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3.f) Auge und Sehprozeß

Aus: GrEv, NS, Ed, Fl, NZ, LGh u. SGh (zit. n. V.M.) — Das Licht der Sonne liefert durch seine produktive Kraft und Einwirkung auf die zugehörigen Weltkörper den sprechendsten Beweis, daß es der Hervorbringer alles natürlichen Lebens ist. Wenn die Sonne als die Hauptlichtspenderin der Erde untergegangen ist, begeben sich nach und nach auch die Naturgeister der Atmosphäre zur Ruhe, das heißt, sie beenden ihr durch das Licht erregtes Vibrieren innerhalb ihrer feinstofflichen Hüllen. Daher merkt das materielle Auge ihr Dasein nicht mehr, und für den Menschen wird es lichtlose, finstere Nacht. Wenn aber an irgendeinem Punkte ein großer Verband dieser Äthergeister aufs neue in vibrierende Bewegung gerät, so wird es an jenem Punkte für das Auge wieder hell. Dies ist bei Sonnenaufgang der Fall, wobei die freien Naturlebensgeister durch die Ätherlichtbewegung zur Tätigkeit erregt werden. Je heftiger vibrierend eine solche naturgeistige Sphäre tätig ist, desto mehr ergreift ihre Erregung auch die weiteste Umgebung und verkehrt deren träge Ruhe zu einem ähnlichen Streben.

Sobald ein Lichtstrahl mit seiner Bewegung einen Gegenstand berührt, fangen dessen Stoffteilchen oft billionenmal in der Sekunde mitzuvibrieren an. Durch diese Schwingungen aber scheiden die Stoffe gewisse Lichtpartikel aus, die sich dann auf der Oberfläche rückstrahlend dem Beobachter als Farben zeigen. Dazu tritt noch die Reaktion, die in den Elementen des Auges selbst vor sich geht, und zwar durch die erneute Brechung der reflektierten Farben in der Regenbogenhaut und anderen Teilen der Sehorgane. "Sehen" heißt also nichts anderes, als einen jeden Gegenstand in jener Farbe zu bemerken, die er — als seinem Wesen nicht eigen — zurückwirft, während er alle anderen Haupt- und Mischfarben aufsaugt, da sie zu seinem Bestande notwendig sind. So ist Schwarz keine Farbe, weil der Gegenstand alle Lichtelemente aufgenommen hat. Auch Weiß ist darum keine Farbe, da ein dem Auge erscheinender Gegenstand gänzlich der Fähigkeit einer Farbenaufsaugung entbehrt und alle einfallenden Lichtstrahlen zurückwirft, ohne selbe zu seinem Bedarfe zu zersetzen. Die Wirkung des Lichtstrahls ist der große Faktor alles Lebens und vermittelt diese Tatsache durch das Auge der menschlichen Seele.

Wenn ein Lichtstrahl aus fernsten Sternen ins Auge fällt, so würde er dennoch nicht bemerkt, wäre das Auge selbst nicht sonnenhafter Natur! Schon in den Feuchtigkeiten des Augapfels ruht eine Lichtwelt, die dem vom ganzen Universum eingestrahlten Lichte homogen [gleichgeartet] ist und damit im Menschen den nämlichen Prozeß hervorruft, den das Licht in der ganzen Schöpfung bewirkt. Das Sehorgan ist einer von jenen Vermittlern, die durch die Seele das Sichtbare zum Geistigen und Unsichtbaren erheben. In dem Grade, wie sich im Auge von außen die Weiten der materiellen Welten abspiegeln, leuchtet auch die innere geistige Welt durch das Auge hervor. Das Auge als Aufnahmeorgan der Eindrücke von außen ist negativ-aufnehmend, aber als Spiegel der Seele, als Ausdruck des Inneren, positiv-rückstrahlend. Was der Mensch unbewußt durch Sternen- und Sonnenlicht empfängt, strahlt wieder vergeistigt aus dem kleinen Sehorgan hervor, denn materielles Licht erweckt wieder geistiges Licht.

