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Die Nächstenliebe oder Caritas

Swedenborg: Vom neuen Jerusalem und seiner himmlischen Lehre

84. Zuerst soll gesagt werden, was unter dem Nächsten zu verstehen ist. Er ist es ja, den man lieben und an dem man Liebe üben soll. Wenn man das nämlich nicht weiß, kann es vorkommen, daß man unterschiedslos und auf gleiche Weise den Bösen wie den Guten Liebes tut, wodurch die Liebe in ihr Gegenteil verkehrt wird. Denn aufgrund der empfangenen Wohltaten tun die Bösen ihrem Nächsten Böses, die Guten aber Gutes.

85. Heute glaubt man allgemein, jeder Mensch sei in gleicher Weise der Nächste, und jedem Hilfsbedürftigen solle man Wohltätigkeit erweisen. Es ist jedoch Aufgabe der christlichen Klugheit, sorgfältig zu untersuchen, wie das Leben eines solchen Menschen beschaffen ist und ihm dementsprechend wohlzutun. Wer zur inneren Kirche gehört, tut Gutes mit Unterscheidung, d.h. mit Einsicht, wer zur äußeren Kirche gehört, kann die jeweiligen Umstände nicht so unterscheiden und übt Wohltätigkeit ohne Unterschied.

86. Der Mensch der Kirche sollte die Unterscheidungsmerkmale des Nächsten unbedingt kennen. Sie ergeben sich aus dem Maß des Guten bei einem jeden von ihnen. Und weil letztlich alles Gute aus dem Herrn hervorgeht, so ist er im höchsten Sinn und höchsten Maß der Nächste. Daraus folgt, daß jeder Mensch insoweit ein Nächster ist, als er etwas vom Herrn bei sich hat. Da nun aber niemand den Herrn, das heißt das Gute von ihm in gleicher Weise aufnimmt, kann niemand in genau gleicher Weise der Nächste sein wie der andere. Alle Bewohner des Himmels nämlich und ebenso alle Erdenbewohner, die gut sind, unterscheiden sich hinsichtlich ihres Guten. Nie gibt es bei zweien das genau gleiche Gute, ja, es soll sogar verschieden sein, damit jedes für sich bestehe. Aber alle diese Verschiedenheiten, also alle Unterschiede, die je nach der Aufnahme des Herrn beim Nächsten zu beachten sind, kann kein Mensch, ja nicht einmal ein Engel wissen. Sie kennen nur das Allgemeine, also die Gattungen und deren verschiedene Arten. Auch fordert der Herr vom Menschen nur, daß er seinem Wissen gemäß leben möge.

87. Weil das Gute bei jedem Menschen verschieden ist, entscheidet die Beschaffenheit des Guten darüber, in welchem Grad und Verhältnis jemand ein Nächster ist. Dies zeigt das Gleichnis des Herrn von dem Manne, der unter die Räuber fiel, und an dem, als er halb tot war, der Priester wie auch der Levit vorübergingen. Der Samarier aber hob ihn auf sein Lasttier, nachdem er ihm die Wunden mit Wein und Oel behandelt und verbunden hatte, und brachte ihn zu einer Herberge, wo er für ihn sorgen ließ. Er wird der Nächste genannt, weil er das Gute der tätigen Liebe ausübte, (Luk 10, 29-37). Daher kann man wissen, daß die Menschen unsere Nächsten sind, die sich im Guten befinden. Oel und Wein, die der Samarier in die Wunden goß, bezeichnen auch das Gute und zu ihm gehörige Wahre.

88. Aus alledem folgt, daß in einem allgemeinen Sinne das Gute der Nächste ist, weil der Mensch ein Nächster ist je nach der Beschaffenheit seines Guten, das vom Herrn her bei ihm ist. Und weil das Gute der Nächste ist, so letztlich die Liebe. Denn alles Gute gehört der Liebe an, und folglich ist jeder Mensch ein Nächster je nach der Beschaffenheit der Liebe, die er vom Herrn empfängt.

