[HGt.01_036,01] Und seht, als nun der Wolf – wohlgemerkt: ein Wolf, sage Ich – vollendet hatte wunderbar diese Rede voll Weisheit aus Mir, da sprang er freudig ins Freie, und ein großer Bär stand auf einmal, wie ihr zu sagen pflegt, wie aus den Wolken gefallen vor der in sich gegangenen, zerknirschten Gesellschaft und blickte sie wirren, unsteten Blickes an, als wollte er dadurch anzeigen, daß ihr Gemüt noch gleich seinen Augen wirre und unstet ist. Wohlbezeichnend dadurch ihren Gemütszustand, öffnete endlich auch er seinen Rachen und fing nach Meinem Willen an, feste und dadurch sehr befestigende Worte voll Ernstes und Würde an sie zu richten, sagend nämlich:
[HGt.01_036,02] „Was ist Gott, was seid ihr, und wer bin ich? – Nachdem Gott, der Ewige, Heilige, Allmächtige diese ganze sichtbare, unendliche Welt mit all den Sonnen, Erden, Monden, Meeren, Bergen, Tälern und großen Landebenen aus Sich durch Sein allmächtiges, wesenhaftes Wort gemacht hatte und dann darauf gesetzt hatte Gewächse aller Art, als da sind Gräser, Kräuter, Sträuche und Bäume, und zwar nach Seiner weisen Ordnung eines nach dem andern, so auch dann etwas später in derselben Ordnung nach und nach Tiere aller erdenklichen Art, und gesehen hatte, daß alles dieses vollkommen Seiner Heiligkeit gemäß gut war, da sprach Seine Liebe in Sich Selbst zu Gott in der Mitte Seiner unendlichen, allmachtvollen Heiligkeit:
[HGt.01_036,03] ,Nun ist alles wohl zubereitet; so lasset Uns denn auch den Menschen machen aus dem feinsten Lehm der Erde als ein vollkommenes Ebenbild aus Mir nach Meiner Liebe sowohl als auch Meiner Gnade, damit Wir erkannt und gelobt werden möchten von einem selbständigen Leben außer Uns, und damit auch dereinst alle Kreatur in und durch denselben möchte erlöst werden, um zu gelangen dadurch wieder zum freien Bewußtsein ihres zweckdienlichen Daseins aus Mir!‘
[HGt.01_036,04] Und seht, wie beschlossen, so ward es auch alsogleich vollends ausgeführt. Nun stand nach wenigen Augenblicken der freie, ewige Mensch da in aller seiner herrlichen Majestät, ausgerüstet mit allen unendlichen Vollkommenheiten, Vorzügen und noch größeren Fähigkeiten zur Erreichung von noch unendlicheren Vollkommenheiten der Ähnlichwerdung mit seinem urheiligsten Ursprunge, nämlich zur Ähnlichwerdung seines großen Gottes aus und in aller geistigen Heiligungssphäre.
[HGt.01_036,05] Er hatte Macht, zu reden mit aller Schöpfung, und da war keine Sonne so hoch und weit gestellt, die da nicht hätte vernehmen können seine starke, fragende Stimme; auch hätte sich da kein allergrößter Engelsgeist gewagt, dem großen Frager und Redner eine Antwort schuldig zu bleiben.
[HGt.01_036,06] Und Gott, Selbst sichtbar Seinem Lieblinge, redete und sprach mit ihm wie ein Bruder zum andern, sagend nämlich: ,Sieh Mich an, Mein geliebter Adam! (Denn so hieß und heißt noch lebend dieser erste Mensch.) Nicht um dich zu prüfen, sondern um dich ganz vollkommen frei und somit Mir dich gleichmächtig wie eins zu machen, gebe Ich dir ein leichtes, kurzes Gebot nur auf eine sehr kurze Zeit; dieses sollst du halten die Zeit hindurch, da Ich bald wieder zu dir kommen werde. Hast du es gehalten treu, so will Ich bei dir bleiben, und so sollst du dann mit Mir alles wie eins haben.
[HGt.01_036,07] Siehe, alles muß sich fügen deiner Macht; aber sieh dort in geringer Ferne einen Baum mit schönen Früchten beladen; diesen habe Ich noch nicht gesegnet aus einem wohlweisen Grunde! Daher sollst du nicht eher verkosten den süßen Saft des Apfels; denn an dem Tage, da du davon essen wirst vor Meiner segnenden Wiederkunft, wirst du sündigen, dich verderben und schwach, matt, blind, taub und sterblich machen! O Mein geliebter Adam, bedenke wohl die Worte deines liebevollsten Schöpfers, und verdirb Mir ja nicht Mein so weit schon gediehenes, größtes Werk Meiner Liebe und Weisheit!
[HGt.01_036,08] Denn nun hängt es nicht mehr ab von Mir und aller Meiner Allmacht, sondern einzig allein nur von dir vermöge deiner von Mir dir schwer verliehenen Freiheit deines Willens.
