…Fortzetzung
In den Umwandlungssphären geht nach der Welt das Leben weiter. Ein Gnadenraum und eine Gnadenzeit! Edens Hege, die der Dunkle ‚Mauer‘ nennt, ist sie für ihn und seine Wesen; euch ist sie Schutz und Freundlichkeit aus Meiner Güte. Seine Uferlosigkeit der Welt hört schon am nächsten Meere auf, das nicht zu überschreiten ist wie die vier Ströme Meines Quells.
Der Mensch wird mühsam lernen, wie man ein Element sich nutzbar macht. Doch die Urkraft aller Elemente ist nie zu bezwingen! Ihr tragt keine Fesseln; und weil ihr hebend MIR verbunden seid, darum sage Ich: Geht nicht ans Tor; denn ihr höret nur Betrug. Wenn ihr aber geht, dann wappnet euch. Die Pfeile der Materie sind giftig, rasch und scharf; sie verletzen, ehe ihr es merkt.
Ich segne aber euer Tun und Lassen und beschirme euch mit Meinem Licht. Haltet ihr dies fest, bleibt euch Eden auch erhalten.“ Adam und Eva schlafen danach bis zum ersten Sonnenstrahl. Gestärkt verrichten sie ihr Gebet und das Bad in einem Bach, wie sie täglich tun. Adam sammelt Früchte, und Eva säubert ihre Hütte.
Beim Mahle fragt Eva: „Warum sollen wir die Pforte meiden? Ich fühle mich in Eden ganz beschützt; die Braunen können uns nicht schaden. Wir aber könnten ihnen helfen. Denk‘, Adam, wenn da einer käme und seine Seele wäre GOTT zu bringen; vielleicht folgten ihm noch andere nach.“ Adam bedenkt die Sache.
„Verboten hat der Herr es nicht. Er warnte nur vor dem Betrug. O, jetzt kann einer sagen was er will, wir hören nicht auf ihn. Mich lockt‘s auch, eine arme Seele zu erretten.“ Sie überlegen nicht, daß sie selbst noch keine Reife haben, um anderen zur Reife zu verhelfen. Gottes Wort, in einer Heilsnacht offenbart, hat für Menschen — wie man sagt — am Tage meist ein anderes Gesicht.
An der Pforte lauert längst der Mensch mit ungewissem Wunsch, in Eden einzudringen, wo die Hellen wohnen, während er samt seiner Sippe braunhäutig ist, von kleinerer aber kräftiger Statur. Hinter ihm schürt, ungesehen, der Dunkle in seinem falschen Federhut. Das gelingt; und der Braune höhnt:
„Ich habe euch gesagt, daß ich leben bleibe. Über viele Menschen bin ich jetzt das Oberhaupt geworden, seit ich eure Frucht genossen habe. Ha, euer Garten ist im Vergleich zu meinem Lande nur ein Blatt an einem Baum. Mit der Frucht habe ich die Welt erhalten. Wie viel Früchte an dem Baum, soviel Sippen will ich bilden; und sie werden mir gehorchen. Ich gebe ihnen dafür einen Anteil an der Welt.
Wo ist nun euer Gott? Nichts existiert, was man nicht sieht! Das Edenland gehört nun mir, weil ich die erste Lebensfrucht bekam. Und wenn ihr hundert eßt, seid ihr mir trotzdem unterstellt. Das habe ich gewußt“, prahlt der Braune, vom Satan eingegeben. „Verlaßt ihr aber Eden, so gebe ich Euch gern ein Land von meiner Welt. Ja noch mehr: gerade ihr sollt mit mir herrschen.“
Adam zieht Eva mit sich fort. Hinter ihnen gellt ein schauriges Gelächter. An der Hütte, ihrer Obhut, laufen sie vorbei. Weiter, über einen Strom; sie verspüren kaum, daß ihr Fuß im Wellenschlag versinkt, um die überstürzte Flucht zu hemmen. An dem Feuerbecken auch vorbei, mit einem scheuen Blick darauf.
Winkt die Flamme nicht? Erst am Lilienhain macht Adam halt. O weh! Sie sind dem Ort entronnen, nicht des Verführers Pfeil! Wozu das Herz sie treibt, was aller Unrast rasch ein Ende machte, tun sie erst, als die Sonne sinkt. Der Feuerherd! Täglich waren sie viermal an dieser Stätte; und hier fällt Adam ein, daß er für beide GOTT verantwortlich ist. Er hätte — —
Inbrünstiges Gebet. Aber — Sie stürben an der Frucht; der Braune lebt. Adam weint die ersten Tränen, und Eva mit in ihrer Not. Die Flamme leuchtet heller. Als sie den Strom zurück zur Hütte überschreiten, trägt er sie wie ehedem. Das beruhigt. Nachts erscheint der Herr, tröstet sie und spricht:
„Ich erbarme Mich, obwohl ihr Meinen Rat mißachtet habt. Ich erklärte ja, daß Tod und Leben nicht Erscheinlichkeiten sind. Warum ließet ihr euch fangen, weil der Mensch der Welt noch lebt? Bis zu eurer Reife sollt ihr hier verbleiben, was sich auf die Offenbarung und das Wort bezieht. Könnt ihr an einem Tage lernen, was nur in sieben Jahren möglich ist? Könnt ihr die Schöpfung überschauen, wenn ihr noch nicht einmal die kleine Erde kennt?
Bleibt gehorsam; dadurch sind des Satans Menschen zu erretten und werden frei vom Tod, dem sie von ihm her unterliegen. — Vier Jahre kam Ich zu euch manche Nacht, sichtbar öfter auch bei Tag. Ich lehrte euch das Werk der Löse, wie der sechste Schöpfungstag sich wenden soll. MIR könnt ihr niemals sagen: ‚Herr, wir haben es nicht ganz genau gewußt.‘ —
Das Edentor bedeutet: ihr sollt die Welt nur im Gehorsam und im Opferdienst betreten. Der in euch eingepflanzte Weltteil darf die Zweige breiten, sonst wird er nicht erlöst. Das sind die unteren, die untergeordneten Triebe. Meistens tragen sie bloß Blätter. Die Lichtseele muß der Wipfel sein, der Geist der starke Stamm. Ebenso erklärte Ich den Lebensbaum, dessen Wurzeln mit dem Lebensherz zusammenhängen, dessen Puls allein von Meinem ATMA lebt.
Ihr habt die Lust nicht eingedämmt und euch dann gewundert, daß ein Ast nach draußen wuchs. Ich lege auf euch diese Last: Ihr habt die Frucht hinauswachsen lassen. Doch da die Last vom Splitter hochgewachsen ist, den Ich im Opferdienst für Satans Heil der Welt entnahm, will ich obendrein die Last um Meiner Güte willen segnen. Der Weltmensch ist ein ‚Todesträger‘. Zwar machte ihn die Frucht zum Herrscher, doch zu einem, der zerstört.
Mächtig glänzt es in der Welt, vom ‚Mal des Todes‘ abgestempelt. Sogar eure Arbeit, im Edenland so schön und nützlich, wäre draußen jämmerlich zu nennen. Haltet ihr die Jahre ein, die Ich einzig für die Löse vorbedachte, so werdet ihr die Welt beherrschen; nicht aus Satans Kraft, die stets zerstört. Ihr könnt es aus der Geisteskraft, deren Herrschaft Dienstbarkeit und Hilfe ist! So baut ihr auf; und so kommt es zurück, was sich einst verloren gab.
Ich rate (OJ. 3, 18): Gehet statt zur Pforte an den Feuerherd. MIR da zu begegnen ist besser, als der Materie vor der Tür! Satan windet sich wie eine Schlange und fällt jäh das Opfer an. Hütet euch, ihm nah zu kommen. Sogar an euerm Hüttenherd, den ein Engel bauen half, erscheine Ich, wenn ihr treulich euern Dienst verseht.
