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„Wer zum Schwert greift, soll durch das Schwert umkommen!“

Diese Worte haben von jeher in der Welt viel Aufsehen erregt. Sie werden mit den Worten der Bergpredigt zusammengestellt:

"Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: ‚Auge um Auge und Zahn um Zahn!‘ — Ich aber sage euch: Widerstrebet nicht dem Übel, sondern so dir jemand einen Streich gibt auf die rechte Wange, dem biete auch die andere dar. Und so jemand mit dir rechtet und will dir deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantel. Und so dich jemand nötiget zu einer Meile, mit dem gehe zwei. — Liebet eure Feinde und betet für eure Verfolger, damit ihr euch als Kinder eures himmlischen Vaters erweiset. Denn er läßt seine Sonne über Gute und Böse aufgehen und läßt über Gerechte und Ungerechte regnen. Wenn ihr aber nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr davon? Tun das nicht auch die Zöllner?! Und wenn ihr nur eure Freunde grüßt, was tut ihr da Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden!? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!"

Was hier der Herr als himmlische Vollkommenheit predigt, das erscheint vielen als der Gipfel der Schwäche, und sie erblicken in diesen Grundsätzen die Auflösung und das Verderben der ganzen menschlichen Gesellschaft. Wohin soll die Menschheit kommen, wenn dem Übel menschlicher Bosheit, Blindheit und Verkehrtheit nicht widerstrebt wird und wenn man dem Willen und den Bestrebungen der Bösen einfach den Lauf läßt, ja den Übeltätern obendrein nur Gutes und Angenehmes tut!? — Nein, rufen viele, dem Bösen muß mit aller Macht und Gewalt Widerstand geleistet werden! Das hartnäckige Böse kann überhaupt nur mit Bösem überwunden und muß letzten Endes gänzlich vertilgt werden! — Petrus, so meinen sie, hatte ganz recht und handelte als ein vernünftiger Mann und Held, als er für seinen geliebten Meister im Augenblick der schändlichen Untat das Schwert zog. Und Feiglinge waren die andern Jünger, die sich nicht zur Wehr setzten!

Sind diese Einwürfe berechtigt, was haben wir davon zu halten?

Zunächst: Bei der Gefangennahme im Garten Gethsemane handelte es sich um ein Geschehen, das im großen Plan des himmlischen Lenkers und Vaters vorgesehen war und sich nach Seiner weisen Absicht vollziehen mußte.

Bis zu dieser Stunde hatten die Tempelpriester, wie im "Großen Evangelium Johannes" zu lesen ist, schon oft versucht, an den Herrn Gewalt anzulegen und Ihn gefangenzunehmen oder zu töten. Aber der Herr hatte, da "Seine Stunde noch nicht gekommen" war, es jedesmal verstanden, Sich ihnen zu entziehen. — Jetzt war die Stunde gekommen, da der Menschensohn nach des Vaters Plan und Willen den Häschern überantwortet werden sollte. Und darum erging hier das Wort an Petrus: "Stecke dein Schwert in die Scheide! Soll Ich den Becher, den Mein Vater Mir gegeben, nicht trinken?" — Und somit bildet dieses Geschehen einen ganz besonderen Fall.

Aber auch sonst wäre es ganz falsch, des Herrn Wort an Petrus und Seine Lehre in der Bergpredigt ganz allgemein dahin zu verstehen, daß man dem Übel überhaupt nicht widerstehen und dem Bösen seinen Lauf lassen solle — etwa im Vertrauen auf Gott, der ja alles schon vergelten und zurechtbringen werde.

Daß diese Auffassung des tatlosen "Gehenlassens" und gänzlichen "Nichtwiderstrebens" gegenüber dem Übel durchaus nicht Gottes Wille ist — dafür ist ja das ganze Lehren und Leben des Heilands ein höchstes und heiligstes Zeugnis, da der Herr ja doch eben darum in die Welt gekommen ist, um uns alle vom Übel zu erlösen und in Wort und Tat uns dessen Überwindung zu lehren!

