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Siehe, dein König kommt

4.T-Kapitel 1

Neue Sorge. Simeon kommt wieder. Gottes Frage. Heilige Erlöserbahn. Der Ewige Erlöser. Athaja, ein Mitträger aus dem Licht. Das 33. Halljahr; die Licht-Halljahre.

Siehe, dein König kommt

Ich sah den König, den Herrn Zebaoth.

Jesaj. 6, 5; Sach. 9, 9

Die Hohenpriester sitzen schweren Herzens beieinander. Sie haben nichts verlernt von dem, was Jener, ‚Fern von der Erde her‘, einst brachte. Aber seit Cornelius in Jerusalem nur selten weilt, sieht manches wieder grauer aus. Und wie ein Damno ist‘s, daß Simeon sich lange nicht mehr sehen ließ. Jedem hatte er geholfen, von der Herrlichkeit der Offenbarung ganz zu schweigen.

Der ‚Glaubensblock‘ hält treu zusammen; auch ist noch Hanna da, deren Wort genügend tröstet. Bloß über Simeon schweigt sie sich aus. Nur ein tiefes Leuchten tritt in ihre trotz hohen Alters hellen Augen, und sie mahnt des öfteren die Männer: „Haltet euch an Gottes Wort und Liebe fest. Wenn der KÖNIG kommt, dann kommt vorher auch Sein guter Knecht.“

Jojareb und Hilkia sind vom Tribun entlassen worden. Unmöglich aber war, ihnen ihre Ämter abzunehmen. Zum Glück sind es nur Usiel, Ginthoi, Malchia und ein paar Unterpriester, die sich abermals ins Schlepptau nehmen lassen. Das fällt auch weniger ins Gewicht. Sie haben aber abseits ihre Untergrundbewegung aufgebaut, deren Tunnel bis zu Herodes führt.

Hinzu kommt, daß in Jerusalem ein älterer Pontius amtiert, der den sehr jungen Pilatus — für später einmal — einzuweisen hat. Dieser ist von Cyrenius besonders vorgenommen worden. Freilich, die ihm eingeimpfte Ansicht Roms stürzt er nicht um. Den älteren Beamten kümmert es nicht so, der will gern ungeschoren bleiben. Schließlich — ist seine Meinung — hat die Verantwortung Cornelius, in letzter Instanz der Quirin zu tragen.

Eine schwere Last ist die anberaumte Volkszählung. An dieser wird seit Jahresfrist gefeilt. Wie Augustus sie sich dachte, scheitert jedesmal an der viel zu weit verzweigten Herrschaft Roms. Ein paar Gebiete sind erfaßt. Spätestens soll in einem halben Jahre Palästina an die Reihe kommen.

Diese Zeit ist äußerst schlecht gewählt. Da sind die Wandernden der Unbill harten Wetters ausgesetzt, von der großen Unbill solcher Zählung nicht zu reden. Das muß zu neuer Gärung führen, die sich Herodes nutzbar machen wird. Es sieht wirklich böse aus. Sogar der Himmel hat dafür Verständnis, der plötzlich in Gestalt des Simeon erscheint.

Beide Hohe fahren auf, einen Freudenruf nicht hemmend. „Simeon, o Simeon!“ „Wiederum kommst du in höchster Not!“ Athaja atmet schwer und umarmt Simeon. Der drückt gleich beide an sein Herz. „Ihr solltet wissen, daß euch GOTT am nächsten steht, wenn ihr Seine Hilfe in der Ferne wähnt.“ (Ap.G. 17, 27-28)

„Ja“, sagt Zacharias, „nur läßt die Trübsal oftmals keinen Ausweg zu.“ „Ich durfte nicht mehr wanken“, bekennt Athaja. „Wankend seid ihr nicht geworden“, erklingt‘s in altbekannter Freundlichkeit. „Wenn jemand ehrlich will, aber das Gelingen an der Welt zerbricht oder aufgehalten wird, dann räumt Gott unversehens manche Steine weg, um es den Seinen leicht zu machen.

