In der kleinen Schrift "Die sieben Worte Jesu Christi am Kreuz" wird die letzte Predigt, welche Jesus vom Kreuze her ab in sieben heiligsten Worten an die Menschheit der Erde und an alle Kreatur der ganzen Schöpfung richtete, mit allen näheren Umständen neu kundgetan und in ihrem tiefen, geistigen Sinne beleuchtet. Wir vernehmen:
"Als Ich, der Erlöser, für das Menschengeschlecht blutend und sterbend am Kreuze hing, da sprach Ich, die ganze Größe menschlicher Schuld und deren Folgen ersehend, jene bedeutungsvollen sieben Worte, die Ich jetzt den Menschen nochmals zu ihrem Heile erklären werde.
Das erste Wort, welches Ich da gesprochen: ‚Herr, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun!‘ — hat nicht so sehr die blinden Juden angegangen als vielmehr diejenigen Nachkommen, welche nach Annahme Meiner Lehre Meinen Namen tragen und in der spätem Zeit Mir Tempel bauen werden. Diese Menschen haben sich trotz Meiner Lehre, daß Mein Reich nicht von dieser Welt ist, so in die irdische Materie hineingelebt, daß Mein einst an den reichen Sohn des Pharisäers gerichteter Ausspruch: ‚Wahrlich, Ich sage dir, eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein solcher Reicher in das Himmelreich!‘ auf sie eine volle Anwendung findet.
Meine Lehre spricht von Demut, Sanftmut, Duldsamkeit gegenüber den Schwächen des Nächsten. Doch, o weh, wie so wenig wird diese Lehre befolgt! Gerade Meine seinsollenden, Meinen Namen tragenden Jünger sind heutzutage des Hasses voll gegen ihre in menschliche Schwächen verfallenen Brüder!
Ich betete doch, daß alle Menschen sich als gute Brüder und Schwestern untereinander beistehen möchten, aber wie wenig wird dem Folge geleistet! Mord, Raub, Zank und Totschlag aus Nichtbeachtung Meiner himmlischen Lehre ist nur allzu offenbar und wird in eigen- und herrschwilligstem Ungehorsam selbst den Bessern mehr oder minder verderblich.
Das zweite Wort lautete: ‚Mich dürstet!‘ — Obwohl dürstete Mich dort und dürstet Mich noch immer nach so vielen, in ihrem Wahne zugrunde gehenden Seelen, welche nur in ihren Weltgelüsten ihr Heil suchen und sich weder um Gott noch um die Ewigkeit bekümmern. Doch wehe, wehe solchen Weltlingen! Es wird ein furchtbares Gericht über sie hereinbrechen, da das Maß ihrer Sünden übervoll und ihnen nur noch eine kurze Frist gestellt ist! Und wenn auch diese fruchtlos verfließt, werden sie hinweggestrichen aus dem Buche der Lebendigen!
Du fragst Mich in deinen Gedanken, wie es denn komme, daß Ich immer drohe und doch keine feste Zeit Meiner Züchtigung bestimme!? Da sage Ich dir und allen, welche Ohren haben zu hören: Eben weil Ich als euer Vater und ewiger Richter jeder Seele hinlänglich Zeit und Gelegenheit bieten will, sich ihr ewiges Heil zu erwerben, und weil keine Seele am Tage des Gerichtes sich soll entschuldigen und ausreden können, als ob sie verkürzt worden wäre.
Mein drittes Wort war: ‚Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du Mich verlassen!‘ Diesen Ausruf haben selbst Meine Freunde für menschliche Schwäche genommen. Und selbst sie gerieten dabei in Zweifel, wie es denn komme, daß Ich früher Mich für Gott ausgegeben habe und jetzt in Meinen Todesängsten zu Gott rufe, im Wahne, Er habe Mich verlassen.
O ihr kurzsichtigen Sterblichen! Merket ihr denn nicht, daß nur der Geist in Mir Gott war, die Hülle oder das Fleisch dagegen aus schwacher Materie bestand und gleich euern Leibern ebenso dem Schmerz und der Pein untertan sein mußte. Denn welches Verdienst wäre es wohl gewesen, wenn Ich nicht in dieser (menschlich schwachen und unvollkommenen) Hülle die große Schuld der Menschen entsündigt hätte dadurch, daß in Mir die Materie gehorsam sein mußte bis zum Tod am Kreuze!?
Nicht ein anderer Gott außer Mir war es, zu dem Ich rief, sondern die Gottheit in Mir, Gottes Geist und Urkraft in ihrem Vollmaße. Nur Meine Leibeshülle war ja gleich wie bei den Menschenkindern aus Erdenstoff genommen. Und diese mußte auch in Mir (dem Schmerz und dem Tode) untertänig sein. Deshalb suchte die Materie in ihrer Verlassenheit Hilfe — zum Vorbild, daß jeder Erdenmensch Hilfe allein bei Gott suchen soll.
