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172. Jonathas übertriebene Ehrfurcht und Demut, ein guter Rat und Zuspruch

  01] Jonatha aber, nachdem er sich vom Staunen über diese Rede des Kindleins ein wenig erholt hatte, sprach zu Joseph:
  02] »Bruder! Fürwahr, so fest ich es mir auch vorgenommen habe, heute und morgen bei dir zu bleiben, so aber werde ich doch kaum diesem Vorhaben getreu verbleiben können!
  03] Denn siehe, mir kommt nun hier alles zu heilig vor! Wie in einer Einöde scheine ich hier zu sein, in der einem Wanderer alles, was er ansieht, zuruft: ,Hier ist kein Platz für dich, sondern nur für Geister!‘
  04] Auch kommt es mir vor wie auf einem überhohen Berge, auf dessen Spitze wohl der Zauber der weiten Aussicht anfangs die Sinne besticht;
  05] aber gar bald spricht zu ihm die kalte, reinste Luft:
  06] ,Du träges und unreines Menschenlasttier, ziehe bald zurück in deine stinkende Heimat!
  07] ,Denn hier, wo sich des reinsten Äthers reinste Geister wiegen, ist keines Bleibens für eine unreine Seele!‘
  08] Wie rein war der große Prophet Moses; und dennoch sprach der Herr zu ihm, als er Ihn zu sehen verlangte:
  09] » ,Mich, deinen Gott, kannst du nicht sehen und leben zugleich!‘
  10] Hier ist derselbe Herr in der Fülle Seiner Heiligkeit; Er ist hier, der Verkündigte durch aller Propheten Mund!
  11] Wie sollte es mir möglich sein noch länger Seine sichtbare Gegenwart zu ertragen hier, der ich doch ein alter Sünder bin am ganzen Gesetze Mosis?!«
  12] Joseph aber sprach: »Lieber Freund und Bruder, du weißt ja, was das Hauptgesetz ist; warum willst du denn lieber nach Hause ziehen als dieses Gesetz lebendig beachten?
  13] Liebe den Herrn aus allen deinen Kräften, und gedenke nicht beständig deiner Sünden, so wirst du dem Herrn sicher angenehmer sein als durch deine beständigen Ausrufungen!
  14] Warte, bis dich das Kindlein verabschieden wird! Wenn das geschehen wird, da glaube, daß du Seiner unwürdig bist;
  15] solange aber das nicht der Fall sein wird, da bleibe, – denn mehr zu Hause als hier wirst du wohl ewig nirgends sein!«
  16] Hier kam das Kindlein hinzu und sprach: »Joseph, du hast schon recht, daß du den Jonatha ein wenig geputzt hast; warum ist er also eigensinnig und will nicht hier bleiben, da Ich ihn doch so lieb habe!«
  17] Darauf wandte sich das Kindlein an den Jonatha und sprach:
  18] »Jonatha, willst du denn im Ernste nicht hier verbleiben? Was Übels wohl geschieht dir hier, daß du nicht bleiben willst?«
  19] Und Jonatha sprach: »Mein Gott und mein Herr, siehe, ich bin ja ein grober Sünder am Gesetze!«
  20] Das Kindlein aber sprach: »Was sprichst du von Sünden? Ich erkenne keine an dir!
  21] Weißt du, wer ein Sünder ist? – Ich sage dir: Der ist ein Sünder, der keine Liebe hat!
  22] Du aber hast Liebe, und so bist du kein Sünder vor Mir; denn Ich habe sie, die Sünden, dir vergeben, darum Ich über Moses bin ein Herr von Ewigkeit!«
  23] Hier weinte Jonatha und faßte neuen Entschluß, zu bleiben, und nahte sich dem Kindlein und koste Es.

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