Von der göttlichen Qualität
4. Als du nun im dritten Kapitel hast gründlich vernommen von der Dreiheit im göttlichen Wesen, so will ich nun allhier klärlich anzeigen von der Kraft und Wirkung, sowohl von den Qualitäten oder Qualifizierung im göttlichen Wesen oder woraus eigentlich die Engel geschaffen sind oder was ihr Corpus und Kraft sei.
5. Wie ich vor auch gemeldet habe, daß in Gott dem Vater sei alle Kraft, die kein Mensch mit seinen Sinnen kann erreichen, allein an den Sternen und Elementen, sowohl an den Kreaturen in dem ganzen Geschöpfe dieser Welt erkennet man das klar.
6. Es ist alle Kraft in Gott dem Vater, und gehet von ihm aus als Licht, Hitze, Kalt, Weich, Süße, Bitter, Sauer, Herbe, Schall und das unmöglich zu reden oder zu begreifen ist. Dieses alles ist in Gott dem Vater ineinander wie eine Kraft, und bewegen sich doch alle Kräfte in seinem Ausgange. Es sind die Kräfte in Gott nicht auf eine solche Art und Weise qualifizierend wie in der Natur in Sternen und Elementen oder in Kreaturen.
7. Nein, so mußt du nicht denken; denn Herr Luzifer hat in seiner Erhebung die Kräfte der unreinen Natur also brennend, bitter, kalt, herbe, sauer, finster und unrein gemacht, sondern in dem Vater sind alle Kräfte linde, weich, gleich dem Himmel ganz freudenreich; denn alle Kräfte triumphieren ineinander und der Schall derselben steiget auf von Ewigkeit zu Ewigkeit. Darinnen ist nichts denn Liebe, Sanftmut, Barmherzigkeit, Freundlichkeit, eine solche triumphierende, aufsteigende Freudenquelle, da alle Stimmen der himmlischen Freudenreich ergehen, das kein Mensch sagen, auch mit nichts vergleichen kann. So mans aber will vergleichen, so muß mans der Seele des Menschen vergleichen: Wenn dieselbe vom Hl. Geiste angezündet wird, so ist sie also freudenreich und triumphierend; alle Kräfte steigen auf in ihr und triumphieren, daß sie den tierischen Leib erheben, daß er zittert. Das ist ein rechter Anblick der göttlichen Qualität, wie die Qualität in Gott ist; in Gott ist alles Geist.
8. Die Qualität des Wassers ist nicht auf solche laufende und qualifizierende Art und Weise in Gott wie in dieser Welt, sondern es ist ein Geist, ganz hell und dünne, in welcher der Hl. Geist aufsteiget, eine Kraft. Die bittere Qualität qualifizieret in der süßen, herben und sauren, und die Liebe steiget darinnen auf von Ewigkeit zu Ewigkeit; denn die Liebe in dem Licht und Klarheit geht aus dem Herzen oder Sohn Gottes in alle Kräfte des Vaters, und der Hl. Geist wallet in allem.
9. Und dieses ist in der Tiefe des Vaters gleich wie ein göttlicher Salitter, welches ich nothalben muß der Erde vergleichen, die vor ihrer Verderbung ein solcher Salitter gewesen, aber nicht also hart, kalt, bitter, sauer und finster, sondern gleich der Tiefe oder dem Himmel, ganz helle und rein, darinnen alle Kräfte sind gut, schön und himmlisch gewesen, aber Fürst Luzifer hats also verderbet, wie hernach folgen wird.
10. Dieser himmlische Salnitter oder Kräfte ineinander gebären himmlische freudenreiche Früchte und Farben, allerlei Bäume und Stauden. Darauf wächst die schöne und liebliche Frucht des Lebens; auch so gehen in diesen Kräften auf allerlei Blumen mit schönen himmlischen Farben und Geruch. Ihr Schmack ist mancherlei, ein jedes nach seiner Qualität und Art, ganz heilig, göttlich und freudenreich; denn jede Qualität träget seine Frucht, gleichwie in der verderbten Mordgrube oder Finstertal der Erde aufgehen allerlei irdische Bäume, Stauden, Blumen und Früchte, dazu in der Erde schöne Gesteine, Silber und Gold; das ist alles ein Vorbild der himmlischen Gebärung.
11. Die Natur arbeitet mit höchstem Fleiße an der verderbten und toten Erde, daß sie möchte himmlische Form und Art gebären, aber sie gebäret tote, finstere und harte Früchte, die nicht mehr als nur ein Vorbild sind der himmlischen; dazu sind sie ganz grimmig, bitter, sauer, herbe, hitzig, kalt, hart und böse, und ist kaum ein guter Funke darinnen. Ihr Saft und Geist ist vermischet mit der höllischen Qualität, ihr Geruch ist ein Gestank. Also hat sie Herr Luzifer zugerichtet, wie ich hernach klar beweisen will.
12. Wenn ich nun schreibe von Bäumen, Stauden und Früchten, so mußt du es nicht irdisch, gleich dieser Welt verstehen; denn das ist nicht meine Meinung, daß im Himmel wachse ein toter, harter, hölzern Baum oder Stein, der in irdischer Qualität bestehe; nein, sondern meine Meinung ist himmlisch und geistlich, aber doch wahrhaftig und eigentlich also; ich meine kein ander Ding als wie ichs im Buchstaben setze.
