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Der Kuss

Empfangenen vom Herrn durch G. Mayerhofer, am 29. Okt. 1871

Sehet, Meine lieben Kinder, dieses Zeichen der Liebe in verschiedenen Verhältnissen und Lagen des Lebens gebrauchet ihr, und doch weiß Keiner von euch, warum er gerade dieses Zeichen zum Ausdrucke seiner Gefühle gewählt hat, und noch weniger, was es eigentlich ist, oder geistig bedeutet!
Nachdem dieses Zeichen der Liebe von der Wiege angefangen bis zum Grabe in euer Leben verflochten ist, so will Ich euch über selbes einige Aufklärungen geben, woraus ihr erkennen möget, wie viele geistige hohe Verrichtungen oft in einem einzigen Akte liegen, von dem ihr keine Idee und mit allem Nachdenken euch nicht die mindeste Rechenschaft geben könnet!
Um nun zur geistigen Bedeutung des Kusses zu kommen, so muss Ich beim Materiellen anfangen, um euch zu zeigen, wie ihr aus materiellem Wege der Berührung – Geistiges bewirken wollet, was natürlich nicht bleibend sein kann, und ebendeswegen dieser Akt des Kusses bei verschiedenen Verhältnissen auch oft wiederholt wird.
Nun zur Sache:
Ihr (in Triest) werdet schon öfters einen Polypen des Meeres gesehen haben, der mit seinen Armen seine Beute umstricken kann, und dann sich an selbe mit seinen Saugadern befestigt, – wie er auch diese Saugadern braucht, um sich an Gegenständen festzusetzen und zu halten, und so der Gewalt der Meereswellen oder der Meeresströmung zu trotzen, oder wenn Gefahr droht, sich durch Anklammern mit mehreren Armen an einen festen Gegenstand dann mit den übrigen freien sich verteidigen zu können.
Nun, was tut der Polyp mit seinen Saugadern, und wie sind diese gebaut, um seinem Zwecke dienlich zu sein?
Sehet, wir wollen bei dem Baue dieser Saugwerkzeuge vorerst anfangen: sie bestehen aus einer Menge kleiner Luftpumpen, wodurch das Tier die Luft unter dem hohlen Raume der Saugwarzen aufsaugt, und dann durch den Druck der äußeren Luft oder des Wassers sich festhalten kann, und zwar mit größter Leichtigkeit und ohne Kraftanstrengung.
Die Ausgabe dieser Saugwarzen ist es also, die am andern Gegenstande zunächst eingeschossene Luft (oder Wasser) herauszuziehen, nachdem nun aber die Luft, nebst ihren Bestandteilen, auch dem andern Körper zu seinem Fortbestande nötig ist, so entzieht der Polyp durch diesen Prozess dem anklebenden Körper etwas seines eigenen Lebensprinzipes, und macht sich selbes zu eigen.
Nun, was der Polyp mechanisch durch den Bau seiner Saugwarzen tut, das tuet ihr Menschen alle bei dem Akte des Kusses; (Ein bedeutendes Bild vom (zwar hier einseitigen) Vorgange des Kusses gibt der „Säugling“ an der Mutterbrust, dessen Polypenleben als einzige Arbeit eben im Saugen physischen, psychischen und magnetischen Fluidums besteht, daher sein Name „Säugling“) – da bei euch ebenfalls der Mund wie eine Saugwarze zusammengezogen wird, dabei durch das Einziehen der Luft aber noch eine andere, ja zwei andere Substanzen in den Körper und seine Seele ausnimmt, erstens ein kleines Teilchen von fremdem Lebensmagnetismus, und einen andern des seelischen Fluidums, welches bei solchen Momenten freier wird und sich Anderen mitteilen kann.
Wie der Polyp sich wohler fühlt, wenn er durch seine Saugwarzen den gewollten Gegenstand fester an sich binden kann, so geht es auch dem Menschen, wenn er beim Akte des Küssens den andern lebenden oder leblosen Körper näher an sich gerückt glaubt, wo dann nebst dem angenehmen Gefühle der äußerlichen Berührung noch der seelische Kontakt dazukommt, welcher der Seele des Küssenden eine Ahnung von dauernder Vereinigung gibt, die leider auf dieser Erde und mit diesem schweren Körper nicht bewerkstelligt werden kann, bis einst feinere Elemente eure Umhüllung sein werden, wo das Ineinanderfließen zweier Seelen beim Kusse deutlicher und länger gefühlt werden kann!
