Empfangen durch G. Mayerhofer, am 30. März 1871
Schon wieder fleht Mich durch deine Vermittlung ein Kind um Trost und Hilfe an, weil es sich nicht recht zu richten weiß in Beziehung der Kindererziehung, und ebendeswegen stets im Widerspruche mit den Ideen ihres Mannes ist.
Nun, wie Ich stets die Dinge so leite, dass die Menschen am Ende doch zu Mir kommen müssen, wann sie bei der Welt und den in ihr herrschenden Ansichten und Meinungen nicht zurecht kommen, so ist es auch hier.
Diesen beiden Ehegatten, die in dieser Beziehung nicht den rechten Weg einzuschlagen wissen, will Ich nun mit einigen Worten die rechte Bahn und das rechte Auffassen Meiner Worte und Lehren zeigen, damit auch sie nicht allein dieselben mit Freuden lesen, sondern auch werktätig selbe in Meinem Sinne ausführen lernen. So höret denn Meine lieben Kinder:
Es ist eine alte Sache, dass Kinder erzeugen und sogar selbe gebären viel leichter ist, als solche gerecht erziehen. Bei ersteren beiden Akten ist Meine Hilfe und Mein Zulassen der Hauptfaktor, bei dem letztern aber überlasse Ich das Meiste den Menschen selbst, weil Ich, indem Ich den Eltern eine solche kleine Pflanze Meines geistigen Gartens übergebe, ihnen indirekt auch dabei Gelegenheit verschaffe – erstens ihre eigenen guten Eigenschaften in die Kinder zu verpflanzen, die bösen eigenen dort zu vermeiden, und endlich für sich selbst eine
Schule der Geduld und Resignation durchzumachen, welche ihnen mehr zu Gute kommt, als den Kindern selbst.
Und so, wenn Ich Eltern Kinder schenke, ist es mehr um der Fort-Erziehung der Eltern für Mein Reich halber, als der Kinder wegen, die dann – auf Mir nur bekannten Wegen – ihre neue Laufbahn mit deren Freuden und Leiden auch durchmachen müssen, wie jeder auf Erden Geborene.
Damit aber diese Kinder nicht so ganz in vernachlässigtem Zustande in die Welt hinausgestoßen werden, so liegt es eben den Eltern ob, ihnen diese körperliche und geistige Unterstützung zu geben, die sie selben schuldig sind, weil die Kinder ja ohne das Zutun der Eltern gar nicht auf die Welt gekommen wären.
Nun diese Erziehung der Kinder, besonders die geistige, wird oft durch übergroße Strenge und übergroße Liebe verdorben, und auf die eine oder andere Weise solch zartes Pflänzchen einer höheren Geisterwelt wenigstens auf so lange vom rechten Wege abgeleitet, bis Ich, aber nur durch energische Mittel, den krumm gewachsenen Baum wieder gerade aufrichte, damit seine Äste, Blätter und Blüten der Licht- und nicht der Schattenseite des geistigen Lebens zugekehrt werden.
Um also ein Kind erziehen zu wollen, nach dem Mir wohlgefälligen Sinne, muss man nicht dem Kind eine Gedanken- oder Ideen-Assoziation aufdrängen, die ja nur der reifere Verstand beim Erwachsenen hervorbringt, und das erst nach vielen traurigen Erfahrungen, sondern, um die Kinder etwas zu lehren, und es ihnen begreiflich zu machen, muss man ihre Sprache, ihre Denkungsweise annehmen, sich mit ihnen auf gleiches Niveau setzen, damit sie das begreifen lernen, was sie später als Gesetz anerkennen sollen.
Ebendeswegen ist der erste Grundsatz: „Wollt ihr Kinder erziehen, werdet zuerst selbst Kinder!“ Das Kind hat Neugierde, will Alles wissen, fragt bei Allem um das „Warum“? auf diese Fragen zu antworten, müssen die Eltern in Kindessprache antworten, den Kindern nicht allein befehlen, du sollst das oder jenes tun! sondern es ihnen – aber wohlgemerkt, auf eine ihnen begreifliche Weise – nachweisen – warum das oder jenes verboten oder erlaubt ist.
Die Eltern müssen aber auch stets dabei mit dem Beispiele vorausgehen, denn wenn das Kind seine eigenen Eltern nicht befolgen sieht, was ihm geboten wird, wie soll es dann den Lehren Glauben schenken, die ihm oft unter allen Androhungen geboten werden.
In dieser Hinsicht also mit Liebe und Vertrauen zu Werke gegangen, dieses wird auch bei den Kindern nicht Furcht vor Vater und Mutter, sondern die nämlichen Triebe gegen selbe erwecken, mit welchen man ihnen entgegenkam.
