Als Matthäus mit seinen etlichen Versen fertig ward am Tage darauf, als Ich am vorhergehenden Tage den Sohn des Königischen aus Kapernaum von Kana aus geheilt habe, da zeigte er Mir die Arbeit, die Ich belobte, da sie in aller Kürze ganz gut und alles bezeichnend war. Nachdem er aber sein Schreibmaterial eingepackt hatte, so kommt er wieder zu Mir und fragt Mich, wieviel Schreibmaterial er etwa in Kapernaum brauchen werde; denn er habe vorderhand nur vier Tafeln außer dem Packe frei zum Gebrauche in Kapernaum behalten. Solle er etwa mehrere Tafeln freihalten, so könnte er sie hier leichter als in Kapernaum aus dem Hauptpacke nehmen!
Sage Ich: „Es genügen die vier; aber Ich muß dich dabei dennoch auf einen kleinen Fehler in der Ordnung deiner eigenen Sache aufmerksam machen! Es liegt zwar im Grunde nichts daran; aber da bei Mir schon einmal alles in einer sicheren Ordnung zu geschehen hat, so ist das unklug von dir, daß du deinen Schreiberpack eher zusammenbindest und Mich erst nachher fragst, wieviel Tafeln du brauchen wirst. Wenn Ich nun gesagt hätte: ,Du wirst in Kapernaum fünf Tafeln brauchen!‘, so hättest du nun deinen ganzen Pack auflösen müssen der einen Tafel wegen, was dir offenbar eine ganz unnötige Mühe gemacht hätte. Aber du hast, durch Mein geheimes Einfließen genötigt, gerade die rechte Zahl freibehalten und hast dir dadurch die Mühe des Wiederauflösens deines Packes erspart. Wie Ich dir aber schon früher bemerkte, so liegt im Grunde gar nichts daran; aber das Gute der rechten Ordnung ist in allen Dingen, wenn sie auch oft noch so kleinlich scheinen, nicht selten von großem Nutzen.
Siehe, so sich jemand wäscht am Morgen, Mittag oder Abend und wäscht zuvor das Gesicht und dann am Ende erst die Hände, so wird er das Gesicht nicht so bald rein haben, da er mit beschmutzten Händen über dasselbe fährt; so er aber zuerst die Hände reinigt, da wird auch sein Gesicht, mit den reinen Händen berieben, bald und leicht rein werden.
Ein Mensch hatte irgend einen steinigen Acker und reinigte diesen mit viel Mühe und Fleiß von den Steinen; aber er beachtete dabei folgende gute Ordnung: Zuerst sammelte er die größten Steine vom Acker und legte sie außerhalb des Ackers in einen regelmäßigen und winkelrechten Haufen. Darauf sammelte er die weniger großen und legte sie in einen zweiten ebenso winkelrechten Haufen. Und also verfuhr er mit den übrigen, natürlich stets kleineren Steingattungen und erzeugte sonach zehn Steinhaufen, von denen jeder ganz gleichgroße Steine enthielt.
Nun sagten die nachbarlichen Leute, die das sahen und ihre Äcker nicht auf solche Weise von den Steinen reinigten, sondern die Steine groß und klein nur in ganz ungeschickte Haufen untereinander zusammenwarfen: ,Da sehet den Narren an, was er mit den Steinen für ein Spiel hat!‘
Es zog aber in Kürze dieselbe Straße, die an diesem Acker vorbeiführte, ein Baumeister, der zu einem Gebäude Steine suchte. Als dieser hier die zehn geordneten Haufen sah, ging er hin und kaufte sie alle dem von seinen Nachbarn erklärten Narren um vierzig Silbergroschen ab; denn er konnte sie also geordnet sogleich recht gut brauchen. Als die Nachbarn das merkten, so kamen sie auch herbei und sprachen: ,Herr, warum kamst du denn nicht zu uns? Sieh, wir haben dieselben Steine und gäben sie dir um wenige Groschen, während du hier die gleichen Steine um vierzig Silbergroschen gekauft hast!‘ Der Baumeister aber sprach: ,Eure Steine müßte ich erst ordnen, was mir viel Arbeit, Zeit und Mühe machen würde; diese aber sind schon also geordnet, wie ich sie gerade jetzt brauche, und so überzahle ich diese lieber, als daß ich die eurigen umsonst annähme!‘ Nun fingen freilich die Nachbarn an, auch ihre Steinhaufen zu ordnen; aber es war zu spät! Denn der Baumeister hatte an denen genug, die er vom ersten gekauft hatte, und die Nachbarn hatten sich nichts als eine vergebliche Mühe gemacht!