Morgen in der Frühe findet ihr zwei Mäntel vor, der blaue diene Adam, er bedeutet Kraft; der rote Eva, er heißt Liebe. Solange ihr gehorsam bleibt, schützen euch die Himmelsmäntel. Ihr brauchtet sie zwar nicht, sollt aber merken, daß Kraft und Liebe bei euch sind. Bedenket noch, daß das Lernjahr der Geduld erst angefangen hat. Wie wollt ihr ohne Eden es vollenden?! Ohne die Geduld läßt sich weder Meine Liebe noch weniger Barmherzigkeit erringen. Sehet zu, daß ihr Mich öfter bei euch habt. Seid gesegnet!“
Gottes Gnadenmäntel, liegen über sie gebreitet. Ach, wie sind sie wunderbar! Viele Tage bleiben die Gedanken an das Draußen fern. Erst allmählich greifen sie das Thema wieder auf, sich fragend, was wohl eine Schlange sei. Sicher etwas Böses. Die Edentiere sind so zahm; jedes läßt sich streicheln.
Zweimal erkunden sie mit Vorsicht, ob jemand an der Pforte steht. Am Feuerherd sagt Adam: „Herr, nichts kann uns verführen!“ Beim dritten Mal gewahren sie, daß der erste Baum nur ein paar Früchte trägt, am dürren Ast, über dem Gehege. Das hat Gott aus Gnade so getan, um ihnen zu erleichtern, die Begehrlichkeit zu hemmen, die der Dunkle angezündet hat. Auszukosten, ob sie ebenfalls keinem absoluten Tod erliegen, hat sie wohl mitunter überfallen; denn des Versuchers Stimme ist nicht tot.
Als sie noch den Baum bestaunen und der Pforte näher kommen, steht der Weltmensch wieder da. Er ruft: „Bleibt, ihr Hellen, und höret mich; es geschieht euch nichts!“ Der Ruf lähmt ihren Willen. Man kann ja hören, was der andere zu sagen hat, aber dann nur fort — — Der Braune lockt:
„Vielemale lief die Sonne ihre Bahn, und ich lebe. Drei Früchte aß ich, drei Kinder sind mein Eigen. Euch habe ich ein Land bewahrt, darin ihr herrschen sollt; nicht unfrei, wie in euerm Garten. Ihr werdet keine Kinder haben, weil an euerm Baumteil keine Früchte sind. Zwei hob ich auf, wenn ihr baldigst zu mir kommt.
Gibt euch das nicht zu denken? Euer Gott nahm euch die Lebensfrüchte weg. Mir konnte Er nichts nehmen. Was erlaubt euch Gott und was verbietet Er? Ich bin Besitzer meiner Welt und tue ganz nach meinem Willen. Wenn ihr kommt, dann seid ihr frei, lebensklug und mächtig.“ Die Schlange nagt das Gute in den Edenmenschen an.
Wie betäubt wenden sich die Hellen um. Zögernd führt ihr Schritt zur Hütte. Einmal sehen sie zurück. Der Zerstörer winkt hämisch nach. Am Quell des Baches, der zum Hüttenteil gehört, wo sie immer gerne saßen, lassen sie sich nieder. Sie schweigen lang, wartend; doch das Licht verzieht. Adam seufzt:
„Wir mußten schon beim ersten Worte fliehen.“ Hatte Eva ihn gehalten? Eva sagt: „Wir hätten gar nicht gehen sollen, wie der Herr geraten hat.“ „Warum nahm Er uns die Früchte weg? Der andere hat drei Kinder! Gott sagte zu, daß wir nach sieben Jahren welche haben würden. Jetzt sind alle Kinderfrüchte in die Welt hinausgewachsen. Gott hat Seine eigene Verheißung nicht gehalten. Nun gehört dem Schattenmenschen diese Erde ganz allein.
Gott ist ja größer als der Dunkelmann; und wir gehn auch nicht mehr hin. Ich will Gott nicht verlieren “ „Ich auch nicht!“ weint Eva laut. Aber Zweifel und Verlangen nisten sich schon ein. „Könnten wir dem Dunklen seine Macht entreißen?“ fragt Adam. „Gottes Kraft müßte ihn bezwingen“, erwidert Eva. Hat Satans Frage durch Adam beide aufgewühlt, so trifft sein Pfeil durch Eva ihre Seelen.
„Wie wäre es“, sagt sie, „wenn wir noch einmal gingen? Bloß ein Schritt hinaus, um eine Frucht zu holen. Wir brauchen keine zwei; GOTT vermehrt sie uns. Danach bleiben wir der Tür für immer fern. Will der Schattenmensch herein, so wird der Herr uns sagen, ob oder wann seine Zeit gekommen ist.“ Adam nickt.
Ein Rat der Welt; im Himmel flackern ihre Kerzen. „Vielleicht ist‘s gut, wenn wir es tun. Gott wird uns helfen. Die Himmelsmäntel lassen wir zurück, wir dürfen diese nicht verlieren.“ Mit ihrer Überlegung streifen sie schon Kraft und Liebe von sich ab: Gottes gute Gaben.
Befreit trinken sie vom kleinen Quell. Das Wasser, bisher süß und frisch, hat einen bitteren Geschmack. Ach, wie verwandelt sich ihr Eden, suchen aber keine Schuld bei sich. Sie fragen nur: warum? In unbekannter Trauer suchen sie die Hütte auf. Noch ist ihre Inbrunst rein, noch steigen die Gebete aus dem Geiste auf. Sie beten, bis die Sonne sinkt.
Im Traum erscheint der Herr. Er wiederholt in langer Rede, was Er sie vom Leben lehrte, den Unterschied zwischen Eden und der Welt, das Symbol der Frucht vom Lebensbaum und andere Symbole. Als schon der Morgen tagt, sagt Er noch:
„Nicht Meiner-, auch nicht euretwegen sollt ihr dienen, sondern für die Fernen, daß sie wieder in den Himmel finden. Ihr sollt an ihrer Statt gehorsam sein! Zu den Prüfungswegen gebe Ich die freie Anleitung. Nach den sieben Jahren braucht ihr keine Frucht! Wie die Sterne in der Nacht, wird Mein Licht euch immerdar erhellen.
Wieder warne Ich: Das Tor zu öffnen gelingt wohl leicht; aber offen halten — ? Die Spur zurück wäre rasch verweht. Noch hat Satan euch erst äußerlich benagt; einmal aber eingeschlüpft, wird es bittere Reue kosten, ehe er in euch zu bannen ist. Das Bittere am Wasser zeigte es euch an.
Nun der Entscheid: Ich oder er! Wohin ihr euch jetzt wendet, das ist euer Ziel. Wer halb handelt, fällt immer auf die falsche Seite. Gehorsam handeln, ist die Handlung für den armen Fall!“ Über beide Schläfer breitet Gott die Himmelsmäntel aus.
Scheint die Sonne noch so hell wie sonst? Fehlt dem Morgendienst am Opferherd ein Licht? „Ob wir Edenland zerstören, wenn wir —“ Adam fühlt: etwas ist zerbrochen. Aber was? Sicherlich kann Gottes Gnade das Zerstörte wieder heilen, wenn er Adam des Geistes feiner Stimme folgt. Die Antwort schiebt er Eva zu.
Daß auch in ihr der Widersacher wühlt, will er nicht wissen. Sie lauscht dem feinen Ton, der heilig lockt. Doch der ‚Ruf der Welt‘ übertönt die sanfte Stimme. Würden beide darauf hören — wie stark wären sie gegen Satans List. Aus Adams halber Frage nimmt Eva das Verlangen wahr, das auch in ihr die Herrschaft anzutreten sucht.
„Gott sagte, daß wir acht zu geben hätten, damit hinter uns die Pforte offen bleibt. Er hat es also nicht verboten, eine Frucht zu holen.“ „Gewiß; nur nach sieben Jahren brauchten wir die Früchte nicht, um zu bekommen, was Er uns verheißen hat.“
„Nach sieben Jahren wären uns die andern weit voraus und nicht mehr einzuholen.“ „Warum hat der Herr uns keine einzige Frucht belassen?“ fragt Adam. „Eben! Sollte das kein Zeichen sein, weil die Früchte über das Gehegetor hinausgewachsen sind? Gott lehrte auch die Freiheit unseres Wesens.“
Daß Adam als der Erste und zuerst belehrt für Eva einzustehen hat, schiebt er zur Seite. „Hast recht; wir gehen!“ Treibt sie einer, weil sie förmlich laufen? Unheimliche Ruhe herrscht wie vor dem Sturm, schicksalsschwer; sie beflügelt ihren Fuß.