89. Die Liebe ist es, die bewirkt, daß ein jeder je nach der Art seiner Liebe ein Nächster ist. Das zeigt sich mit aller Deutlichkeit bei denen, die von Eigenliebe beherrscht sind: Als Nächste erkennen sie nämlich nur die Menschen an, von denen sie am meisten geliebt werden, das heißt, die sie als die Ihren betrachten. Diese umarmen und küssen sie, ihnen tun sie Gutes, bezeichnen sie als ihre Brüder, ja weil sie böse sind, nennen sie sie vor allen anderen ihre Nächsten. Die übrigen halten sie nur soweit für Nächste, wie sie auch von ihnen geliebt werden, also je nach der Art und Größe von deren Liebe. Menschen dieser Wesensart begründen aus sich selbst, wen sie als ihren Nächsten betrachten, und dies deshalb, weil es eben die Liebe ist, die dabei aktiv ist und bestimmt. Anders die Menschen, die sich selbst nicht mehr als andere lieben, wie das bei all denen der Fall ist, die zum Reich des Herrn gehören: Sie sehen den Ursprung dafür, wen sie als ihren Nächsten betrachten, in ihm, den sie über alles lieben sollen, nämlich im Herrn. Für ihren Nächsten halten sie folglich jeden Menschen je nach der Beschaffenheit seiner Liebe zu ihm und von ihm. Damit ist klar, woher der Mensch der Kirche den Ursprung des Nächsten ableiten soll, und daß jeder Mensch ein Nächster ist je nach dem Guten, das er vom Herrn hat, mithin letztlich das Gute selbst.

90. Eben dies lehrt auch der Herr bei Matthäus. Dort sagt er zu denen, die im Guten waren: «Ihr gabt mir zu essen, ihr gabt mir zu trinken, ihr habt mich beherbergt, ihr seid zu mir ins Gefängnis gekommen … Was ihr getan habt an einem der geringsten meiner Brüder, das habt ihr mir getan» (25, 34-40). Unter diesen sechs Arten des Guten werden, wenn man sie geistig auslegt, alle Arten des Nächsten verstanden. Daraus geht auch hervor, daß man den Herrn liebt, wenn man das Gute liebt, ist er es doch, von dem das Gute kommt, der im Guten, ja das Gute selbst ist.

91. Aber nicht nur der Mensch in der Einzahl ist der Nächste, sondern auch der Mensch in der Mehrzahl, nämlich die kleinere oder größere Gesellschaft, das Vaterland, die Kirche, das Reich des Herrn und über dem allen der Herr selbst. Alle diese sind Nächste, ihnen soll man aus Liebe Gutes tun. Sie stellen die aufsteigenden Grade des Nächsten dar, ist doch eine Gesellschaft von vielen Menschen in höherem Grad der Nächste als ein einzelner, und jeweils in noch höherem Grad sind es das Vaterland, die Kirche, das Reich des Herrn, im allerhöchsten aber ist es der Herr selbst. Diese aufsteigenden Grade gleichen den Sprossen einer Leiter, auf der zuoberst der Herr steht.

92. Die Gesellschaft ist eher ein Nächster als die einzelnen Menschen, weil sie aus vielen besteht. Sie soll in gleicher Weise tatkräftig geliebt werden wie die einzelnen Menschen, nämlich je nach der Art des Guten, das sie vertritt. Das heißt, diese Liebe ist gegenüber einer Gesellschaft rechtschaffener Menschen anders zu üben als gegenüber einer Gesellschaft, von der man das nicht sagen kann. Eine Gesellschaft aber wird geliebt, wenn man aus Liebe zum Guten für sie sorgt.

93. Das Vaterland steht als Nächster über der Gesellschaft, gleicht es doch einem Elternpaar, das den Menschen gebiert, ernährt und vor Unrecht schützt. Dem Vaterland soll man daher aus Liebe Gutes tun, und zwar je nach seinen Bedürfnissen, die vor allem den Lebensunterhalt und das bürgerliche und geistige Leben derer betreffen, die zum ihm gehören. Wer das Vaterland liebt und ihm aus Wohlwollen wohltut, der liebt im anderen Leben das Reich des Herrn, das ihm dort zum Vaterland wird. Wer aber das Reich des Herrn liebt, der liebt den Herrn, weil dieser das Ein und Alles Seines Reiches ist.

