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36. Kapitel — Echte Prophetie und die Freiheit des Menschen

[HGt.03_036,01] Als der Lamech solches vom Henoch vernommen hatte, da war es aber auch völlig aus bei ihm; er schrie vor Freude und lief mit offenen Armen den Seinen entgegen.

[HGt.03_036,02] Und der nicht mehr junge Henoch aber mußte selbst einen Schnellfüßler machen, um den Lamech die freilich zum Glück nur kurze Strecke Weges geleiten zu können.

[HGt.03_036,03] Es klingt wohl etwas sonderbar, daß hier der Henoch auch mit Lamech gelaufen ist, aber diese Erscheinung war so leer nicht, als sich dieselbe jemand vorstellen möchte; denn sie hatte einen dreifachen prophetischen Sinn.

[HGt.03_036,04] Der erste ist: Um den Führern dadurch anzuzeigen, daß sie die Fortschritte ihrer Jünger durch eine aufhaltende, zaudernde und den besten Geist tötende, schulfuchsische Pedanterie nicht hemmen sollen, sondern der Kraft des Geistes der Jünger nur allzeit folgen, und das zwar also, daß sie gingen mit dem Schnellen schnell, mit dem Freien frei, mit dem Starken stark, mit dem Saumseligen, ihn nach sich – dem Führer nämlich – ziehend, und mit dem Furchtsamen Mut einflößend!

[HGt.03_036,05] Der zweite Sinn ist: Tiefe zieht oder Welt zieht durch ihre schnellen, industriellen Fortschritte das Geistige mit zum desto schnelleren Verfalle; denn das Geistige wird in der Welt von der Materie getragen und ist da, um die gefangene Materie zu erlösen, also wie die des geistigen Henoch nun in der Tiefe war, um den materiellen Lamech zu erlösen und ihn neu zu verbinden mit den Seinen, tiefer gesagt: mit seinen erhöhten und gereinigten Begierden.

[HGt.03_036,06] Der dritte Sinn ist und war der prophetische: Daß nämlich die Kinder der Höhe bald sich mit schnellen Füßen nach der Tiefe gezogen haben und haben dort auch ihren Begierden den freien Spielraum gegeben; denn als Weise und Philosophen zogen sie hinab und gaben sich dann als Philosophen gar bald allen Ausschweifungen preis.

[HGt.03_036,07] Das wären sonach die drei prophetischen Bedeutungen des Henochschen Mitlaufes.

[HGt.03_036,08] „Aber“, wird jemand sagen, „wenn es also ist, daß die Propheten schon allzeit für die Zukunft durch all ihr Tun, Handeln und Reden bestimmen, was da geschehen soll und allzeit zumeist geschieht, so sind die Menschen auf dem Erdkörper in geistiger Hinsicht ja durchaus nicht frei und müssen somit eben so handeln, wie da die Propheten von ihnen ausgesagt haben! Und so mußten die Kinder der Höhe in der Tiefe fallen, weil solches nun schon der Henoch durch seinen Mitlauf vorgedeutet hatte!

[HGt.03_036,09] Wenn sich aber die Sache also verhält, wie können denn die Menschen dann gestraft und gezüchtigt werden, da sie doch tun mußten, was die Prophetie von ihnen angedeutet hatte?“

[HGt.03_036,10] Ich aber sage: Wenn sich die Sachen also verhielten, da wäre es freilich wohl traurig, ein lebendes Geschöpf zu sein; da sich aber die Sachen ganz anders verhalten und die Propheten nur die notwendigen Folgen anzeigen, welche aus einer oder der andern Handlung des Menschen so bestimmt hervorgehen zur bestimmten Zeit, als wie da hervorgeht aus einem und dem andern Samenkorne, das jemand in die Erde legt, ganz bestimmt eine dem Samenkorne bestimmt entsprechende Frucht zur bestimmten Zeit, so meine Ich, sollte das doch nicht gar so bitter sein, so Ich eben durch die Propheten den Menschen anzeige, was für Früchte oder notwendige Folgen in ihren Handlungen stecken?!

[HGt.03_036,11] Ist denn die Sache gar so bitter, wenn der Landmann im voraus weiß, daß er aus dem Weizenkorne nur wieder das Weizenkorn ernten kann, aus dem Samen des Unkrautes aber nichts als nur wieder Unkraut?!

[HGt.03_036,12] Wenn aber solches dem Menschen gut ist, wie sollte es ihm denn nicht gut sein, durch den Mund der Propheten zu erfahren, welche Früchte aus seinen Handlungen zufolge Meiner ewigen, unwandelbaren Ordnung hervorgehen müssen, wenn der Mensch dieselben Handlungen fortwährend begeht und sie nicht ändert?!

[HGt.03_036,13] Ändert aber der Mensch seine Handlungen, so werden auch andere Früchte zum Vorschein kommen, was ohnehin von jedem Propheten allzeit beigesetzt wird; denn ein rechter Prophet spricht und handelt ja stets nur bedingungsweise.

[HGt.03_036,14] Sonach ist ja durch den Propheten die Freiheit der Menschen keineswegs beeinträchtigt, sondern nur außerordentlich begünstigt, indem der Mensch dadurch seine Handlungen kennenlernt und sie dann erst ganz frei ausüben kann, da er weiß, welche Früchte sie ihm bestimmt tragen werden, entweder gute oder böse!

