Von der Qualifizierung eines Engels
19. Nun ist die Frage: Was denn ein Engel für Qualifizierung habe? Antwort: Die heilige Seele des Menschen und der Geist eines Engels ist und hat eine Substanz und Wesen; und ist kein Unterschied in diesem, als nur die Qualität selber in ihrem körperlichem Regiment, die von außen in den Menschen durch die Luft qualifiziert, die hat eine verderbte, irdische Qualität; hingegen aber hat sie auch eine göttliche und himmlische, den Kreaturen verborgen. Aber die heilige Seele verstehet das wohl, wie der königliche Prophet David saget: Der Herr fähret auf den Fittigen des Windes (Ps 104,3). In dem Engel aber qualifizieret die göttliche Qualität ganz heilig, göttlich und rein.
20. Es möchte aber ein Einfältiger fragen: Was meinest du mit dem Qualifizieren oder was ist das? Ich meine hiemit die Kraft, die in den Corpus des Engels von außen in sich gehet und auch wieder heraus als im Gleichnis, wenn ein Mensch Odem holet und lässet ihn wieder von sich; denn darinnen stehet des Corpus und auch des Geistes Leben.
21. Die Qualität von außen zündet den Geist im Herzen in dem ersten Quellbrunnen an, davon alle Kräfte im ganzen Corpus rege werden; dann steiget dieselbe Qualität in dem körperlichen Geiste, welcher ist des Engels oder Menschen Naturgeist auf in Kopf. Da hat er seinen fürstlichen Stuhl und Regiment und hat allda seine Räte, nach denen er sich richtet und tut.
22. Das erste oder der erste Rat sind die Augen, die werden von allen Dingen infizieret, was sie nur ansehen, denn sie sind das Licht. Gleichwie das Licht aus dem Sohn Gottes ausgehet in den ganzen Vater in alle Kräfte, und infizieret alle Kräfte des Vaters und hinwiederum infizieren alle Kräfte des Vaters das Licht des Sohnes Gottes, davon dann der Hl. Geist entstehet.
23. Also wirken die Augen in einem Dinge, das sie ansehen, und das Ding wirket wieder in den Augen, und der Rat der Augen bringets in Kopf vor den fürstlichen Stuhl, da wirds approbieret. So es nun dem Geiste gefällt, so bringet ers dem Herzen, und das Herze gibts den Kraftgängen oder Quelladern im ganzen Corpus; alsdann greift zu das Maul, Hände und Füße.
24. Der andere Rat sind die Ohren; die haben ihr Aufsteigen auch aus allen Kräften im ganzen Corpus durch den Geist. Ihr Quellbrunn ist der Marcurius oder Schall, der aus allen Kräften aufsteiget und schaltet (darinnen der himmlische Ton oder Freude stehet, und der Ton gehet aus allen Kräften, und in der Zusammenfügung des Geistes in Gott erhebet er sich, wenn eine Kraft die andere reget und tönet oder schaltet. Alsdann gehet aus der Ton oder Schall und steiget wieder auf in alle Kräfte des Vaters, und werden alle Kräfte des Vaters hinwiederum damit infizieret, davon sie des Tones immer schwanger sind und den in jeder Kraft immer wieder gebären).
25. Also ist auch der andere Rat im Kopfe, die Ohren, die da stehen offen und der Schall gehet durch sie aus in alles, das da schaltet. Wo nur der Marcurius schaltet und sich erhebet, da gehet der Marcurius des Geistes auch hinein und wird damit infizieret und bringets vor dem fürstlichen Stuhl im Kopfe; da wird es durch die andere vier Räte approbieret.
26. Und so es dem Geiste gefällt, so bringet ers vor seine Mutter in das Herze; und das Herze oder der Quellbrunn des Herzens gibts aller Kraft im ganzen Corpus, dann greift zu Maul und Hände. Wenn es aber dem ganzen fürstlichen Rat im Kopfe nicht gefällt, so es approbieret ist, so lässet ers wieder von sich und bringts nicht der Mutter dem Herzen.