94. Die Kirche ist der Nächste noch vor dem Vaterland; denn wer für die Kirche sorgt, der sorgt für die Seelen und das ewige Leben der Bewohner des Vaterlandes. Wer daher aus Liebe für die Kirche sorgt, liebt den Nächsten in noch höherem Grad, weil er für andere den Himmel und das Glück des ewigen Lebens erwünscht und erstrebt.

95. Das Reich des Herrn ist in einem noch höheren Grad der Nächste, weil dieses Reich aus allen besteht, die auf das Gute ausgerichtet sind, ob sie noch auf Erden oder schon in den Himmeln sein mögen. So ist denn das Reich des Herrn der Inbegriff aller Arten des Guten. Wer dies liebt, der liebt mithin auch die einzelnen, die vom Guten erfüllt sind.

96. Dies sind also die Grade des Nächsten, und ihnen gemäß steigert sich die Liebe derer, die Nächstenliebe haben. Diese Grade stehen jedoch in einer aufeinander folgenden Ordnung, der zufolge das Frühere oder Höhere dem Späteren oder niedriger Stehenden vorzuziehen ist. Und weil der Herr am höchsten steht und in den einzelnen Graden als Endzweck und Ziel anzusehen ist, soll er auch vor allen anderen und über alles geliebt werden. Daraus kann man nun auch klar ersehen, in welcher Weise sich die Liebe zum Herrn mit der Liebe zum Nächsten verbindet.

97. Es heißt allgemein, jeder sei sich selbst der Nächste, jeder solle also zuerst für sich selbst sorgen. Die Lehre über die tätige Liebe zeigt jedoch, wie man das zu verstehen hat: Jeder soll dafür sorgen, daß er das Lebensnotwendige hat, wie Nahrung, Kleidung, Wohnung und dergleichen, was im bürgerlichen Leben, in dem er steht, unerläßlich ist. Und dies soll er nicht nur für sich selbst tun, sondern auch für seine Angehörigen, und nicht nur für den Augenblick, sondern auch für die Zukunft. Denn wer sich das Lebensnotwendige nicht verschafft, ist auch nicht in der Lage, seinerseits tätige Liebe zu üben, weil es ihm selbst an allem mangelt.

98. Auf welche Weise aber ein jeder sich selbst der Nächste sein soll, läßt sich anhand folgender Überlegung ersehen: Jeder soll seinen Körper mit Nahrung und Kleidung versorgen. Dies sei das Erste, jedoch zu dem Zweck, daß ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohne. Und jeder soll seinen Geist mit Nahrung versorgen, nämlich mit den Dingen, die zur Einsicht und Weisheit gehören, um dadurch in der Lage zu sein, dem Mitbürger, der menschlichen Gesellschaft, dem Vaterland, der Kirche und somit dem Herrn zu dienen. Wer dies tut, versieht sich wohl in Ewigkeit. Damit ist klar, daß es zuerst auf den Zweck ankommt, der das Handeln des Menschen leitet; denn auf den Zweck zielt alles ab. Es verhält sich damit ähnlich, wie wenn jemand ein Haus baut: Zuerst legt er den Grund, doch der ist für das Haus, und das Haus für das Wohnen. Wer jedoch glaubt, er sei sich selbst an erster Stelle der Nächste, gleicht dem, der den Grund für den eigentlichen Zweck hält, nicht aber das Haus und das Bewohnen des Hauses, während eben das doch der erste und letzte Zweck ist, das Haus aber samt dem Grund nur das Mittel dazu.

99. Der Zweck entscheidet also darüber, in welcher Weise jeder sich selbst der Nächste sein und für sich selbst zuerst sorgen soll. Besteht der Zweck darin, reicher zu werden als andere, lediglich um des Reichtums, des Genusses, der sozialen Stellung und ähnlicher Dinge willen, so ist der Zweck schlecht. Ein solcher Mensch liebt nicht den Nächsten, sondern sich selbst. Besteht hingegen der Zweck beim Erwerb von Reichtum, sich dadurch in den Stand zu versetzen, für den Mitbürger, die menschliche Gesellschaft, das Vaterland und die Kirche zu sorgen, und dient auch das Streben nach einer bestimmten Funktion demselben Zweck, so liebt der Betreffende den Nächsten. Der Zweck selbst, der sein Handeln leitet, bestimmt den Menschen; der Zweck ist identisch mit seiner Liebe, denn jeder hat zum ersten und letzten Zweck, was er über alles liebt.
Soviel über den Nächsten, im folgenden über die tätige Liebe.

