[GS.01_045,01] Nun sehet, die ziemlich große Gesellschaft ist uns schon nahe; betrachtet nun die lieben Kinder, wie da eines himmlisch schöner ist als das andere! In eines jeden Physiognomie stellt sich euch eine andere Schönheit dar. Die männlichen Engel sind jugendlich kräftig, in ihrer Gesichtsbildung ist ein überaus weicher Ernst zu schauen. Ihre Augen sind groß, besagend, daß in ihnen viel Lichtes ist, ihre Nasen wohlgebildet und überaus zart gestellt. Diese besagen, daß sie einen überaus zarten und sehr scharfen Gefühlstakt haben. Ihr Mund ist weich und zumeist geschlossen, was besagt, daß die Weisheit verschwiegen ist. Ihr Kinn ist ebenfalls sanft und ohne Bart. Solches besagt, daß die eigentliche Weisheit offen ist und sich nicht umhüllt mit einem rauhbuschigen Mystizismus. Glatt und rund ist ihr Hals; solches besagt, daß die Wahrheit, nach ihrem Grundsatze betrachtet, etwas wohl Aufzunehmendes und in sich abgerundetes Ganzes ist. Sehet ferner die Weichheit ihrer Hände! Solches besagt, daß die Weisheit alles mit guter Vorordnung ergreift und nichts Unvollkommenes antasten mag.
[GS.01_045,02] Ihr saget hier: Es ist merkwürdig, daß sich hier das männliche Wesen nahe ebenso wie das weibliche in der schönsten abgerundeten Form zeigt, so zwar, daß man am Ende kaum weiß, woran man als selbst männlicher Geist ein größeres Wohlgefallen finden könnte, ob an der überaus herrlichen männlichen Gestalt, oder an der weiblichen? Solches hat seinen Grund, meine lieben Freunde, in der wahrhaften himmlischen Ehe, und das zwar demzufolge, weil es in der Schrift heißt, daß der Mann und das Weib ein Fleisch sein sollen. Darum unterscheiden sie sich hier auch nur wenig und sind, wie es der Herr gesagt hat, alle gleich den Engeln Gottes!
[GS.01_045,03] Ihr fraget zwar, ob bei den Geistern hier nicht ein geschlechtlicher Unterschied obwalte? Ich sage euch: Solches ist hier ebensogut der Fall wie auf den Erdkörpern, und die Geister essen und trinken auch hier und verrichten daher auch ihre Notdurft. Ferner genießen diese himmlischen Eheleute auch also wie auf der Welt die „ehelichen Freuden“; aber solches alles gestaltet sich hier, vom Gesichtspunkte der Bedeutung aus betrachtet, ganz anders denn auf den Erdkörpern.
[GS.01_045,04] So besagt das Essen und Trinken die Aufnahme des Göttlichguten und Göttlichwahren; und derjenige Akt, den ihr sinnlichermaßen als den Begattungsakt kennet, besagt die Vereinigung des Liebeguten und Glaubenswahren zu einem liebtätigen Ersprießen. Die ganze Sache verhält sich hier so wie Ursache, Wirkung und Zweck. Wer alsdann wirken will, der muß ja zuvor das wirkende Prinzip als eine Grundursache in sich aufnehmen; und solches wird hier verstanden unter dem Insichnehmen der Nahrung.
[GS.01_045,05] Das Verdauen dieser Nahrung bewirkt und unterstützt das fortwährende Leben der Geister. Das Leben aber will nicht und kann nicht als ein isoliertes für sich allein dastehen, sondern es ergreift das ihm zusagende und entsprechende Objekt und teilt sich demselben also mit, daß dadurch aus gewisserart zwei Leben vollkommen eines wird. Dieses kann man unter dem Gesichtspunkte des Zweckes betrachten. Der Zweck aber wird dann zum Ersprießen, indem ein vereintes Leben ein in allem mächtiger wirkendes ist als ein für sich allein geeinzeltes, welches nicht als ein vollkommenes Leben betrachtet werden kann, weil sich in ihm unmöglich ein Zweck und sonach auch kein Ersprießen ausspricht. – Versteht ihr solches?
[GS.01_045,06] Ihr saget: Lieber Freund, einesteiles wohl; aber ganz klar will uns die Sache noch nicht werden. Nun gut; ich will euch die Sache noch ein wenig näher beleuchten. Ihr habt auch auf der Erde schon einen entsprechenden Akt, der da ähnlich ist dem Begattungsakte der Geister.