Im menschlichen Auge sind Stoffe und Elemente im Pigment, in der Netzhaut und in den Flüssigkeiten der Kristallinse, wie auch in der Regenbogen- und Hornhaut zusammengestellt, die alle sonnenartiger Natur sind, also nur ätherische Lichtstoffe in sich tragen. Aber diese Elemente unterliegen im Auge noch ganz anderen geistigen Prozessen, die eine vergeistigende Verwandlung hervorrufen. Eben darum vermag auch die Seele durch das Auge Kunde von dem zu geben, was in ihrer Welt vorgeht. Innerste Regungen des geistigen Lebens können sich im Auge abzeichnen, ohne weder seine Stoffe, noch seine äußere sichtbare Form zu verändern. Solche durch den Seelenspiegel kundgegebenen Zustände sind zwar unmeßbar, können aber von einem anderen Menschen [durch Übertragung des geistigen Lichtfluidums] genau erfühlt werden: Ein Beweis für jenen Faktor des Lichtes, der seine ursprüngliche geistige Potenz darstellt.

Wenn bei starker Begeisterung für Höheres, Nichtmaterielles dieser Drang der Seele noch anwächst, so ereignet es sich nicht selten, daß der gewöhnliche, physische Sehprozeß aufgehoben wird und ein anderer dafür eintritt. Dann offenbaren sich dem Menschen die feineren Sphären einer Geisterwelt, an deren Dasein er vielleicht niemals vorher geglaubt hätte. Beim Übertritt der Seele vom Diesseits in das Jenseits nimmt der Mensch von seinem ganzen Körperorganismus, somit auch vom Auge nur dessen geistigen Bestandteil mit hinüber, womit er dann den Grund und die Ursache, nicht aber nur die Wirkung des Geistes im Stoffe wahrzunehmen vermag.

Das Auge ist das Organ zur bewußten Aufnahme des Lichtes, das damit der Seele mittels der Gehirneindrücke zur Beschauung der Außenwelt dient. Da nur Gleiches das Gleiche anziehen und verwerten kann, ist das Auge aus allen Elementen zusammengesetzt, die im Lichte vorherrschen. Unmöglich würde der Mensch aus der Fülle des Lichtes das Bild der Sonne getrennt und bei weitem stärker leuchtend als das ganz andere Lichtfirmament wahrnehmen, wäre nicht das Auge dafür besonders eingerichtet. Es ist jedoch so beschaffen, daß alles Licht nur die Hauptkonturstrahlen durch die kleine Öffnung der Pupille auf die höchst reizbare Netzhaut und von dort auf den Sehnerven gelangen läßt. Durch diese Einrichtung werden alle nur einfach erregten Lichtausflüsse [Diffusionsstrahlen] ausgeschieden. Nur die Hauptkonturstrahlen — die durch eine gewisse Rückwirkung sich in einem bestimmten Winkel durchschneidenden Linien — gelangen gebrochen zum Sehnerv, durch den das Bild sodann mittels geeigneter Organe in entsprechender Weise den Gehirntäfelchen eingeprägt wird. Wäre das Auge nicht so eingerichtet, könnte der Mensch keine Sonne für sich als Einzelbild erschauen und alles wäre ein gleichförmiges Lichtmeer.

Das Auge des Menschen entspricht vollkommen einer Hülsenglobe [Sternensystem im Universum] mit ihrer im Mittelpunkte wirkenden Urzentralsonne. Daher befindet sich in der Mitte des Auges die Kristallpupille, die (besonders bei manchen Tieren) ein wahrnehmbares Eigenlicht besitzt. Zum anderen empfängt die Pupille das Licht der Außendinge wie eine Sonne das Licht der anderen Gestirne. Durch die Kristallinse nehmen die Innenwände des Auges sogleich alle Strahlen auf und reflektieren sie, unterstützt durch das Eigenlicht der Linse, wieder in die Ferne zurück. Es ist wichtig zu wissen, daß der Mensch die Gegenstände nicht selber sieht, sondern nur deren entsprechende Abbilder. Dies geschieht, indem selbe von der schwarzen rückwärtigen Spiegelhaut aufgenommen und so gleich nach der Aufnahme wieder vollkommen erleuchtet nach außen geworfen werden, wo man dann erst die Dinge an jener Stelle erblickt, wo sie sich in ihrer natürlichen Wirklichkeit befinden.

