(Der Geist liest seine Grabesinschrift und verwundert sich, dass er tot sei. Lebensgeschichte des Verstorbenen. Aussage des zweiten Geistes, woran er gestorben sei. Beichte und Kommunion am Totenbett nach römischer Art ist wertlos, weil man trotzdem in die Hölle kommt. Belehrung, wann die Sünden verziehen werden. Verwundern des Geistes, dass er in der Hölle sei und Frage nach Höllenfeuer, Satan und Teufeln.)
Der Primus und die ganze Gesellschaft blieben einige Minuten still und warteten auf das Resultat. Plötzlich las er: „,Hier liegt begraben Primus Weber, welcher hier in Altendorf im Jahre 1490 am 28. Februar geboren wurde und im Jahre 1530, am 5. Oktober, an einer unheilbaren Krankheit gestorben ist. Ruhe seiner Asche!’ Merkwürdig, sonderbar! Ich und tot? Das ist mir ein Wunder, ein Rätsel“, sprach er vertieft in seine Gedanken. „Und ich wusste nichts davon!“
„Ja, schon 16 Jahre liegt dein verfaulter und vermoderter Fleischleib im Grabe, – und da du dessen überzeugt bist, so erzähle uns deine Lebensgeschichte, nach welcher du krank geworden bist.“
Der Kranke fing nun seine Lebensgeschichte zu erzählen an, indem er sagte: „Ich war der einzige Sohn braver Eltern, die mich wie ihr Kleinod betrachteten und fleißig pflegten, aber leider viel zu viel liebten und mir alles erlaubten. Ich wuchs heran zu einem stattlichen Jüngling und wurde teils geliebt, teils gehasst, weil ich zu kühn, zu keck und zu verwegen war. Ich suchte mir gleichgesinnte junge Leute aus und mit diesen beging ich manche böse und sündhafte Tat.
Meine Eltern sahen freilich jetzt ein, was die elterliche Affenliebe aus Kindern zeitigt. Aber es war zu spät. Ich ließ mich nicht mehr bändigen. Die Eltern hatten gewünscht, ich solle heiraten; aber die Mädchen flohen vor dem Wüstling und keine wollte von mir etwas wissen. Denn es gab schon Kinder ohne Ehe, – und so führte ich mein Leben ohne Frau nach öffentlichem Skandalstile weiter.
Meine Eltern trauerten und grämten sich über mein verfehltes Leben so lange, bis sie der Gram aufgezehrt und ins Grab gebracht hatte. Ich war damals 30 Jahre alt und reif an allen Untugenden. Mit diesen trat ich meine Erbschaft an und hielt mir fremde Dienstboten ohne eine spezielle Aufsicht. Da kann man sich denken, wie es in meinem Hause zuging! Die Dienstboten waren faul und diebisch; die Mädchen, die ich gern sah, ebenfalls. Jahr auf Jahr ging meine Wirtschaft herab und verfiel immer mehr in Schulden.
Mein wüstes Leben ohne Regel und Ordnung brachte Krankheiten zum Vorschein, vor denen man sich fürchtete. Daher musste ich ins Spital, alles den Dirnen überlassend, mit denen ich lebte. Die Schuldner meldeten sich, die Wirtschaft wurde verkauft und das Geld an die Gläubiger verteilt. Ich erfuhr zwar alles, aber ich war gebannt ans Bett, krank und verlassen von allen bis auf die Spitalwärter.
Jahrelang blieb ich im Spital, denn man konnte mich nicht mehr kurieren. Ich fluchte und betete, aber es half nichts. Nun erfahre ich, dass ich im Jahre 1530 gestorben bin. Wann war das, wie lange ist das schon her?
„16 Jahre, sage Ich dir,“ antwortete Ich ihm. „Denn wir zählen jetzt nach irdischer Berechnung 1546. Ich glaube, dass du jetzt überzeugt bist, dass deine Krankheit und dein Tod eine Folge deines sündenbeladenen Lebens und deiner Wüstung im Fleische war!“
„Ganz richtig“, sagte Primus.
Ich wandte Mich zu den Übrigen und sprach: „Jetzt saget ihr Mir alle aus dieser Gruppe, ob ihr andere Ursachen habet zu euren Krankheiten!“
„Nein, minder oder mehr sind wir die gleichen Sünder gewesen wie dieser Mitkranke.“
Nun ging ich zur zweiten Gruppe und fragte den ersten: „Johann, sage du uns deine Lebensgeschichte, denn deine Krankheit ist eine andere gewesen.“
„Ja leider, aber gleich tödlich. Denn jetzt glaube ich schon, dass ich im Geisterreich bin, weil mein Freund Primus dieses zugab, worauf ich gleich dasselbe anstellte und mich gleichfalls überzeugte, dass ich von der Welt abgeschieden bin.
Meine Geschichte ist kurz diese: Ich lebte gut, aß, trank, was mir schmeckte, besuchte Wirtshäuser, tanzte fleißig, verkühlte mich dabei, bekam Lungensucht und starb. Dass ich nebenbei verschiedene Sünden beging, ist selbstverständlich. Ich beichtete und kommunizierte zuletzt, aber wie ich nun sehe, war das wertlos, denn ich bin in kein Paradies, sondern etwa in eine Hölle der Kranken gekommen?
Ja, sicher so, denn das Beichten und Kommunizieren nach römischer Art wurde von Christus nie gelehrt noch eingeführt, sondern von neugierigen und Polizei ausübenden Pfaffen.“
Ich sagte darauf: „Gott hätte dir übrigens, weil du verdummt warst, doch verziehen. Aber es war kein Ernst da, sich zu bessern, kein Vorsatz, die Sünden nicht mehr zu begehen, sondern du hast deine Sünden dem Priester erzählt, wie man eine Schuld abzahlt, er gab dir Absolution und du bliebst derselbe wie nach jedem Beichten. Somit hast du den Priester, speziell aber dich belogen. Weißt du, die Sünden werden nicht verziehen, wenn man nicht vollernst sich vornimmt, sie nicht mehr zu begehen und Buße tut. Da du weder das eine noch das andere getan, daher wurden sie nicht verziehen und du kamst als grober Sünder in die Hölle, in diese Krankenanstalt.“
„Was, das soll die Hölle sein? Wo ist das Höllenfeuer? Wo ist der Satan, wo seine Teufel? Ich sehe von alledem nichts. Darum erkläre uns das, denn das ist uns ganz fremd und stimmt mit der römisch-christlichen Lehre unserer Priester nicht überein!“
NEUOFFENBARUNG