Lexikonübersicht · Quellen und Abkürzungen
“Aber sie konnten das Wasser nicht trinken, denn es war bitter” bedeutet, daß die Wahrheiten ihnen widerwärtig erschienen, weil sie ohne Neigung zum Guten waren. Dies erhellt aus der Bedeutung von Wasser trinken, insofern es soviel ist als die Wahrheiten aufnehmen und sie dem Guten unterordnen; aus der Bedeutung des Wassers, insofern es die Wahrheiten bezeichnet; und aus der Bedeutung von bitter, insofern es soviel ist als widerwärtig. Hieraus erhellt, daß “sie konnten das Wasser nicht trinken, denn es war bitter”, bedeutet, daß die Wahrheiten ihnen widerwärtig erschienen. Dies war deshalb, weil sie ohne Neigung zum Guten waren, denn jeder Lustreiz zum Wahren stammt aus dem Guten. Die Neigung zum Wahren hat aber ihren Ursprung aus dem Guten, weil das Gute das Wahre, und das Wahre das Gute liebt, denn beides ist wie durch eine Ehe verbunden. Es ist bekannt, daß jeder belehrt werden will in den Dingen, die er liebt und zum Zweck hat. Wer das Gute liebt, d.h. wer Gott von Herzen verehren und dem Nächsten Gutes tun will, der liebt es auch in den Dingen belehrt zu werden, die dahin führen, also in den Wahrheiten. Hieraus kann erhellen, daß jede Neigung zum Wahren aus dem Guten stammt. Es gibt zwar solche, die schlecht leben, und doch in den Wahrheiten unterrichtet werden wollen, aber diese haben keine Neigung zum Wahren, sondern bloß eine Neigung, die Kirchenlehren zu begründen, um des eigenen Ruhmes, d.h. des Rufes, der Ehre, des Gewinnes willen. Die echte Neigung zum Wahren besteht darin, daß man wissen will, was wahr ist, um des Lebens in der Welt und um des ewigen Lebens willen. Solche geraten in Versuchungen, wenn ihnen die Wahrheiten zu mangeln beginnen, und mehr noch, wenn die Wahrheiten, die sie wissen, ihnen widerwärtig erscheinen. Diese Versuchung hat ihren Ursprung daher, daß die Verbindung mit dem Guten unterbrochen ist. Diese Verbindung wird unterbrochen, sobald der Mensch in sein Eigenes kommt, denn dadurch verfällt er in das Böse der Selbst- und Weltliebe. Wenn er aus diesem Zustand wieder herauskommt, werden ihm die Wahrheiten angenehm; dies wird im Folgenden darunter verstanden, daß das bittere Wasser durch das hineingeworfene Holz genießbar wurde, denn Holz bedeutet des Gute. <HG 8349>
“Und sprach: Was sollen wir trinken” bedeutet, daß sie die Wahrheiten nicht ertrugen, weil sie ihnen widerwärtig waren wegen des Mangels an Neigung zu denselben. Dies erhellt aus der Bedeutung von trinken, insofern es soviel ist als belehrt werden in den Wahrheiten, und sie aufnehmen, wie auch von ihnen angeregt werden, und infolgedessen dieselben aneignen. Hier aber heißt es, sie nicht ertragen, weil sie ihnen widerwärtig waren, infolge des Mangels an Neigung zum Guten, was durch das bittere Wasser bezeichnet wird. Diese Versuchung besteht darin, daß die Menschen klagen und betrübt sind darüber, daß die Wahrheiten, die ihnen früher lieb waren, und dadurch das geistige Leben oder das himmlische Leben bei ihnen bildeten, ihnen nun widerwärtig erscheinen, und zwar so sehr, daß sie dieselben kaum ertragen können. Der bloß natürliche Mensch glaubt, daß so etwas keinen Schmerz verursachen könne, denn er denkt: “Was kümmern mich die Wahrheiten, ob sie angenehm oder unangenehm sind? Sind sie mir unangenehm, so verwirft man sie.” Aber der geistige Mensch fühlt ganz anders; es ist die Lust seines Lebens, in den Wahrheiten unterrichtet zu werden, und Erleuchtung zu erhalten über die Dinge, die seine Seele, und somit sein geistiges Leben betreffen. Fehlt es ihm daran, dann wankt und leidet dieses Leben, und darum fühlt er Schmerz und Angst. Der Grund ist, weil die Neigung zum Guten beständig durch den inneren Menschen vom Herrn einfließt, und im äußeren das Übereinstimmende erregt, was früher ein angenehmes Gefühl und Neigung zum Wahren bewirkt hatte. Wenn nun dieses vom Bösen der Eigenliebe und Weltliebe bekämpft wird, das er früher auch als Lustreiz empfunden hatte, dann entsteht ein Streit der Lustreize oder Neigungen, woraus Angst, und infolgedessen Betrübnis und Klage entsteht. Es soll noch mit wenigem gesagt werden, wie es sich mit der Versuchung verhält, die aus dem Mangel an Wahrem entsteht: Die Nahrung des geistigen Lebens ist das Gute und das Wahre, wie die Nahrung des natürlichen Lebens Speise und Trank ist. Wenn das Gute mangelt, ist es, als ob die Speise fehlte, und wenn das Wahre mangelt, so ist es, als ob es an Trank fehlte. Die Betrübnis hierüber verhält sich wie das schmerzliche Gefühl, das Hunger und Durst hervorruft. Dieser Vergleich geht aus der Entsprechung hervor, denn die Speise entspricht dem Guten, und der Trank dem Wahren, und weil hier ein Entsprechungsverhältnis besteht, so ernährt auch wirklich die Speise und der Trank den Körper besser und angemessener, wenn der Mensch während seines Mittagsmahls oder Frühstücks zugleich das angenehme Gefühl der Unterhaltung mit anderen genießt, nämlich über Gegenstände, die er liebt, als wenn er allein und ohne Verkehr bei Tische sitzt. Wenn der Mensch in diesem Zustand ist, dann sind bei ihm die Gefäße zur Aufnahme der Speise gleichsam zusammengezogen, wenn er aber in jenem Zustande ist, dann sind dieselben geöffnet; solches bewirkt die Entsprechung der geistigen Speise mit der natürlichen. Es wird gesagt, der Lustreiz, d.h. das angenehme Gefühl der Unterhaltung mit anderen über Gegenstände, die er liebt, weil sich alles auf das Gute und Wahre bezieht, denn es gibt nichts auf der Welt, das sich nicht auf beides bezöge. Auf
das Gute beim Menschen bezieht sich das, was er liebt, und auf das Wahre das, was über das Gute belehrt, und sich dadurch mit demselben verbindet. <HG 8352>
Textgrundlage: die bereitgestellte Lexikonausgabe von Franz Kreuzwegerer. Originalquelle als PDF · Seite 33 →
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