280. Kapitel – Das nun fünf Jahre alte Kind spielt am Bächlein. Die zwölf Grübchen und die
zwölf Lehmsperlinge. Die Erklärung des Bildes. Des Erzjuden Ärgernis, und des Kindleins
Wunder.
14. August 1844
[280,01] Als das Kind vollends fünf Jahre alt war und einige Wochen darüber, da ging
Es einmal an einem Sabbate zu einem Bächlein, das da unfern vom Meierhofe Josephs floß.
[280,02] Es war gar ein heiterer Tag, und mehrere Kinder geleiteten den kleinen
munteren Jesus dahin;
[280,03] denn es hatten alle die Nachbarskinder Jesum gar lieb, weil Er stets munter
war und wußte eine Menge unschuldiger Kinderspiele anzuordnen.
[280,04] Aus diesem Grunde folgten die Nachbarskinder Ihm auch diesmal gar freudig.
[280,05] Als die kleine Gesellschaft am Bache ankam, da fragte das Kindlein Seine
Mitgespielen, ob es wohl erlaubt sein wird, an einem Sabbate zu spielen.
[280,06] Die Kinder aber sprachen: „Kinder unter sechs Jahren sind nicht unter dem
Gesetze, und wir alle sind noch einzeln kaum sechs Jahre alt;
[280,07] daher können wir wohl spielen auch am Sabbate; denn unsere Eltern haben
uns solches noch nie untersagt!“
[280,08] Und das Jesuskind sprach darauf: „Gut gesprochen! Also lasset uns ein Spiel
machen!
[280,09] Auf daß wir aber dennoch niemandem ein Ärgernis geben, so werde Ich ganz
allein euch etwas sehr Merkwürdiges zeigen.
[280,10] Ihr aber müßt euch dabei alle ganz ruhig verhalten!“
[280,11] Darauf setzten sich die andern Kinder auf den grasreichen Boden nieder und
verhielten sich ganz ruhig und mäuschenstill.
[280,12] Das Kindlein aber nahm ein Taschenmesserchen und schnitt am
glattgetretenen Wege neben dem Bächlein zwölf kleine runde Grübchen aus und füllte sie
dann mit Wasser aus dem Bächlein.
[280,13] Darnach nahm Es von dem neben dem Bächlein häufig befindlichen weichen
Lehm und formte in einem Nu eben auch zwölf Vöglein in der Gestalt der Sperlinge und
stellte zu jedem Wassergrübchen einen Sperling.
[280,14] Als die Lehmsperlinge also aufgestellt waren, da fragte das Kindlein die
Mitgespielen, ob sie wüßten, was das bedeute.
[280,15] Und diese sprachen: „Was sonst, als was es ist? – Zwölf Grübchen voll
Wassers und daneben zwölf Lehmsperlinge!“
[280,16] Das Kindlein aber sprach: „Das sicher; aber dies Bild bedeutet auch noch ganz
etwas anderes!
[280,17] Höret, Ich will es euch erklären! Die zwölf Grübchen bezeichnen die zwölf
Stämme Israels.
[280,18] Das reine Wasser in ihnen ist das Wort Gottes, das überall gleich ist.
[280,19] Die toten Lehmsperlinge aber stellen die Menschen vor, wie sie jetzt im
allgemeinen sind.
[280,20] Diese stehen auch bei dem lebendigen Wasser des Wortes Gottes, aber weil
sie zu irdisch sind, wie diese Sperlinge, so stehen sie auch, wie diese hier, tot an den
Lebensbecken, die voll sind des Lebens;
[280,21] aber sie wollen und können dessen nicht achten, weil sie tot sind durch ihre
Sünden.
[280,22] Darum aber kommt der Herr Gott Zebaoth nun und wird in der größten
Bedrängnis diese toten Menschen wieder beleben, und sie werden wieder auffliegen können
zu den Wolken des Himmels!“
[280,23] Es bemerkte aber dieses Kinderspiel ein vorübergehender Erzjude, der den
Joseph kannte. Er eilte sogleich ins Haus und machte vor Joseph einen großen Lärm, warum
er dadurch den Sabbat schände, daß er seinen Kindern also zu spielen erlaube!?
[280,24] Joseph aber ging sogleich mit ihm zu den Kindern und machte freilich nur
einen blinden Lärm des Fremden willen.
[280,25] Da sprach das Kindlein: „Das ist auch eine große Bedrängnis, und so gebe Ich
euch Lehmsperlingen das Leben! – Und nun flieget von dannen!“
[280,26] Und plötzlich erhoben sich die Lehmsperlinge und flogen davon. Darob aber
ergriff alle ein fieberhaftes Staunen, und der Erzjude sagte darauf nichts mehr. – Und das war
das erste Wunderwerk des Kindleins, als Es fünf Jahre alt war. – –
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