[HGt.01_036,09] Du kannst dich nun erhalten oder verderben! – Daher halte dies leichte Gebot und werde dann ein zweiter Gott aus Mir und in Mir!‘
[HGt.01_036,10] Und seht, es wechselte der Tag kaum siebenmal mit seiner lichtlosen Begleiterin, als auch schon dieser erste, von Gott so überhoch und ganz frei gestellte Mensch durch den wollustvollen, verderblichen Anblick seines zweiten Ichs schwach, taub, blind und dennoch wissentlich zu seinem eigenen größten Schaden Gottes vergaß und böswillig dem so leichten und der allerhöchsten Liebe vollsten Gebote seines so überguten und heiligen Schöpfers ungehorsam wurde.
[HGt.01_036,11] Darob ergrimmte der Ewige, Heilige und zerstörte die ganze sichtbare Schöpfung vor dem Angesichte des reuigen Frevlers. Auch nicht ein Stein, der da die Größe eines Apfels hätte, blieb verschont, wie auch kein Tier, welches auch schon Jahrtausende vor dem undankbaren Menschen dankbar über die noch mageren Fluren der Erde wandelte. Da fand alles den völligen Untergang in dem unendlichen Meere des göttlichen Zornfeuers.
[HGt.01_036,12] Gott war nichts mehr heilig; schuldig oder unschuldig, – das war dem großen Zorne einerlei. Über und in allen unendlichen Räumen donnerte Seine Stimme furchtbar gewaltig aller Kreatur ewige Vernichtung. Die Welten erbebten, sich lösend in ihren Fundamenten, und die Trümmer flohen heulend und furchtbar wehklagend von einer Unendlichkeit zur andern vor dem ergrimmten Angesichte Gottes.
[HGt.01_036,13] Allein hier geschieht etwas, was in alle Ewigkeit kein Engel begreifen wird: Während Er, der Heilige, mit Seiner Rechten alles vernichtet im Zorne, der Entheiligung durch die Sünde des großen Frevlers wegen, schützet Seine gleich heilige Linke den weinenden Sünder! Und nur eine kleine Träne des Sünders fiel in das so mächtig grausam zornglühende Auge Gottes, und seht, aller Zorn war verschwunden, und schon lächelte eine neue Schöpfung in und aus allen endlosen Räumen den ungehorsamen Menschen an, und die Erde und alle Welten wimmelten wieder fröhlich von zahllosen Geschöpfen zum Dienste des ungehorsamen Menschen.
[HGt.01_036,14] Wie er war vor der Sünde, so blieb er begnadigt nach derselben noch fast über dreißig Jahre in aller unbegreiflichen Macht und Kraft; er fiel wieder, da er stolz vergaß im Taumel der Wollust seines so liebevollen Schöpfers. Der Schöpfer trieb ihn (das heißt: ihn auf Seinen Händen tragend) aus dem Paradiese, während an einem anderen Orte die Wüste erblühen mußte unter dem Fußtritte des großen Sünders.
[HGt.01_036,15] Den Brudermörder Cahin strafte Er mit einem überfruchtbaren Lande, weil er geweint hatte über seine Untat, und befreite ihn noch überdies aus den Klauen seines Sohnes Hanoch und schenkte ihm das Meer und alles Land in demselben; so ebenfalls den Meduhed mit seinem großen Volke; und nun bewährt sich Seine unendliche Liebe wieder neuerdings an euch, und Sein Herz ist nicht einmal verschlossen vor dem größten Frevler Lamech!
[HGt.01_036,16] O seht, seht, ihr unwürdigsten Menschen, welche unendliche Liebe Gott zu euch hatte und trotz aller eurer unaussprechlichen Sünden noch immer hat!
[HGt.01_036,17] Höret aus mir Seine Stimme euch verkünden Seine Gnade! Sehet hin dort gegen Mittag ein großes Land schon wohl bereitet für euch; sehet, wie euch unsichtbar Er schützte an Seinem großen, liebevollsten Herzen vor unserem gerechten Grimme!
[HGt.01_036,18] Und höret, soeben, wie ich meine gebotene Rede an euch werde vollendet haben und ihr weinend niederfallen werdet vor Seiner Liebe, wird Er durch einen Engel sichtbar euch ergreifen und sanft geleiten hin in jenes schöne, schon bezeichnete Land.
[HGt.01_036,19] O Menschen, bedenket, was Gott ist, was ihr seid und sein könnet und sollet durch Seine unendliche Liebe; bedenket aber auch in eurer Gnade von Gott, wer und was wir armen verachteten Tiere sind und umfasset gleich Ihm – der nicht nur euer Schöpfer wie der unsrige, sondern auch ein wahrer Vater sein will und eigentlich schon lange, lange ist und war, ehe noch die Welt und wir gemacht waren – mit Seiner Liebe alle Geschöpfe uneigennützig und bedenket: Auch wir stummen und sprachlosen Wesen freuen uns des Lebens. Daher laßt in eurer Liebe aus Gott einst am großen kommenden Tage auch uns erschauen ein neues Licht des freien Lebens aus Gott, in dem alle Kreatur leben soll und wird ewig!