[HGt.03_036,15] Also liegt in dem Laufe des Henoch ja auch nur eine Bedingung, über welche wir ihn bei der nächsten Gelegenheit sich selbst aussprechen hören werden.

[HGt.03_036,16] Doch da die beiden schon bei der Familie sind, so habet nun acht auf das Benehmen derselben!

37. Kapitel — König Lamechs Freudesturm und überschwengliches Dankgebet. Henochs Warnung vor übereilten Gelöbnissen

[HGt.03_037,01] Als der Lamech nun mit den Seinen völlig zusammenkam, da konnte er von der immensesten Freude über das Wiedersehen seiner beiden Weiber, seiner zwei Söhne, seiner Lieblingstochter und ihres mächtigen Gemahls kein Wort über seine Lippen bringen, und es ging ihm wie einem, der so recht – wie ihr zu sagen pfleget – über die Ohren verliebt ist und vor lauter Liebe auch kein Wort herausbringt, um seiner Geliebten zu sagen, wie teuer sie ihm ist.

[HGt.03_037,02] Erst nach einer geraumen Zeit, als sich der erste Freudesturm ein wenig gelegt hatte, konnte unser Lamech erst folgende Worte herausbringen, welche also lauteten:

[HGt.03_037,03] „O Herr, Du endlos liebevollster, heiligster Vater, wie soll ich Wurm im Staube vor Dir, o Gott, Dir danken, wie Dich loben, preisen und anbeten für so endlos viel Gnade, da ich doch nicht des allergeringsten Teiles derselben wert bin?!

[HGt.03_037,04] O ihr meine Weiber und Kinder, wie viele Nächte habe ich doch um euch bei mir geseufzt und geweint; aber ich war dabei auch voll des bittersten Grimmes gegen Gott und versuchte mich allerendlosest-törichterweise darum zu rächen an Ihm, dem allmächtigen, ewigen Herrn der Unendlichkeit, euretwegen.

[HGt.03_037,05] Darum hätte ich von Gott aus ja doch nichts anderes verdient als eine ewige, allerärgste Züchtigung; allein statt mich allerverdientestermaßen zu züchtigen, erweist mir der Herr solche Gnaden, vor deren unermeßlicher Größe sicher selbst die größten, vollkommensten Geister erschauern!

[HGt.03_037,06] Also muß ich ja allerbilligstermaßen aus allen Kräften rufen: O Herr, Du unendlich allerliebevollster, allerheiligster Vater! Was verlangst Du von mir, das ich tun soll, auf daß ich Dir dadurch doch irgendein Wohlgefallen erweisen könnte für solche Deine zu endlos große Gnade!“

[HGt.03_037,07] Hier sagte der Henoch zum Lamech: „Höre Bruder, du hast wohl geredet vor den Deinen, vor mir und vor Gott; aber eines darinnen war nicht in der Ordnung des Herrn!

[HGt.03_037,08] Siehe, du hast in deinem großen Liebefeuer den Herrn gewisserart aufgefordert, daß Er von dir ein Opfer verlangen möchte, welches du Ihm alsonach darbringen würdest, und möchtest dich dadurch dankbar bezeigen und gebührend wohlgefällig vor Gott!

[HGt.03_037,09] Es ist recht, wenn du in dir einen solchen Drang verspürst, aber bedenke, wenn der Herr nun von dir verlangen würde, du sollest Ihm gerade die da opfern, die dich nun mit solchem Lieb- und Dankfeuer gegen den Herrn erfüllt haben! Sage mir, was würdest du dann tun?“

[HGt.03_037,10] Hier stutzte der Lamech ganz gewaltig und wußte keine Antwort auf diese Frage von so großer Bedeutung zu finden.

[HGt.03_037,11] Aber der Henoch sagte darauf sogleich wieder zum Lamech: „Höre du, mein geliebtester Bruder, solches bedünkt dich nun sehr, und du findest in deinem Herzen keine Antwort auf diese Frage!

[HGt.03_037,12] Ich aber sage dir: Und wenn der Herr noch mehr von dir verlangen möchte, als was ich dir in meiner Frage zur Bedingung gestellt habe, so müßtest du solches alles mit dem allerbereitwilligsten Herzen tun; denn wahrlich, sage ich dir, wer aus Liebe zum Herrn nicht alles verlieren kann, der ist des Herrn nicht wert!

[HGt.03_037,13] Wer auf der Welt sein Weib, seine Kinder, seine Brüder und seine Eltern sogar mehr liebt als den Herrn, der ist des Herrn auch nicht wert!

[HGt.03_037,14] Daher soll ein jeder seine Liebe vorher gar wohl prüfen, bevor er dem Herrn irgendein Gelöbnis machen mag! Denn wer dem Herrn ein freies Dankopfergelübde macht und es gereut ihn dann, wenn er es ausführen soll, des gemachten Gelübdes, siehe, der ist doch sicher des Herrn nicht im geringsten wert, und der Herr wird dann einem solchen Gelübdemacher auch tun nach dem Maße, wie dieser Ihm sein angelobtes Opfer dargebracht hat.

[HGt.03_037,15] Es wird dich der Herr zwar nicht auf diese Probe stellen; aber dessenungeachtet sollst du solches wissen und in der Zukunft wohl bedenken, was du redest vor Gott; denn Er ist nicht, daß Er mit Sich scherzen ließe!

[HGt.03_037,16] Solches also bedenke und beachte es wohl, und laß uns nun ziehen in dein Haus und dann zum Tempel auf dem Berge! Amen.“

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