Lexikonübersicht · Quellen und Abkürzungen
Kundschafter, sofern er die Gewinnsucht bezeichnet. Die Glaubenswahrheiten der Kirche, die Lehren genannt werden, werden in der ersten Lebenszeit, wo sie erlernt werden, nicht anders aufgefaßt und dem Gedächtnis anvertraut als wie andere wißtümliche Kenntnisse und so lange als Wißtümliches bleiben, bis der Mensch anfängt mit eigenem Blick sie zu betrachten und zu sehen, ob sie wahr seien und daß er, wenn er sieht, daß sie wahr sind, danach leben will. Diese Betrachtung und dieser Wille machen, daß sie nicht mehr Wißtümliches sind, sondern Lebensregeln und endlich Leben; denn so gehen sie ins Leben ein, dem sie angeeignet werden. Die das Mannesalter, und mehr noch, die das Greisenalter erreicht und die Wahrheiten der Kirche, die Lehren genannt werden, nicht mit eigenem Blick betrachtet und gesehen haben, ob sie wahr seien, und nachher nicht danach leben wollten, solche behalten sie auch nicht anders bei sich, als wie das übrige Wißtümliche; sie sind nur in ihrem natürlichen Gedächtnis und dadurch in ihrem Munde, und wenn sie davon reden, so reden sie davon nicht aus ihrem inwendigeren Menschen oder vom Herzen, sondern nur vom auswendigeren Menschen her und aus dem Munde. Wenn der Mensch in diesem Zustand ist, kann er gar nicht glauben, daß die Wahrheiten der Kirche wahr sind, mag es ihm immerhin dünken, daß er es glaube. Der Grund, warum er zu glauben meint, daß sie wahr seien, ist, weil er sich auf andere verläßt und das, was anderen angehört, bei sich begründet hat. Begründen, was von anderen gesagt worden ist, sei es wahr oder falsch, ist sehr leicht, denn es gehört bloß Verstand dazu. Diese Wahrheiten der Kirche oder diejenigen, die auf solche Weise in den Wahrheiten der Kirche sind, werden durch Kundschafter bezeichnet, die kommen, um die Blöße des Landes zu sehen; denn sie glauben die Lehre ihrer Kirche nicht aus einer Neigung zum Wahren, sondern aus der Neigung Ehren zu erjagen, oder Gewinn zu erhaschen. Deshalb glauben sie bei sich kaum etwas; meistens leugnen sie es im Herzen, indem sie jene Lehren betrachten, wie ein Krämer seine Waren, und dann dünken sie sich gelehrt und weise, wenn sie aus sich sehen, daß es keine Wahrheiten sind, und dennoch das gemeine Volk bereden können, daß es Wahrheiten seien. <HG 5432>
Textgrundlage: die bereitgestellte Lexikonausgabe von Franz Kreuzwegerer. Originalquelle als PDF · Seite 393 →
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