27. Der dritte fürstliche Rat ist die Nase; da steiget auf der Quellbrunn aus dem Corpus in dem Geiste in die Nasen, da hat er zwo offene Porten. Gleichwie der liebliche und holdselige Ruch aus allen Kräften des Vaters und des Sohnes ausgehet und temperieret sich mit allen Kräften des Hl. Geistes, davon der heilige und hochteure Geruch aus dem Quellbrunn des Hl. Geistes aufsteiget und wallet in allen Kräften des Vaters und zündet an alle Kräfte des Vaters, davon sie hinwiederum des holdseligen Ruches schwanger werden und gebären in Sohn und Hl. Geiste.
28. Also auch im Engel und Menschen steiget auf die Kraft des Geruchs aus allen Kräften des Corpus durch den Geist und fähret zu der Nasen raus und infizieret sich mit allem Geruche und bringet den durch die Nasen, dem dritten Rat, in Kopf vor den fürstlichen Stuhl. Da wird es approbieret, ob es ein guter Ruch seiner Complexion annehmlich sei oder nicht. Ist er gut, so bringet er ihn der Mutter, daß er ins Werk kommt, wo nicht, so wird er ausgestoßen. Und dieser Rat des Geruchs, der sich dem Salniter gebäret, der ist auch mit dem Marcurio vermischet und gehöret zur himmlischen Freudenreich und ist ein herrlicher, lieblicher und schöner Quellbrunn in Gott.
29. Der vierte fürstliche Rat ist der Geschmack auf der Zunge, der steiget auch aus allen Kräften des Corpus durch den Geist in die Zunge; denn alle Quelladern des ganzen Leibes gehen in die Zunge, und die Zunge ist aller Kräfte Schärfe oder Geschmack.
30. Gleichwie der Hl. Geist vom Vater und Sohne ausgehe, und ist die Schärfe oder Approbation aller Kräfte und bringet in seinem Wallen oder in seinem Aufsteigen alles, was da gut ist, wieder in alle Kräfte des Vaters, davon des Vaters Kräfte wieder schwanger werden und den Schmack immer gebären. Was aber nicht gut ist, das speiet der Hl. Geist aus als einen Ekel, wie in der Offenbarung Johannis 3,16 steht; und wie er den Großfürsten Luzifer ausspeiete in seinem Hochmut und Verderben, (denn er konnte die feurige, hoffärtige, stinkichte Qualität nicht mehr schmecken); also gehets auch allen hoffärtigen stinkenden Menschen.
31. Mensch, laß dir dies gesagt sein; denn der Geist eifert in dieser Species ernstlich; laß ab vom Hochmut oder es gehet dir wie den Teufeln, es ist kein Scherz; die Zeit ist gar kurz, du wirst es bald schmecken, das höllische Feuer.
32. Nun gleichwie der Hl. Geist alles approbieret, also auch die Zunge, die aprobieret allen Schmack. Und so es dem Geiste gefällt, so bringet ers in Kopf vor die andern vier Räte vor den fürstlichen Stuhl, da wird es approbieret, ob es auch den Qualitäten des Leibes nützlich sei. Und so es gut ist, so wird es in die Mutter des Herzens gebracht, die gibts allen Adern oder Kräften des Leibes; dann greift zu Maul und Hände. So es aber nicht gut ist, so speiet es die Zunge aus, ehe es vor den fürstlichen Rat kommt. Ist es aber, daß es der Zungen gefällt und wohlschmecket und dienet dem ganzen Corpus nicht, so wird es noch, wenn es vor den Rat kommt, verworfen, und die Zunge muß es ausspeien und nicht mehr anrühren.
