Empfangen vom Herrn durch G. Mayerhofer, am 10. April 1872
Luk.10, 29.
In diesem Texte wird auch das Gleichnis vom barmherzigen Samarier erzählt, wo Ich dem Pharisäer auf seine Frage:
„Wer ist Mein Nächster?“ an einem handgreiflichen Beispiele zeigen wollte, wer dieser sei, und wie das zweite Liebesgebot:
„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, im geistigen Sinne verstanden werden solle!
Die Menschen machten und machen einen Unterschied zwischen Menschen-, Bruder- und Nächstenliebe, worüber Ich euch auch schon vor längerer Zeit ein ausführliches Wort gegeben habe, welches füglich hierher passte; man war in jener Zeit durch die Unterschiede der verschiedenen Stände und Kasten, sowie auch durch die Ansichten der Menschen weit von dem entfernt, was Ich unter: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ – verstanden haben wollte. Dies erhellt auch aus der Erwiderung des Pharisäers, welcher erst fragen musste: „Wer ist denn eigentlich mein Nächster?“ und so war es ganz natürlich, dass Ich mit voller Klarheit ein schlagendes Beispiel aufstellen musste, um darzutun, wer eigentlich jedes Menschen Nächster sei, damit zu jener wie zu allen künftigen Zeiten kein Zweifel über den Begriff vom „Nächsten“ auftauchen kann, sowie über die Ausübung der Liebe zum Nächsten; denn mit einem Wohlwollen allein, oder mit frommen Wünschen ist dem Nächsten, sowie der Menschheit und Mir wenig geholfen.
Soviel nun auch schon über dieses Zweite Liebesgebot geschrieben und geredet wurde, so haben doch die wenigsten Menschen eigentlich verstanden, was „Nächstenliebe“ und wer „der Nächste“ ist.
Der allgemeine Schluss ist wohl leicht gemacht: die ganze Menschheit ist mein Nächster; und durch das Gesetz, dass ich den Nächsten lieben solle wie mich selbst, ist auch der Maßstab der Liebe für die ganze Menschheit gegeben. – Ganz recht, sage Ich, aber jetzt kommt es doch erst daraus an: in wir fern ist die Menschheit, oder jeder Mensch mein Nächster? und was heißt: sich selbst, aber wohlgemerkt, im gerechten Maße lieben? – Denn in
diesen beiden Begriffen liegt eigentlich der Schlüssel zu Meinem Reiche, und somit zur Erkenntnis, warum Ich unter allen erdenklichen Geboten gerade dieses Gebot der Nächstenliebe zum zweiten Hauptgebote, nicht allem für eure Erde, sondern für alle Welten, und selbst für das große Geistreich gemacht habe.
Sehet! die Liebe ist der erste Antrieb zur Tätigkeit; Tätigkeit aber erzeugt Wärme, die Wärme bringt Bewegung oder Erbeben der kleinsten Teilchen der Atome hervor, und zeigt sich aus diese Art als Leben; und Leben, das sich durch Entstehen, Bestehen und Vergehen kennzeichnet, bildet die Gesamt-Schöpfung in ihrer ganzen Ausdehnung.
Die Liebe adelt alle Wesen, die sie fühlen und gegen einander ausüben, ohne Liebe gäbe es keinen geistigen Maßstab der Handlungen, und ohne Liebe bestände weder Ich, noch etwas Geschaffenes außer Mir, das eine ewige Dauer haben konnte.
So wie die Liebe in Mir Meine Geister, die anderen lebenden Wesen, und selbst die Materie schuf, und sie Alle mit gleicher Glut umfängt, sie ernährt, erhält und leitet, und zwar zum höchsten geistigen Ziele, zum Inbegriffe der höchsten Liebe; – ebenso soll auch der Mensch seine Umgebung, die Welt, in welcher er leben und wirken soll, mit gleicher Liebe umfassen, weil eben alles Geschaffene, aus Liebe und durch Meine göttliche Liebe erzeugt, ein steter Beweis sein solle, wie Ich der Vater nur dann erst als liebender Vater erkannt werde, wenn Meine erschaffenen Wesen, Meine Nächsten, ihre Lebensaufgabe so erfüllen, wie Ich sie ausgeführt haben möchte, nehmlich aus freiem Antriebe der Liebe und nicht durch Zwang; denn nur der freie Wille adelt das Geschöpf; während das durch Instinkt oder durch einen unbewussten inneren Trieb geführte Wesen, das so und nicht anders handeln kann oder vielmehr muss, von dem ihm vorgesteckten Ziele noch weit entfernt ist, und in Mir nur den Schöpfer und Erhalter findet.
