Ed Kap. 67 — Die gewöhnlichste und jedermann wohlbekannte Art von Visionen sind die nächtlichen Träume. Hier läßt sich fragen: Wer träumt eigentlich, und was sind die Bilder des Traumes?
Im gewöhnlichen Schlafe träumt bloß die Seele, und dieses Träumen ist nichts anderes als ein wirres Schauen der Seele in ihre eigenen Verhältnisse, die aber keinen Verband haben, sondern ungefähr so wie die Bilder in einem sogenannten Kaleidoskope mit jeder Bewegung sich verändern und als völlig dieselben nie wieder zum Vorscheine kommen.
Dieses verbandlose Schauen der Verhältnisse und Zustandsbilder in sich hat darin seinen Grund, weil die Seele selbst sich außer Verband sowohl mit der Außenwelt als auch ganz besonders mit ihrem Geiste befindet. Diese Art Visionen haben für die Seele keinen andern Nutzen als den bloß, daß sie sich nach einem solchen Traume erinnern solle, wie es mit ihr in einem absoluten Zustande noch steht. Wenn sie die Träume zusammenfaßt, ja, wo tunlich, sogar aufschreibt, so kann die Seele an ihnen ein gutes Porträt ihrer selbst haben; denn sie zeigen ihr, wie sie in sich selbst ist, was ihre Hauptbegierden, was ihr Streben, und wie überhaupt ihr gesamter Zustand beschaffen ist und auch beschaffen sein wird, wenn sie sich völlig außer dem Fleische befinden wird.
Diese Art Träume werden weder von höllischen, noch weniger von himmlischen Geistern in der Seele hervorgerufen, sondern sie sind ganz eigene Produkte der Seele, deren sie sich bald mehr, bald weniger, bald gar nicht erinnert, was bei einem noch ganz natürlichen Menschen hauptsächlich davon abhängt, wie sein Nervengeist beschaffen ist. Neigt er sich mehr zur Seele hin, so wird sich der Mensch fast jedes Traumes genau erinnern; neigt er sich aber mehr dem Fleische zu und schläft gewöhnlich mit demselben, so wird der Mensch auch wenig oder gar keine Rückerinnerung an seine Träume haben — was gewöhnlich bei jenen Menschen der Fall ist, die sehr sinnlich und grobmateriell sind.
Aber ganz anders verhält es sich mit gewissen hellen Träumen, in welchen es dem Träumenden also vorkommt, als wäre die Erscheinung Wirklichkeit, so daß er darob beim Erwachen sich selbst kaum Bescheid geben kann, ob es ein Traum war oder Wirklichkeit. Derartige Visionen oder Träume gehören nicht der Seele an, sondern den sie umgebenden Geistern, mögen diese guter oder böser Art sein. Sind sie böser Art, so wird die Seele, und durch sie auch ihr Leib, wie ganz erschöpft aus einem solchen Traume erwachen; sind diese Visionen aber ein Werk guter Geister, dann werden sich beim Erwachen Seele und Leib in einem gestärkten Zustande finden. Beide Arten dieser Visionen werden nur zum Nutzen, aber nicht zum Schaden der Seele zugelassen; in den schlechten Visionen soll sie eine Warnung, in den guten eine Stärkung finden.
Diese Visionen werden darum so lebhaft, weil da die Geister, die solche bewirken, zuerst den Nervengeist von seiner materiellen Dienstleistung ablösen und ihn mit der Seele verbinden. In einem solchen Zustand hat die Seele das Gefühl der Natürlichkeit, weil sie sich im Verband mit ihrem Nervengeiste befindet und daher kräftiger ist, um die kräftigeren und bedeutungsvolleren Bilder in sich aufzunehmen und zu behalten.
Zu dieser Klasse von inneren Visionen gehört auch das Schauen der Somnambulen wie auch das Schauen in der sogenannten Schwefeläther-Narkose. Diese Visionen haben daher auch schon in sich einen gewissen Verband und eine gewisse Ordnung, weil hier der Seele von den sie umgebenden Geistern schon ein mehr "reiner Wein" eingeschenkt wird. In solchen Visionen werden der Seele von den Geistern nicht selten künftige Begebnisse vorgeführt, was für die Geister eben nichts Schweres ist, da sie die Ordnung der Dinge kennen, in welcher sie unabänderlich aufeinander folgen müssen, und weil sie selbst die Hersteller dieser Ordnung sind.
Von dieser Art Vision ist alsonach auch schon etwas zu halten. Jedoch soll niemand auf sie, wie einst die Heiden, als auf ein sogenanntes unwandelbares Fatum (Schicksal) halten; denn darob soll dessenungeachtet niemand in seiner Willensfreiheit beeinträchtigt sein. Will jemand ernstlich etwas anderes, als was ihm die Geister in dieser Vision gezeigt haben, so darf er sich nur an Mich wenden, daß die Sache anders würde, und sie wird anders, so derjenige glaubt und vertraut, darum er sich an Mich gewendet hat; denn Ich allein kann alle Dinge in jedem Augenblick verändern. Daher soll ob solcher eben nicht selten vorkommender Visionen niemand zu sehr erschrecken; denn sind sie gut, so braucht niemand davor zu erschrecken, und sind sie böse, so können sie wohl abgeändert werden. Natürlich, wer aber fest daran glaubt und mutet Mir nicht mehr Kraft zu als seiner Vision, da mag es dann freilich wohl "fiat!" ("es geschehe") heißen. Das menschliche Gemüt ist aber freilich wohl so schwach, daß es schon aus den ganz einfachen Träumen gern und oft sehr gläubig allerlei zukünftige Begebnisse folgert, und die Menschen haben sich schon eine gewisse Regel gemacht, derzufolge nach gewissen Träumen gewisse Dinge geschehen müssen, welche Regulierung der Träume und ihrer gewissen Folgen ganz natürlich ebenso außerordentlich dumm ist als derjenige, der sie reguliert hat.
Diese Bilder, die sich der Seele im Traume darstellen, sind jedoch wohl Entsprechungen des Seelenzustandes, aber keineswegs Prophezeiungen zukünftiger Begebnisse.
Sehet, dergleichen Glauben ist dann ein Übel, welches der Seele sehr schaden kann, weil die Seele sich dadurch angewöhnt, ob solcher Dinge das Vertrauen auf Mich ganz fahren zu lassen!
Wennschon dergleichen einfache Träume bloß der Seele angehören, so gehören aber danach die dummen Deutereien einem argen Geistergesindel zu. Dieses bekriecht das Fleisch bei solchen Gelegenheiten wie die Schmeißfliegen einen Schmeißhaufen, saugt aus demselben dergleichen seelische Traumvisionen und beschwatzt dann die Seele mit solchen albernen Propheteleien, die an sich nichts als ein Unrat solcher argen geistigen Schmeißfliegen sind.
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