Was die Wahrnehmung der Gestirne außerhalb des Erdkörpers betrifft, so erblickt der Mensch nur deren Abbildung auf dem großen Erdauge. Dieses wird gebildet von dem Luftkreise der Erde mit all seinen verschieden dichten Ätherarten. Es gleicht einem linsenförmig-runden durchsichtigen Körper, der wie ein Brennglas wirkend die Lichtstrahlen aus dem Weltall verdichtet und in verjüngtem Maßstabe auf die Erdoberfläche und damit auch in das menschliche Auge gelangen läßt. Ohne dieses Erdauge würde der Mensch keine Kleinbilder der Gestirne aufnehmen können.

Würde das Auge die Gegenstände selbst schauen, so müßte es alle Dinge in ihrer natürlichen Größe erblicken. Daß aber alles durch die hülsenglobenartige Beschaffenheit des Auges nur in höchst verkleinertem Maße wahrgenommen wird, beweist die Tatsache, daß sich sogar die kleinsten Materieteilchen durch ein Mikroskop außerordentlich vergrößern lassen. Dieser Vorgang ist nichts anderes als eine stete Annäherung des geschauten Gegenstands, beziehungsweise dessen Lichtabbildes an die wirkliche Größe des Gegenstandes selbst. So bekunden gerade die früher unsichtbaren Teilchen, daß das freie Auge unmöglich die Dinge selbst erblickt, sondern nur ihre auf vorgeschilderte Art verkleinerten Abbilder.

Das Auge ist ferner so gebaut, daß der Lichtstrahl mit der enormen Schnelligkeit seines Eintritts in das Auge diesem nicht schadet und überdies der Seele Zeit läßt, die ihr vermittelten Bilder zur geistigen Vorstellung des Gesehenen zu verarbeiten. Die Seele steht durch das Gehirn und den Sehnerv mit dem Auge in steter Verbindung. Da nun die geistigen Funktionen der Seele über die Materie der Gehirnmasse erst einen bestimmten Prozeß durchmachen müssen, der langsamer als das Licht vor sich geht, so besitzt das Auge Vorrichtungen, um den schnellen Lichtstrahl entsprechend zu verlangsamen. Dazu dienen die verschiedenen Feuchtigkeiten, die das Innere des Auges bilden und erfüllen und gewisserart als vermittelnde Zersetzer dienen. Auch das Blut darf im Vordringen zum Gehirn nicht mit derselben Kraft und Hast eindringen wie in die anderen Organe, sondern muß seinen Lauf verlangsamen, damit die Vermittlung zwischen Geist und Materie in allen Gehirnpartien entsprechend erfolgen kann. Daher findet man, daß die große Schlagader, sobald sie sich gegen den Kopf wendet, dort nicht gerade verläuft, sondern erst in Windungen das Gehirn erreicht. Damit wird der Andrang des Blutes abgeschwächt und der Seele Zeit gelassen, aus dem durch die Materie Empfangenen Geistiges zu bilden. [Vergleiche die Bewußtseinstrübung als Schwindelgefühl bei Blutüberfüllung des Gehirns!] Das gleiche gilt für den Organismus des Ohres, wo auch die Schallschwingungen verkürzt und modifiziert werden, um sich über die Seele zu geistigen Eindrücken umgestalten zu können.