Erleichtert es, weil sie niemand sehen? „Adam, du bist stark und hältst die Türe fest. Sieh, ganz nah ist eine Frucht; ich bin gleich zurück.“ Eva blickt begehrlich in den Baum. ‚Sollte Gott gesagt haben — ?‘ Im Schreck fährt sie herum. Nein, es ist niemand da. Sie tritt hinaus, von Adams Hand gehalten.
Die Frucht am Baume wandert, wenn Eva nach ihr greifen will. Ein Schritt, noch einer, und wiederum fehlt eine Spanne. Adam läßt Eva los. Sie hat beim nächsten Schritt die Sicht verloren. Ihn befällt die Angst. „Komm zurück, Eva; laß uns warten, wie der Herr geboten hat!“ Zu spät — —
Sie hört ihn nicht. Ein Gutes ist in ihr: für Adam tut sie es zuerst. Wird Gott es einmal werten — ? Endlich, Eva hat die Frucht erlangt. Behutsam wird sie abgenommen. Lieblich ist sie anzusehen. Waren Edens Früchte auch so schön — ? Eva sieht sich um. Zwei, drei Schritte, gleich ist sie an der Tür.
Aber ach — Dornengeranke ringelt sich um ihren Leib. Weiße Wolkenschiffe machten ihnen Freude; nun hat eine graue Schicht den Azur zugedeckt. Schrecklich! Mühsam, blutend, windet Eva sich heraus. ‚Hier muß ich hergekommen sein — oder dort? Nein, da, auf der andern Seite.‘ Angst und Reue peitscht sie ziellos hin und her.
„An der Pforte werfe ich . . .“ ‚Die Frucht fort? Warum hältst du sie denn fest? Warum nicht gleich? Du könntest Eden wiederfinden, wenn es dann auch nicht mehr ist, wie GOTT es hergegeben hat.‘ „Adam soll sie sehen, dann . . .“ ‚ . . . ist es zu spät!‘
Ferner Donner grollt, noch nie gehört; ein fahler Blitz durchrast das Firmament. Eva kriecht durch ein Gebüsch. O, was — — Da — zwei Phosphoraugen glühen ihr entgegen. Ein runder, langer Leib kommt auf sie zu. Entsetzt schreit Eva gellend: „Adam, Adam, die Schlange will mich fressen!“ Erneutes Donnerrollen über ihr.
Adam hält sich noch am Pfosten fest. Entsetzt sieht er die Sonne schwinden; sturmgepeitschte Wolken schrecken ihn; dazu Blitz und Donner. Weh, er hat gesündigt: wider Gott, wider Eva, wider — — Ach nein, er wollte keine Frucht, er wollte . . . ‚Wir werden sehen, was du wolltest‘, hallt sein Herz im dumpfen Schlag.
Der Himmel brennt. Irgendwo loht Feuerschein. ‚Du solltest sieben Jahre warten!‘ „Aber . . .“ ‚Es gibt kein Aber gegen Mein Gebot!‘ Er stöhnt. Zerstört ist das Licht, das Paradies, zerstört — — Adam bricht in die Knie; noch hält er sich am Balken fest, Eva muß doch wiederkommen. Warum läßt sie ihn so lange warten?
Vier Blitze, wie aus einer Hand geschleudert, zucken über die vier Himmelssäulen. Da hört er Evas gellendes Geschrei. Sie ist in Not. Und er — ist er nicht auch in Not? Er zieht sich hoch; noch hat er einen Fuß auf Edens Schwelle, — aber nicht hineingerichtet.
Er eilt ihrer Stimme zu. Ihm stockt ebenso das Herz, als er die Schlange sieht. Er wirft sich über Eva, reißt ihr den Apfel aus der Hand und schleudert ihn der Natter in den Rachen. Die Schlange schluckt. Sie krümmt sich heftig; ihr starker Schwanz entwurzelt Bäume, schleudert Steine in die Luft. Auch sie will fliehen, und — auch sie hält Gottes Stimme fest.
Zwischen beiden Menschen und der Schlange ist eine Schutzwand aufgerichtet, unsichtbar, unbekannt. Aber sie ist da. Adam bettet Eva auf ein Moos unter dem Geranke. Auch ein Bächlein rinnt dahin. Mit Blättern holt er Wasser, wäscht und erfrischt Eva und hernach sich selbst. Wie mühsam kommt ihm diese Arbeit vor.
In Eden gab es Arbeit, aber keine Plage. Oft half ihm ein Engel. Wenn es köstlich regnete, schützte sie die Hütte. Jetzt stürzt der Regen nieder; kalt trifft er ihre nackten Leiber. Sie haben Hunger. In Eden streckte man die Hände aus, und Früchte, Man-hu und anderes mehr war ohne Mühe einzuheimsen. Ein paar kleine Beeren hängen im Gestrüpp. Er kostet eine. Sie schmecken lange nicht so gut wie die Paradiesesbeeren. Wenigstens aber stillen sie den Hunger.
Kalt und dunkel ist die Nacht, das Lager hart und naß. Bleierne Müdigkeit schließt Evas Augen zu. Adam flieht der Schlaf. An Gott zu denken wagt er nicht, und nicht zu Ihm zu beten. Wo auch? Versunken ist die Herrlichkeit des Gartens, Gottes helles, wundersames Feuer ausgelöscht, die Pforte zugefallen. Nie mehr wird er dieses alles wiederfinden. Zerstört — zerstört — —
Eva nimmt ihr böses Träumen in den neuen, armen Tag hinein. „Eden finden wir nicht wieder; ich bin schuldig vor dem Herrn!“ „Du nicht allein“, beruhigt Adam sie, obwohl in seiner Seele schon die Natter nagt: ‚Ich hielt mich an der Pforte fest.‘ „Komm, ich bringe dich zurück“, will er sich übertönen. Vielleicht — —
Lange suchen sie. Endlich leuchtet etwas Weißes durch die Bäume. Ob Gott Seinen Garten für sie offen hält? Vor dem Eingang steht ein Engelsfürst. Adam bittet reuig, sie doch einzulassen. Allein, ein Schwert reckt sich ihm entgegen. Der Flamberg Gottes! Im Traum sah Adam ihn im Himmelsdom. Eine starke Stimme spricht; fast klingt sie wie das Donnergrollen, das sie gestern so erschreckte.
„Ich bin Michael. Ich hütete den Garten, seit er erschaffen ward. Ich hüte ihn solange noch, bis er verdorrt. Es wird hinfort kein Paradies auf Erden geben! Nicht ich, nicht Gott schloß Eden zu; ihr habt es getan. Ihr habt euch das Paradies zerstört. Auf dieser Welt für immer!
Ein Weg bleibt offen: er heißt Arbeit, Mühe, Last und Sorge. Aus Dienstbarkeit und aus Erkenntnis eurer Schuld, aus Reue und aus Buße können dafür Friede, Freude, Glaube und Zufriedenheit Herz, Geist, Seele und Gemüt an Gottes Güte binden. Wenn euch das gelingt, so will Er Seinen Strahl wie einen Garten in euch senken, daß ihr nach eurem Weltenweg ins Lichtreich wieder Eingang finden könnt.“
Ernst klingt das Wort, aber hehres Mitleid prägt des Engels Antlitz, wenn auch das Auge flammend zürnt. Adam erkennt Gottes Gnade und Gerechtigkeit. Sein Blick haftet auf dem Boden voller Steine. Der Böse hatte sie betrogen. Wortlos wendet er sich um und zieht Eva nach, zurück in das Gebüsch, um sich zu verbergen. Vor dem Licht gibt‘s aber keine Decke, unter der man sich verstecken kann.