33. Der fünfte fürstliche Rat ist das Fühlen. Der fünfte Rat steiget auch aus allen Kräften des Corpus in den Geist auf in Kopf. Denn gleichwie aus Gott dem Vater und Sohne ausgehen alle Kräfte in den Hl. Geist und eine reget die andere, davon der Schall oder Marcurius entstehet, daß alle Kräfte töten und sich bewegen; sonst wo eine die andere nicht rügete, so bewegete sich auch nichts, und das Regen macht den Hl. Geist beweglich, daß er in allen Kräften aufsteiget und reget alle Kräfte des Vaters, darinnen dann die himmlische Freudenreich oder Triumphieren entsteht, sowohl Schallen, Tönen, Gebären, Blühen und Wachsen. Das hat alles sein Aufsteigen von dem, daß eine Kraft die andere reget. Denn Christus spricht im Hevangelium: Ich wirke und mein Vater wirket auch. Joh 5,17. Eben dieses Regen oder Wirken meinet er, daß alle Kraft von ihm ausgehet und gebäret den Hl. Geist, und in dem Hl. Geist sind alle Kräfte schon rege von dem Ausgehen des Vaters . Darum wallet der Hl. Geist und steiget auf von Ewigkeit zu Ewigkeit und zündet hinwiederum alle Kräfte des Vaters an und macht sie rege, daß sie immer schwanger sind.
34. Eben eine solche Gestalt hat es auch in Engel und Menschen; denn alle Kräfte in dem Corpus steigen auf, und reget eine die andere, sonst fühlete der Engel und Mensch nichts. So aber nun ein Glied zu sehr beweget wird, so schreiet es den ganzen Leib um Hilfe an, und der ganze Leib reget sich als ein großer Aufruhr, als ob der Feind vorhanden, und kommt demselben Gliede zu Hilfe und erlöset es von den Schmerzen. Wie du das kannst sehen, so du dich nur hart an einen Finger stößest, quetschest oder den verwundest, oder es sei an einem Gliede, wo es wolle, so läuft bald der Geist an demselben Worte zu der Mutter, dem Herzen und klagets der Mutter; und so der Schmerz ein wenig groß ist, so wecket die Mutter alle Glieder des ganzen Leibes auf, und muß alles dem Gliede zu Hilfe kommen.
35. Nun merke: Also rüget ohn Unterlaß eine Kraft die andere im ganzen Corpus und steigen alle Kräfte auf in Kopf vor den fürstlichen Rat, der approbieret aller Kräfte Regen. So sich ein Glied zu sehr reget und irgend einem fürstlichen Ratsherrn Schaden tut als durch das Sehen, wollte das lieben, das ihm nicht gebühret; wie Herr Luzifer tat, der sah den Sohn Gottes und ihm liebete das hohe Licht und bewegete und regete sich zu sehr, in willens, ihm gleich oder noch schöner und höher zu werden. Solch Regen schaffen die Ratsherren ab.
36. Oder wollte sich durch das Hören zu sehr regen und bewegen und gern falsche Reden oder Sachen hören und die dem Herzen bringen; solches schaffen die Ratsherren auch ab.
37. Oder wollte sich durch das Riechen lassen gelüsten nach dem, das nicht sein ist, wie Herr Luzifer auch tat und ließ sich gelüsten des heiligen Ruches des Sohnes Gottes und vermeinete, er würde in seiner Erhebung und Anzündung noch viel lieblicher riechen, wie er denn Mutter Heva auch also betrog und sagte, so sie äße von dem verbotenen Baume, so würde sie klug und Gott gleich werden. Solches Regen schaffen die Räte auch ab.
38. Oder wollte sich durch das Schmecken lassen gelüsten und das essen, das nicht des Leibes Qualität ist oder das nicht sein ist, wie Mutter Heva im Paradies ließ sich nach des Teufels Säu-Apfeln gelüsten und aß davon. Solches Regen in der Lust schaffen die Räte auch ab.
39. In Summa: Ihrer sind darum fünf in dem fürstlichen Rate, daß einer dem andern soll Rat eingeben, und ein jeder ist einer sonderlichen Qualität. Und der zusammengefügte Geist, der sich aus allen Kräften gebäret, der ist ihr König oder Fürst, und sitzet im Kopf im Hirn des Menschen; und im Engel in der Kraft an‘s Hirns Stell auch im Kopfe auf seinem fürstlichen Stuhle und exequieret dasjenige, was durch den ganzen fürstlichen Rat ist beschlossen worden.
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