Diese allgemeine über Alles sich ausbreitende Liebe solle der Maßstab für die Menschen-Liebe sein, welche in eines Jeden Brust ihren Wohnsitz aufschlagen soll als bleibendes Denkmal von dessen höherer Abkunft; daraus alle Gedanken, Worte und Taten des Menschen hervorgehen sollen.
Diese Liebe soll, wie die Meine, keinen andern Zweck kennen, als alles zum Besten seiner Mitmenschen und aller mitlebenden Wesen zu tun; wobei man aber dem Nächsten das von ihm Gewünschte nicht gerade immer gewähren darf, sondern ihm auch Manches versagen muss, wenn das Gewähren ihm vielleicht Schaden an seiner Seele, statt Nutzen bringen könnte.
Betrachtet Mich! Ich liebe gewiss euch Menschen Alle, mit einer Liebe, die ihr nicht fassen und noch weniger erwidern könnet; und dennoch gewähre Ich euch nicht Alles, um was ihr Mich bittet, sondern erfülle meist eure Bitte nicht; – und warum? Weil ihr oft um etwas bittet, was euch geistig schädlich wäre; und wenn Ich eure Bitten selbst in Unglücks- und Trauerfällen, bei Leiden und Kämpfen nicht erhöre, so geschieht das immer nur aus väterlicher Liebe zu euch, die wegen euch Alles erschaffen, wegen euch Vieles geduldet hat, und noch stets Undank, Verhöhnung, Verleugnung doch immer mit vergillt.
Hier sehet ihr, wie die Liebe aufgefasst werden muss, wenn sie nicht Übles sondern Gutes bewirken soll. Wie ein vernünftiger irdischer Vater seinem unmündigen Kinde nicht Alles gewährt, was dieses oft in seinem Unverstande von ihm verlangt, sondern immer nur den höheren Erziehungszweck beim Gewähren, wie beim Versagen einer Bitte im Auge behält, – ebenso sollet auch ihr eurem Nächsten Gutes tun, wenn ihr überzeugt seid, dass gemäß eurer Einsicht nicht etwa ein Laster genährt, oder ein Mensch statt zur Arbeit gerade zur Trägheit geführt wird.
Dies ist die Liebe, mit welcher Ich aus Meiner Weisheit Meine Welten regiere; und ebenso sollet auch ihr mit euren Verstandeskräften den Trieb des Wohltuns in so ferne
bezähmen und regeln, damit nicht ein Nachteil für die Seele eures Nächsten, die Folge eures, wenn auch edelsten Wollen ist. –
Der zweite zu erwägende Punkt ist: „Ihr sollet den Nächsten lieben – wie euch selbst.“
Nun auch hier sind so viele Begriffe möglich, als es geistige Stufen der menschlichen Natur gibt, die von der größten Selbstverleugnung bis zur höchsten Selbstsucht steigen kann, und so entsteht wieder die Frage:
Wann ist meine Selbstliebe die gerechte, wahre, mir und Anderen nützliche? – Denn nur nach Beantwortung dieser Frage kann man den Maßstab anlegen, welche Liebe, und in welchem Grade man sie Andern angedeihen lassen soll.
Ihr sehet, dass wenn man diese Worte „Liebe“ und „sich selbst“ genau ins Auge fasst, man ganz andere Begriffe davon erhält, als wenn man sich nur so oberflächlich mit dem ersten Eindrucke begnügt.
Die Selbstliebe muss vorerst klar vor euren Augen stehen, wie und was ihr an euch lieben sollet, um dann nach diesem eure Liebe auf Andere übertragen, oder die Liebe, mit welcher ihr Andere behandeln sollet, genau beurteilen zu können.
Es ist in jeden Menschen der Trieb gelegt, sein körperliches Leben zu erhalten, es zu verlängern, und so angenehm wie möglich zu gestalten.
Dieser Erhaltungstrieb für die äußere Hülle oder Umkleidung des geistig-seelischen Menschen musste um so tiefer in ihn gelegt werden, damit er nicht so leicht in Versuchung gerate, bei großen Mißhelligkeiten und schwerem Ungemach des irdischen Lebens noch vor der Reife des Innern Menschen (der Seele) sich seines Körpers freiwillig zu entledigen, oder Selbstmord zu begehen.