Schritte und Gedanken werden angehalten. Weh!, er kennt Gottes Stimme nur zu gut. Hastig schlüpft er hinter einen Baum, zieht über sich und Eva das Gezweig, um der Allmacht zu entrinnen. Arme Angst! Was ist der höchste Berg, das ganze Meer der Welt, was das weite Firmament gegen DEN, Der heißt: ‚Er sieht alles!‘ —
Schon steht ER da, ganz anders, als sonst erlebt. In Eden gingen sie dem Herrn entgegen, nun drücken sie die Augen zu. Durch einen einzigen Gehorsamsakt sollten sie das Paradies der Welt erhalten; und wie beseligte sie das! Jetzt — ? Alles ist zerstört. Nur Angst und Bangnis reißt die Herzen wund.
„Adam, warum verbirgst du dich?“ Nackt und bloß, im Angesicht des Herrn, so liegen sie zu Seinen Füßen. „Nie gelingt es jemand, sich vor Meinem Lichte zu verhüllen; es gibt auch keinen Raum und keine Zeit, die eine unsichtbare Zuflucht vor Mir bietet!
Du kennst Meine Herrlichkeit, von der Ich viel in deine Hände gab. Ich aber bin bereit, dir zu helfen, um aus den Trümmern, die du hinterlassen hast, wieder etwas aufzubauen. Eden freilich nicht, doch aus Mühe und aus Schweiß ein gutes Land, das dir dienen soll. Das ist Erbarmung, die dir Meine Abrechnung bereitet. Warum hast du nicht gehorcht und hast Meinen Rat mißachtet?“
Adam sucht ein inneres Versteck; und das ist törichter, als das äußere. Er windet sich heraus. Ist nicht eigentlich — — „Das Weib, das DU mir gegeben hast, hat mich verführt! Mit Eva wurde es in Eden anders. Du, der Allmächtige und Allwissende, wußtest ja, welch eine Versuchung durch das Weib an mich herangetragen wurde. Und hast mir nicht geholfen, hast mich nicht davor bewahrt! Hättest Du mir Eva nicht gegeben, dann . . .“
Ein Blitz lobt senkrecht hinter Gott empor. Adam fährt entsetzt zurück. Gott ruft: „Eva, tritt hervor! Adam hat dich angeklagt; er hat auch MICH verklagt, weil Ich aus Weisheit und aus Liebe dich ihm gab, obendrein auf seinen eigenen Wunsch, daß jemand immer um ihn sei. Nun verklage, wen du willst!“
Eva bleibt vor Gottes Füßen liegen. Adams Anklage hat sie nicht begriffen. Was sie sagt, ist Wahrheit, furchtbar und — gerecht: „Die Schlange hat mich verführt. Die Früchte — ohne Tod; ich dachte, daß ich niemals Kinder hätte, wenn — — ‚Sollte Gott gesagt haben‘, rief mir der Böse zu. Ich ließ mich verführen; ich . . .“
Ist es nicht, als striche eine zarte Hand über all die Wunden, die Evas Leib vom Akt des Ungehorsams trägt? Gott gebietet: „Adam, hebe Eva auf, sie ist dir anvertraut! Und über deine Klage reden wir hernach.“ Da kommt aus dem Gestrüpp die zehnfüßige Schlange vor. Eva merkt es nicht; sie schluchzt: „Nicht einmal ein Zorneswort hat Gott für meine Sünde übrig.“
Gott tritt zwischen sie und das Reptil. Neben diesem steht ein finsterer Geselle, dämonisch schön und herrisch. Was ist er aber neben Gott? Er krümmt sich, wie sich die Schlange windet, beide auf dem Platz gebannt — vor Gottes Fuß. Gott sagt zu der Gestalt:
„Warum belastest du die Himmelskinder? Deinetwegen wurde Eden, zum dritten Mal. Beim vierten, wo es ‚Kreuz und Dornen‘ gibt, kommt alle Schuld auf dich zurück! Luzifer, noch ist es Zeit, noch kannst du zurück, ohne daß du lang und bitter sühnen mußt. Beugst du dich freiwillig, so richte Ich den Gang zurück ins Licht, wo du wieder werden sollst, was du vorher warst: Sadhana, die Liebliche, das Schöpfungskind!“ Ernst, hehr, gütig lockt der Ruf.
Satan kämpft und siegt — als Besiegter! Herausfordernd zeigt er auf die Menschen: „Du bist ein Herr in Deinem Reich, ich in meinem. Ich habe sie Dir weggenommen!“ Adam sinkt neben Eva hin; sein Ungehorsam drückt ihn nieder, ohne noch die Bitternis der bösen Folgen kennend. Gerecht ist es, wenn Gott ihn straft. O Mensch, wie wenig kennst du Gottes Güte! Und er hört Ihn sprechen:
„Satan, deinetwegen sind sie auf die Welt gegangen und knieen nun in Schuld vor Mir! Du bist der Urheber ihrer Sünde.“ „Was schert mich das? Richte sie, wenn Du meinst, dies tun zu müssen.“ Gottes Antwort klingt wie eine Drohung: „Erkenne in den beiden Orytam und Hagar, welche du am meisten liebtest. Soll Ich sie verdammen, weil du die Schöpfungsschuld hervorgerufen hast?“
Der Dunkle will nicht hören, daß ihm die LÖSE nun zum dritten Male schlägt. Halb umgewendet, sagt er lässig: „Ich tue, was ich will! Die Welt ist mein und alle ihre Kreaturen. Von woher sie kommen, bleibt sich gleich, nicht jedoch, wohin sie gehen. Dafür sorge ich, daß sie Dich verlassen und mir hörig werden!“
„Ich habe dich gehört!“ erwidert Gott. „Nun wisse: Ich und Meine Bauleute sorgen sich um jede Seele, auch gleichgültig, woher sie kommen, aber nicht, wohin sie gehen! Merke: das gilt auch denen, die du in den Abgrund rissest! Es soll keine Seele ewig los von Meinem Lichte sein! Was du erstrebst, die ewige Verbannung, tritt niemals ein! Zeit, Satan, spielt bei Mir keine Rolle; trotzdem messe Ich sie ab, des sei gewiß! Denn Mein ist Ewigkeit um Ewigkeit!!
Bei einer dritten Stunde (Mark. 15, 25) wirst du wissen, was du dir zubereitet hast!“ Da flieht Luzifer. Gott sagt nun zur Schlange, der Menschen wegen: „Du bist das Abbild alles Bösen. Als Zeichen dessen sollst du auf dem Bauche kriechen und Erde fressen dein Leben lang! Die Menschen sollen dich verfolgen; der Same eines Weibes wird dir den Kopf zertreten. Und ist dieser tot, dann sterben auch die Glieder! Krieche fort, du Wurm der Finsternis!“
Die Füße an der Schlange fallen ab, und der Leib liegt auf dem Boden. Nicht geradeaus, schräg vorwärts windet sie sich ins Gestrüpp hinein. Die Menschen zittern. Was wird der Herr mit ihnen machen? Und Gott sagt: „Steht auf, Ich habe noch mit euch zu reden.“ Sie gehorchen und schämen sich. Die Himmelsmäntel sind dahin, nackt und bloß, innerlich und äußerlich, so stehen sie vor Gott, während Er ein langes Kleid und einen langen Mantel trägt.
„Ihr habt gesündigt! Wie das Gute, so erntet auch das Böse seinen Lohn. Ich habe es euch angezeigt, daß euer Edenleben jenen gilt, die durch ihren Sturz das Licht verloren hatten. Ihr wußtet ja, um was es ging. Warum habt ihr Meine Lehre in den Wind geschlagen?“ Die Menschen finden keine Antwort.
„Ihr wißt nichts zu sagen? Ich war oft bei euch, im Wachen und im Traum, belehrend oder mahnend, und war nicht nötig, daß ihr euch verführen ließet. Trotzdem will Ich Mein Erbarmen auf euch ruhen lassen, damit ihr außerhalb des Paradieses noch an Meinem Werk mit helfen dürft.