Dass der Kuss auch bis zur sinnlichen Wollust reicht, ist natürlich, weil auch hinter diesem Akte ein noch höherer, geistiger stets verborgen liegt, der von Wenigen gekannt und begriffen wird.
Die Liebe, dieses allumfassende Band, welches Meine ganze Schöpfung Zusammenhält und sie durchströmt, – eben diese Liebe ist in ihren höchsten Momenten sprachlos; – Töne, Worte, ja selbst Blicke, wenn gleich aus liebestrahlenden Augen, sind zu wenig um das auszudrücken, was die Liebe dem geliebten Gegenstande sagen will, – es drängt zur Berührung, um durch selbe ein Ineinanderfließen zweier Seelen zu bewirken.
Hier ist es „der Kuss“, der durch festes Anheften der Lippen den geliebten Gegenstand ewig an sich heften möchte, wo die Seele in dieser Berührung ihr ganzes Ich dem andern geliebten Gegenstande ganz geben möchte, um von ihm sein Eigenes auch ganz wieder dafür zu erhalten.
„Der Kuss“ ist einer von jenen Momenten, wo zwei Seelen sich als Eines fühlen, wenn gleich nur auf Augenblicke, und wo keine Sprache Ausdrücke besitzt, das zu sagen, was man beim Kusse fühlte.
Es ist einer jener Momente, da die Seele sich über ihre gebrechliche weltliche Natur erheben möchte, allein, leider nur auf kurze Dauer ausführbar, diese Berührung wieder lassen muss, um später sie von Neuem zu bewerkstelligen.
So ist das geistige Band der Seelen-Verwandtschaften, das Gleiches mit Gleichem verbindet, welches durch Meine ganze Schöpfung zieht, den Wesen je nach ihren geistig individuellen Stellungen oft leise Ahnungen einer höheren Welt zu Teil werden lässt, aus dass sie sich nicht zu sehr im Schlamme der Materie verlieren sollten.
„Der Kuss“, eine einfache Berührung der Lippen, geht als Liebes-Zeugniß durch alle Lagen eures Lebens hindurch, – die Mutter, an der Wiege ihres neugeborenen Kindes, weiß selbem nichts zu sagen, nichts zu deuten, aber ein Kuss drückt Alles aus, was sie sagen will.
Der Kuss des Wiedersehens, des Abschiedes, selbst noch am Scheidewege in eine andere Welt, ist der letzte sprachlose Ausdruck einer Seele, die der andern nichts mehr sagen, nichts mehr deuten kann. – Im Kusse vereinigt die Seele Alles, will im Kusse Alles geben und Alles nehmen, was ihr die Umstände und Zeitverhältnisse erlauben; – und erst der Kuss der Liebe, das Erkennen zweier Seelen, dass sie für einander geschaffen sind, wer will diesen Ersten Kuss beschreiben? – von euch Menschen Niemand, aber gehet hinüber ins Geisterreich, Meine Engel werden euch sagen können, dass dieser Kuss aus ihrer Heimat ist, nur dass er bei ihnen nie durch Sinnlichkeit entweiht oder missbraucht wird.
Ihr werdet diesen Kuss auch einst empfangen von Denen, die vor euch hinübergingen, und dort geläutert und gereinigt euch mit Ungeduld erwarten; – dort werdet auch ihr erst das Zusammenschmelzen in Eins von zwei Seelen begreifen und fühlen lernen, wovon der Kuss nur ein schwaches Abbild ist, und auf Erden als einziges Symbol Meiner großen Liebe zu euch und allem Geschaffenen fortdauern wird, so lange Geister in Materie eingekleidet sein werden.
Meine große göttliche Liebe, dir mit euch nicht in körperliche, sondern nur in geistige Berührung kommen kann, hat euch diesen Akt des Kusses zu instinktiver Anwendung gegeben; denn im Kusse heftet ihr bei den höchsten Momenten Lippe auf Lippe; – sehet,
Meine Kinder, die Lippe ist ein Hauptwerkzeug der Sprache, des Wortes, der geistigen Mittheilung mittelst körperlicher Werkzeuge.
Wo nun die Lippe als Sprachwerkzeug verstummt, da leiht ihr die Liebe noch den letzten, den höchsten Ausdruck der Berührung des anderen Wesens, dem es sein ganzes Ich, seine ganze Seele geben oder in sie überschütten wollte; – und so ist das Aufpressen der Lippe auf die fremde der Akt, wo körperliche Mitteilung ihr Ende hat, und die geistige ihren Anfang nimmt!