[HGt.01_036,20] Nun fallet nieder vor Gott, eurem heiligen Vater, und weinet reuige Tränen der wahren Liebe, – dann aber laßt euch lobwillig erheben von der sanften Hand des allmächtigen Schöpfers, nun auch eures liebevollsten Vaters, und geleiten von Seiner segnenden Rechten ins bezeichnete Land, und werdet da ein Volk, wie zu sein euch noch mächtig lehren wird Sein eigener, heiliger Mund durch die Lippen eines großen Bruderengels! Amen.“
[HGt.01_036,21] Und seht, als nun der Bär beendet hatte seine Rede, da entschwand er schnell aus ihrem Angesichte, und an seiner Stelle befand sich im Augenblick ein Engel, angetan mit einem weißen Lichtgewande, und dieser Engel war der fromme Ahbel, der eigentlich schon unsichtbar durch die Seele der Tiere sprach (was eigentlich allezeit der Fall ist, daß, sooft irgend Naturgegenstände redend werden durch den Mund eines Sehers und Propheten, da irgendein Engel aus den Dingen in die Seele des Sehers und Propheten und dieser erst dann mit entsprechenden naturmäßigen Worten es entweder selbst schreibt oder leichter jedoch alsogleich in bündiger Rede spricht, was freilich nur der Seher und Prophet begreift, warum das eine schwerer und das andere leichter ist, aus welchem Grunde schon selbst die Apostel mehr geredet als geschrieben haben, wie alle früheren Seher und Propheten).
[HGt.01_036,22] Als somit diese vierzehn Menschen beiderlei Geschlechtes des Engels erst vollends ansichtig wurden, da erst begann dieser aus Mir ein gar sanftes Wort an sie zu richten und sprach, wie da folgt, getreulich wahr, nämlich:
[HGt.01_036,23] „Kinder Cahins, meines arg gewesenen Bruders, der noch lebt und leben wird fürder durch aller Erdenzeiten Walten bis ans Ende aller Zeiten körperlich, unerreichbar allen Sterblichen bis ans baldige Ende aller Bosheit, allwo den späten Nachkommen nach der großen Zeit der Zeiten der Allmächtige durch einen kleinen Seher große Dinge kundgeben wird und wird erwähnen ausführlich eures argen Urvaters (was soeben geschieht und schon geschehen ist), bedenket wohl, was ich euch hier sagen und kundgeben werde nach dem allerheiligsten Willen Gottes, des allmächtigen, ewigen Schöpfers, wie auch des liebevollsten Vaters aller Engel und Väter und Menschen! Ihr habt vernommen die gar köstlichen Worte aus den Mäulern der reißendsten Tiere, welche Gott gesänftet hat durch mich und sprachfähig gemacht hat für euch, die ihr verdorben waret mehr denn alle diese Tiere durch die große Bosheit der Schlange Hanochs und nun vorzüglich des Lamech, der da geworden ist ein großer Täter des Greuels, vor dem nun alle Schöpfung einen furchtbaren Abscheu hat, und auf dessen Nacken schon weltenlastenschwere Gerichte Gottes rasten und haben ein aufmerksames Auge auf das schon beinahe ganz voll gewordene Gefäß von Untaten über den Sternen.
[HGt.01_036,24] Da ihr also die Jüngsten waret und noch seid, die da genötigterweise sich haben müssen mit dem Schlangenheere Tatahars vereinigen wider ihren etwas besseren Willen, so hat sich die unermeßliche Liebe Gottes eurer erbarmt und ließ euch fürs erste erkennen den unendlichen Frevel Lamechs, des Gottesleugners, in seiner überhoffärtigen Herrschwut. Dann führte sie euch hierher auf eine wundersame Weise in kurzer Zeit eine so lange Strecke, die ein gewöhnlicher Gang eines Menschen kaum in einhundertzwanzig Tagen würde zurückgelegt haben, nachdem sie euch vor allem dem gerettet hatte aus den tödlichen Klauen der Bestien, da der verruchte Tatahar sein gerechtes Gericht fand, und zeigte euch dann durch den Tod euern Tod selbst und sandte mich nun zu euch, der ich schon lange durch und durch lebendig, um euch zu erwecken aus dem Schlafe des Todes und euch zu zeigen das Leben in der Demut und im steten freiwilligen Gehorsam gegen den allerheiligsten Willen Gottes und euch zu führen in ein Land, das die ewige Liebe Gottes für euch wohl bereitet hat. Und so ihr euch ganz werdet in der Liebe zu Ihm in aller Demut erkannt haben, dann erst werdet ihr auch durch die hinzukommende Gnade erkennen des Lebens wahren, heiligen, größten Wert in euch und daraus erst den allerheiligsten und allergrößten in der ewigen Liebe des heiligen, allmächtigen Schöpfers aller Dinge und liebevollsten Vaters aller Engel und Menschen nicht nur dieser Erde, sondern von noch zahllosen anderen Welten, von denen ihr bis jetzt noch nie eine Ahnung gehabt habet; denn das zu wissen ist bloß gegeben den Kindern und den Engeln Gottes.
Fortsetzung in 36b
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