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42e. Kapitel — Kenans Gesang von den zehn Säulen

Fortsetzung von 42d

[HGt.01_042,80] Da riß denn der Himmel inmitten entzwei, und dem leuchtenden Risse entschwebte ein Engel gar eiligen Fluges hinab zu der Liebe des Lamech und sagte zur selben: ,So richte denn, Noah, wie lang schon der Herr dir hat treulich befohlen, den Kasten der Gnade, und tue alsbald dich in selbem verwahren mit allem dem, was dir der Herr hat befohlen; denn siehe, schon brennet die fluchschwere Erde an zahllosen Punkten, entzündet vom richtenden Zorne des ewigen Gottes! Das klagende Blut hat jedoch, wie du siehst, nun gewaltig die Gnade des Himmels erschüttert; daher hat der heilige Vater beschlossen, die Erde vom Fluche zu waschen und düngen dieselbe dadurch für ein bess’res Geschlecht, das da eh’stens entsteigen wird dir, Seinem einzig noch treu wohl verbliebenen Noah!‘

[HGt.01_042,81] Und sehet, ihr lieblichen Väter, und ihr auch, uns liebende Kinder, als solches geredet in eiliger Sprache zur Liebe des Lamech der leuchtende Engel nun hat, hört, da barsten auf einmal die ehernen Bogen des Himmels, und aus den weit gähnenden Klüften und feurigen Rissen desselben entstürzten gar bald die gewaltigsten Ströme von Fluten des dampfenden Wassers als Gnade des ewigen, heiligen Vaters zur Löschung des Feuers und einstigen Tilgung der Schuld von der sündigen Erde.

[HGt.01_042,82] Und als nun die Fluten die Tiefen der Erde zu füllen anfingen, da sah ich zahllose Geschlechter den Tiefen entsteigen und wehklagend suchen die Höhen der Berge. Ich sahe die reizendsten Weiber als Töchter der Menschen von weißestem Fleische gar ängstlich erklimmen mit blutenden Fingern und Händen ermattet die schroffesten Spitzen der Felsen und ringen auf schwindelnden Höhen die blutenden Hände empor zu den klaffenden Spalten des feurigen Himmels und schreien mit lautesten, schmerzvollsten Stimmen um Trost und um Hilfe. Doch all dies Geschrei war vergebens, und mitten den Fluten, die stets nur gewaltiger stürzten den klaffenden, glühenden Spalten des ehernen Himmels entlang, stießen feurige, wirbelnde Winde die zartesten Kinder der Menschen, sie brennend und sengend, gewaltsam von denen so mühsam erklommenen, felsigen Spitzen der Berge hinab in die tobenden Fluten als klagende Speise des Todes!

[HGt.01_042,83] Und höret, die feurigen Winde, sobald sie entweset gar grauenhaft hatten bald hier und bald dort eine schützende Spitze der Berge vom zartesten, weißesten, reizendsten Fleische, die tobten und riefen, gar schauerlich höhnend: ,Da bade und wasche und schmiere dich, schändliche, lockende Speise des Teufels und seiner Gehilfen, und schmücke dich wohl in den duftenden Armen des ewigen Todes, und nehme den Lohn deiner rastlosen Mühen, durch welche gefallen sind all die Geschlechter der Erde von Adam dem ersten hin bis zu dem letzten Bewohner der fluchschweren Erde, und gehe den tödlichen Weg alles reizenden Fleisches!‘

[HGt.01_042,84] Und höret, so riefen die tobenden feurigen Winde, sooft sie entweset da hatten bald eine, bald wieder die andere schützende Spitze der mühvoll erklommenen Höhen und Steilen der Berge!

[HGt.01_042,85] Doch nicht gar zu lange, hört, dauerte dieses so schaurige Würgen und Morden des sündigen Fleisches der üppigsten Weiber und aller durch ihre verführende List arg betrogenen und so gefallenen Söhne der Erde und Kinder des Himmels; denn bald sah ich fluten und wogen gar große Gewässer ganz über die höchsten Steinspitzen der Berge, und war außer mir kein lebendiges Wesen zu sehen und auch nichts zu hören als nur die an meine mattleuchtende Säule sich drängenden Wogen des neu nun entstandenen großen Gewässers.

[HGt.01_042,86] Ich war schon gewohnt durch die neun vorhergehenden Fälle, sobald die Gewässer erfüllet schon hatten die endlosen Tiefen des Todes, zu sehen alsbald eine glänzende Säule schon stehend erhaben hell über der wogenden Fläche der Fluten, und wenn schon denn früher die Säule, so wie bei der neunten, nicht alsogleich vollends als solche zu schauen dem forschenden Auge des Kenan sich bot, doch es währte nicht lange, da war schon der Lamech auf selber, dem Himmel entstiegen, gebietend zu sehen; doch jetzt, höret, wollte sich keine der Säulen mehr zeigen!

[HGt.01_042,87] Ich harrte gar lange und staunte nicht wenig, als ich statt der Säule den Kasten der Gnade auf friedlichen Wogen daherschwimmen sah. Und als selber die Stelle erreichet wohl hatte, auf welcher denn früher die finstere Säule zu fühlen sich mir blindem Seher darbot, – hört, da wichen die stürmenden Wogen zurück, und der Kasten der Gnade blieb stehen auf einer gar großen, den Wässern entstiegenen, lieblich nun schimmernden Säule.

[HGt.01_042,88] Und als nun der glänzende Kasten der Gnade so gänzlich befreiet von allen den wogenden Fluten und Wassern nun war, hört, da wurde geöffnet am Dache desselben ein blitzendes Fenster, durch welches alsbald sanfte Tauben gar munteren Fluges enteilten und weit über Wogen und Fluten hinflogen.