Dieser Erhaltungstrieb im Körper ist so mächtig, dass nur Menschen, welche auf alles Geistige verzichten, keinen Glauben und keine Religion im wahren Sinne haben, – oder durch verkehrte Weltansichten oder geistige Störungen in ihrem Lebensorganismus geschädigt sind, dahin kommen können, die tief eingewurzelte Liebe zum Leben zu überwinden, und ihrem Dasein freiwillig früher ein Ende zu machen, als es im Plane Meiner göttlichen Ordnung bestimmt war.
Solche Seelen werden aber auch im Jenseits einen weiteren und beschwerlicheren Weg zur Ausreise zurücklegen müssen, weil sie unreif aus dieser Welt gegangen, und ebenfalls unreif in eine andere eingetreten sind.
Wir haben nun die erste Art der Selbstliebe kennen gelernt, welche den materiellen Körper zu erhalten sucht. Es gibt aber noch eine zweite, eine geistige, höhere Art der Selbstliebe, welche das Geistige im Menschen zu erhalten und zu vervollkommnen, und so viel als möglich Dem gleichzumachen sucht, Der diesen Funken göttlichen Bewusstseins in den Menschen gelegt, und diesen damit an die Grenze zweier Welten gestellt hat, wo er der körperlichen Hülle nach – der Materie, und dem Geistigen nach – der geistigen Welt angehört. Sowohl im materiellen wir im geistigen Wesen des Menschen kann ein Mangel oder ein Überfluss an Selbstliebe vorhanden sein.
Der Mangel an materieller Selbstliebe gibt sich durch Lebensüberdruss kund, wobei der körperliche Erhaltungstrieb so gering wird, dass der Mensch oft wegen geringfügiger Unannehmlichkeiten des irdischen Lebens sein Körperleben vernichtet. Dieser Zustand wird häufig durch eine verkehrte Erziehung, durch Nichtglauben an einen Gott oder an ein Fortleben der Seele, oder durch geistige Störungen hervorgerufen.
Der Mangel an geistige Selbstliebe, welcher zum geistigen Selbstmord führt, zeigt sich, wenn der Mensch sein geistiges, höheres Ziel verleugnend, alle Gesetze, die Ich Zur
Entwicklung und Vervollkommnung des Geistigen gegeben, unbeachtet lässt, sie sogar mit Füßen tritt, und so unter das Tier herabsinkt; denn das Tier erfüllt immer noch seinen Lebenszweck, weil es an das Gängelband der Natur gebunden, nur nach seinen ihm eingepflanzten Trieben lebt, – während der Mensch in seiner Willensfreiheit dieser Führung enthoben, selbst als Tiermensch dort noch Missbrauch treibt, also sündigt, wo das Tier die Grenzen des Naturgesetzes nie überschreitet.
Diesem Extreme des Mangels an materieller oder geistiger Selbstliebe steht dann wieder ein Überfluss beider Arten gegenüber. Bei der übermäßigen materiellen Selbstliebe hält der Mensch sein leibliches Wohl für das höchste, und nur allein dieses im Auge habend, ergreift er alle Mittel, die zu diesem Ziele führen; es gibt für ihn nichts als sein eigenes Ich, und jedes Band der Nächstenliebe verleugnend, ist nur er allein immer und stets selbst sein Nächster. Diese Menschen stehen aus der untersten geistigen Stufe, auf der der schmutzigsten Selbstsucht; sie suchen sich jeder Selbstverleugnung und der dadurch veranlassten Kämpfe zu entziehen, und wollen für sich nur Genuss, ob durch erlaubte oder unerlaubte, gesetzliche oder ungesetzliche, göttliche oder teuflische Mittel, das bleibt sich gleich für sie, wenn sie nur zu ihrem angestrebten Ziele kommen. Solche Eigenliebe schlisst alle Nächstenliebe gänzlich aus.
Ein Überfluss an geistiger Selbstliebe kann auch bestehen, wenn der Mensch sein Geistiges eben nur wegen sich allein ausbilden und vervollkommnen will, wobei selbst sein Körper ihm zur Last wird, und er sich dessen sobald als möglich entledigt fühlen, und lieber schon im geistigen Zustand sein möchte.
Nun fragt es sich also, wenn hier eine Mittelstraße einzuhalten ist, wo weder dem Einen noch dem Andern zu nahe getreten werden darf, wie muss es dann vor Allem mit der Eigenliebe, und nachher mit der Nächstenliebe stehen, die sich ja doch nach der Selbstliebe regeln soll?
Auch hier gilt, was Ich euch schon im Anfange erklärte, die gemäßigte, durch die Weisheit geleitete Liebe, die das geistige Ziel des Menschen überhaupt, und das Ziel seines irdischen Lebens insbesondere stets vor Augen hat; dies ist – der goldene Mittelweg.
