Von der großen Einfältigkeit Gottes
74. Wohlher, Junker Hans im braunen Rössel, der du reitest vom Himmel in die Hölle und aus der Höllen bis in Tod, darinnen der Stachel des Teufels lieget, besiehe dich hie, du weltkluger Mensch, der du voll böser Klugheit steckest.
75. Merkets ihr weltklugen Juristen, wo ihr nicht vor diesen Spiegel vor das helle und klare Angesicht Gottes wollet und euch allda bespiegeln, so beut euch der Geist die Geburt im innersten herben Zirkel an, wo die Klugheit geboren wird, da die Schärfe der ängstlichen Geburt Gottes ist, denn daselbst wird eure Klugheit und tiefer Verstand geboren.
76. Wollet ihr nun Götter und nicht Teufel sein, so braucht euch des heiligen und sanften Rechten Gottes, wo nicht, so sollet ihr immer und ewig in der strengen und ernsten Geburt Gottes gebären. Solches saget der Geist als ein Wort Gottes und nicht mein totes Fleisch.
77. Du sollst wissen, daß ichs aus der toten Vernunft nicht sauge, sondern mein Geist inqualieret mit Gott und approbieret die Gottheit, wie die sei mit allem ihrem Gebären, Geschmack und Geruch. Befinde demnach, daß die Gottheit sei gar ein einfältiges, sanftes, liebliches und stilles Wesen, daß sich die Geburt der Dreiheit Gottes gar sanft, freundlich, lieblich und einig gebäret, und kann sich die Schärfe der innerlichsten Geburt niemalen in die Sanftmut der Dreiheit erheben, sondern bleibet in der Tiefe verborgen.
78. Und heißet die Schärfe im Verborgenen Gottes Zorn, und das Wesen der Sanftmut in der Dreiheit heißet Gott. Da gehet nichts aus der Schärfe aus, das da verderbe oder den Zorn anzünde, sondern die Geister spielen fein sanft ineinander wie die kleinen Kinder, wenn sie sich miteinander freuen, da ein jedes sein Werk hat, und spielen miteinander und liebkosen einander.
79. Solch Werk treiben auch die heiligen Engel. Und ist in der Dreiheit Gottes gar ein sanftes, liebliches und süßes Wesen, da sich der Geist in dem Tone immer erhebet, und reget eine Kraft die andere, als ob allda liebliche Gesänge oder Saitenspiele aufgingen.
80. Und wie das Aufsteigen der Geister an jedem Orte ist, also formet sich auch der Ton, aber ganz sanft, den Leibern der Engel unbegreiflich, aber der animalischen Geburt der Engel gar begreiflich. Und wie sich die Gottheit an jedem Orte erzeiget, also erzeigen sich auch die Engel. Denn die Engel sind aus diesem Wesen erschaffen und haben ihre Fürsten der Quellgeister Gottes unter sich, wie sie in der Geburt Gottes sind.
81. Darum wie sich das Wesen Gottes in der Geburt erzeiget, also auch die Engel. Welche Kraft in der Geburt Gottes zu jeden Zeiten Primus wird, und jubilieret aus dem Herzen Gottes in dem Heiligen Geiste, dessen Kraftfürst der Engel fänget auch seinen Lobgesang vor allen andern an und jubilieret mit seinem Heere, bald ist einer, bald der ander, denn die Geburt Gottes ist wie ein Rad.
82. Wenn sich aber das Herze Gottes mit seiner Klarheit sonderlich erzeiget, so gehet auf das ganze Heer aller drei Königreiche der heiligen Engel. Und in diesem Aufgehen des Herzens Gottes ist König und Primus der Mensch Jesus Christus, der führet den königlichen Reihen mit allen heiligen Seelen der Menschen bis an Jüngsten Tag. Alsdann werden die heiligen Menschen vollkömmliche Engel und die Gottlosen vollkömmliche Teufel und das in seine Ewigkeit. Hie bespiegele dich, du kluge Welt, woher deine Klugheit kommt.
83. Nun wirst du sagen: Suchest du doch viel tiefer Klugheit als wir, du willst in die Verborgenheit Gottes steigen, das keinem Menschen gebühret. Wir suchen nur menschliche Klugheit, und du willst Gott gleich sein und alles wissen, wie Gott ist, dazu in allen Dingen, beides im Himmel und Hölle, in Teufeln, Engeln und Menschen. Darum ists ja nicht unrecht, alle spitzfindigen, scharfen Listen zu suchen, denn es bringet Ehre und Gewalt, dazu Reichtum.
84. Einrede: Wo du mir auf dieser Leiter, darauf ich in die Tiefe Gottes steige, nachsteigest, so wirst du wohl gestiegen haben. Ich bin nicht durch meine Vernunft oder durch meinen vorgesetzten Willen auf diese Meinung oder in diese Arbeit und Erkenntnis kommen. Ich habe auch diese Wissenschaft nicht gesucht, auch nichts davor gewußt, ich habe allein das Herz Gottes gesucht, mich vor dem Ungewitter des Teufels darein zu verbergen.
