Empfangen vom Herrn durch G. Mayerhofer, am 15. Dezember 1870
Armut und Reichtum! (in ihren Extremen heutzutage auch ein „Kennzeichen der Zeit“. D. Hsg.)
Wichtige Worte für euer irdisches und geistiges Leben. –
Was ist eigentlich Armut und was Reichtum? Das sind Fragen, welche, so viel als Menschen auf Erden leben, ebenso vielseitig verstanden und beantwortet werden, und doch, wenn man die Sache genau betrachtet, so kann auf alle diese Fragen doch nur eine Antwort die richtig sein, und alle andern gemäß dem geistigen oder sozialen Standpunkte, der maßgebend ist, entschuldigt werden.
Ich will euch über diese beiden Worte, die stets in aller Munde sind, und so viel Mitleid auf der einen, und so viel Neid auf der andern Seile erregen, einige Aufklärungen geben, damit ihr auch in dieser Hinsicht die Armut und den Reichtum recht zu schätzen wisst, und so Ich euch die eine oder das andere als Probierstein auf eurer Lebensbahn gebe, entweder die erste geduldig ertragen, oder den zweiten, Mir und Meiner Lehre gemäß, der Menschheit und euren Nächsten zum Besten benutzen, oder auch die materielle Armut in geistigen Reichtum verwandeln könnt.
So wisset denn: Armut ist relativ; arm ist eigentlich nur der, welcher, gemäß seinen Bedürfnissen, nicht alles hat, um selbe befriedigen zu können. Deswegen gibt es Millionäre, Kaiser und Könige, ja selbst große Geister, wovon der Satan selbst ein Beispiel ist, welche sämtlich gemäß ihren unersättlichen Bedürfnissen sich stets arm fühlen, weil der Standpunkt, wo sie ausfufen könnten: "Jetzt habe ich alles, was ich mir wünschte!" nie kommen wird.
Diese Armut ist also grenzenlos; denn sie hat keine Grenzen ihrer Sätigung, und da in allen Wesen stets ein Drang nach Verbesserung des Gegenwärtigen ist, so ist auch in allen Schichten das immerwährende Gejammer von Armut.
Beim Reichtum ist es gerade das Entgegengesetzte. Reich ist eben keiner, so wie er es sein möchte, und der Gedanke „Reichtum“ steckt nicht im Kopfe des Reichen; denn der ist meist nie zufrieden, sondern in der Einbildung der andern, die ihn um seinen Besitz, sei es in finanziellem Reichtum, Macht oder Ehre beneiden.
Aus Allem diesem geht also hervor, dass Reichtum nicht existiert, denn der ihn besitzt, sieht ihn nicht für solchen an, und die andern, welche ihn darum beneiden, beneiden den Reichen nur so lange darum, bis sie ihre vermeintlichen Wünsche erreicht zu haben glauben, wo sodann gleich nach dem Besitze des Gewünschten andere Wünsche, Gewitterwolken gleich, sich auftürmen, und die anscheinend Reichen wieder zu Armen stempeln.
So lange wir also auf der Stufenleiter der menschlich-irdischen Wünsche auf- und absteigen, begegnen wir nichts als lauter Armen, und Reiche gibt es keine; – denn Reichtum müsste natürlich den Abschluss der Wünsche bedingen, was bei dem menschlichen Ehrgeize, der Geld- und Genusssucht unmöglich ist.
Jetzt kehren wir uns zur geistigen Seite dieser beiden Worte und wollen erforschen, was dort das eine oder andere wohl bedeuten könnte, und ob es dort nicht möglich ist, eine genügende Grenze für beide Begriffe festzustellen.
Also, was heißt im geistigen Sinne: arm? Arm heißt im geistigen Sinne, wenn die menschliche Seele sich so in’s Fleisch (und die Welt) versenkt hat, dass sie ihr geistiges Kapital aufgezehrt, und somit von ihrem Geistigen, eigentlich Höheren gar nichts mehr weiß oder höchstens nur eine dunkle Ahnung davon hat.
Dieses Armuts-Zeugnis könnte man auf eurer Erde gerade den meisten geben, die hier oben an stehen, während ihr geistiger Barometer und Thermometer doch auf Null gesunken ist.
Reich nennt man im Gegenteile, im geistigen Sinne, die Seele, die so vergeistigt ist, dass sie das Universum und ihren Vater, den Schöpfer und Erhalter aller lebenden Wesen, so klar versteht, dass sie keinen andern Wunsch hat, als dem Vater ein würdiges Kind zu sein, und stets Gutes um sich her verbreitend, Freude und Trost als geistigen Samen säet.
