(Martin Luther hält eine schöne Glaubensrede an die Räuber, und diese erklären sich bereit, den Glauben nach der echten Gotteslehre anzunehmen. Angebotene Gelegenheit zur Erfüllung des Gebots der Nächstenliebe.)
Vor den Räubern angekommen, begrüßte er sie mit folgender Ansprache: „Liebe Brüder und Freunde in unserer freien Gemeinschaft! Ich grüße euch mit dem Gruße des Vaters Jesus: Friede sei mit euch! Als ein Knecht, obwohl ein unwürdiger des himmlischen Vaters, komme ich zu euch, um euch die Liebe des Vaters zu Seinen Kinder zu verkünden. Nicht als Gefangene, sondern als unsere freien Mitbrüder will ich euch behandeln und euch von unserem Lichte, unserer Gnade, die wir vom lieben Vater haben, mitteilen. Daher, liebe Brüder, habet ja keine Furcht vor mir und keine Bedenken gegen meine Worte, denn sie sind Worte der Liebe und des Wohlwollens zu euch allen. Wir verlangen nichts Ungewöhnliches und Unmögliches von euch. Nein, mein Vorschlag stützt sich auf die Worte unseres lieben Vaters, der zu uns spricht: ,Meine Bürde ist leicht und mein Joch sanft.’ Diese Worte unseres Vaters besagen euch alles. Ja, sicher ist es, das Joch Jesu ist sanft und die Bürde nicht schwer zu tragen. Da ihr diese Bürde und dieses Joch kennet, so wird nun meine Aufgabe die sein, euch alles klarzulegen, damit ihr versteht, um was es sich handelt und was eure künftige Aufgabe sein soll.“
Nach dieser Einleitung begann er folgende Ansprache an sie zu halten: „Liebe Brüder und Freunde! Wir sind nicht mehr auf der Erde, wo uns alle möglichen Schranken gegen das echte, geistige Leben nach Jesu Lehre im Wege stehen. Wir sind hier nicht mehr Menschen nach Rang, Stand und Besitztum voneinander geschieden, sondern wir sind hier als Kinder eines einzigen ewigen Vaters Jesus, daher alle gleich und alle Brüder und Schwestern ohne Unterschied.
Dieses Bewusstsein kettet uns aneinander und dadurch gibt es nur eine kindliche und brüderliche Gemeinschaft unter uns. Hier ist niemand der erste oder letzte, wir sind alle gleich, weil wir alle Brüder sind, und somit sind auch eure Weiber und überhaupt eure Angehörigen unsere Brüder und Schwestern. Das ist also der erste Punkt, den ich zu besprechen hatte, um euch zu zeigen, dass ihr uns lieb und teuer seid. Nachdem wir euch als ebenbürtig anerkennen und aufnehmen, wollen wir euch helfen, dass ihr uns das werdet, für was wir euch hiermit erklären. Euer Leben war bis jetzt ein trauriges, ein verbrecherisches am Nächsten, dies könnt ihr nun aufgeben, denn in unserer Gesellschaft soll euch nichts fehlen. Daher – wozu noch stehlen und rauben?
Saget mir, liebe Brüder, ist euch dieser Vorschlag angenehm? Und wollet ihr ihn annehmen, um in unserer Gesellschaft als Brüder fernerhin betrachtet zu bleiben?“
Diese Sprache kam den Räubern vor, wie aus den Wolken herab, und einstimmig erklärten sie, den Vorschlag anzunehmen. Man kann sich die Freude des Martin Luther bei dieser Äußerung der Räuber denken!
Voll Dankes im Herzen zu Mir, wandte er sich wieder an die Räuber und sagte: „Brüder, Freunde! Ich wusste es, dass ihr meinen Vorschlag nicht abschlagen werdet, denn es kam mir aus der Liebe und sprach zur Liebe, und somit ist der erste Schritt beendet. Nun kommt die zweite Frage und diese betrifft das geistig-seelische Leben in uns und unter uns.
