können. —

6-1420  Die große Lichtmenge wandelt den Tagesweg. Im Heiligtum bleiben nach dem Hochamt die Fürsten, Wächter und Ältesten zurück. Die Befehls-Engel haben ihr Amt in den Sphären, doch ihr Geist ist bewußt bei UR. Als die Ersten sich dicht vor dem Heiligen Herd versammelt haben, spricht UR, noch immer im Amt als Melchisedek:

6-1421 „Meine Ersten! Ihr habt mit eurer Preisanbetung mehr erreicht, als ihr es ahnt, sie gab dem Heils-Hochamt zwei Weihen. Ich nahm von euch die Weihe der Werkerfüllung an, und ihr habt von Mir die Weihe der Ewigkeit erhalten. Nun tue Ich euch kund, was erst später allen Kindern offenbar werden soll. Doch das Transzendente der Enthüllung wird Raum und Zeit des Tat-UR-Jahres überspannen, denn sie wächst mit dem Werk und vollendet sich durch die Vollendung Meiner Kinder.

6-1422 Vollbracht! Mit ihm wird ausgelöscht, was wider Mich, Mein Leben, Licht, Meiner Hände Arbeit erstanden war. Ich gab jedem Kindgedanken das eigene Sein. Wie sehr sie jedoch in wahrhaftiger Unberührtheit mit Mir verbunden sind und wie wenig Ich auf sie verzichten will, hat der Entschluß zum Opfergang und seine Bewältigung gezeigt. Nicht jedoch, daß Ich die Geschöpfe samt ihrem Teilgeist, Seelenwesen und schließlich in höchstgesteigerter Form als Kind MIR erhalten und rückerhalten wollte, nein, ihr Ersten, Ich mußte!

6-1423 Die Zerstörung eines Teilwerkes durch Nichtannahme des Opfers hätte in Meinem UR-Sein euch Unbegreifliches ausgelöst, das euch, wie später allen Kindern, immer nur im Sinne und Verständnis eurer Erkenntnisreife offenbart werden kann. Es genügt auch vollkommen, wenn ein Kind ahnend erschauert unter der Gewalt der Wahrheit, die stets eine rein innere Offenbarung sein kann!

6-1424 Ihr begreift, daß Ich als UR einen Teil Meiner dem Werke nutzbar gemachten Wesenheit hätte aufgeben müssen, hätte GOLGATHA nicht zum Ziel geführt. Es war der schwerste Augenblick der Werkentwicklung, wo Ich als Priester die Hand ausstreckte, das Tat-UR-Jahr wieder aufzulösen, um Meiner Heiligkeit vollste Genugtuung zu bereiten, in welcher die ‚hohe Genugtuung‘ der Geduld, Liebe und Barmherzigkeit mitbegründet war. Ja fast vollständig hatte Ich Meine UR-Herrschaft unter das Menschenopfer gestellt. Aber das Tat-UR-Jahr aufzulösen wäre unendliche Male schwerer als Golgatha gewesen!

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