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46. Der Herr zum Namenstag Jakob Lorbers

25. Juli 1842, vormittags nach 11 Uhr.

[HiG.03_42.07.25.a,01] So gebe Ich dir denn ein Liedchen an deinem Tage, so der Welt wegen du auch keine Gratulationsbillete empfängst. Ich meine aber, dieses Billet wird länger dauern denn die der Welt. – Dem Offenen aber werde auch Ich allzeit offen sein und freigebig und aufmerksam; dem Zurückhaltenden aber werde auch Ich sein ein sparsamer Geber. Daher denke darum nicht nach, so heute niemand mochte dein Zimmer finden an deinem Tage. – Dafür aber komme Ich doppelt zu dir, wie fürs Ohr, also auch fürs Auge. Siehe, hier bin Ich!

[HiG.03_42.07.25.a,02] Und so schreibe nun in dieser Meiner für dich sichtbaren Gegenwart dies Liedchen unter dem Namen:

Des Baumes letztes Blättchen.

[HiG.03_42.07.25.a,03] 1. / An eines Waldes dicht umstrüpptem Saum / erblickst du einen seltnen dürren Baum, / ein Blättchen nur ganz fahl denselben ziert. / Doch nicht am Zweig hängt mehr dies letzte Blatt, / an einer Spinne Faden nur ganz matt / so lang, bis es ein West der Haft entführt.

[HiG.03_42.07.25.a,04] 2. / Sieh an die Welt, wie sehr dem Blatt sie gleicht, / auch sie da hängt ganz dürr und leicht / am gleichen Faden an des Lebens Baum. / O sieh, schon regt sich dort ein rauher West, / er führt für diese Zierd‘ das End, den Rest, / schon schwirrt er um des Waldes dorn’gen Saum.

[HiG.03_42.07.25.a,05] 3. / O Baum, o Baum, du toter Rest am Wald! / Du brüstest dich mit deiner Scheingewalt – / warum, du Tor?! Ist nicht der Tod dein Los? – / Ja tot, ganz tot bist du, o Baum, schon lang! / Darum wird’s dir vor Meiner Näh‘ nicht bang, / nicht angst in deines Grabes finstrem Schoß.

[HiG.03_42.07.25.a,06] 4. / Das letzte Blatt, ganz los von deiner Haft, / ziert dich nur noch durch eines Fadens Kraft, / den da gesponnen hat ein schnödes Tier – / und du willst prunken noch damit vor Mir / auf diesem alten Todesjagdrevier?! – / O sieh, der West ist da mit großer Gier!

[HiG.03_42.07.25.a,07] 5. / Du trillerst schon, du einsam fahles Ding?! / Tust wohl daran; von Mir nur einen Wink – / geschehen ist’s, o Baum, um deine Pracht! / Magst ahnen nicht, wer hier bei dir nun steht? / Ja, ja, der West um deine Äst‘ schon weht, / nicht merken läßt er dich die große Macht!

[HiG.03_42.07.25.a,08] 6. / Wozu allhier, o West, so große Kraft? – / Ein dürres Blatt nur zwischen Zweigen klafft, / verhängt am schwächsten Faden einer Spinn‘! / Darum kannst wehen du ganz sanft und mild, / ganz leicht wirst fertig du mit diesem Bild, / das tot ist ganz und gar im vollsten Sinn!

[HiG.03_42.07.25.a,09] 7. / O merke, merk‘ auf dieses Bild, du tote Welt, / darum dich nur noch mehr dein Wahn beseelt; / das ist dein Sein in dieser letzten Zeit! – / Vernimm den letzten Ruf aus Meinem Mund, / kehr um zu Mir dich noch in dieser Stund, / eh‘ dich ereilen wird die Ewigkeit! –

[HiG.03_42.07.25.a,10] Höre, verstehe, folge – amen.

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