Solch eine Seele kennt keinen Neid, weiß nur von Liebe, freut sich ihres eigenen, und noch mehr des fremden Fortschrittes auf der geistigen Bahn zu Mir! Diese Seele ist reich, ja überreich, und wird von andern nicht beneidet werden; ihr Beispiel wirkt fortwährend, wo sie ihren Wirkungskreis auch ausdehnen will.
Solche Seelen mit so reichem Gemüte, mit so hoher Seligkeit im Herzen finden sich nicht unter den irdischen Großen und Reichen; diese blühen nur, wie die Veilchen, im stillen Grunde der weltlichen Armut. Dort, wo der habsüchtige Mensch nichts mehr zu gewinnen, nichts mehr zu rauben weiß, wo die Geldgier ein Ende hat, dort fängt der geistige Himmel an, dort blüht, unbemerkt von allen andern eifersüchtigen Augen, der geistige, nie verwelkende Reichtum des Vertrauens und der Liebe zu Mir!
Daher suchet nicht die Herzen, welche für Mich und die Menschheit warm schlagen, in den hohen Regionen; denn dort ist, wie auf den höchsten Bergen, ewiges Eis und Schnee. Der eiskalte Egoismus überdeckt dort meistens die Brust der Obenanstehenden; alle Welt unter ihnen ist eben auch zu ferne für sie, sie halten sie ihrer Beobachtung nicht wert, leben und atmen in anderen Lüften, als die in der Ebene wohnenden, und bringen auch wegen der Gehaltlosigkeit oder dem Mangel an feuchten, befruchtenden Dünsten keinen grünen Zweig (geistigen Lebens), keine Blüte, sondern nur starres Eis hervor.
Sie sind reich in ihren Ideen, an großen Aussichten und unbegrenzten Hoffnungen, wie ihr Horizont; aber warum sie dort oben stehen, und was sie den unter ihnen Lebenden sein sollten, das wissen viele von ihnen nicht!
Das ist gewöhnlich das Schicksal der Reichen und Mächtigen auf dieser Erde, wo manchmal am Ende ihres Lebens ihnen erst das Licht aufgeht, welches schon seit ihrer Geburt hätte leuchten sollen, das aber eben vor lauter Geldsäcken, Rang und Titel bis in ihr Herz nicht durchdringen konnte. *
*In diesem Hefte, wo die verschiedenen Schäden der heutigen Gesellschaft sich spiegeln sollen, und die Spannung zwischen Arm und Reich besonders hervortritt, ist ein Wort des Trostes für die Armen wohl am Platze, da dasselbe ein Wort der Wahrheit ist, und somit auch für die in weltlich bevorzugter Stellung befindlichen Reichen – des Lichtes und somit Segens ebenfalls in Fülle geboten ist, zumal da es ja doch nicht so seltene Ausnahmen gibt unter den Letzteren die auch wirklich geistig reich sind an Liebe zu Gott und den Menschen. D. Hsg.
Aus dem nun, was Ich euch bisher gesagt habe, könnt ihr euch einen Begriff machen, was die von euch öfters beneideten Reichen eigentlich sind, und ihr werdet auch nebenbei bemerkt haben, wo der eigentliche Reichtum seinen Sitz hat.
Ich habe euch nachgewiesen, dass der im Materiellen sein Glück Suchende in der ganzen Welt arm ist, wenn er auch mit allen Glücksgütern der Erde überflutet wäre! Ich habe euch gezeigt, wo der Reichtum im Stillen blüht; jetzt möchte Ich euch noch näher an’s Herz legen, dass auch ihr euch nicht mit solchen Wünschen des materiellen Wohlseins und Reichtums beschäftigen solltet! Denn sehet:
Würdet ihr in viele Familienverhältnisse die Einsicht haben, wo Reichtum, Ehre und Ansehen glänzen, so würdet ihr vielleicht alle eure Blicke enttäuscht von dort wegwenden, wenn Ich euch den Tausch anbieten würde, sagend: „Gebe deine geistige Ruhe, deine Zufriedenheit, dein stilles Hingeben in Meinen Willen auf, und werde, was diese sind!“ Und Ich bin überzeugt, ihr würdet alle ausrufen: „O Herr! wenn der materielle Reichtum nicht anders zu erlangen ist, als mit solchen Beigaben, o so danken wir Dir für diese Gnade, dass Du uns vor solchen Übeln bewahrt hast! Wir glaubten von ferne, eine grüne, üppige Wiese mit Blumen geschmückt zu sehen, und jetzt, in der Nähe angekommen, sehen wir mit Schaudern, dass es nur tiefer Morast ist, auf dessen Oberfläche Schimmel und Giftpflanzen und schlechtes Schilfrohr wächst, und daher für kein geistig (wahrhaft) lebendes Wesen ein Aufenthalt ist, als höchstens für ein Paar dumme Frösche und Kröten, die tagtäglich nur immer ihr einförmiges Geschrei quacken!“
So ist der Reichtum, wenn ihr ihn näher betrachtet! Das Laster ist dort mit allerschönstem Firnisse (ein klarer Schutzanstrich – aus Wikipedia) überdeckt, damit die Andern nicht wissen, was unter diesen spiegelglatten Flächen verdeckt ist, so dass, wenn ein anderer, sei es die Wände des Zimmers, ihre Fußboden und Einrichtungen ansieht, er stets nur sein eigenes Bild widerstrahlen sieht; aber nichts von dem bemerkt, was eigentlich hinter diesem Glanze verborgen ist.