85. Als ich aber dahin gelanget bin, so ist mir diese große und schwere Arbeit aufgeleget worden, der Welt zu offenbaren und anzukündigen den großen Tag des Herrn. Und weil sie hart nach des Baumes Wurze lüstert, ihnen zu offenbaren, was der ganze Baum sei, damit anzumelden, daß es die Morgenröte des Tages sei, das Gott in seinem Rat vorlängst beschlossen hat. Amen.
86. Also siehest du nun, was Gott sei und wie seine Liebe und Zorn von Ewigkeit gewesen ist, und darfst nicht sagen, daß du nicht in Gott lebest und bist oder daß Gott etwas fremdes sei, zu dem du nicht kannst kommen, sondern wo du bist, da ist die Porten Gottes. Bist du nun heilig, so bist du deiner Seelen nach bei Gott im Himmel; bist du aber gottlos, so bist du deiner Seelen nach im höllischen Feuer.
87. Nun merke weiter: Als Gott die Engel allesamt schuf, so wurden sie nun aus dieser Gebärung Gottes geschaffen. Ihr Leib ward aus der Natur zusammenkorporieret, darinnen gebar sich ihr Geist und Licht, wie sich die Gottheit gebar. Und wie die Quellgeister Gottes ihre Kraft und Stärke immer aus dem Leibe der Natur nahmen, also auch die Engel, die nahmen ihre Kraft und Stärke immer aus der Natur Gottes.
88. Und wie der Heilige Geist in der Natur alles formete und bildete, also inqualierete auch der Engelgeist in dem Heiligen Geiste und half alles formen und bilden, damit alles ein Herze und Wille wäre und eitel Lust und Freude.
89. Denn die Engel sind des großen Gottes Kinder, die er in seinem Leibe der Natur geboren hat zur Vermehrung der göttlichen Freude.
90. Hie sollst du aber wissen, daß der Engel Leiber nicht können die Geburt Gottes ergreifen. Ihr Leib verstehet sie auch nicht, allein ihr Geist verstehet sie. Der Leib aber hält stille gleichwie die Natur in Gott, und lässet den Geist mit Gott arbeiten und liebespielen. Denn die Engel spielen vor Gott und in Gott gleichwie die kleinen Kinder vor den Eltern, damit wird die göttliche Freude vermehret.
91. Als aber der großmächtige Fürst und König Luzifer erschaffen war, so wollte er solches nicht tun, sondern erhub sich und wollte allein Gott sein, und zündete das Zornfeuer in ihm an. Also taten auch alle seine Engel.
92. Als aber dieses geschah, so brüllete er mit seinem angezündeten Feuergeiste in der Natur Gottes; da ward der ganze Leib in der Natur Gottes, alsoweit seine Herrschaft reichete, angezündet. Weil aber sein Licht zuhand verlosch, so konnte er mit seinem Geiste in den zweien Geburten, des Sohnes Gottes und des Heiligen Geistes Gottes, nicht mehr inqualieren, sondern blieb in der scharfen Geburt Gottes stehen.
93. Denn das Licht Gottes und den Geist Gottes kann die scharfe Gebärung nicht begreifen, darum sind es auch zwei sonderliche Personen. Darum so konnte Herr Luzifer mit seiner strengen, kalten und harten Feuergeburt das Herze und den Hl. Geist Gottes nicht mehr berühren noch sehen, weder schmecken noch fühlen, sondern ward mit seinem Feuergeiste ausgespeiet in die äußerste Natur, darinnen er das Zornfeuer hatte angezündet.
94. Dieselbe Natur ist zwar der Leib Gottes, in welcher sich die Gottheit gebäret. Aber die Teufel können die sanfte Geburt Gottes, welche im Lichte aufgehet, nicht ergreifen. Denn ihr Leib ist im Lichte erstorben und lebet in der wüsten und strengen Geburt Gottes, da sich das Licht nimmermehr wieder anzündet.
95. Denn ihr Fettes im süßen Wasser ist verbrannt, und ist aus demselben Wasser ein saurer Gestank worden, darinnen sich das Licht Gottes nicht mehr kann anzünden und das Licht Gottes kann darin nicht mehr gehen.
96. Denn die Quellgeister in den Teufeln sind im harten Zorne verschlossen. Ihre Leiber sind ein harter Tod und ihre Geister sind ein grimmiger Stachel des Zorns Gottes, und ihre Quellgeister gebären sich immer in der innersten Schärfe nach der scharfen Gottheit Recht.
97. Denn anders können sie sich nicht gebären, auch so können sie nicht ersterben noch vergehen, sondern sie stehen in der allerängstlichsten Geburt, und ist nichts denn eitel Grimmigkeit, Zorn und Bosheit in ihnen. Der angezündete Feuerquell steiget auf von Ewigkeit zu Ewigkeit, und können die süße und lichte Geburt Gottes ewiglich nicht mehr berühren, weder sehen noch begreifen.
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