100. Viele meinen, die Nächstenliebe bestehe darin, den Armen zu geben, dem Bedürftigen Hilfe zu leisten und überhaupt jedermann Gutes zu erweisen. Tätige Liebe fordert aber, mit Klugheit vorzugehen und mit dem Ziel, Gutes zu bewirken. Wer einem Armen oder Bedürftigen hilft, der böse ist, tut durch ihn dem Nächsten Böses; denn durch die geleistete Hilfe bestärkt er ihn in seinem Bösen und verschafft ihm die Mittel, anderen zu schaden. Anders, wer guten Menschen Beistand leistet.

101. Doch die tätige Liebe erstreckt sich noch viel weiter als auf die Armen und Bedürftigen, besteht sie doch darin, daß man jedes Werk recht tut und in jedem Beruf seine Pflicht erfüllt. Wenn z.B. der Richter Recht spricht um der Gerechtigkeit willen, so übt er tätige Liebe, wenn er den Schuldigen straft und den Unschuldigen freispricht, übt er tätige Liebe, weil er auf diese Weise für die Mitbürger und das Vaterland sorgt. Der Geistliche, der das Wahre lehrt und zum Guten anleitet, um des Wahren und Guten willen, übt tätige Liebe. Wer aber all das nur um seinet- und der Welt willen tut, übt nicht tätige Liebe, da er ja nicht den Nächsten, sondern nur sich selbst liebt.

102. Ebenso verhält es sich mit allen übrigen, mögen sie nun Inhaber eines Amtes sein oder nicht. Das gilt beispielsweise für das Verhältnis der Kinder zu den Eltern und der Eltern zu den Kindern, der Diener zur Herrschaft und der Herrschaft zu den Dienern, der Untertanen zum König und des Königs zu den Untertanen: Wer von ihnen seine Pflicht tut aus Pflichtgefühl und gerecht ist aus Rechtsempfinden, der übt tätige Liebe.

103. Das alles sind aber deshalb Erweise der Liebe zum Nächsten bzw. der tätigen Liebe, weil – wie oben ausgeführt wurde – jeder Mensch ein Nächster ist, jedoch auf unterschiedliche Weise: Eine kleinere oder größere Gesellschaft ist mehr der Nächste, noch mehr das Vaterland, das Reich des Herrn, und im höchsten Sinn der Herr. Im allumfassenden Sinne ist der Nächste das vom Herrn ausgehende Gute, und damit auch alles, was aufrichtig und gerecht ist. Wer daher irgendetwas Gutes um des Guten willen tut und wer aufrichtig und gerecht handelt, um der Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit willen, liebt den Nächsten und übt tätige Liebe. Denn ihn treibt die Liebe zum Guten, Aufrichtigen und Gerechten, somit die Liebe zu denen, in denen all dies – das Gute, die Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit – ist.

104. Die tätige Liebe ist also eine innere Neigung, aus der heraus der Mensch Gutes tun will, und zwar ohne Lohn, weil es die Freude seines Lebens ist. Bei denen, die aus innerer Neigung Gutes tun, wohnt allem, was sie denken und reden, wollen und tun, diese tätige Liebe inne. Man kann sagen, daß Mensch und Engel ihrem Inwendigen nach aus tätiger Liebe bestehen, wenn ihnen das Gute der Nächste ist. So weit erstreckt sich die tätige Liebe.

105. Menschen hingegen, deren Zweck die Eigen- und Weltliebe ist, können gar keine tätige Liebe haben, ja sie wissen nicht einmal, was das ist. Sie begreifen überhaupt nicht, daß dem Nächsten wohl zu wollen und Gutes zu tun, ohne dabei nach himmlischem Lohn zu trachten, der Himmel im Menschen ist, ja daß mit dieser Neigung eine so große Seligkeit einhergeht, wie die der Engel in den Himmeln, und die ist unaussprechlich. Sie meinen vielmehr, wenn sie der Freude ihrer hervorragenden Stellung und ihres Reichtums beraubt würden, gäbe es für sie keinerlei Freuden mehr, obgleich doch gerade dann erst die himmlische Freude beginnt, die unendlich mehr ist.

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