205. Kapitel – Der Tullia Klage. Marias tröstende Worte. Der Tullia Selbstschau, Reue und
Buße. Jesu Lieblingsspeise. Die alte und die neue Tullia.
11. Mai 1844
[205,01] Nach einer Weile erst erholte sich die Tullia wieder und fing an gar bitterlich
zu weinen und sagte:
[205,02] „O Herr, warum ward ich sehend einst in diesem Hause, warum das Weib des
Cyrenius, daß ich nun in meinem vermeintlichen Glücke so viel zu leiden habe?!
[205,03] Warum erwecktest Du die Tote, warum mußte denn wieder Leben in meine
Brust kehren?!
[205,04] Bin ich denn zur Qual geboren worden? – warum gerade ich, während doch
Tausende und Tausende ruhig und glücklich leben und wissen kaum von einer Träne, die der
Schmerz dem Auge erpreßt! – ?“
[205,05] Maria aber, von Mitleid gerührt, tröstete die Tullia mit folgenden Worten:
[205,06] „Tullia, du mußt nicht hadern mit dem Herrn, deinem und meinem Gotte!
[205,07] Denn siehe, das ist schon so Seine Art und Weise, daß Er gerade diejenigen,
die Er liebt, recht starken Prüfungen aussetzt!
[205,08] Solches erkenne du in deinem Herzen, und erwecke deine Liebe von neuem zu
Ihm, und Er wird sobald vergessen Seiner Drohung und wird dich aufnehmen von neuem in
Seine Gnade!
[205,09] Denn Er hatte schon gar oft gedroht den Übeltätern und hat ihnen den
Untergang auf den nächsten Tag durch die Propheten verkünden lassen und bezeichnen die
Stelle, auf der die Hunde ihr Blut auflecken sollen.
[205,10] So aber die Übeltäter zur Buße griffen, da sprach Er sobald zum Propheten:
,Siehst du nicht, daß er Buße tut? Darum will Ich ihn auch nicht strafen!‘
[205,11] Als Jonas berufen ward von Gott, den Niniviten, die in alle Sünden versunken
waren, den Untergang zu verkünden,
[205,12] da wollte dieser nicht hingehen, denn er sprach: ,Herr! Ich weiß, daß Du nur
höchst selten das folgen lässest, was der Prophet androhen muß;
[205,13] darum will ich nicht hinziehen, auf daß ich als ein Prophet vor den Niniveern
nicht zuschanden würde, wann Du Dich ihrer sicher wieder erbarmen wirst!‘
[205,14] Siehe, sogar dieser Prophet setzte einen gegründeten Zweifel in den Zorn
Gottes!
[205,15] Ich aber rate dir: Tue du, was die Niniveer taten, und du wirst wieder zu
Gnaden aufgenommen werden!“
[205,16] Diese Worte flößten der Tullia wieder Mut ein, und sie fing an, über sich
nachzudenken, und fand bald eine Menge Fehler in sich und sprach:
[205,17] „O Maria! Jetzt erst ersehe ich, und es wird mir klar, warum mich der Herr
also züchtiget!
[205,18] Siehe, mein Herz ist voll Sünden und voll Unlauterkeit! – Oh – wie werde ich
es je zu reinigen vermögen?!
[205,19] Wie kann ich es also wagen – mit einem so höchst unreinen Herzen den
Heiligen aller Heiligkeit zu lieben?!“
[205,20] Und die Maria sprach: „Eben darum mußt du Ihn lieben in deiner reuigen
Schulderkenntnis; denn solche Liebe allein nur wird dein Herz reinigen vor Ihm – dem
Heiligen aller Heiligkeit!“
[205,21] Als spät am Abende das Kindlein mit Seinem Jakob wieder ins Haus kam, da
ging Es sobald zur Maria und verlangte etwas zu essen. Und Maria gab Ihm sogleich etwas
Butter, Brot und Honig.
[205,22] Darauf sagte Es: „Ich sehe noch eine andere Speise, gib Mir auch davon zu
essen! – Siehe, es ist das Herz der Tullia; gebe es Mir, weil du es schon für Mich zubereitet
hast!“ – Hier fiel die Tullia vor dem Herrn nieder und weinte.
[205,23] Maria aber sprach: „O Herr! Erbarme Dich der Armen, die da viel leidet!“
[205,24] Und das Kindlein sprach: „Ich habe Mich ihrer schon gar lange erbarmt, sonst
hätte Ich sie nimmer erweckt!
[205,25] Nur sie war es, die von Meiner Erbarmung keine Notiz nehmen wollte und
wollte lieber hadern mit Mir in ihrem Herzen, als Mich aufnehmen in selbem.
[205,26] Da sie aber nun ihr Herz zu Mir gewendet hat, so habe Ich ihr getan wie den
Niniveern.“
[205,27] Nach diesen Worten ging das Kindlein hin zur Tullia und sprach zu ihr:
[205,28] „Tullia, siehe, Ich bin nun recht müde geworden. Du hast Mich einst auf
deinen Armen schon getragen, und es tat Mir wohl; denn du hattest recht weiche Arme!
[205,29] Also erhebe dich auch jetzt, und nehme Mich auf deine Arme und fühle, wie
süß es ist, den Herrn des Lebens in den Armen zu haben!“
[205,30] Dies Begehren des Kindleins brach der Tullia völlig das Herz.
[205,31] Mit der ihrem Herzen möglich höchsten Liebe nahm sie das Kindlein auf ihre
weichen Arme und sprach weinend:
[205,32] „O Herr! – Wie möglich wohl ist das, daß Du mir nun gegen Deine
schreckliche Drohung so gnädig bist?!“
[205,33] Und das Kindlein sprach: „Weil du die alte Tullia, die Mir zuwider war,
ausgezogen und eine neue, Mir werte, angezogen hast! – Doch jetzt sei ruhig; denn nun habe
Ich dich schon wieder lieb!“ – Durch diese Szene wurden alle zu Tränen gerührt.
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