Ich fege wieder eine Strecke frei, auch wenn es äußerlich nicht immer wahrzunehmen ist. Ihr sollt ja höheren Tribut bezahlen als die Kleineren. Wollt ihr dem König helfen, so müßt ihr einen Teil der Lasten auf euch nehmen, die im hernach und im voraus des Volkes Lasten sind. Heute frage ich im Auftrag Gottes, ob ihr dies zu tun euch gern bereit erklärt.“

Was für ein Ton! Ist das Licht so streng geworden? O nein! Es ist ein Ernst, der heilig heißt. Simeon kommt ihnen gar nicht mehr so menschlich wie vor Jahren vor. Doch weit näher steht er ihnen. Oder sind sie ein wenig aufgerückt, trotz Bangen, an dem die Ungewißheit ihres Glaubens hing? Ihre Frage halten sie zurück; für des Himmels Frage haben sie ein festes Ja. Des Lichtes hoher Bote bleibt wieder bei den Menschen — wie ein Mensch. Er sagt:

„GOTT, König in Ewigkeit (2. Mo. 15, 18; Ps. 29, 10), segnet euer Ja, Sein Licht enthüllt sich immer herrlicher. Dann müßte alle Freude wachsen, hingegen jede Last verwehn — ? Verwechselt nicht die Lust mit Lebensfreude, deren sorgenfreie Freudigkeit im fortgesetzten Opferwillen wurzelt. Den hehren Lebensernst sieht man als Bitternis der Erde an. Aber die entspringt dem unverstandenen Weg, den die meisten mit dem Tod beendet wähnen. Denn was dem Lebensweltgefühl zuwiderläuft, das nennen sie dann Bitternis und Pein.

Was ihnen tragen oder überwinden hilft, betrachten sie als eigenes Verdienst. Das gerade macht sie schwach. Gar manche schieben jedes Ungemach zur Seite. Wieviel sie dabei in sich selber töten, wird im Jenseits offenbar; denn ihr brutales Niederstampfen der Gefühle löscht das innere Hör— und Sehvermögen aus. Im jenseits tritt dann alles um so stärker wieder auf, weil da die weltkörperlichen Sinne fehlen. Eines sage ich euch beiden:

Trotz Lasten in der letzten trüben Zeit und weil ihr euch dem Volk so hoch verpflichtet fühlt, ist euer Glaube fest geblieben. Da nur gilt der Glaube als zerbrochen, wenn die Ehrfurcht gegen Gott und die Nächstenliebe auch zerbricht. Ihr habt diese Hauptstützpunkte treu gepflegt, seid — wie der König sagen läßt — hinaufgewachsen. Daher seht ihr mich jetzt anders, weil ihr die Grundverbindung mit dem licht empfangen habt.“

O Simeon, du gibst uns königlichen Trost!“ Dankt Athaja. „Vorher war ich trotz Priesterwürde Gottes Licht recht fern.“ „Stimmt nicht!“ Simeon legt eine Hand auf Athajas Schulter. „Du warst kein himmelsferner Mensch; nur die Verhältnisse hatten deine Seele trüb gemacht. Auch Zacharias mußte eine Umkehr haben, trotzdem er der Gläubigste des Tempels war.“

„Darf ich die Freunde holen? Einer ist . . .“ „. . . heimgegangen, mit einem ‚weißen Kleid‘ (OJ. 6, 11). Ahitop fehlt euch sehr; er hielt Herodes gut in Schach. Aber eine Bahn muß sich erfüllen, auch ohne ein gegebenes Muß. Das ist die ‚heilige Erlöserbahn‘! Sie kann zwei Seiten haben. Die Welt und ihre große Kraftgestalt (Satan) möchten sie zerstören, weil der Dämon und seine Menschen meinen, damit den Träger (Liebe) der Erlöserbahn zu töten.

Ihr werdet wie Freund Ahitop den allgewaltigen Schöpfungsausgleich von weit höherer Warte aus erleben, als dies bis auf einen Menschen (Johannes) möglich ist. Laßt die Freunde rufen. Mich sah keiner kommen; denn das Licht dringt durch das All.“

„Und die andern?“ Athaja meint die Feinde. „Die dürfen heute keine Störenfriede sein. Und das Morgen kommt von selbst.“ ‚Leider‘, ist der Gedanke beider Hoherpriester. Damals war es schön, als Jojareb und Hilkia nicht mehr häßlich schüren konnten. In letzter Zeit sah man wieder ihre bösen Blicke und — man schüttelt es gewaltsam ab. Simeon ist da!