[GS.01_045,07] Was geschieht wohl, wenn ein lebensstarker Mann irgendein weibliches Wesen, von euch so genannt, magnetisch behandelt? Hier geschieht nichts anderes, als daß der Mann mit seinem kräftigen Geiste in den schwächeren Geist des Weibes eindringt, ihn dadurch aufweckt und mit seiner Kraft unterstützt, indem er sich mit demselben auf eine Zeitlang rapportierlich und zum Teil „fluidal“ vereinigt oder vielmehr mit demselben einen „geistigen Ehebund“ eingeht.
[GS.01_045,08] Was ist die Wirkung dieses Bundes? Wenn ihr nur einigermaßen die vielfachen Erscheinungen auf diesem Gebiete betrachtet, so könnet ihr unmöglich etwas anderes sagen als: Der schwache weibliche Geist ist durch die mit ihm vereinigte Kraft des männlichen Geistes in einem sehr erhöhten Zustande kräftig geworden und kann in solchem Zustande Dinge leisten, die ein isolierter Geist im naturmäßigen Zustande wohl höchst selten und dann nur sehr schwer zu bewirken vermag. Das Hellsehen, das sich und andere durchschauende Erkennen und, kurz gesagt, das kräftig helle geistige Durchdringen in sonst unerforschliche Schöpfungstiefen ist der Erfolg solcher Vereinigung.
[GS.01_045,09] Nun sehet, gerade also artet hier geistig der sogenannte Akt der Begattung. Diese ist ein Sichergreifen zweier sich innig verwandter geistiger Potenzen, und der Erfolg solches Ergreifens ist eben auch ein dem euch bekannten Akte entsprechender, den wir soeben besprochen haben. Nun saget ihr wohl, daß euch dieses klar ist; aber ihr fraget noch, auf welche Weise dieser Akt hier vollzogen wird der erscheinlichen Form nach. Ich sage euch, solch ein Akt wird der Erscheinlichkeit nach auf dieselbe Weise vollzogen, wie er bei den Ehegatten vollzogen wird; aber es ist dabei von irgendeiner Sinnlichkeit nie die allerleiseste Spur.
[GS.01_045,10] In der ersten Kirche, welche die adamitische war, wurde ein solcher Zeugungsakt von jenen Menschen, die damals mit den Himmeln in beständigem Verkehr gestanden sind, ebenfalls viel mehr auf eine geistige Weise denn auf eine sinnliche begangen. Bei Gelegenheit eines solchen Aktes wurden die beiden Ehegatten mehr denn sonst vom göttlichen Geiste durchdrungen, gerieten dadurch in einen leiblichen Schlaf, erweckten sich bald aus diesem naturmäßigen Schlafe und wurden dann im Geiste eins und sonach auch völlig in den Himmel entrückt. Allda erst verrichteten sie den Akt der Zeugung und wurden nach demselben wieder sobald wie geschieden in die naturmäßige Welt leiblich versetzt.
[GS.01_045,11] Aus dieser Ursache wurde damals dieser Akt auch der Einschlaf, Mitschlaf, auch Beischlaf benamset. Da aber mit der Zeit die Menschen durch allerlei Weltgenüsse naturmäßiger und sinnlicher geworden sind, so fingen sie auch an, ohne geistige Vorbereitung in ihrer naturmäßigen Sphäre den Weibern rein tiermäßig beizuwohnen, gerieten dabei in keinen geistigen Schlaf mehr oder vielmehr in einen natürlichen Schlaf, damit der Geist frei würde. Darum wurden aber auch die Früchte als Zwecke der Ursache und Wirkung, wie eben die Ursache und Wirkung selbst bestellt war. Ihr saget ja selbst: Ex trunco non fit Mercurius. Wie ist es demnach wohl möglich, auf dem rein tierischen, naturmäßigen Wege Früchte des Geistes zu zeugen? Ich meine, wenn ihr diese wichtige, althistorische, vollkommen wahre Darstellung nur ein wenig beachtet, so werdet ihr euch nun auch den rein himmlischen Begattungsakt richtiger und würdiger vorstellen können, als ihr solches sonst vermocht hättet, indem ihr diesen Akt zufolge seiner gegenwärtig rein sinnlischen Erscheinung, und zufolge des eben aus diesem sinnlichen Grunde erfolgten mosaischen Gesetzes, hinsichtlich der Unkeuschheit, notwendig als einen unlauteren und somit auch unheiligen betrachten müsset.
NEUOFFENBARUNG