In mehr als siebentausend Jahren helfen Meine Fürsten mitsamt den Scharen wieder aufzubauen, was Satan und der Mensch zerstören wird. Das stifte Ich (Ps. 111, 4), weil auch ihr mit ausgezogen seid, das heimzubringen, was sich verloren hat.“ Gott wendet Sich an Eva:
„Eva, viel Schuld hast du dir aufgebürdet, viel sollst du darum leiden. Du wolltest Kinder nach dem Maße dieser Welt. Ich hatte dir im Traum gezeigt, wann du Kinder haben konntest. Du schobst Bild und Wort zur Seite. Nun sollst du jedes Kind im Schmerz gebären; denn du hast die Kinder für die Ehre dieser Welt ersehnt.
Aber weil du weniger die Verführende als mehr die Verführte bist — Adam klagte Mich und dich zu Unrecht an —‚ breite Ich den Segen über dich: Freudig sollst du auf ein Kindlein warten, schmerzhaft es gebären, freudig an die Brüste nehmen (Joh. 16, 21). Verwandele alles Weinen aus dem Schmerz in die Erkenntnis um, weil du durch Ungehorsam schuldig wurdest.
Jede Freude, die du ob der Kinder hast, bringe Mir als Opfer dar in Liebe, Ehrfurcht und in Anbetung. Und wenn ein Weib beim frühen Tode eines Kindes sagt: ‚Gott gab es mir, Gott nahm es mir, Sein Name sei gelobt‘ (Hiob 1, 21), so bezahlt es damit einen Teil vom Schuldschein dieser Welt. Die erste Tochter fiel; durch Meine Töchter ist das meiste aus den Tochterschulden abzutragen.“ Und zu Adam:
„Weil du Mir, deinem Gott, und Eva, der Gehilfin, deine Sünde zugeschoben hast, sollst du im deines Angesichts das Land bestellen, damit es Früchte bringen kann. Mühsam mußt du aus dem armen Feld die Steine schleppen, gebückt die Scholle brechen, um den Samen auszustreuen, den Ich dich noch finden lasse. Aus der ersten Ernte mußt du selbst den Samen sammeln, mußt ihn säubern von dem Unkraut, das der Böse in den Weizen wirft.
Aus Erbarmung sei gesegnet. Baue eine neue Hütte; und ein Altar sei das Symbol des Herdes Meines Heiligtums. Von nun an nenne Mich ‚Gott, deinen Herrn‘. Bete, bitte, flehe, und vergiß das Danken nicht!“
Gott lehrt sie noch, wie sie den Boden fruchtbar machen, Kinder empfangen und erziehen können, und alles, was das Leben ohne Eden fordert. „Gute Tiere“, sagt er weiter, „macht euch nutzbar, wie es möglich ist. Überbürdet aber keines; denn ICH habe sie geschaffen. Die Erinnerung aus Eden soll euch bleiben; und daraus lernt, wie ihr zu leben und zu handeln habt.“
Der Herr legt Seine Hände segnend auf die Häupter, die die Last aus ihrer Schuld zu Boden drückt. Aus den trüben Wolken bricht ein Sonnenstrahl. Und da steht ein Führer neben ihnen, hebt sie auf und sagt: „Kommt, ich führe euch jetzt in das neue Land, das Gott euch schenkt. Dort baut euer Leben auf, neu, arm, und dennoch reich, da Gottes Güte reich auf euch gekommen ist.“
Beide ahnen kaum, daß es ein Engel ist. Jung und lieblich sieht er aus, ‚wie wir in Eden‘, stellt Adam seufzend fest. Der Jüngling hilft ihnen Kleider machen, Schuhe flechten, Früchte sammeln und im neuen Raum die Hütte bauen. Er holt Tiere, und richtet so ein Hirten- und ein Feldland zu.
Es ist ein Gebiet, rings von Bergen eingesäumt und mutet an, als sei es auch ein Eden, und die Berge wären Gottes Hege. Sieben Tage waren sie gewandert, viel Mühsal war zu überwinden. Wohl half der Engel, doch er nahm nicht alle Lasten ab. Sie brauchen diese Schule für das Leben dieser Welt. — —
Der Engel ist gegangen, und sie bauen auf. Wolle Gott, daß nichts geschieht, was ihr Werk zerstören kann. Adam schafft außerhalb der Hütte, wobei Eva manchmal hilft, und sie im Haus, das sie nach und nach vergrößern und verbessern. Meist sehen sie im Traum, was ihnen dienlich ist. — —
Zwei Söhne haben sie, Kain und Abel. Bei der Geburt, in Angst erwartet, in Freuden dann erhalten, baut Adam nebst dem Hausaltar, an dem er und Eva dienen, zwei Feldaltäre auf. Kain erhält ein Teil des Landes, die Tiere Abel. Auf seinen Altar legt er von all den Früchten je vier Stück, auf Kains Altar vier Weizengarben, auf den des Abel vier Erstlingstiere. Das ist sein großer Opferdank, Gott dargebracht für alle Güte. Er hält die Söhne an, täglich zu beten und zu opfern, jährlich ein Hauptdank- und freudenfest zu halten, und die besten Gaben Gott zu bringen.
Gottwillig und gut erzogen, gehorchen beide Söhne; Kain manchmal widerwillig, Abel gern bereit. Kain rechnet es sich aus, was vier große Garben Jahr für Jahr für Nutzen brächten, desgleichen bei den Tieren. Ja — wenn Gott mit alten Tieren oder Stroh zufrieden wäre, dann würden ihre Opfer nicht viel kosten. O, wie könnten Land und Herden wachsen — —
Er rechnet Abel vor, wieviel Acker durch die Opfergaben sich bestellen ließen. Abel lacht den Bruder aus: „Du Narr! Der Herr hat deine Körner und mein Vieh gesegnet. Zehn Kühe brachten jetzt zwei Kälblein, statt sonst eines; viele Schafe hatten drei, einige sogar vier Lämmer, und waren alle kräftig und gesund. So vermehrt Gott uns das dargebrachte Opfer.
Kannst du die Ähren wachsen lassen?, kann etwa ich ein Jungtier schaffen? Erzürne nicht den Herrn; denn . . .“ „Du Jüngerer hast mir Älterem nichts zu sagen!“ braust Kain auf. Abel erschrickt. Noch nie sprach Kain so. Er versucht ihn zu beruhigen, doch Kain murrt: „Hätten unsere Eltern nicht das Edenland verlassen müssen, wie sie uns erzählten, dann . . .“
„Davon rede nicht!“ fleht Abel. „Das steht uns nicht zu! Und das Opfer schmälere nicht, sonst zerstörst du dich und auch das Land!“ Kain geht wortlos fort. Am schönsten Weizenacker bleibt er stehen mit Gedanken, leise ausgesprochen:
‚Hätte Abel recht . . .‘ ‚Ach, was, Adam lobte mich.‘ ‚Weil er nicht weiß, daß du vom neuen Felde nichts geopfert hast‘. ‚Davon war noch keine Rede.‘ ‚Wenn er einmal deine dünnen Garben mißt?‘ ‚Ah, Stroh habe ich genug; um das binde ich dann volle Ähren, von jedem Feld, so daß mein Feuer in den Himmel lodern muß.‘ Kain kehrt befriedigt heim, ohne Sorge, Adam könne doch einmal die Garben mustern. — Es kommt die Ernte- und die Opferzeit heran.
Die Gärten, von Eva gut gepflegt, brachten reiche Früchte. Sorgfältig richtet Adam seinen Altar zu, sorgfältig trägt Eva jede Gabe her. Auf Kains Altar türmt sich schier ein Berg von Garben hoch. Wer sieht, daß innen leeres Stroh geschichtet ist? Bloß außenhin und oben liegen volle Garben. Adam zeigt hinüber: „Schau an, Eva, wie hoch und schön Kains Altar ist. Freilich, Gott gab reichen Segen auf das Land.“
„Auch Abels Altar wird Gott wohlgefällig sein“, lächelt Eva. Sie steht an der Türe ihres Hauses, als die Opfer angezündet werden. Hell schießt Kains Strohfeuer auf. Aber dann — ? O Schreck! Dicker Rauch wälzt sich von seinem Altar niederwärts aufs Land. Bloß eine schwache Feuersäule, und auch diese mit viel Rauch vermengt, steigt langsam schräg nach oben. Mußte sich die Schlange nicht auch seitlich winden?, nicht, geradeaus — ?