Man eilt rasch herbei, auch die Tempelfrauen. Die Freude, Simeon zu sehen, ist so groß, daß der Engel, den man noch nicht völlig kennt, sie als gute Gaben sammelt und bei seiner Rückkehr sichtbar auf den Heiligen Herd vom Sankt Sanktuarium (s. auch die Geschichte Hiobs) niederlegen kann.

Athaja bringt die nur zu verständliche Frage vor: „Was geschieht bei unserer Volkszählung? Von der Stadt müssen viele ins Gebiet, wochenlang; vom Lande umgekehrt. Das gibt ein großes Durcheinander. Wird‘s uns arg betreffen? Wie wirkt es sich politisch aus? Herodes legt schon Schlingen, wohinein der . . .“ Tempel tappen soll, will er sagen. Simeon wehrt ab:

„Was ich künde, wird in manchem schmerzlich scheinen. Seid ihr darin fest geworden, daß jeder Weg des einzelnen, die Wege aller Völker, einmal auch der Welt, für die Materie wie einen Anfang so ein Ende haben, daß es zuvor wie auch hernach ein Dasein gab und geben wird, frei von der Materie, so sagt: Was kümmert euch, was in siebzig Jahren (Zerstörung Jerusalems), in einem oder mehreren Jahrtausenden geschieht?“

Hasabra sagt: „Du stehst auf hoher Himmelswarte, wir sind noch an die Welt gebunden oder — durften uns um gar nichts kümmern. Da brauchten wir auch keinerlei Gemeinschaftssinn und Nächstendienst. Gott hätte uns dann weniger Vernunft zu geben brauchen und — weniger die Liebe lehren müssen.“ Letzteres wurde leise angefügt. Mancher nickt dazu. Simeon entgegnet:

„Eben von der Weltwarte aus sprach ich zu euch. Des Himmels Warte würdet ihr noch nicht begreifen (Joh. 3, 12), trotzdem ihr aufwärts klimmt. Gemeinschaftssinn und Liebe sind für die Hilfsbedürftigkeit zu pflegen. Es soll innerhalb der Pflichtenkreise jedermann das Seine tun. Wird jemand in ein anderes Amt versetzt, so ist das alte aufzugeben, ansonst er ja im neuen Amt nicht richtig wirken kann.“ Hm, so muß es sein, und allmählich dämmert es von dem, was Simeon noch weiter sagt.

„Mit der Hippe (Winzermesser) könnt ihr keinen Weizen, mit der Sichel keine Reben ernten. So unterscheidet sich der Werdegang, unabhängig davon, daß, je höher jemand steigt, derselbe mehrere Stufen leiten kann. Und solange ihr auf Erden lebt, habt ihr deren Pflichten zu erfüllen, obendrein noch etwas mehr; denn Gottes gute Kinder sind allzeit dienstbereit.“ (Hebr. 1, 14)

„Aber wie?“ fragt Hasabra. „Ich, vom Stamme Sebulon, muß nach Kapernaum. Wochen bin ich fort, gerade da, wo Josahad mich dringend braucht, der ein Benjaminite am Ort verbleiben kann. Böse Feuer schwelen in Jerusalem; die ahnungslosen Leute vom Gebiet können mit hineingerissen werden. Trotz Glaube und Vertrauen hängt unsere Pflicht mit bitterer Sorgenlast zusammen.“

„Gewiß; allein für dich ist‘s sogar gut, wenn du für eine Weile ferne bist.“ „Warum?“ horcht jener auf. „O, ein Hannas bleibt dran kleben, daß auch die letzte Wahl auf dich statt auf ihn entfiel, der zwei Posten haben will: Tempel und Stadtoberster. Öffentlich wird er emsig sein; das Heimlichtun gelingt ihm erst viel später, zudem bloß zu einem Teil. Späterhin zieht Kaiphas, der Hannas‘ Tochter freit, im Tempel ein. Doch das kümmert uns jetzt nicht. Jeder Zeit das ihrige!“

„Ach Freund“, seufzt Jissior, „wenn der ans Ruder kommt, — unter dem mag ich kein Priester sein!“ „Man muß die Dunklen mit ertragen lernen“, mahnt Hanna. „Leicht wird ein Weg, wenn es immer lichthell ist. Dann ist‘s kein Verdienst.“ „Wohl“, pflichtet Nathan bei. „Nur ist Hannas ein Satiriker ersten Ranges. Mit Worten schneidet der ein Herz entzwei, bis es ausgeblutet hat.“