So wie Ich Selbst in Meinem dritten Worte werden der einst alle jene am großen Gerichtstage rufen, welche sich im Leben nie oder sehr wenig um Mich und Mein Wort gekümmert haben. Allein, wenn die Zeit der Gnade vorüber ist, dann kann kein noch so lauter Ruf um Gnade und Barmherzigkeit mehr so leicht helfen.
Schaue um dich, und du wirst finden, wie die Welt vorwärts schreitet auf der Bahn der weltlichen Wissenschaften, Künste und neuen Entdeckungen; die Menschen erforschen die geheimsten Kräfte der Natur, und Ich lasse es zu, daß alle Meine Werke ihnen untertan sind, da Ich ja alles herrlich und zum Nutzen Meiner Kinder erschaffen habe. Allein, zu welchem Zweck werden all ihre Wissenschaften verwendet!? Nur um sich zu bereichern mit weltlichen Schätzen oder um ihrer Hoffart und ihrem Übermut zu fröhnen! Dabei vergessen die Wohlhabenden ganz ihrer armen Brüder, die immer tiefer in allerlei Not und Elend versinken und in ihrem Jammer um Hilfe und Erbarmung zu Mir rufen.
Wie sollte Ich da Mich nicht Meiner armen Kinder erbarmen und sie nicht erretten aus ihrem schweren Joch der Sklaverei geistig und leiblich!? — Und wie könnte Ich da Gnade und Barmherzigkeit widerfahren lassen denen, die selber Gnade und Barmherzigkeit nicht kennen!?
Das vierte Wort: ‚Maria, siehe deinen Sohn! Und du Sohn, siehe deine Mutter!‘ — sprach Ich nicht so sehr Meiner Mutter wegen, da Ich ja wußte, daß Meine Jünger Meine Leibesmutter nicht verlassen würden. Vielmehr wollte Ich dadurch gleichsam anzeigen, welche Liebe Ich für alle Meine Kinder im Herzen trug. Ich wollte sie alle der erbarmenden Liebe Gottes, welche durch die Mutterliebe entsprechend angedeutet wird, anempfehlen. Und unter dem ‚Sohne‘ wurden denn auch alle Menschenkinder verstanden, welche sich durch die Befolgung Meiner Lehre dieser Liebe wert machen. Allein wo ist jetzt unter den Menschen die ernste Befolgung Meiner so einfachen und für das Wohl der Seele so nutzbringenden Lehre? Wenige unter allen Meinen Kindern befolgen noch halbwegs Meinen Willen. Die übrigen sind entweder vom Eigendünkel zu sehr umstrickt oder von zu vielen Weltsorgen umgeben, um sich viel um Mein Wort zu kümmern. Deshalb hat sich Meine göttliche Lehre fast nurmehr zu einer Scheinlehre oder zu einem hergebrachten Gebrauche gestaltet und hat dadurch die Sünde die Oberhand über die Menschen gewonnen.
Es ist daher die höchste Zeit, Meine Kinder wieder mit allem Ernst auf den rechten Weg zurückzuführen. Allein das geht leider nicht mehr mit gelinden Mitteln, sondern nur mit aller Strenge des Gerichtes. Denn auch das Sprichwort sagt:
‚Wer nicht hören will, muß fühlen!‘ — und so muß Ich, um die Völker nicht ganz in ihrer maßlosen Verblendung in den ewigen Tod versinken zu lassen, eine ernstliche Züchtigung über sie hereinbrechen lassen.
Ich warnte und warne immer jeden Menschen im einzelnen sowie ganze Völker im allgemeinen durch Zuschickung von Krankheiten, Mißlingen ihrer weltlichen Spekulationen, durch Kriege, Teuerung und dergleichen mehr. Ich ließ und lasse es zu, daß die Menschen durch ihren Eigensinn sich selbst oft den größten Schaden gegenseitig zufügen. Und dennoch ist das alles meist umsonst! Die Menschen suchen die Ursache aller dieser Übelstände stets woanders als bei sich und messen in ihrer Sündhaftigkeit Mir, als ihrem gütigen und langmütigen Gott, die Schuld bei.
O du verblendetes Menschengeschlecht! Wie lange soll Ich deinem tollen Treiben noch zusehen?! Meinst du wohl in deinem Wahn, du könntest Mir, deinem Herrn und Gott, Trotz bieten?! — Wehe dir, du wirst in der Zeit der Not deine Hände vergebens um Hilfe zu Mir emporheben! Ist die Zeit der Gnade vorüber, dann werde Ich Mein Ohr deinem Geschrei verschließen und taub gegen deine Bitten sein! Denn ihr wisset, daß es nicht genug ist, Herr! Herr! zu rufen, sondern daß es gilt, allezeit gerecht auf Meinen euch vorgezeichneten Wegen zu wandeln, wenn ihr Meiner Gnade teilhaft werden wollet.