Nur über die Mittel, mit welchen dieses Ziel zu erreichen ist, will der Herr uns in den Worten der Bergpredigt aufklären. In allererster Linie, so rät Er aus Seiner göttlichen Liebe und Weisheit, sind die Mittel der reinen, selbstlosen, sanften Nächstenliebe in Anwendung zu bringen. Denn die Gewalt ist an sich ein höllisches, vergiftendes und daher verderbliches Mittel, wie die Erfahrung ja immer wieder bestätigt.

"Sehet", spricht DER HERR, "in einer jeden noch so kranken Seele rastet in deren göttlichem Geistfunken ein völlig gesunder Lebenskeim. Und wird die Seele eines schwachen Menschen durch eure brüderliche Liebe gesund gemacht, so habt ihr damit einen Schatz gewonnen, den euch ewig keine Welt bezahlen kann. Welchen Nutzen kann ein solcherweise vollendeter Mensch stiften!? Wer ermißt dessen Tragweite? Ihr Menschen wisset es nicht, Ich aber weiß es, wie weit solch eine Mühe sich lohnt!

Darum sage Ich euch: Seid allezeit barmherzig auch gegen die großen Sünder und Verbrecher wider die göttlichen Gesetze! Denn nur einer kranken Seele ist eine Sünde zu begeben möglich, einer gesunden wohl niemals, weil eine gesunde Seele gar nicht sündigen kann, indem die Sünde stets nur eine Folge einer Seelenkrankheit ist.

Wer von euch Menschen aber kann eine Seele wegen der Verletzung eines Meiner Gebote richten und strafen, da ihr doch alle unter demselben Gesetze stehet, und ein Gesetz aus Mir eben darin besteht, daß ihr niemanden richten sollt!? Wenn ihr eure Nächsten richtet, die sich an einem Meiner Gesetze versündigt haben, so versündigt ihr euch ja an Meinem Gesetz in gleichem Maße! Wie könnet ihr aber als selbst Sünder andere richten und verdammen?! Wisset ihr denn nicht, daß während ihr euren seelenkranken Bruder zu harter Sühne verdammt, ihr damit auch für euch ein doppeltes Verdammungsurteil ausgesprochen habt, welches an euch dereinst — wenn nicht schon hier — vollzogen wird!?

Somit — wer selbst ein Sünder ist, der lege das Richter amt nieder! Denn richtet er, so richtet er sich selbst ein doppeltes Verderben, aus dem er schwerer frei werden wird als derjenige, den er gerichtet und verdammt hat.

Daher merket euch vor allem, daß ihr niemanden richtet! Und leget dies auch allen denen ans Herz, die dereinst eure Jünger werden! Denn bei der Befolgung dieser Meiner Lehre werdet ihr aus Menschen Engel ziehen, bei der Nichtbefolgung aber Teufel und Richter wider euch selbst!"

"Mit Liebe erreichet ihr alles, mit der Gewalt aber wird der Teufel aus seinem Schlafe geweckt! Und was für Gutes kann dann wohl vom Wachsein der Teufel über euch kommen?! — Es ist also endlos besser, daß da unter den Menschen wachse die Liebe und Sanftmut und nötige, allezeit wachbleibend, die Teufel zum Schlafe und zur Ruhe — als daß man mit dem dröhnenden Gepolter der Gewalt die Teufel wecke und sie dann alles verderben."

Darum ist aber nicht gesagt, daß gegen die Bosheit und Verkehrtheit ganz arger Menschen und Mächte schließlich nicht zuletzt doch auch zu Mitteln schärfster Gewalt gegriffen werden müßte! Der Herr Selbst hat ja im Tempel die Geißel geschwungen gegen die zu argen Frevler am Heiligtum Gottes, und im "Großen Evangelium Johannes" sind noch verschiedene Beispiele dieser Art von Ihm Selbst gegeben. Und hier erteilt Er den Jüngern auch wiederholt die einleuchtendste Aufklärung, wann nach der Ordnung Gottes gegenüber dem Bösen und Verkehrten solch scharfe Mittel in Anwendung zu bringen sind.

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