„Dem Synedrion überstehen eure Richter“, sagt Hilkior, „die können Hannas eine Schranke ziehen.“ „Wenn sie dann noch leben“, erwidert Malluch pessimistisch, „sie sind alt.“ Die beiden lächeln und Thola sagt: „Wir sind nicht unentbehrlich. Gott kann andere und — bessere erwecken.“

„Andere ja“, bestätigt Simeon, „doch bei Besseren gehen Licht und Pflicht in einer Hand einher. Gott hilft, selbst wenn es mit dem Volke abwärts ginge. Sein Regiment heißt GNADE und BARMHERZIGKEIT.“ „Das ist unser aller höchster Trost!“ Pashur blickt Simeon dankbar an. In den letzten Jahren war er froh, daß jener ihn von seinem alten Adam heilte.

Galal sagt: „Wo Menschen wohnen, soweit man weiß, gehn des Cäsars Legionen vor. Ich bin wissenschaftlich interessiert, was für Zahlen sich ergeben werden.“ „Zu was dienen sie dir denn?“ fragt Josabad. „O, zu allerlei! Vor rund siebzehnhundert Jahren bestand unser Volk aus den zwölf Stämmen Israels (1. Mo. 32, 29). Jene Spanne Zeit, in welcher unser werdendes Volk in Ägypten wohnte, ist nicht genauest nachzurechnen.

Jedenfalls war es gewachsen. Mose zählte über sechshunderttausend Männer (4. Mo. 1). Israels Untergang durch Sargon und weitere Gefangenschaften Judas hemmten die Vermehrung kolossal, schätze aber, daß wir die einstige Stärke der zwölf Stämme überflügelt haben. Könnte Juda wenige Jahrhunderte in Frieden leben, so ließe es sich in den Kranz der größeren Reiche mit placieren. Bitte, Simeon, was meinst du dazu?“ Der hebt leicht die Schultern:

„Dein Suchen ist für manches gut. Nur bedenke: Damals sollte Mose zählen, denn jeder wollte Erster sein. Manche wünschten, nach Jakobs Söhnen eingestuft zu werden, andere nach der Zahl der Leute.

Ruben war der erste Sohn, Judas Stamm der stärkste. Gott wies den Unsinn ihres Streites auf. Ein Volk darf seine Stärke wissen; denn auch der Schöpfer zählt Sein Kindervolk samt Sternenheer; und kein Name geht ihm je verloren.

Die Völker zählen sich, um sich zu brüsten; ihr Hochmut gräbt sich aber selbst das Grab. Von allen blieben Rester, wie von Israel. Rom wird es ebenso ergehen. Welches Volk durch seine Zahl den Wert der Macht beweisen will, hat die Jahre des Bestehens mitgezählt! Aus armen Haufen können sich ja neue Völker bilden; allein — der erste Machtbestand verweht.“

Athaja sagt: „Wir sollen Teile dessen tragen, was im hernach und im voraus des Volkes Lasten sind. Daß man im nachhinein mit büßen kann, meistens sogar muß, hat sich allzu oft erwiesen. Doch wie steht es um die Last im vorhinein? Wie kann ich etwas tragen, was — vielleicht — mein Nachgänger Böses tut?“

„Weltlich unverständlich“, klärt Simeon auf. „Ich zitiere einiges aus Isa-i (Jesaja), das in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zeigt. Er verkündete die ewige Erlösung (Jes. 45, 17). Das ‚ewig‘ ist die Bleibeform, die der Erneuerung nicht bedarf. Sie hat das: ‚Uns ist ein Kind geboren‘! Der Erlöser in Gestalt kommt zeitbedingt; aber die Erlösung als Prinzip schuf Gott, bevor ein Schöpfungsfall geschah (s. Urwerk).

Er hatte sie vorausbedacht (Hebr. 9, 12), sobald ein Notstand sie verlangte; Er zeigte sie als Jüngling (s. Urwerk), aus dem erlösenden Prinzip geprägt. Hätte Gott eine etwaige Fallschuld nicht zuvor in Seine Suveränität und urbedingt in die Barmherzigkeit gelegt, wobei der Schöpferwille und der frei gegebene Geschöpfeswille gegenüber standen, so hätte ohne starre Willensbeugung des Geschöpfes Sturz nicht aufgefangen werden können!