Nun kommen wir zur Auslegung des fünften Wortes, welches Ich am Kreuze gesprochen. — Diese Trostworte: ‚Heute noch wirst du bei Mir im Paradiese sein‘ richtete Ich an Dismas, den Schächer, welcher zu Meiner rechten Seite am Kreuze hing. Es galten aber diese Worte nicht ihm allein, sondern allen Menschen, welche Meine Lehre annehmen und danach leben. Weshalb Ich dem Dismas aber nur das Paradies und nicht den Himmel versprochen habe, hatte seinen Grund darin, daß jede Menschenseele nach ihrem Leibestod je nach ihrer Vollkommenheit in einen niederen oder höheren Grad des Lichtes gelangt, und daß selbst Seelen, welche alles Irdische schon diesseits abgebüßt haben, zuerst nur in das Paradies oder in den niederen Grad der Seligkeit gelangen können. Denn keine Seele kann, bevor sie ganz geläutert und gereinigt ist, in den Liebehimmel zur höchsten Seligkeit eingehen. So hatte auch Dismas durch die Liebe und das Vertrauen zu Mir den ersten Grad erreicht, und war es möglich, ihm das Paradies zu verheißen.
Es wird bald die Zeit herbeikommen, wo wenige auch nur das Paradies sich erringen werden, weil es von Mir zugelassen wird, daß die Menschen alles, was in ihrem freien Willen liegt, unternehmen können. Selbst den bösen Geistern wird da, bevor die große Zeit Meines Gerichts eintritt, die Freiheit gegeben (wobei freilich auch Meinen guten Engeln der Auftrag gegeben wird, Meine Kinder zu beschützen und sie vor den Fallstricken des Satans zu bewahren!). Dann wird sich das Wort erfüllen: ‚Es wird eine Zeit kommen, da, wenn es zugelassen wäre, selbst die Frommen abfallen würden.‘
Was wird denn das für eine Zeit sein, werdet ihr fragen!? Und Ich sage euch, es ist eben jene Zeit des Hochmuts, der Hoffart, des Geizes, der Unzucht und der Hurerei aller Art, welche alle Völker nun ergreift und immer tiefer in ihren Lasterpfuhl hinunterzieht, woraus ohne Meine Hilfe ewig keine Rückkehr zu hoffen ist.
Mit Meinem am Kreuze ausgesprochenen sechsten Worte: ‚Vater, in Deine Hände empfehle Ich Meinen Geist!‘ wollte Ich gleichsam allen Menschenkindern das Beispiel geben, daß sich die Seele zu ihrem Urquell zurückzubegeben hat und der Mensch sein Leben und Tun so einrichten soll, daß er am Ende seiner irdischen Laufbahn mit Freude und Frohlocken die Seele seinem himmlischen Vater übergeben kann.
Zum rechten Verständnisse muß man freilich wissen, daß nicht Mein Geist, sondern dessen äußere, seelische Umhüllung, Meine Seele, diese Worte zu dem in Mir wohnenden Vater-Gottgeiste sprach.
Nun aber sprach Ich Mein letztes Wort: ‚Es ist vollbracht!‘ — Ja, es war vollbracht, das große Werk der Erlösung! Doch was frommte es auch Tausenden und Abertausenden von Seelen, welche zwar ebenfalls durch Meinen Tod und Mein Mittleramt von der Erbsünde erlöst wurden, aber Mir nicht nachfolgten im Geist und in der Tat!? Der Himmel war ihnen erschlossen, allein, durch ihr sündhaftes, liebloses Wesen und ihren unbußfertigen Lebenswandel zogen sie sich wieder aufs neue die ewige Verdammnis (das Gericht) zu!
Ihr Menschenkinder! Als Mein erstes und letztes Wort sage Ich euch denn abermals im vollen Ernste Meiner Liebe:
Tuet Buße! — Kehret zu eurem Herrn und Gott in Wort und Tat zurück. — Lasset ab von eurem Wucher und gedenkt eurer armen Brüder, welche umsonst euch um Barmherzigkeit anflehen! Denket der Witwen und Waisen! Und sprechet Recht den Unmündigen!
Denn es stehet geschrieben: ‚Mit welchem Maße ihr ausmesset, mit dem wird euch wieder eingemessen werden!‘ — Nehmet euch zur Warnung vergangene Geschlechter! Solange sie Gott getreu blieben, waren sie groß und glücklich; als sie aber anfingen, auf sich allein zu bauen, da ließ Gott die Völker sinken und ganze Reiche wurden von der Erde vertilgt."
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