Dass aber in dieser Art zu erziehen, die Liebe manchmal zu blind, oder die Strenge zu groß ist, geht aus dem Fehler hervor, weil die eigenen Eltern nur Andere bessern wollen, und ganz vergessen, wie sie selbst erzogen wurden, wo sie jetzt im erwachsenen Zustande wohl beurteilen können, was in ihrer Jugend recht und was unrecht angewendet war.
In der Vergangenheit liegt immer der Schlüssel der Zukunft und das Wort gegründet: „Was du nicht willst, dass man dir tut, das füge nicht Andern zu!“
Also deswegen, Meine lieben Kinder (als Eltern), denkt an eure eigene Jugend zurück; dort werdet ihr die Lösung der Frage wegen der Erziehung eurer Kinder finden; lasset euren Kindern angedeihen was auch euch zum Besten war, und vermeidet bei ihnen, was auch vielleicht bei euch bis heute noch bittere Erinnerungen zurückgelassen hat!
Verbindet Strenge mit Milde, lasset die Liebe walten! aber vergesst dabei nicht, dass Liebe sehr leicht ausartet, zu weich, zu nachsichtig wird, und Strenge nie zur Liebe, sondern
nur zur Furcht und zum Misstrauen führen muss! Sehet Mich an! Wie erziehe Ich denn Meine Kinder? denn ihr müsset annehmen, dass auch ihr so unmündig und kurzsichtig und unerfahren seid im Vergleich zu Mir, wie eure Kinder zu euch.
Sehet, Ich gebe euch Worte, die ihr verstehen könnt, Lehren, die ihr begreifen, ausführen könnt, und die euren Kräften angemessen sind.
Ich spreche nicht mit euch aus Meiner höchsten Weisheit, denn das wären spanische Dörfer für euch (wie ihr zu sagen pflegt); Ich rede mit Meinen Kindern kindlich, weil Ich Liebe und Vertrauen in ihnen erwecken will; dass sie Mich nicht als Vater fürchten, und vor Meinem Erscheinen zittern, sondern dass sie vertrauensvoll sich von meiner Hand leiten lassen, und sogar das Unangenehme und Bittere, was ihnen auf ihrer Lebensbahn begegnet, nicht als Strafe von Mir, sondern höchstens als Folge eigener Fehler ansehen lernen; so müsset auch ihr eure Kinder erziehen, ihnen mit Ruhe begreiflich machen, was nicht erlaubt, nicht möglich, warum es nicht erlaubt, nicht möglich, und am Ende ihnen selbst schädlich ist, und noch schädlicher werden kann! Lehrend müsset ihr eure Kinder dahin leiten, wohin ihr selbst gelangt seid!
Das Kind muss den Vater oder die Mutter als ersten und aufrichtigsten Freund erkennen, der nie etwas Anderes wollen kann, als sein Bestes! Auf diese Art werdet ihr nach und nach die Kinder zu guten Menschen erziehen, und so auch sogar eine Züchtigung nötig sein sollte (?!) so wird das Kind selbe so aufnehmen, in welchem Sinne sie gegeben wird, da es selbst schon im Voraus weiß, dass es selbe verdient hat.
Es ist beim geistigen Leben eines kindlichen Herzens wie bei den Speisen im Magen; zu süß oder zu bitter und sauer erzeugen den nämlichen Effekt, beide schwächen das Verdauungsvermögen, das eine durch Erschlaffung, das andere durch Überreizung.
So ist es auch durch Anwendung von zu vielen Liebesbezeugungen oder Anwendung zu großer Strenge; ersteres verwöhnt die Kinder mit lauter zu Gutem, wo sie dann das geringste Unangenehme nicht ertragen wollen, und Letzteres stumpft am Ende die Seele so ab, dass ebenfalls – wie bei zu großer Überreizung – die Gleichgültigkeit gegen Alles das Endresultat ist!
Trachtet also, den Mittelweg beizubehalten, versüßt nicht durch zu große Zärtlichkeit den Kindern das Leben, denn ihr wisst es aus Erfahrung selbst, dass das Leben im Ganzen wenig Trostreiches bietet, wenn der Mensch nicht im Innern eine unversiegbare Quelle des geistigen Schatzes hat; gewöhnt selbe vielmehr an Entbehrungen, lehrt sie aber das „Warum“, damit sie den Grund einsehen, zuerst sich Opfer aufzulegen euch zu lieb, und später dann begreifen zu lernen, dass alles dieses euch wenig, ihnen selbst aber das Meiste gefruchtet hat.