Der Kuss ist die Vereinigung zweier Seelen zu Einem Ganzen, und dieses Zeichen der Liebe wird so lange bestehen, als Ich die Liebe Selbst in Person bin!
Wüsstet ihr, was „Lieben“ heißt, auch „der Kuss“ wäre noch zu wenig für euch; aber ihr begreifet Meine Liebe nicht, wo die Berührung jedweder Gegenstände eine Entheiligung der „Würde der Liebe“ ist.
„Göttliche Liebe“, dieses geistige, Alles versöhnende, Alles umfangende Band, hat euch den Kuss zum Zeichen gegeben, dass ihr bei allen feierlichsten Augenblicken den Grenzstein erkennen sollet, wo zwei Welten sich trennen und doch wieder zusammenfließen!
Die. Liebe, jene unbegrenzte, die Mein Ich ausmacht, und nach deren Ebenbilde ihr und alle Wesen geschaffen seid, diese Liebe sollet ihr nicht allein in einzelnen Momenten des Kusses ausüben, ihr sollet nicht allein den „Versöhnungs-“, den „Bruder-Kuss“ geben, – nein! – ihr sollet bleibend werden, was dieser Kuss, dieser Moment ausdrückt, – ihr sollet werktätig, stets den Mitmenschen, wie der Polyp den festen Gegenstand als Stütze, fortwährend durch Liebes-Akte an euch fest halten, immer näher ziehen, und ihr werdet auch den Akt des Kusses mit all seinem weltlichen und geistigen Gefühle stets genießen; denn – die Einigung mit euren Brüder ist Einigung mit Mir!
Die Annäherung seiner Mitmenschen, die Versöhnung, Verzeihung ihrer Fehler ist das Luftaufsaugen der polypenartigen Lippen, ist Vergeistigung der materiellen, ist Vorgeschmack eurer künftigen Existenz, ist Eingang in Meine Himmel, ist der erste geistige Kuss Meines eigenen Ichs, das – würde es jetzt möglich sein – ihr nicht ertragen und fortleben könntet. (man vergleiche: Polype (Po-lype), (zu deutsch: Viel-Mund), Lippe und Liebe, die dem Ohre wie dem innern geistigen Sinne nach so manches Verwandte haben)
Deswegen, Meine Kinder, missbrauche den Kuss nicht zu sinnlichen Effekten oder gar zum Verrat!, – ihr schadet dadurch eurer und Meiner geistigen Natur, – gebrauchet diesen Akt nur in den höchsten Momenten, wo die Sprache zu arm ist, eurem Mitmenschen die Liebe auszudrücken, die ihr für ihn fühlet.
Der Kuss soll unter euch nur das Zeichen des Friedens, der Versöhnung und der Liebe
sein.
Und so werdet auch ihr einst von den Geistern in Meinem Reiche empfangen werden, wo dann der Schleier fallen wird, der euch von ihnen und von Mir trennt, und ihr nicht mehr genötigt sein werdet, durch Aufpressen der Lippen dem Andern zu sagen: „Brüder, wir sind geistige Produkte, Produkte Eines Vaters, Der nur Liebe ist, nur Liebe verbreitet, und nur Liebe erwidert haben will, – gelobt und gepriesen sei Er! Der in solch kleinen Akt, wie „der Kuss“, so großen geistigen Genuss gelegt, der – wenn gleich nur auf Augenblicke – den Menschen dem Weltlichen entrückt, und ihn in die Nähe Derer führt, die Kinder des Einen sind; – Der auch nie aufhören wird, noch je aufgehört hat, uns zu dem zu machen, was ihr schon längst geworden seid!“
Amen!

NB. Hier wäre nun wohl der Ort, wo – um die ganze Stufenleiter der Liebe zu durchgehen – auch das Wort über die sinnliche Liebe oder Sinnlichkeit eingefügt werden könnte; alleine, da dieses zur Hälfte in die Geheimnisse der Psychologie hineingreift, so fand man für besser, dasselbe hier wegzulassen und es erst in einem besonderen Heft über Diätetik und Heilfach – welches doch ohnehin mit mehr Vorsicht vor unreifen Augen bewahrt werden dürfte – einzufügen. auch dort noch nicht gestattet.)

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