Die Durchdringung der Lichtstrahlen mit jenen Substanzen, die sich im menschlichen Auge befinden und dem Lichte verwandt sind, das heißt Magnetismus und Elektrizität im Phosphor enthalten, würde zu obigem Resultat allein nicht genügen. Es ist daher vorgesehen, daß der Lichtstrahl nicht als unaufgelöstes reinweißes Element in das Auge tritt, indem dessen Flüssigkeitsstoffen noch Substanzen beigefügt sind, die den Strahl zerteilen helfen. Dadurch ist die Fähigkeit gegeben, Farben wahrzunehmen. Damit im kleinen Auge die Fülle der Lichtstrahlen aller Gegenstände, sich wieder zerstreuend, ein verjüngtes Bild der erblickten Dinge erzeugt, ist hinter die Pupille des Auges die Kristallinse gestellt. Diese nimmt die Strahlen auf, konzentriert sie und läßt sie im Pigment der Netzhaut wieder auseinandergehen, um auf dem spiegelgleichen schwarzsamtenen Grunde das getreue Abbild wieder hervorzurufen.

Die Theorie, daß beim Sehvorgang sich auf der Nervenhaut das Bild verkehrt spiegelt und sich dann durch Reflexion aus dem Auginneren wieder umkehrt, beruht auf einem großen Irrtum. Zwar hat die Optik mit einem Glas, dessen Schliff der Kristallinse nachgebildet ist, das Resultat einer Bildumkehr erzielt. Glas jedoch ist leblos und seine Brechung der Lichtstrahlen ist deshalb eine andere als im Organ des Auges. Denn dieses ist voll des geistigen und materiellen Lebens, wobei die Seele dortselbst mit dem Sehprozeß auf eine ganz andere Art zu Werke geht, als es die Wissenschaft der Optik vermutet. Wie könnte auch der ganze Sehvorgang nur auf die mathematischen Linien eines Kreises beschränkt sein, wo doch sicher auch das Auge eines Pferdes oder einer Ziege, deren Pupille bekanntlich ein längliches Viereck bildet, ein richtiges Sehbild hervorruft! Oder wie gänzlich anders geartet ist zum Beispiel das Auge einer Fliege. Diese besitzt ein Augenpaar, das nahezu den siebenten Teil ihres ganzen Wesens ausmacht. Ein jedes Auge für sich besteht wieder aus mehreren tausend kleineren Augen, die — wie die Zellen eines Bienenstocks aneinandergereiht und ein jedes kegelförmig zugespitzt — alle auf einen gemeinsamen Sehpunkt zusammenlaufen. Sie bilden damit ein unbeschreiblich starkes Mikroskop, womit die Fliege sogar atomisch kleinste Tierchen zu erblicken vermag.

Selbst die materielle Betrachtung aller Teile des Menschenauges vermag die Zweckmäßigkeit seiner Einrichtung nicht zu erforschen. Bei den meisten Entdeckungen haben die Menschen stets vom Leblosen auf das Belebte geschlossen und dadurch viele wissenschaftliche Irrtümer verbreitet, wodurch immer wieder unerklärliche Widersprüche zum Vorschein gelangen. Beim Menschen löst sich mit dem Leibestod das seelische Lebensprinzip vom materiellen Körper, das mit den beiden großen Lebensfaktoren der Schöpfung — Elektrizität und Magnetismus — allein jedes Naturleben zu erhalten vermag. So ist im zerschnittenen Leichnam bestenfalls jene Zerstörung als Wirkung festzustellen, welche die Unregelmäßigkeit des Ein- und Ausströmens dieser beiden Hauptelemente bewirkte. Aber der eigentliche Lebensfaktor ist entwichen und mit ihm jede Möglichkeit, den Grund des Lebens und sein Warum zu entziffern.

So liegen auch im Sehorgan des Menschen tiefe Geheimnisse verborgen. Wenn er mit seinem Auge, dieser kleinen Sonne in seinem Leibe, den gestirnten Himmel betrachtet, dann wird sein Auge selbst zu einem kleinen Universum, in dem sich Milliarden von Sonnen abbildlich widerspiegeln. Eine unendliche Schöpfung trägt sodann das Auge des Menschen in sich. Und das Strahlen und Widerstrahlen der zahllosen Sonnen im sonnenverwandten Auge bewirkt in der Seele eine Ahnung des Wunders, wie das Größte im Kleinsten sich wiederfindet und als das erkennt, was es in sich selbst wesenhaft ist.

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