Auf der Erde gibt es steinerne Kirchen, hochtrabende kirchliche Würdenträger in reichen Ornaten, die man bezahlen muss. Das gibt es hier nicht. Die Kirche ist unsere sich brüderlich liebende und gegenseitig unterstützende Gemeinde. Der Priester bin ich. Aber nicht ein solcher, wie die auf der Erde sind, sondern ich will euch dienen mit Rat und Tat ohne Bezahlung oder Entschädigung. Ich bin euer Mitbruder, und nicht euer Herrscher und Bischof im Sinne wie sie auf der Erde sind, sondern im Sinne Christi: Der Größte soll der Diener aller sein. Ich glaube, gegen das werdet ihr nichts einzuwenden haben?“
„O Gott bewahre, lieber Bruder, das entschieden nicht! Wir sind froh, einmal einen Priester zu sehen, der nach den Worten Christi lebt und handelt“, antworteten ihm die Räuber.
„Ich erfuhr aus dem Munde des Engels, dass ihr Protestanten und Römisch-Katholische seid, also feindlich gesinnte Fanatiker und gegenseitige Verfolger auf der Erde. Anders hier, wir haben hier keine heidnischen Kirchenzeremonien, keine Kirchengesetze und menschlichen Satzungen. Wir sind frei von jeder Kirchenherrschaft, wir erkennen hier nichts als bloß unseren Vater Jesus als unseren Gott und daher unser Alles, weil Er zugleich Vater, Erlöser von der Erbsünde und Heiland unserer Seele ist. Sonst gibt es nur Brüder und Schwestern. Aber keine uns vorangestellte, sondern uns gleichgestellte, wie ihr an unserem Engel sehet, der gewiss ein großer und mächtiger Bote Gottes ist und doch so freundlich und zuvorkommend uns Sündern gegenüber, wie nur die größte Bruderliebe dies zuwege bringen kann. Saget, liebe Brüder, ist euch diese Einfachheit der Religion recht oder wollt ihr solche Kirchenherrschaft, wie sie auf der Erde besteht?“
„Nein, nein und hundertmal nein, wir sind mit deiner Lehre ganz einverstanden. Erzähle uns nur weiter, was da noch zu halten oder zu glauben ist!“
Dieses allseitige Einverständnis brachte Martin Luther in größte Freude, und so dachte er nach, wie er die weiteren Punkte entwickeln solle, dass sie den Zuständen des Geisterreiches und den Seelenzuständen der Räuber angepasst wären. Nach einer kurzen Pause hob er wieder an: „Wir sind alle Brüder und Schwestern und Kinder eines und desselben heiligen und überguten Vaters Jesus, der in Seiner grenzenlosen Liebe zu uns einst vor l500 Jahren das Kleid des Menschen, also einen Fleischleib sich erschuf, indem Er Mensch wurde, um uns eine Lehre der Gottes- und der brüderlichen Liebe zu predigen, und zuletzt für uns am Kreuze Sein teures Blut und Leben dahinzugeben, um uns von der Erbsünde zu erlösen, die unser fleischlicher Urvater Adam einst begangen, indem er gegen das Gebot der Keuschheit sündigte. Daher ist es unsere einzige Aufgabe, diesen lieben und guten Vater Jesus über alles zu lieben, ebenso Seine Kinder, somit alle Menschen, wie uns selbst, weil alle Menschen Gotteskinder sind, und daher ihnen alles das zu tun, was wir wünschen, dass sie uns täten, wenn wir in Not wären und ihrer bedürfen würden.
Das Gebot der Nächstenliebe haben wir an euch geübt, trotzdem ihr Räuber und Verbrecher in unseren Augen wart. Somit ist es euch klar, wie wohl eine solche Liebeswohltat einem Menschen tut, wenn er sie bedarf. Ich frage euch daher, wollt auch ihr so gegen andere Menschen handeln, wie wir gegen euch handelten, statt zu richten und zu züchtigen?“
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