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110. Tullia in königlichen Kleidern und Eudokias Schmerz, trösdende Worte

  01] In kurzer Zeit waren die königlichen Kleider für die Tullia herbeigeschafft, und sie ward mit denselben angetan, wie schon bemerkt ward.
  02] Maria aber nahm ihr Kleid wieder, wusch es und behielt es dann wieder für sich.
  03] Cyrenius wollte der Maria freilich wohl auch königliche Kleider dafür geben;
  04] aber Maria wie Joseph lehnten solches feierlichst von sich ab.
  05] Da aber die Eudokia sah die Tullia in ihrer wahren Königspracht, da ward es ihr doch schwer ums Herz so daß sie heimlich zu seufzen anfing.
  06] Aber das Kindlein sprach leise zu ihr: »Eudokia, Ich sage dir, seufze du nicht der Welt wegen, sondern seufze du deiner Sünden wegen, so wirst du besser fahren!
  07] Denn siehe, Ich bin mehr als Cyrenius und Rom; hast du Mich dann hast du mehr, als besäßest du die ganze Welt!
  08] Willst du aber Mich vollkommen haben, dann mußt du bereuen deine Sünde, der zufolge du unfruchtbar wurdest!
  09] Wirst du aber in Liebe zu Mir deine Sünden bereuen, dann erst wirst du nach dem Maße deiner Liebe zu Mir erkennen, wer Ich so ganz eigentlich bin!
  10] Wenn du Mich aber erkennen wirst, dann wirst du glücklich sein, als wärest du die Gemahlin des Kaisers selbst!
  11] Denn siehe, der Kaiser muß starke Wachen halten, auf daß er nicht vom Throne vertrieben wird!
  12] Ich aber bin Mir allein genug! Geister, Sonnen, Monde, Erden und alle Elemente sind Mir gehorsam; und dennoch brauche Ich keine Wachen und lasse Mich von dir sogar auf den Armen tragen, trotzdem du eine Sünderin bist!
  13] Daher sei ruhig und weine nicht; denn du hast empfangen, was der Tullia abgenommen ward, da sie empfing die königlichen Kleider!
  14] Und das ist endlos mehr als jene goldschimmernden Königskleider, welche tot sind und den Tod bringen,
  15] während du das Leben auf deinen Armen trägst und den Tod ewig nimmer schmecken wirst, so du Mich liebst!«
  16] Diese Worte des Kindleins wirkten so sehr heilsam auf das Gemüt der Eudokia, daß sie vor gar großer Freude hoher seligster Verwunderung zu weinen anfing.
  17] Maria aber bemerkte, daß die Eudokia in Freudentränen ihre Augen badete, ging darum zu ihr und fragte sie:
  18] »Holde Eudokia, was wohl ist dir, darum ich süße Tränen in deinen Augen entdecke?«
  19] Und Eudokia erwiderte nach einem tiefen Wonneseufzer:
  20] »O du glücklichste der Mütter auf der ganzen Erde, siehe, dein Kindlein hat zu mir wunderbar geredet!
  21] Wahrlich, nicht sterbliche Menschen in all ihrer Weltgröße, sondern nur Götter können solcher Worte fähig sein!
  22] Großer Gedanken und Ahnungen ist nun voll meine Brust! Wie aus einer verborgenen Tiefe steigen sie in mir gleich wie helle Sterne aus dem Meere empor; und darum weine ich vor Entzückung!«
  23] Maria aber sprach: »Eudokia gedulde dich nur! Nach den Sternen wird auch die Sonne kommen; in ihrem Lichte erst wirst du erschauen wo du bist! – Aber nun stille, denn Cyrenius kommt hierher!«

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