Darum seid allzeit und in allem in der besten Ordnung! Wenn dann ein Gewinnbringer kommt, so wird er sicher allda zuerst zugreifen, wo er die beste Ordnung antreffen wird! Eine spätere Mühe ist oft und vielmals vergeblich! Begreifst du dies Bild?“
GEJ, Band 1, Kap.92, 1-7
[Ste.01_001,01] Meine lieben Kinder! Mit diesen folgenden ‚Nacherinnerungen‘ will Ich euch eine gar wichtige und nützliche Regel geben, ohne die ihr euch durch die Lesung was immer für geistiger guter Bücher keinen Nutzen verschaffen könnet. Ihr möget die Heilige Schrift, wie auch dieses Neue Wort tausendmal nacheinander durchlesen, so werdet ihr aber dennoch ohne diese Regel stets auf dem alten Flecke stehenbleiben.
[Ste.01_001,02] Ihr habt euch durch das öftere Lesen wohl euer Gedächtnis so recht gepfropft voll angestopft; fraget aber euren Geist, was er davon gewonnen hat, und seine stumpfe Antwort wird also lauten:
[Ste.01_001,03] „Ich bin wohl chaotisch von allerlei Baumaterialien umlagert, und da liegen Balken und Steine bergartig übereinander; aber aus allen diesen Baumaterialien ist noch nicht einmal irgendeine schlechte Keusche erbaut, in der ich frei zu wohnen vermöchte. Ihr häufet zwar das Baumaterial fortwährend auf – lauter Edelsteine und das schönste Zedernholz liegt in plumpen Haufen vor mir –, und ich vermag es nicht zu ordnen. Und habe ich hier und da auch irgend angefangen, eine kleine Ordnung herzustellen, da führt ihr schon wieder eine kolossale Menge neuen Materials dazu, so daß ich notwendig in meiner Tätigkeit ermüden muß und am Ende beim Anblick der Größe des zu ordnenden Materials erschaudere und mit Wehmut denke, wann doch einmal all dieses Material zu einer Wohnung wird geordnet werden können.“
[Ste.01_001,04] Sehet, das ist eine ganz gründliche Antwort des Geistes, die ein jeder Mensch, der irgend viel gelesen hat, in sich selbst auf das allerklarste finden muß.
[Ste.01_001,05] Wenn so jemand sein Leben hindurch ein paar tausend Bücher durchgelesen hat, welch ein Chaos hat er am Ende in seinem Gedächtnisse! Und wenn es gut geht, so wird er nach einer solchen reichhaltigen Belesenheit mit genauer Not so viel hervorbringen, daß er jetzt erst einsieht, daß er nichts weiß.
[Ste.01_001,06] Was aber ist dieses Geständnis? Es ist nichts anderes als eine und dieselbe wehmütige Klage des Geistes, der dadurch das sagen will, daß er bei dieser ungeheuren Menge des Baumaterials nicht einmal eine allerschlechteste Keusche zur freien Wohnung erbaut überkam!
[Ste.01_001,07] Also gibt es Menschen, die das Alte und Neue Testament von Wort zu Wort auswendig kennen; fraget sie aber um den inneren Sinn nur eines einzigen Verses, so werden sie da geradesoviel wissen wie diejenigen, die nicht einen einzigen Vers auswendig können, ja oft kaum wissen, daß da eine Heilige Schrift existiert. Was nützt also denen dieses herrliche Material?
[Ste.01_001,08] Der Geist wohnt nur im Geistigen: Kann ihm aus diesem Material nicht einmal eine schlechte Keusche erbaut werden im inneren Geiste der Wahrheit, wo soll er dann wohnen, wo seine Rechnung führen, und von welchem Punkte aus soll er das Material zu ordnen anfangen?