Weder aber sollte eine starre Willensbeugung noch eine zügellose Willensfreiheit walten. Den Ausgleich formte Gott mit Seiner ewigen Erlösung. Und hieraus bildete sich für den geschöpflichen Begriff Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dabei greifen wir auf Isa-i zurück.

Er hatte die drei Zeiteinheiten in eine Form gegossen: ‚Um Trost war mir sehr bange.‘ Das ‚war‘ gilt altem Unrecht. Gegenwärtig, ja allgegenwärtig: ‚Du aber hast Dich meiner Seele herzlich angenommen, daß sie nicht verdürbe.‘ Die Hilfsgegenwärtigkeit nimmt das getane Unrecht in sich auf. Dann aber:

‚Du wirfst alle meine Sünden hinter Dich zurück‘ (Jes. 38, 17). Das gilt der Zukunft mit, bis des Menschen Fuß ins Grab versinkt. Damit ist das unaufhörliche erlösende Prinzip bestätigt. Wer alles in den Schuh der Zukunft schiebt, löst sich selber von der Herrlichkeit der Zeit! Er wird so das Heil und die Erlösung in der Ferne sehen und sie erst dann erlangen, wenn er sich bedingungslos der ‚Zeit des Schöpfers‘ unterwirft.

Noch dieser Vers: ‚Ich vertilge deine Missetaten wie eine Wolke und deine Sünden wie den Nebel. Kehre dich zu Mir; denn ICH er löse dich!‘ (Jes. 44, 22) Auch da die Gegenwart der Vergebung, aller Missetaten, aller Sünden, die sich auf die ganze Lebenszeit der Materie erstrecken. Allerdings — dem steht eine UR-Bedingung gegen über:

Kehre dich zu Mir !

Das ist das Vollkomenste der im voraus aufgenommenen Last: Für die Grundschuld gibt es die Erlösung durch die GNADE, ohne welche die angeschlossene Erlösung einer ‚Werdeschuld‘ keine mitverdiente Löse brächte. Allein — diese soll geschehen aus dem ‚Kehre dich zu Mir‘! Die urheilige Löse kennt für jeden Fall das DENNOCH, während die Gnadenlöse alle Hingestürzten und die durch ein Mit-Trägertum zeitweilig der Sünde Unterworfenen erfaßt, weshalb es auch nicht heißt: Wenn du dich umkehrst, dann erlöse Ich dich.

Eines gilt: Wer nicht umkehren will, kann die Grunderlösung nicht besitzen, die unabhängig von geschöpflicher Einsicht, Umkehr, Reue und Buße längst geschah (UR-Opfer, s. Urwerk). Die Grunderlösung hat von vornherein Tod und Verdammnis ausgeschaltet. Denn: ‚Ich erlöse dich! Das ist MEIN Schöpferwille, weil ich Mir Mein Werk erhalte! Aber wer sich wendet, der wird den Segen aus der Grunderlösung als persönlichen Erlösungsantei haben.‘

Wir stoßen auf ein Drittes. Ich weise darauf hin, daß Isa-i den ‚kommenden‘ Erlöser kündet, und somit das, was sich auf ihn bezog, der Zukunft zuzuschreiben hätte. Er greift jedoch in ein Gewesenes zurück. Wer sich gewendet hat, besitzt die vergangene und künftige Erlösung. Freunde, wer diesen heiligen Erwerb erlangt, der steht im ‚Kreuzstrahl des Erlösers‘, der die LIEBE GOTTES ist. Und so lautet des Propheten Wort:

‚Fürwahr, Er trug unsre Krankheit und lud auf Sich unsre Schmerzen.‘ (Jes. 53, 4-5) Hier betrifft‘s den Zustand einer Seele, aus Missetat und Sünde geistig unfruchtbar gemacht. Von der menschlichen Erscheinung des Erlösers ab wird die Vergangenheit des ‚trug‘ und ‚lud‘ zeitlich stimmen. Isa-i sah aber nicht nur für die Nachzeit, sonst stünde da: ‚Er wird tragen, wird auf Sich laden.‘ Damit ist zudem gezeigt, daß ER SELBST die Krankheit und die Schmerzen aller Hingestürzten auf Sich nimmt, obgleich ein weiterer Text die klare Bildschau fast verschleiert.