13. in der göttlichen Pomp sind fürnehmlich zwei Dinge zu betrachten: erstlich der Salitter oder die göttlichen Kräfte, die sind eine bewegende, quellende Kraft; in derselben Kraft wächst aus und gebäret sich die Frucht nach jeder Qualität und Art als himmlische Bäume und Stauden, die ohne Aufhören ihre Frucht tragen, schön blühen und wachsen in göttlicher Kraft also freudenreich, daß ich das nicht reden oder schreiben kann, sondern ich stammele daran wie ein Kind, das da lernet reden und kanns nirgend recht nennen, wie es der Geist zu erkennen gibt.
14. Die andere Gestalt des Himmels in der göttlichen Pomp ist der Marcurius oder der Schall, gleichwie in dem Salitter der Erde ist der Schall, davon wächst Gold, Silber, Kupfer, Eisen und desgleichen, davon man kann allerlei Instrumenta machen zum Schall oder zur Freude, als da sind Glocken, Pfeifen und alles, was da schallet; auch so ist derselbe Schall in allen Kreaturen auf Erden, sonst wäre alles stille.
15. Nun durch denselben Schall im Himmel werden alle Kräfte beweget, daß alles freudenreich wächst und sich ganz zierlich gebäret. Nun gleichwie die göttlichen Kräfte viel und mancherlei sind, also ist der Schall oder Marcurius auch viel und mancherlei. Wenn nun die Kräfte in Gott aufsteigen, so reget eine die andere und wallen ineinander und ist ein stetes Vermischen, alsdann gehen aus denselben allerlei Farben, und in denselben Farben wächst allerlei Frucht; das gehet in dem Salnitter auf und der Marcurius oder Schall vermenget sich auch und steiget auf in allen Kräften des Vaters; alsdann gehet auf Tönen und Schallen in der himmlischen Freudenreich. So du in dieser Welt viel tausenderlei Instrumenta und Saitenspiel zusammenbrächtest und zögest sie alle aufs künstlichste ineinander und hättest die allerkünstlichste Meister dazu, die sie trieben, so wäre es doch nur wie ein Hundegebell gegen den göttlichen Schall und Musica, das durch den göttlichen Schall aufgehet von Ewigkeit zu Ewigkeit.
16. So du nun dies himmlische göttliche Pomp und Herrlichkeit willst betrachten, wie sie sei, was für Gewächse, Lust oder Freude da sei, so schaue mit Fleiß an diese Welt, was für Früchte und Gewächse aus dem Salniter der Erde wächst von Bäumen, Stauden, Wurzeln, Blumen, Öle, Wein, Getreide und alles, was da ist und dein Herze nur forschen kann, das ist alles ein Vorbild der himmlischen Pomp.
17. Denn die irdische und verderbte Natur hat von Anfang ihrer Schöpfung bis auf heute immer gearbeitet, daß sie möchte himmlische Form herfürbringen, beides in der Erde und in Mensehen und Tieren, als man das denn gar wohl siehet; wie alle Jahr neue Künste herfürgehen; das hat vom Anfang bis auf dato gewähret, aber sie hat nicht göttliche Kraft und Qualität können herfürbringen, darum ist ihre Frucht halb tot, verderbet und unrein.
18. Nicht mußt du denken, daß in der göttlichen Pomp Tiere Würme oder Kreaturen im Fleische herfürgehen wie in dieser Welt; nein, sondern ich meine allein die wunderbarliche Proporz, Kraft und Geschicklichkeit in derselben. Die Natur arbeitet mit höchstem Fleiß, daß sie möge in ihrer Kraft himmlische Figuren oder Formen herfürbringen, als man denn siehet in Menschen, Tieren, Vögeln und Würmen, sowohl in den Gewächsen der Erden, daß sich alles aufs künstlichste gebärdet; denn die Natur wäre gern der Eitelkeit los, daß sie möchte himmlische Form in heiliger Kraft gebären.
19. Denn in der göttlichen Pomp gehet gleichwohl herfür allerlei Gewächs von Bäumen, Stauden und allerlei Frucht, und ein jedes träget seine Frucht, aber nicht auf irdische Qualität und Art, sondern in göttlicher Qualität, Form und Art.
20. Die Früchte sind nicht ein tot, hart, bitter, sauer,und herbe Aas, die verfaulen und zu einem Gestank werden, wie in dieser Welt, sondern es stehet alles in heiliger, göttlicher Kraft; ihre Zusammenfügung ist aus göttlicher Kraft, aus dem Salnitter und Marcurio der göttlichen Pomp, eine Speise der Hl. Engel.
21. Wenn es des Menschen greulicher Fall nicht hätte verderbet, so sollte er in dieser Welt auch auf eine solche Weise sein zu Gaste gangen und haben von solchen Früchten gessen, wie sie ihm denn im Paradies beiderlei fürgestellt worden. Aber die infizierte Lust und Sucht des Teufels, der den Salitter infizieret und verderbet hatte, daraus Adam gemacht ward, der brachte den Menschen in böse Lust, von beiden Qualitäten Bösen und Guten zu essen, davon ich hernach klar schreiben und solches auch beweisen will.
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