Die Reichen und Mächtigen sind wie allezeit, großenteils die übertünchten Gräber der Jetztzeit, und noch immer bleibt das Wort wahr, das Ich einst einem reichen Jünglinge nachrief: „Leichter zieht ihr ein Schiffstau durch ein Nadelöhr, als da ein Reicher in Mein Reich eingeht!“
Ich sehe hier eine Frage in deinem Gemüte (Der Schreiber wurde selbst in bevorzugter Lage geboren und erzogen. D. Hsg.) auftauchen, welche also lautet: „Was können aber die Kinder dafür, wenn sie von reichen und hochgestellten Eltern gezeugt werden, in solchen Verhältnissen erzogen, unschuldig daran sind, wenn sie von Jugend auf keine anderen Grundsätze einsaugen, als die, welchen ihre Eltern huldigen? Wenn nun solche Kinder für das geistige Reich verloren gehen, oder doch dafür sehr schwer zu gewinnen sind, wer ist dann Schuld daran?"
Auf diese Frage sage Ich dir, dass es im großen Weltenbau eine Unzahl von Welten und eine Unzahl von Geistern verschiedener Gattung gibt, die einer ihrer ganz eigenen Entwicklung angemessenen Schule unterzogen werden müssen, wenn selbe je in Mein Reich taugen sollen. Diese Geister nun, die schwerere Prüfungen auszustehen haben, werden meistens dort eingekleidet, wo ihrer auch die härteste Schule der Verleugnung wartet; siegen sie, so ist ihre Aufgabe gelöst; fehlt ihnen die Kraft dazu, so werden sie nach dem leiblichen Tode das Fehlende anderswo ergänzen müssen, um so auf längeren Umwegen an ihr Ziel geführt zu werden. Hier hast du die Antwort auf deine Zweifel.
Ihr sehet also, Meine lieben Kinder, dass weltlich-arm geistig meistens ein Glück, und weltlich-reich geistig beinahe immer ein Unglück ist.
Betrachtet jede geistige Beschäftigung, jedes Schaffen; sehet den wissenschaftlichen Forscher an, wenn er nach langem, mühsamem Wege eine neue Ansicht, ein neues Gesetz oder sonst etwas entdeckt zu haben glaubt, welch hohes, geistiges Gefühl seine Seele durchdringt, wenn er glaubt, seinem Ziele näher zu sein, und wenn auch dieses Gefühl nur von kurzer Dauer ist, und nur wie ein elektrischer Funke an seinem geistigen Horizonte vorüberblitzt, es war ein Moment, den kein Geld und keine Macht auf Erden ersetzen oder sich Niemand durch alle Mittel verschaffen kann.
Sehet den Maler, den Tondichter, den Poeten, was genießen sie geistig alle Drei, wohlbemerkt bei Ausübung ihres Lebensberufes im reinsten Sinne? Sie erschaffen sich eine Welt voll Ideale, schöne Genüsse durchströmen ihre Herzen, sie fühlen sich erhoben über das gewöhnliche Getriebe vermenschlichen Leidenschaften; in den Ideen geistiger Produkte schwelgen sie. Leider bleibt dann meistens bei der Ausführung, wo die wortlose geistige Idee in Worte, Farben oder Formen und Töne eingekleidet werden muss, das Ergebnis hinter ihren Erwartungen zurück. Es ist wie auf der Erde, wo selbst der reinste Schnee nur so lange weiß ist, so lange er in den Lüften schwebt, sobald er aber in Berührung mit derselben kommt, er beschmutzt sein weißes Kleid verliert, und es mit dem unreinen Irdischen vertauschen muss.