Adams und Abels Altar offenbaren Gottes Gnade; der andere — Adam möchte Kain helfen; doch solang das Feuer loht, darf man den Altar nicht verlassen. Endlich — Eva bringt vom Quell das Wasser, mit dem die Männer ihre Opfersteine säubern. Währenddessen qualmt noch immer Kains Stroh. Abel und die Eltern eilen auf die Höhe, wo die arme Opferstätte steht.
„Was ist geschehen?“ fragt Adam tief bekümmert. „Ich weiß nicht, Vater Adam. Du hast gesehen, wieviel ich opferte; doch ein böser Wind strich um die Höhe und drückte meine Flamme niederwärts. Ich habe doch dem Herrn . . .“ Abel sieht ihn an: „Prüfe dich, ob du recht gehandelt hast.“ Mehr sagt er nicht. Er war ungewollter Zeuge bei des Bruders Selbstgespräch.
Zürnend wendet Adam sich an Abel. Der zuckt die Schultern: „Mir steht nicht zu, Kain zu verklagen. Er muß es selbst bekennen — vor Gott!“ Eva bittet Kam: „Du hast noch nicht so viel Erfahrungen wie wir, die Eltern. Wenn du ein Unrecht tatest, dann sage es; Vater Adam, ich und Abel helfen dir.“
„Abel — ?“ Ungute Blicke fallen auf den Bruder. Kain wütet stumm. Sie gehen in das Haus, um das Dankmahl einzunehmen. Keinem schmeckt ein Bissen. Sollte Gott noch immer wegen ihres Ungehorsams strafen? Die Söhne gehen, Adam beredet sich mit Eva. „Nein“, sagt sie, „auch wäre ja die Strafe auf den Hausaltar gefallen. Auf der Höhe weht der Wind stets stärker als im Tal. Möglich, daß ein Sturm das Feuer niederdrückte.“ Adam läßt sich gern beruhigen.
Die Brüder treffen sich. „Wegen was sollte ich mich prüfen?“ fängt Kain böse an. „Willst dich wohl beim Vater in die Felle schmiegen!“ „O nein, sonst hätte ich gesprochen.“ „Was?“ Ein Griff nach Abels Arm. Noch sagt dieser ruhig: „Ich hörte deine Worte — vom Stroh.“
„Du hast gelauscht?“ Ein neuer Griff, schmerzhaft hart. „Laß mich los!“ keucht Abel. „Ich suchte ein verirrtes Lamm und hörte so dein Selbstgespräch. Ich wunderte mich nicht, daß dein Stroh kein Opferfeuer gab.“ Wütend, Abel könne das verraten, schlägt Kain seinen Bruder nieder. Röchelnd fällt er hin. Die Augen schließen sich; das Gesicht wird streng und still. Ganz sonderbar. Kain schreit auf, wirft sich über seinen Bruder und ruft verzweifelt:
„Abel, das hab‘ ich nicht gewollt! Ich will dir dienen, Stehe auf!“ Das schöne Antlitz schweigt. Kain wimmert. In seiner Schreckvision sieht er einen hohen Mann. Angstvoll wirft er seinen härenen Mantel über Abel. Eine Stimme, stark, gewaltig, des Mörders Herz verbrennend, klingt an dessen Ohr:
„Kain, wo ist dein Bruder Abel?“ „Ich — weiß es nicht“, stottert er. Wenn Gott den Mantel hebt? „Antworte“, gebietet Gott, „wo ist dein Bruder Abel?“ „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Ach, es ist kein Trotz; es ist bodenlose Angst, die sich hinter diesem Wort versteckt, sinnlos, wie Adam hinter einem Baum.
„Du bist sein Hüter“, sagt Gott streng, „als Adams erster Sohn! Sieh, das Leben kommt von MIR! Und wer das zerstört, muß die Last aus der Bedingung Meines Lebens auf sich nehmen. Diese Last, Kain, ist noch schwerer als die Edenlast, die deine Eltern tragen.
Ich gab Abel dir zur Seite; denn er kam von Oben her. Warum hast du ihn getötet? Weil er dein Unrecht sah und — schwieg?“ Kain weint bitterlich: „Ich weiß es nicht, o Herr! Ich hatte Abel lieb; Es kam über mich wie der böse Wind, der mein Opfer niederdrückte.“ „Es war kein Opfer! Dein Stroh war für den Esel gut, nicht für deinen Gott! Oder doch?“ „Herr, Herr, ich weiß nicht, was ich tat!“ Reuetränen tropfen auf den Mantel, unter welchem Abel liegt.
„Du weißt es nicht? Merke auf: Mir ist Gehorsam lieber als ein Opfer. Aber gut getan, dient es auch zum Segen; bös getan, ist es ein Fluch! Nun hast du dir das Elternhaus zerstört, Abels Liebe und den Segen. Was soll Ich mit dir tun?“ „O Herr, führe mich wo anders hin, wo mich niemand kennt, wo man . . .“ „ . . . nicht mit Fingern auf dich zeigt und dich ‚Brudermörder‘ nennt?“ Kain schweigt.
Große Güte schwingt in Gottes Worten, als Er weiter sagt: „Du hast bitterlich gefehlt, hast den ‚Blutstrom‘ aufgebrochen, der bis ans Ende aller Weltentage fließen wird, unerbittlich, grauenvoll! Und wenn nicht Meine Güte wäre, Kain, weil du aus der Tiefe kommst, dann würde alles Leben, was der Welt gehört und noch gehören wird, in diesem Strom ertrinken. ICH aber bin und heiße
RETTER!
Deine Reue kommt zu spät; aber Meine Güte will dich retten. ? gleich“, wehrt Gott, als Kam danken will, „denn nicht Reue, sondern BUSSE ist die Brücke, die zu der Versöhnung führt. Gehe fort, arm, nackt und bloß! Ringe um ein Land; nicht für dich, sondern für ein Volk, das aus deinen Lenden kommt. Dem opfere, und nicht mehr Mir! Wirst du nur der Sachverwalter sein, dann will Ich deinen Weg ins Buch der Buße schreiben, dein wenn auch kleines Haben in die Güte, die die Armen nicht verderben lassen wird.
Du hast zerstört; nun baue wieder auf!“ Gott macht ein Zeichen, das an Kains Stirne wie ein Feuer brennt, und geht fort. Kain hebt seinen Mantel auf, küßt Abel auf die bleiche Stirn und deckt ihn wieder zu. Nichts als seinen Schurz am Leib, keine Frucht, keinen Trank nimmt er mit. Vom letzten Hügel schaut er bang zurück. Dort liegt, im Sonnenstrahl vergoldet, seine Heimat; über ihm sind dunkle Wolken, vor ihm ein dunkler Wald.
Nach mühevollen Wochen kommt er in ein weites Tal. Ein Gegensatz zum schwarzen Urwald, aber kein Vergleich zur Elternstatt. Und dort stößt er auf Menschen, ihm gestaltlich ähnlich, nur nicht so hell und schön wie Adam, Eva, wie die jüngeren Geschwister. Immerhin — endlich Leute.
Sie haben keine Hütten, keine Felder, keine Herden; sie leben nur von dem, was ihre Hand errafft. Der ‚Bauer‘ sieht, wieviel Schweiß hierher gehört, um daraus zu machen, wie die Heimat war. Kain lernt die Menschen kennen, und sie ordnen sich ihm unter. Er wird ihr Herr — und bleibt doch ihr erster Diener. Not ist sein Leben, ‚Nod‘ nennt er das Land.