[Ste.01_001,09] Ist es denn nicht besser, weniger Material zu besitzen, aus demselben aber für den Geist sogleich eine kleine respektable Wohnung zu erbauen, damit der Geist dann einen festen und freien Platz bekommt, von welchem aus er seine nächsten Pläne machen kann und verwenden nach denselben ein neu anlangendes Material?
[Ste.01_001,10] Was wird ein Acker wohl für ein Gesicht bekommen, wenn er auch das beste Erdreich ist, so ihr tausenderlei Samen, in der größten Unordnung durcheinandergemengt, zu gleicher Zeit auf denselben aussät? Die Samen werden richtig aufgehen; aber zu welchem Nutzen für den Sämann? Fürwahr, der Ertrag dieses Ackers wird kaum für eine schlechte Fütterung des Viehes taugen. Die stärkeren Pflanzen werden die schwächeren ersticken, das Unkraut wird wuchern, und das Weizenkorn wird nur hier und da sparsam und sehr verkümmert und brandig zum Vorschein kommen.
[Ste.01_001,11] Aus diesem aber geht hervor, daß überall, wo für euch ein Nutzen heraussehen soll, eine Ordnung bewerkstelligt sein muß, ohne die ihr Dornen, Disteln, Kraut und Rüben durcheinanderbaut, was euch nimmer irgend nützen kann.
[Ste.01_001,12] Worin aber besteht diese Ordnung?
[Ste.01_001,13] Wenn ihr einen geläuterten Weizen habt, so säet ihn auf einen reinen und guten Acker, und ihr werdet eine reine und gute Ernte bekommen.
[Ste.01_001,14] Wer da eine gute Baustelle hat und hat Material dazu, der warte nicht, bis er eher einen überflüssigen Haufen Baumaterial zusammenbekommen hat, bis er dann erst sein Haus zu bauen anfangen möchte; denn er wird sich mit dem großen Haufen Baumaterial am Ende den ganzen Bauplatz voll anführen.
[Ste.01_001,15] Und so dann der Baumeister kommen wird und wird ihn fragen: „Freund, an welcher Stelle willst du denn das Haus aufgeführt haben?“, was wird er ihm dann entgegnen? Sicher nichts anderes als: „Allda, Freund, wo der große Haufen des Baumaterials liegt!“
[Ste.01_001,16] Und der Baumeister wird zu ihm sagen: „Warum ließest du denn dieses Material auf dem Bauplatze zuvor aufhäufen, bevor wir den Plan gemacht und den Grund gegraben haben? Willst du nun das Haus auf dieser Stelle haben, so mußt du all dieses Material eher zur Seite schaffen und mußt den Platz ganz frei machen. Dann erst werde ich kommen, werde den Platz ausmessen, den Plan entwerfen, danach den Grund graben lassen und am Ende erst das Material prüfen, ob es durchaus zur Erbauung deines Hauses taugt.“
[Ste.01_001,17] Sehet, aus diesem Gleichnis könnt ihr schon ziemlich klar entnehmen, wie wenig jemandem eine große Belesenheit nützt, wenn er mit derselben nicht in der wahren Ordnung fortschreitet.
[Ste.01_001,18] Worin aber besteht diese wahre Ordnung? Diese wahre Ordnung besteht ganz einfach darin, daß ein jeder eine jede neue Ladung oder Überkommung des Materials alsogleich zu einem Wohngebäude zu ordnen anfängt und nicht eher nach einer zweiten Ladung greift, als bis er die erste verarbeitet hat. Auf diese Weise wird er in seinem Bau rasch vorwärtsschreiten und wird um denselben immer genug freien Raum haben, auf welchem er in guter Ordnung ein hinlängliches neues Baumaterial aufschichten kann.
[Ste.01_001,19] Auf deutsch und ganz verständlich gesagt aber besteht diese Ordnung darin, daß jeder nach dem Gelesenen sogleich tätig werde und sein Leben danach einrichte, – so wird ihm das Gelesene nützen, im Gegenteil aber schaden; denn jeder sei nicht nur ein purer Hörer des Wortes, sondern ein Täter desselben!
Schrifttexterklärungen, Kap.1, 1-19 (siehe auch den Einwand dazu in Ste, Kap.2, 1-18 oder im Gleichnis vom Sämann)
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