265. Kapitel – Cornelius beruhigt Joseph auf dessen ängstliche Fragen über den neuen und
grausamen König Archelaus.
27. Juli 1844
[265,01] Als das Frühstück verzehrt war, da besprach sich dann der Joseph mit dem
Cornelius über den König Archelaus und fragte genau, was das für ein Mensch sei, und wie er
herrsche.
[265,02] Und der Cornelius sagte zum Joseph: „Erhabenster Mann und Freund! Wenn
ich und mein Bruder Cyrenius ihm nicht die Stange hielten, da wäre er noch um zehnmal
grausamer, als es sein Vater war.
[265,03] Aber so haben wir seine Gewalt sehr beschränkt aus guten Gründen, und so
darf er nichts als bloß nur seine Steuern einheben, und das nach unserem Ermessen!
[265,04] Und falls die Steuerpflichtigen sich irgend weigerten, die Steuern zu
entrichten, so hat er sich an uns zu wenden;
[265,05] widrigenfalls wir ihm alle Tage die Absetzungsurkunde des Kaisers, die ich
allzeit in meinen Händen habe, überreichen und ihn dann als vogelfrei vor allem Volke
erklären können.
[265,06] Demnach hast du von diesem Könige nicht das geringste zu befürchten;
[265,07] denn es sei ihm ja nicht geraten, ja nur irgend im geringsten wider die
bestehenden Vorschriften zu handeln,
[265,08] sonst ist er morgen kein König mehr, sondern ein geächteter vogelfreier
Sklave Roms!
[265,09] Freund! Ich meine, mehr brauchst du nicht zu deiner Beruhigung.
[265,10] Ich bin der Landpfleger nun von Jerusalem, und mein Bruder Cyrenius ist
quasi ein Vizekaiser von Asien und Afrika, und wir sind deine Freunde!
[265,11] Ich glaube, eine bessere Bürgschaft, weltlicherweise genommen, kann es wohl
in einem Lande für einen Menschen nicht geben.
[265,12] Und die allergrößte Bürgschaft für deine Sicherheit und Ruhe wohnt wohl in
deinem Hause!
[265,13] Daher sei du ganz ruhig nun, und betreibe deine mir schon bekannte Kunst
ohne Scheu und Furcht!
[265,14] Ich aber werde bei der Bemessung der Steuer für dich schon eine solche
Rubrik aussuchen, die dir nicht weh tun wird!“
[265,15] Als der Joseph solches vom Cornelius vernommen hatte, da ward er wieder
ganz heiter, froh und ruhig.
[265,16] Der Cornelius aber entdeckte die fünf Mädchen des Cyrenius und die Eudokia,
die ihm sehr bekannt zu sein schien, die er aber hier dennoch nicht erkannte.
[265,17] Er fragte daher den Joseph um die näheren Bewandtnisse dieser Personen.
[265,18] Und der Joseph gab ihm alles kund nach der Wahrheit vollkommen, ohne
irgendeinen mystischen Vorhalt.
[265,19] Als auf diese Art der Cornelius erfuhr, wie gar menschenfreundlich der Joseph
sich gegen seinen Bruder Cyrenius verhalte und wie höchst uneigennützig, da war es aber
auch aus beim Cornelius.
[265,20] Seine Freude war übergroß, und er küßte darob den Joseph hundert Male und
rief die Kinder seines Bruders zu sich und herzte und küßte sie auch.
[265,21] Zum Joseph aber sprach er: „Weil du also mit meinem Bruder stehest, so sollst
du auch für alle Zeiten steuerfrei sein gleich jedem Bürger Roms; und heute hefte ich selbst
den Freibrief des Kaisers an dein Haus!“ – Joseph ward darob zu Tränen gerührt, und alles
weinte mit ihm vor Freuden.
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