Seinem ersten Sohn Henoch (1. Mo. 4, 17) baut er eine Stadt, mahnt ihn und alle, die aus ihren Linien kommen, Gott zu dienen und Ihm untertan zu sein. Er fördert Ackerbau und Viehzucht, eine erste Technik, Handwerkskunst und vieles mehr. Solange Kain lebt, kann er seine Sippe Gott erhalten. — —
Allein, den Strom des Blutes hat die Welt getrunken; und speit ihn aus, immer wieder. Das fünfte Glied aus Kain, Lamech, ist ein Böser unter Bösen, ein Zerstörer all des Guten, das Kain reuevoll und büßend baut. Es sieht aus, als ob Gottes Güte, von der Er zu Kain sprach, die Welt sich nicht erhalten kann. — —
Als man Abel findet, legt Adam ihn unter dessen Altar (OJ. 6, 9). Ängstlich, aus der Edenschuld könnten größere Gefahren kommen, hält Adam eine strenge Zucht. Er baut Dörfer, Städte; Erz- und Eisenschmieden, Instrumente und auch Stoffe werden hergestellt. Damit setzt der Handel ein und — die Gewinnrechnung. Die Altäre werden noch die Innigkeit des Gottesdienstes.
Rund fünfhundert Jahre baut man auf, Gott wohlgefällig; weitere vierhundert Jahre läßt sich‘s nicht verhindern, daß das Gute aus der Mühsal unbeachtet bleibt. O ja, für das äußerliche Leben wird sehr viel getan, aber Egoismus, Amt und Ehren einzunehmen, dafür andere zu unterjochen, kommt ins Regiment. — —
Selbst der Rechtsmann Noah, der die Welt zu einer ‚Erde‘ machen möchte, hält den Verfall nicht auf. Jede Sippe formt aus sich ein Volk, was den Glauben und die Menschlichkeit zerstört. Treue ist zerbrochen; Richter lassen sich bestechen; Arme werden unterdrückt! Es gibt schon Genossenschaften, Vorläufer des Sklaventums.
Noah klagt dem Herrn die Not. Er kommt und fragt: „Was begehrest du?“ „Nichts Herr, als daß Du allem Greuel bald ein Ende setzt.“ „Durch was?“ Eine schwere Frage. Ja — durch was! „Herr, Du regierst das ganze Weltenrund; DU weißt am besten, was geschehen muß.“ Das ist wahrer Glaube.
„Weißt du Mir keinen Rat, Sohn des Lichts?“ Noah sieht erstaunt in Gottes Angesicht. „Bei mir ist niemand mehr, als mein Weib, meine Söhne, Töchter und die Leute, die zu mir gehören. Wir beten noch an Deinem Altarherd. Dort unten aber“, Noah zeigt in eine weite Ebene, er steht mit Gott auf einem Berg, „herrschen Unzucht, Völlerei und Dieberei, Herrschsucht und viel böses Wesen.
Sogar die Armen, die die Last mit ihrem Tod bezahlen müssen, dienen DIR ja nicht.“ „Eben“, sagt der Herr, „da ist keiner, der aus Dank oder Not die Hand zu Mir erhebt. Soll ich das Land, die Welt vernichten, weil — ICH — Mir sie nicht erhalten kann? solange nicht, bis Meine Opfertat das erste Kind erlöst? — !“
„Herr, Dein ist die Welt, was darauf, darüber und darunter ist! Zerstörst Du sie, so wird doch nicht Dein Werk vernichtet, weil Du soviel Rettungswege weißt, wie Dein Himmel Sterne hat. Niemand kann sie zählen! Und vielleicht — Herr, wenn du ihre Seelen von der Erde nimmst, ihr Leben kürzest, um in anderen Gefilden nachzulehren, was sie hier versäumten, wenn . . .“
„Das wäre schon ein Rat“, lächelt Gott. „Ein Gedanke, Herr, kein Rat.“ „Ja! Weil du mitsamt dem Weibe fromm und edel lebtest und euren Stamm wie einen Lebensbaum in jenes Eden pflanztet, das Liebe, Treue, Glaube und Gehorsam heißt, darum will Ich euch als Samen aus dem Licht für diese Welt erhalten. Denn das Böse steckt ja in der Welt, und keimt immer wieder wie die Disteln, selbst wenn sie aus dem Feld gerissen werden.“
Die Arche wird gebaut. Noah läßt die Ernte sammeln. Was aber mit den vielen Tieren? „Ich erhalte Mir die Kreatur“, sagt Gott, auf Noahs Frage. „Und geht ein Teil mit unter, so ist‘s die Last, die die Menschen tragen müssen, deretwegen ihre Sintflut kommt.“ — Die Bibel kündet es. — —
Abermals erstehen in dem großen Erdteil, den die Menschheit sich zerstörte, unter Noahs Führung neue, gute Völkerschaften. Die Sintflut hat die Erde ungeheuer fruchtbar werden lassen. Es ist, als ob der Vierzig-Tage-Regen (1. Mo. K. 7 und S. 34, 2) aus dem Himmel großen Reichtum niederbrachte, alles in die Länder zeugte, und die Erde es gebärt.
Dreihundert Jahre lassen sich, im Rückblick auf die Katastrophe, die Menschen glaubensmäßig führen. Doch sie sind vergeßlich — heute auch —; der Turm zu Babel zeigt es an. Dennoch währet Gottes Güte für und für. Soll denn die Welt noch einmal überflutet werden? Da sendet Gott doch lieber Seine Großen, um den armen Menschen weiterhin zu helfen. — Abraham erscheint.
An seiner Gläubigkeit werden sieben Stämme, die inzwischen Heiden wurden, aufgerichtet. Er baut auf! Von UR ausgegangen, geistig aus dem Lichte, irdisch aus der Stadt, dem Symbol des hehr verschlüsselten Namen ‚UR‘, aus dem Lande, dessen höchste Wissenschaft die Sternenkunde ist, so wandert er mit wenigen der Seinen aus dem Osten hoch hinauf zum Norden, von da nach Süden und durchzieht das weite Land. Von seinem Südpunkt aus wird späterhin der Westen mit dem Glaubenslicht erhellt (1. Mo. 13, 14).
Noch ein Gewaltiges zu Abrams Zeit. Allgemein gesagt, erst aus UR der Schöpfer, was bis zur Sintflut und zur Sprachverwirrung sich erkennen läßt. Nun tritt der Priester in den Vordergrund: Die Lehre im Kennzeichen vom Hochpriester Melchisedek (S. 34; [VH31]). Die priesterliche Lehrzeit zieht sich bis zum Kommen Gottes als Erlöser hin, was die Propheten uns bestätigen.
Abraham schlägt eine große Bresche in die Finsternis. Er lenkt die sieben Heidenstämme, später Kanaan genannt; predigt ihnen seine Ein-Gott-Lehre; besiegt die bösen Könige (1. Mo. K. 14) und regiert das Land, rechts und links des Jordans, bis ans nördliche Gebirge, bis nach Ägypten — im treuen Glauben an den Herrn.
Aus diesem kann noch jetzt die Menschheit zehren. Denn, noch heute gibt es keinen andern GOTT, als Dem der Patriarch Gehorsam zollte. Welch ein Aufbau, der die ganze Welt Jahrtausende durchzog! Und des Patriarchen Mahnung lautet: Bauen, bauen nicht zerstören!
Aber unaufhaltsam, das Licht oft scheinbar überrollend, geht die Materie ihren armen Gang. Und kann es anders sein? Das erste Kind Sadhana zerstörte sich das Licht. Ihr Regiment und ihr Bereich, eben die Materie können aus sich nichts anderes spiegeln, als was das Kind hineingetragen hat: Zerfall!
Ja, wo sind die alten Volkskulturen? Wo bist du, reines Land der Sternenkönige am Euphratstrom? du reiche Stätte eines Ra?! Wer hob euch auf den Stuhl der Welt — und dann gestürzt in das Vergessen — ? Wo bist du, Bibel-Volk, von Mose durch die Wüste gut geleitet? Was brachte dieser Große aus dem Himmel nieder; wie herrlich sprach der Herr von ihm: ‚Nicht also Mein Knecht Mose! Mündlich rede Ich mit ihm, und er sieht den Herrn in Seiner Gestalt‘ (4. Mo. 12, 7-8).