Diese, durch die Weisheit gemäßigte Liebe soll die Eigenliebe in solche Bahnen lenken, dass der Körper nicht unter dem Einflüsse des Geistes, und der Geist nicht unter dem des Körpers leide, oder gar verkümmere.
Der Mensch soll stets bedenken, dass auch sein Körper ihm als ein Gut anvertraut wurde, von dem er einst ebenso wird Rechenschaft ablegen müssen, wie von seiner Seele. Es wird die Frage an ihn herantreten:
Hast du deinen Körper zu dem Zwecke, zu dem er bestimmt war, ordnungsmäßig gebraucht, oder hast du ihn missbraucht?
Der Mensch soll Beides, Seele und Körper, so gebrauchen und erziehen, dass alle Handlungen nur im Hinblick auf Mich, den Geber, geschehen, und so den Stempel des Göttlichen tragen; und diese Art zu denken und zu handeln soll euch auch als Richtschnur dienen, wie ihr dem Nächsten eure Liebe bezeugen sollet.
Diese Liebe soll dem Nächsten alles Gute gewähren, insofern es Meinen sittlichen Gesetzen entspricht. Der Mensch muss vorerst an sich selbst erkennen lernen, was dem Geiste oder dem Körper nützt oder schadet, damit er das Nützliche auch dem Nächsten gewähren; das aber, was selben vom höheren geistigen Ziele abhalten, und ihn zum geistigen Ruine führen könnte, vermeiden kann.
Also regelt vorher eure eigene Selbstliebe! haltet dort zuerst gerechtes Maß und Gewicht, und es wird euch diese richtige Selbstliebe am besten zur wahren Nächstenliebe
führen; denn wo klare Ansichten herrschen, dort können auch richtige Taten folgen; sonst tappet ihr im Finstern herum, und verkennet und missbrauchet eure Liebe zum geistigen Schaden eurer und Anderer. Überall im Leben sind Extreme, d.h. Mängel und Übertreibungen schädlich, und führen nicht zum Ziele; im Lieben wie im Hassen, im Geben wie im Verweigern, im Reden wie im Schweigen. Daher seid bei jeder Handlung eurer höheren Bestimmung eingedenk; und vergesset dabei nicht, dass ihr Menschen und keine Götter seid, und dass zu hoch oder zu niedrig gespannte Begriffe von Nächstenliebe dem Nebenmenschen ebenso schaden, als zu große oder zu gerinne Eigenliebe euch selbst.
Erkennet eure eigenen Schwächen zuerst, um nachsichtig gegen Andere zu sein; prüfet, ob die Gewährung einer Bitte bei euch Gutes oder Schlimmes hervorbringen möchte, und reglet darnach eure Liebesgaben und Aufopferungen gegen euren Nächsten. Nirgend kann so viel Schaden gestiftet werden, als eben in dem wörtlich genommenen Begriffe der Nächstenliebe.
Sehet, Ich bin euer Nächster, und tue Alles, damit ihr Meine Nächsten, Meine Brüder und Schwestern, ja Meine Kinder werdet; und doch gebe Ich bei all Meiner Liebe und Macht den Menschen nicht Alles, was sie oft in ihrem Unverstande von Mir verlangen, eben weil ich in meiner Weisheit als höchster Geist am besten weiß, was Meinen Kindern, Meinen geistigen Brüdern und Schwestern am zuträglichsten ist, und weil ich selbe erziehen und nicht verziehen will! –
Daher nehmet euch an Mir ein Beispiel, wie Ich in Meiner Schöpfung handle, und ihr werdet gewiss den rechten Weg zwischen Geben und Nehmen, zwischen Gewähren und Verweigern finden; dann wird das zweite große Liebesgebot erst den eigentlichen geistigen Ausdruck nicht allein im Worte, sondern in der Tat finden. – wenn ihr euren Nächsten das tuet, was ihr als geistige Wesen für euch selbst am besten halten würdet, wäret ihr in der Lage und in den Verhältnissen eures Nebenmenschen.
Stets das Geistige hoch, ja höher als alles Andere haltend, müsset ihr eben darin den Anfangs- und Ausgangspunkt aller eurer Handlungen suchen, wo sie dann mit Meinem großen Schöpfungsgedanken übereinstimmend, euch veredeln und adeln werden, und so werdet ihr Mich stets mehr erkennen als das, was Ich Allen sein möchte: euer geistiger Leiter und nächster Führer, und liebevollster Vater. –
Amen!
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