‚Wir aber hielten Ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.‘ O ja, wir dachten so, Er sei ein anderer, nicht der Schöpfer Selbst, der sprach: ‚Ich bin der Herr, dein Arzt, dein Heiland und dein König!‘ Sogar Isa-i, vom Welteinfluß gehemmt, hatte erst gedacht, daß der Kommende von GOTT gemartert wäre. Wir hielten Ihn . . . Doch: ‚Er ist um unsrer Missetat willen verwundet, um unsrer Sünden willen zerschlagen!‘ Nicht zerschlagen ‚worden‘. Niemand tat das, als allein die Missetaten und die Sünden.

‚Die Strafe liegt auf Ihm.‘ Welche — ? Nun, wie oft gesagt, nahm Gott die Grundschuld auf Sich Selbst, darum: ‚Auf daß wir Frieden hätten‘, demnach also jeder nach der Umkehr auch den persönlichen Erlösungsanteil haben kann. Wer erlöst ist, atmet auf, wohnt er ja im Land des Friedens.

‚Durch Seine Wunden sind wir geheilt.‘ Welch konkrete Form der Gegenwart! Wir — alle sind geheilt. Das kennt keine Ausnahme. Auch gelten nicht nur weltkörperliche Wunden. In tiefster Schau bedeutet es die Schöpfungswunde, die die gestürzte Tochter dem Tag der Liebe schlug. Hier ist die Grundverwundung zu erkennen, für welche hehr und heilig auch die Grunderlösung kam. Der Schöpfer sah des Werkes Wunde und dadurch jene, die sich das arme Kind durch seinen Hinfall zugezogen hatte. Die Barmherzigkeit wollte also durch Geduld und Liebe heilen. Schon im vorhinein, Athaja.

Ein Mensch verspürt das Vorhinein nur schwach; aber eines, lieber Freund, kann jeder merken: Im Erlösungs-Vorhinein der Gottheit liegt das Vorhinein der Kinder, die mit helfen wollen umzuwenden, was sich wenden läßt; heimzutragen, was heimgetragen werden will. Also frage nicht, für wen und was und wann, sondern lege deine eigene Last und dein Mit-Trägertum in die hehre Grundlast Gottes. Es genügt, daß ER alle deine Dinge weiß!“

Athaja eilt hinaus. Einige blicken ihm in Sorge nach, doch Hanna winkt gleich ab: „Es traf ihn stark, daß er ein Mit-Träger wäre und das Seine so gewißlich in des Schöpfers Grundlast legen dürfe.“ Eine stille Pause folgt. Zacharias sagt: „Es hat keiner die Propheten ausgelegt, wie du es kannst. Man hat alles meist der Zukunft überlassen.“ Athaja kommt schon wieder, drückt stumm des Menschenengels Hände und setzt sich neben ihn.

„Mir geht etwas nahe“, fängt Jissior wieder an. „Noch ist bis zum Taggebet eine halbe Stunde Zeit“, stellt Nathan fest (öffentlicher Psalmendienst). „Was hast du auf dem Herzen?“ „Wir rüsten auf das Halljahr. Vorausgesetzt, daß sie genau verzeichnet sind, würde es das dreiunddreißigste sein.

Es trifft mit dem Jahr zusammen, von dem Simeon verkündete, da käme der Erlöser. Heute war es auch der Grundriß seiner Lehre. Wie läßt sich das vereinigen? Was kann das Halljahr noch bedeuten außer dem, was man durch Mose weiß?“

Simeon öffnet eine der großen, reich verzierten Truhen, die an den Längswänden des Raumes stehen. Diese dürfen nur die Hohenpriester öffnen. Aber Simeon — ? Fünf von ihnen bergen alle kostbaren Mose Schätze. Daß er gleich die richtige Rolle findet, wundert niemand mehr. Er liest aus ihr den Urtext über die Sabbat- und Halljahre vor (3. Mo. K. 25) und fügt hinzu:

„Heute wundert‘s euch, daß Mose diese Satzung fast weitschweifig niederschrieb. Überlegt, daß das Volk in Ägypten manches Brauchtum angenommen hatte, was sich mit Gottes Grundrecht nicht verschmelzen ließ. Es hätte Mose mehr gefallen, wenn das Volk beim guten Recht geblieben wäre, statt daß er bis ins Kleinste scharfe Satzung geben mußte. Ihm blieb nichts anderes als Strenge übrig. Nun will ich künden, was nicht extra hier verzeichnet steht.“ Simeon deutet auf die Rolle. „Alsdann wirst du merken, Jissior, wieso die Halljahre die Zahl dreiunddreißig bringen.