Diese Stunden der Weihe, die diese Männer im Leben genießen, sind so selig, dass sich solche Menschen alle drückenden Verhältnisse des menschlichen Lebens gefallen lassen, nur diese Stunden könnten sie nicht missen! Sie wissen es nicht; aber ahnen es, diese Stunden sind das Hereinragen einer geistig schöneren Welt in die Irdische!
Und wenn Ich nun Meinen Blick erst zu denen wende, die vertraut mit Meiner Lehre, Meine Stimme in ihrem Herzen belauschen, selbe in der Natur, im gestirnten Himmel, ja in der ganzen sichtbaren Welt herauslesen können?
Welche Stunden, welche Augenblicke der Wonne genießen sie, wenn sie wissen, dass erhaben über all dieses Scheinbare, Materielle eine geistige Welt, eine ihnen verwandte, unendliche Region der seligsten Wesen liegt, und an ihrer Spitze steht Der sie Alle geschaffen habende, ewigliebende Vater; wenn sie da im Genusse eines liebenden Zwiegesprächs mit Ihm schwelgen können, ihre Bestimmung klar vor sich sehend, weit entfernt von Missgunst und Neid, nur den Trieb der Liebe und der Demut kennen. welcher sie auf dem Weg zu Ihm leitet!
Wenn nun solche Kinder ihr eigenes Gemüt betrachten, wie reich sind sie, wenn gleich das Gewand am irdischen Körper zerstückt und zerfetzt herabhängt! Ihr Körper und ihr Fleisch sind wohl arm, allein ihr Geist ist reich; und mögen die Reichen und Großen verächtlich auf sie herabblicken, der Verachtung wird Mitleid entgegengesetzt, und dem Spotte die Verzeihung.
Da feiert dann ein solches Herz seinen wahren Triumph, es zeigt dem anscheinend Reichen seine eigene geistige Armut, und verzeiht dem, der sie schlägt, durch Liebe und einen Blick nach Oben!
Diese Fülle des Reichtums, Meine Kinder, bestrebet euch zu erlangen! Lasst das Geld, Macht und Titel Denen, die Ich dazu verdammt habe; bleibt bei dem vorhin gezeigten, nie verwelkenden Genusse des geistigen Reichtums, welcher weit entfernt von kalten Marmorstiegen und Herzen nur dort blüht, wo wenig Bedürfnisse für sich und viele Wünsche für die Andern im menschlichen Herzen wohnen.
Werdet reich an Geist und Liebe, und mit Lächeln werdet ihr die vermeintlichen Reichtümer betrachten, wenn sie, wie Schnee, der zu Wasser wird, verschwinden, in der Zeit, wo Mein großes Gnaden- und Wahrheitslicht allen Völkern und Nationen in Bälde leuchten wird.
Deswegen bekümmert euch nicht um das, was ihr materiell besitzet; alles Materielle ist vergänglich, hat keinen Halt! Ein geistig reiches Herz aber ersetzt alles, und kann auch für die herbsten weltlichen Verluste nie eine Träne verlieren; denn das Materielle ist Vorübergehendes, kann nur zeitweise, aber nicht beständig beglücken.
Im Innern liegt euer Gold, euer Rang und euer Titel; dort grabet nach, da werdet ihr finden: Nahrung für den Geist, geistige Stellung oder Rang unter den Mir am nächsten stehenden, seligen, höheren Wesen.
Hier habt ihr die Worte Armut und Reichtum erklärt; wählet und prüfet, und das Beste behaltet! Nach dem Vorhergehenden wird euch die Wahl nicht schwer sein, wenigstens so glaube Ich, euer Vater. Amen.
Anmerkung
Es ist erfreulich, dass es doch auch zu allen Zeiten wahre Reiche gegeben hat, die ihren Hauptschatz im Herzen hatten und den äußeren diesem inneren entsprechend verwalteten; diese sind gemäß dem hier Gezeigten besonders hoch zu achten, da sie eben viel mehr zu überwinden haben, als andere. Auch zu den Lebzeiten Jesu waren Seine intimsten Freunde zwar Johannes und Jakobus, als wie Seine Brüder; aber auch Lazarus und Cyrenius, jener der Reichste und dieser der Mächtigste im Lande, zählten ebenfalls zu Seinen nächsten Freunden – und so sind auch nun solche doppelt begnadigte Glücksskinder da und dort vorhanden, die ihren inneren Wert durch geistig kluge Verwendung des äußeren zu erhöhen wissen, – möge deren Zahl in dieser Zeit der Extreme wachsen, wozu der himmlische Vater auch diese Blätter segnen wolle! D. Hsg.
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