[HGt.01_042,89] Doch nicht gar zu lange verweilten sie über den Fluten, so hin- und herfliegend, die munteren Tauben; denn außer der Säule des Kastens der Gnade war nichts als nur Woge an Woge sich drängend zu sehen. Und da sie nichts fanden, die munteren Segler der Lüfte, woselbst sie nach länger anhaltendem Fluge wohl könnten sich nieder zur nötigen Ruhe denn setzen, so flogen sie schnelle denn wieder dem Kasten der Gnade hinzu, suchten emsig das blitzende Fenster und flogen durch selbes gar eilig hinein in den Kasten der Gnade.

[HGt.01_042,90] Und als nun das blitzende Fenster denn wieder verschlossen da wurde, so fingen alsbald, hört, gar heftige, feurige Winde nach allen erdenklichen Richtungen endlos weit über die ewig mir scheinende Fläche der wogenden, großen Gewässer zu wehen. Der wogenden Fläche nun fingen durch dieses so heftige Wehen der feurigen Winde gar mächtige Massen von Wolken so schnell wie die Blitze gar hehr zu entsteigen. Es währte dies mächtige Toben der Winde nicht lange, als bald sich schon hie und da über dem Spiegel der Wässer hochragende Spitzen der Berge zu zeigen anfingen, – ja, mehr’re darunter sogar gleich zu grünen begannen und sahen bald niedlichen Gärtchen wohl ähnlich.

[HGt.01_042,91] Und höret, als solches sich zeigte dem forschenden, fröhlichen Auge des Kenan, da blitzte denn wieder das Fenster, sich öffnend am Dache des Kastens der Gnade, durch welches gar bald wieder Tauben sich eiligen Fluges erhoben und flogen gar munter alsbald zu den grün schon gewordenen Spitzen der Berge, umflogen dieselben in heiteren Kreisen nach lieblichen Weisen und weilten recht lange, auf frisch schon gewachsenen Zweigen sich wiegend und schaukelnd, daselbst; doch nach längerem Weilen verließen sie wieder dieselben und kehrten, nun reichlich beladen mit grünenden Zweiglein, denn wieder sogleich in den harrenden Kasten der Gnade zurück.

[HGt.01_042,92] Und nun höret und sehet, als solches geschehen denn eilends nun war, da begannen die Fluten gar schnelle zu sinken, und Berge und liebliche Felder mit fruchtbarer Erde entstiegen gar wundersam eiligst der sinkenden Fläche der Wässer und grünten alsbald, von den wärmenden Strahlen der Sonne belebet, zu lieblichen Wiesen und Fluren und fruchtvollen, üppigsten Gärten.

[HGt.01_042,93] Und da an der Stelle der Säule, o höret, da wuchs gar so wundersam Land um die Säule stets höher und höher, bis endlich der Kasten der Gnade selbst ganz auf hehr grünender Erde zu ruhen kam. Sehet, da blitzte nun wieder das Fenster am Dache des Kastens der Gnade, und eine gar reichliche Menge der muntersten Tauben enteilte in kreisender Schnelle demselben und kehrte nach längerem Harren wohl nimmer zum offengelassenen Fenster am Dache des Kastens der Gnade zurück.

[HGt.01_042,94] Da gewahrte der Noah als Liebe des Lamech im Kasten der Gnade das gänzliche Fallen der Fluten und fing an zu öffnen die Pforten desselben und ließ aus demselben frohwandeln denn all die verwahrten Geschlechter der Erde und nach und nach auch seine Kinder und Weiber. Und als nun erreichet sie hatten mit bebendem Herzen und zitternden Füßen die grünende Erde, da fielen sie nieder zur Erde und dankten und priesen dann im Angesichte des leuchtenden, offenen Kastens der Gnade den Herrn als den einzig erbarmenden Retter aus solchen verdienten Gerichten des Zornes des ewigen, heiligen Gottes.

[HGt.01_042,95] Als solches gar lange verrichtet sie hatten voll Dank und voll Liebe zum heiligen, ewigen Vater, da kam denn gar eilends geflogen ein leuchtender Engel und brachte dem Noah die fröhliche Botschaft vom über und über hehr leuchtenden Himmel, um welchen ein farbiger Bogen sich schlang. Und hört, – so sprach der leuchtende Engel:

[HGt.01_042,96] ,Hör‘ Noah, du einziges Band Meiner Liebe, aus dir will Ich wecken den Samen des Lebens dereinst, der gar mächtig dem Tode die zahllos verschlungene Beute entreißen wohl wird! Denn Mich dauert des Fleisches da unter den hart nun gefesteten Fluten der Sünde; darum will Ich senden dereinst einen mächtigen Retter und nimmer die bebende Erde mit solchen Gerichten heimsuchen. Der farbige Bogen soll allzeit verkünden den Völkern, daß Ich solches nimmer der Erde will bringen ja bis an das Ende der Zeiten und Zeiten; was dann wird geschehen, das weiß Ich, der ewige Vater, alleine!‘

[HGt.01_042,97] Und höret, ihr lieblichen Väter, und ihr auch, uns liebende Kinder! So hab‘ ich all dieses gesehen und treulich gehöret, und wie ich’s vernommen, so hab‘ ich’s euch wahrlich nun wieder gegeben, und weiter war nichts mir zu schauen gegeben. Und was ich gesehen, das deutet ihr weisesten Väter und Kinder voll Liebe; denn mir ist verborgen der Sinn solcher seltenen Träume aus Gott.“

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