An sich hätten von dem Zeitpunkt des Gebotserlasses an bis heute dreißig Halljahre stattgefunden. Mose führte aber gleich das erste Halljahr als den Auftakt zu den Sieben-Jahr-Perioden ein. Zu dieser Zeit lagen zwei Etappen zu je fünf Jahren hinter ihnen, und Mose rechnete aus Dank und Ehrfurcht die zweimal Fünf-Jahr-Epochen in je fünfzig um und ließ nachträglich in kurzer Folge zwei sogenannte Gnaden-Halljahr-Wochen feiern. Diese durfte er als das zweite und dritte Halljahr werten. Das vierte Halljahr [VH28] wurde hier in Kanaan gefeiert.

Abgesehen davon, daß der Mensch gern rechnet und seiner Rechnung eine Deutung gibt, sind die Zahlen, die sich aus dem Licht ergeben, höchst bedeutungsvoll, im ganz besonderen die dreiunddreißig Halljahre. Deine Rechnung stimmt, Freund Jissior; nur deine Auslegung stimmt nicht genau. Doch das schadet nichts, suchtest du ja nach dem geistigen Motiv.

Gott bringt als ‚Menschensohn‘ Geduld und Liebe so viele Jahre auf die Welt, wieviel man Halljahre bis zu Seinem Kommen feiert. Das ist Seine Schlüsselzahl! Denn die Halljahrfeiern — obwohl vom Volk nicht allzeit echt gehalten — sind im Empyreum für die Materie mitgefeiert worden. Ja seht, euere Halljahre wurden in die hehren Licht-Halljahre einbezogen, ansonst wäre wenig Segen für das Volk daraus hervorgegangen.“

„Welche Herrlichkeit!“ staunt Obadnia. „Schade, daß ich mich mit diesen Dingen weniger befaßte.“ „Du hast zu wenig Zeit“, entlastet Josabad den Arzt. „Hm; dennoch sollte man sich mehr um Himmelsdinge kümmern, dann ließen sich auch Licht und Pflicht verbinden.“ Pashur fragt: „Bleibst du länger da, Simeon?“ Es ist wie in Angst gefragt, ihn wieder zu verlieren. „Ich bleibe, bis der König kommt; dann gehe ich, wohin Er Seinen Fürsten sendet.“ Ach, ach, gleich wieder wird der Himmlische als Mensch betrachtet. Allerdings — er hat ja seinen Lichtglanz zugedeckt.

Pashur fügt der Frage an: „Manches von den Halljahr-Regeln wird nicht streng beachtet. Könnten wir darüber reden?“ „Am Abend“, sagt Athaja rasch. „Heute kommt das Volk zum Tempel. Und was tust du am Nachmittag, lieber Simeon?“ „Ich gehe in das Tribunat. Unser alter Hauptmann Rochus ist seit Tagen da; und heute kommt Cornelius.“ „Ah, Cornelius?“ Es schwirren Fragen. Offensichtlich freut sich jeder über diese Kunde.

„Ich war bei ihm; er regelte in Eile seinen Dienst. Er kann nicht lange bleiben. Forestus und Askanius kommen mit.“ „Ihr seid meine Gäste“, hebt Chol-Joses einen Finger. „Angenommen!“ Galal klopft ihm auf die Schulter. „Simeon“, bittet Hasabra, „schaue dir Pilatus an, er soll später Pontius werden. Ich halte nicht sehr viel von ihm. Hilf ihm nur ein wenig auf die Sprünge.“

„Er ist zu jung um ihm eine Kerze aufzustecken, und sein römisch Wesen hält er fest. Ganz ungut wird er nicht. Mit Vernunft fährt man bei ihm am besten. Das Spätere — sagte ich ja schon — braucht euch nicht zu drücken. Jeder Zeit das Ihrige!“

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