Wo ist dein Glaube, Volk der Heiligen Schrift? Nicht allein der Dogmatismus deiner Pharisäer, — vielmehr hat dein Götzendienst, von Mose‘s bis zu Christi Zeit begangen, vieles deines einst so schönen Wesens, der Kultur und Kunst zerstört. Was übrig blieb wie allerdings, bei allen Völkern, die vergangen sind —‚ es sind Reste, aus denen hie und da noch Rosen blühn.
Du wolltest Könige, trotz Erlebnis, wie die Herrschsucht Mächtiger vernichtend wirkt. Du hattest einen König! War Er dir nicht gut genug? War Er dir zu fern, trotz gnadenvoller Offenbarung? Oder war Er dir zu einfach, weil Er mit nur Zehn Gesetzen das ganze Infinitum wunderbar regiert? — ! — —
Nun der NAZARENER! Freilich bloß auf einem Esel reitend. Es ist keine Schuldanklage, es ist ein Fragewort an die ganze Welt. Was die Patriarchen mit viel Mühe bauten — — durch Götzendienst, durch das Töten der Propheten, durch das Mene-tekel-Wort ‚Sein Blut komme über uns und unsere Kinder‘ hast du den Abgrund aufgerissen, der dich, Bibel-Volk, verschlingen mußte, früher oder später.
Und doch — — Es kann die Sonne wochenlang verschleiert sein, — sie ist da! Ebenso leuchten Gottes Güte und die Gnade, wirken Liebe und Erbarmung über aller Welt. Auch über dir, du Bibel-Volk. Zwar haben ungezählte Menschen sich das Heiligste, den Glauben an den einen GOTT, vernichtet. Nur Trümmer blieben übrig, von Völkern, Werk und Kunst. Was aber aus dem Licht zur Erde kam, davon bleibt der Segen bis ans Ende dieser Welt bestehen.
Und Rom, das Imperium der Cäsaren? Ging es durch das Urteil des Pilatus unter? Gewiß; aber nicht allein. Die Römer säten Blut, und Untergang war ihre Ernte! Es war GOTT, der den Pharisäern ausgeliefert wird; und vergeblich, daß Pilatus sich die Hände wäscht . . .— vor Gott! Dennoch ging aus jenen guten Menschen, die auch Rom besaß, ein neues Volk hervor: durch Gottes Güte.
Er der ewige Erbauer – erhält Sich die Materie, In ihr steht auf dem Boden jedes Unterganges schon Sein Neues da, vielleicht verborgen, durch die Allmachtshände aber schon zur Auferstehung vorbereitet. Es ist der ‚Strom des Lichtes‘ für das Innere des Menschen, für die ganze Welt, zur Erlösung der Materie.
Wenn — wie die Zeiten der Jahrtausende beweisen — Sippen, Rassen ausgerottet wurden, — durch eigene Schuld, Krieg und Unterdrückung, so ist darin der rein äußerliche Vorgang zu erblicken, nicht so, daß GOTT es haben wollte. Daß entwicklungsmäßig Völker sterben müßten, um den neuen Platz zu machen, alte Anschauungen, Sitten oder Können zu begraben wären, um dem Fortgang, den man ‚Aufstieg‘ nennt, nicht in das Rad zu fallen, ist eine billige Version.
Was wäre denn der Zweck, Menschen in die Welt zu setzen, um sie wieder auszurotten, wenn der Schöpfer (wissenschaftlich die Natur!) die Zeit für sie gekommen hält? Dann wäre alles, auch die Ethik überflüssig. Gibt es keinen Daseinszweck für das gesamte All, für die Empyreumskinder (Engel) und die Menschen, aus dem Ewigen entsprungen und ins Ewige die Bahn besitzend, so wäre nie das hehre Wort ‚ES IST VOLLBRACHT‘ gesprochen worden!
‚Und du, Bethlehem Ephratha, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll Mir DER kommen, der in Israel HERR sei‘ (Micha 5, 1). Die Materie ist preisgekrönt; denn des Schöpfers hoher Preis ist für sie bezahlt! Preisgekrönt ist unsere Welt, die ärmste unter allen Welten! Preisgekrönt ist das Bibel-Volk, das als Beispiel dienen sollte, unbeachtet dessen, ob es dieses würdig stellte, oder ob auch ihm ‚die Axt schon an der Wurzel lag‘ (Matt. 3, 10).
Preisgekrönt ist ebenso der Mensch. Den vier Genannten galt der ‚Preis‘, den der HERR mit Seiner LIEBE zahlte, um das Hingestürzte durch ein ‚Gericht‘, das die Geduld, Liebe und Barmherzigkeit unter Schirmherrschaft von Ordnung, Wille, Weisheit und Ernst zu-, auf-, heimrichtend hilft. Kein Vorzug liegt darin; nur die Erlösung gibt die Krone aus dem Preis: Die Opferung auf Golgatha! Wer wird die Krone tragen? Materie — Welt — Juda — Mensch — ?
UR trägt diese Krone; denn ER allein baut auf!
Die Zerstörungssucht ist nie zu krönen. Die Spötter fragen, der Christ seufzt: ‚Wo bleibt die Erlösung? wo der Erfolg, wenn die Technik — neben allem Guten, das hervorzuheben ist — Dinge im Gehirn zusammenschraubt, die die Welt zerschlagen kann?
‚Schön‘, sagt man weiter, ‘soll es einen Gott und einen Christus geben, auch ein Golgatha; aber seht, die Christen rotten sich im Namen Gottes, Jesu, des Evangeliums, Seiner Bibel, selber aus!‘ Da schon die ersten Bischofsträger kämpften, gegenseitig bis aufs Blut, haben diese Leute sogar recht. Welch ein Frevel, die ‚Sünde wider den Heiligen Geist‘, die nicht vergeben wird, die schwer und mühsam abzutragen ist.
Im 30-jährigen Krieg wurde — wo zumal in Deutschen Landen keine Stadt, kein Dorf verschont geblieben war — in einer Grausamkeit, die kein Teufel, bloß der Mensch erfinden kann, gnadenlos gemordet — im Namen Gottes, Jesu, des Evangeliums, der Bibel! Die Kirchenträger, die Einhalt bieten konnten, die das ‚Gotteswerk auf Erden‘ bauen sollten, sie gaben Geld für diesen Götzendienst, für die Schuld, auf sich geladen — wider Gottes Heiligen Geist.
Und heute — ? Sind die Kirchenträger willig, sich gegenseitig zu ertragen?, der Welt zu helfen, ohne sich die Krone aufzusetzen? Sind sie bereit, im Namen Gottes, Jesu, des Evangeliums, der Bibel aufzubauen? Sind sie soweit, die Kronen dieser Welt ‚hinzuwerfen vor den Stuhl, auf dem der EINE sitzt‘ (OJ. 4, 10)?
Läßt Gott Sich Sand in Seine Augen streuen, indem man diese oder jene Wohltat tut, angeschlagen an der ‚Lichtfaßsäule dieser Welt‘? Und dann — : ‚Herr, in Deinem Namen haben wir geholfen!‘ Was sagt GOTT dazu?! Das Gewissen, das man unterdrücken, niemals töten kann, das steht auf und sagt genau, ob und wie der Herr das Soll und Haben aller Menschen, vornehmlich der Kirchenträger, prüfen wird; denn:
‚Ich bin der Bauherr; ihr solltet Meine Bauleute sein!
Und wer nicht mit MIR sammelt, der ist wider MICH!‘
Wer zerstreut, ist ein Zerstörer; der schreibt keine Schuld des andern in den Sand, mit barmherziger Hand darüber wischend, bis nur das ‚Heilige am Licht‘ zu sehen ist. Kein Mensch hat eine Abrechnung zu halten, sei er, wer er wolle. Nicht zerstreuen, sondern sammeln; nicht zerstören, sondern bauen helfen; aufbauen die ganze arme Menschheit, die arme Welt, bis die Materie aufgelöst, eingelöst ist in Gottes heilige Erlösung, für den ganzen Fall gebracht.
Bauen, bauen — nicht zerstören!
Möge es das Leitwort aller derer sein, die aus dem Fluch der Welt
einen GOTTES-SEGEN machen können.
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