Es liegt in der menschlichen Natur, als geistigem Wesen, begründet, dass man zuvor einsehen lernen muss, warum das eine oder andere getan, oder vermieden werden solle; denn ohne dieses erste Vernunftgesetz entwürdigt sich der Mensch zur Maschine, verliert seine geistige Individualität, und ebensowenig als Ich Meine Kinder zu Maschinen machen will, was Ich doch leichter könnte, als wie ihr, ebendeswegen erzieht auch ihr eure Kinder so, dass sie geistig kräftig emporwachsen, Liebe, Sanftmut, Vertrauen und alle Tugenden sich eigen machen, die ihr selbst als die höchsten schätzet.
Nur auf diese Art erziehet ihr euch künftige Freunde für euer späteres Alter, und dankbare Herzen.
Nehmet ein Beispiel an Mir, mit wie viel Liebe und Geduld führe nicht Ich die Menschen, lasse Gnade für Recht ergehen, sehe geduldig zu, wie die armen, verirrten Menschen sich alles mögliche Unangenehme selbst zuziehen, an dessen traurigen Folgen sie
dann selbst schuld sind, sie aber gewöhnlich glauben, als hatte Ich sie gestraft! –
Überall leite Ich durch Liebe! sehet euer eigenes Schicksal, welch‘ unmündige, blinde und verirrte Kinder ihr selbst wäret! sehet zurück, wie habe ich euch geleitet, war es mit Strenge, mit Zorn, mit Befehlen? – Gewiss nicht; es war mit Liebe, mit väterlichen Mahnungen; Manches legte Ich euch ins Herz, wo ihr am Ende nicht Mir, sondern euch selbst die Schuld geben musstet, wenn es nicht so ausfiel, wie ihr gehofft.
Und wenn ihr über dies Geschehene, Erlittene nachdenkt, habt ihr das Vertrauen oder die Liebe verloren? Nein! sondern seit Ich Meine Worte euch angedeihen ließ, seit Ich euch erkläre, beweise, dass Alles, wenn auch bitter, doch zur großen Genesung, zur großen Weiterreise im ewigen Jenseits gehört, – jetzt hänget ihr noch mehr an Mir, wie zuvor, denn das Vertrauen, die schönste Blume der Liebe – blüht in euren Herzen, mit Zuversicht ergebet ihr euch in Meine Fügungen, weil ihr überzeugt seid, ein Vater kann nicht strafen, sondern – wenn es auch den Anschein der Strafe hat – nur liebend bessern!
So haltet es auch bei euren Kindern, mäßigt die zu große Liebe und Nachsicht, sowie auch die Strenge! Bedenkt, es sind Kinder, nicht Erwachsene, die ihr erziehen müsset, sprechet mit kindlichen Worten zum kindlichen Herzen, und das Kind wird euch verstehen; seid nicht immer in Hader und Streit miteinander, vergebt auch ihr euch, wenn euch von Mir vergeben werden soll; verlangt nicht von Kindern, was ihr selbst noch nicht fähig seid, das ist – dass die Kinder sich in ihrem Ungestüme zähmen sollen in ihrer Jugend, was ihr im reifen Alter nur zur Not vermöget! –
Messet nach eigenem Masse, und gebt noch die Unerfahrenheit und größere Lebenstätigkeit, aber kleinere Überlegungkraft der Kinder als Zuwage, und ihr werdet erstens zwischen euch Beiden die Harmonie der Seelen wieder herstellen, und dieses Friedensleben wird sich auch auf das Leben mit euren Kindern übertragen.
Sehen die Kinder ihre Eltern in Friede und Eintracht miteinander leben, so werden auch sie unter diesem Einflüsse weder bei dem Einen noch beim Andern Schutz suchen wollen, wenn die gerechte Rüge wegen unrechter Tat sie trifft, sie werden das Verdiente stillschweigend annehmen, weil sie wissen, die Belehrung oder Mahnung, die ihnen von euch Beiden geworden, war eine verdiente. –
Ich habe euch Kinder gegeben, damit ihr euch in den Tugenden der Nachgiebigkeit, Sanftmut und Toleranz üben sollet, und diese Schule führt (sie und) euch vorwärts, Meine Kinder zu werden, Ich ebenfalls auch nicht anders erziehe, als wie ihr die eurigen zu erziehen habt, d.h. mit Liebe und nur mit Liebe! –
Dieses merket euch! und bedenket es wohl! sehet zuvor den Balken im eigenen Auge, ehe ihr daran denkt, den Splitter im fremden auszuziehen! – Dieses mit Meinem Segen euch Beiden!
Amen.
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