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Die Perser bei Herodes. Die heilige Familie in Jerusalem, Wunderbare Begebenheit

4.T-Kapitel 10

Die Perser bei Herodes. Die heilige Familie in Jerusalem, Wunderbare Begebenheiten. Das Kind im Allerheiligsten. Der schönste Schmuck; Cherub und Seraph am Hohen Ariel. Die Anbetung. JESU-IMANUEL! Ein heiliges Haupt und noch eine Anbetung. Wer ist Jesus wirklich? Simeon gibt Aufklärung. Sein Wort an Maria. Als Gabriel kehrt er zurück ins Reich. Sein Gruß: Fern von der Erde her

Der Rausch der Seligkeit, die freudige Erwartung kennen kaum noch Grenzen; und doch ist‘s die stille Feier für DEN, DER kommt. Alles wird aufs peinlichste gesäubert. Jene, die noch blind durch diese hohe Gnadenära tappen, schimpfen insgeheim. Auch politisch wird gewühlt: ‚Er will den neuen König prätendieren!‘ Man trägt‘s Athaja zu. Der winkt gelassen ab.

Gestern kamen Perser an, die den ‚Herrn der Erde‘ als den KÖNIG suchten. Schithinaz und Mithra-Bosnai sind nicht dabei. Sie hatten es erklärt, wohin die Sternendeuter gehen sollten. Wer hatte sie Herodes zugeleitet? Schon am Abend kam im Tempel dessen Botschaft an, der Hohe Rat soll kommen. Bei der Besprechung merkten dann die Perser, daß sie fehl gegangen waren. Gleich stand für sie fest, das Weitere nach ihrer Art zu wenden. Herodes mit Geschenken hinters Licht zu führen, war nicht schwer.

Noch sind sie seine Gäste, gerade diesen einen Tag, an dem die Heilige Familie zum Tempel kommt. Simeon hatte angeraten, von den Persern nichts zu sagen, um Joseph nicht zu ängstigen. Nun — der Himmel hat das Regiment! Auch das ist Gottes Führung, daß Jojareb und Anhang heute nicht im Tempel weilt. Er sucht selbst den ‚neuen König‘, um ihn Herodes anzuzeigen. Daß er IHN nicht findet, darf kein Wunder sein.

Am Mittag jagt der ausgesandte Unnias auf einem Maultier durch die Stadt, dem Tempel zu. Außer Atem meldet er: „Sie kommen, sie sind nahe! Ich sah das helle Banner des Tribuns!“ Athaja, aufgeregt, wie nie gewesen, drückt dem Diener eine Münze in die Hand. Der staunt nicht schlecht. Athaja war ja niemals knauserig; doch die Münze ist ein halber Jahreslohn.

„Sie kommen spät“, sagt Nathan. „Für Kind und Mutter ist die Kälte auch nicht gut.“ Malluch meint, sie wären wohl des Kindleins wegen später aufgebrochen. Allein, Joseph ist früh abgereist. Cornelius läßt zwei Zenturien in Kriegszustand die Familie umgeben, daß kein Fremder sie gewahrt. Eine halbe Zenturie Reiter schirmt seitwärts ab. Cornelius, meist neben Maria reitend, deren Esel Joseph führt, macht öfter Halt zum Ärger der Soldaten, die über den ‚Spaziergang bei der Kälte‘ heimlich räsonieren. Sogar Joseph geht es fast zu langsam zu.

Cornelius lächelt still in sich hinein, wenn er halten läßt. Und immer muß ein Feuer angezündet werden, um Maria und das Kind zu wärmen. Seinen Legionären redet er gut zu. Bei jeder Rast nehmen Joseph und die Wehefrau das Kindlein der Maria ab. Sogar Cornelius und Forestus bitten um das Kind. Und dann wagen sie sich nicht zu rühren, damit dem Knaben nichts geschieht.

Der Römer bringt die Heilige Familie an den Tempel. Der kalte Tag hat auch sein Gutes, die Gassen sind wie leergefegt; und so bleibt die Ankunft unbeachtet. Der Tribun sagt zu Joseph: „Ist es dir, vor allem der Maria und ganz vor allem meinem Gott im Kinde recht, dann hole ich euch abends ab. Wir ziehn bei Nacht zurück. Beachte bitte meinen Rat: Gehe niemand von euch in die Stadt.“ Die Perser sind ihm längst gemeldet worden.

Er läßt überall Manöver halten. Nur die treuen Offiziere wissen das ‚warum‘. Er verrät es aber nicht und sagt nebenher: „Du, deine Familie, seid geschützt.“ Wie würde Joseph staunen, wüßte er, daß Cornelius dabei am allerwenigsten an seine Truppe denkt, als fast ausschließlich an Gottes Schutz.

„Dir kann ich nicht genugsam danken“, erwidert er und drückt des Römers Hand. „Ich befolge deinen Rat. Laß mich eher wissen, wann du abmarschieren willst.“ Cornelius ginge lieber mit hinein; doch die Sicherheit der ‚ihm vom Höchsten Anbefohlenen‘, wie er es verspürt, unterdrückt den eigenen Wunsch. Er kontrolliert das Tribunat, sowie ganz Jerusalem.

Aber ganz versunken sieht er noch einmal das Kindlein an, welches plötzlich wie ein Wissender die Augen auf den Tempel richtet. Da wird das Tor schon aufgetan. Unter dem Portal, das unmittelbar zum Vorraum des Allerheiligsten führt, harrt die ganze Freundesschar. Hier hilft ebenfalls der kalte Tag, der die meisten Templer an die Kohlebecken treibt. Außerdem herrscht noch um diese Stunde eine allgemeine Pause.

Ach, wie wird das alles so gelenkt. — Nur am Morgen gab es eine Sorge. Simeon und Hanna waren nirgends aufzufinden. Wo mochten sie bloß sein? Wer sonst — als sie — konnten sagen, wann die Hohen Gäste kämen? Alsdann hätte Unnias nicht Ausschau halten brauchen. Auch jetzt sind sie nicht da. Aber sieh — wie ein Gedanke flammt es über alle hin: Das ist himmlische Regie! Wer weiß, was Wundersames sie erleben werden.

Als Maria mit dem Kinde, Joseph, drei Söhne und die Wehemutter im Gefolge, dem Portale nahe sind, kommt Athaja auf sie zu. Das Ritual sieht vor, die Erstgeburt zu segnen, bevor die Eltern in die Halle treten. Soll er aber JENEN segnen, Der ewig segnet aus der eigenen Schöpferherrlichkeit — — ? Er beugt sich nieder, seine Stirmme ist ein einziges Vibrieren:

„Gegrüßest seist Du, HERR, hohe Liebe, Der Du uns“, die Freunde haben sich eng aufgeschart, „für würdig hältst, Dich zu empfangen.

O Herr, segne uns!“ Joseph und die Seinen sind erstaunt. Redet so ein Hoherpriester? Da hebt das Kind offensichtlich beide Händchen hoch und deutet auf das Tempelinnere. Sofort geleiten alle die Familie in den Vorraum bei dem Allerheiligsten.

Dort hat der Doktor die Beschneidung vorzunehmen. Später weiß er nimmer, wie er sie mit seines Herzens Zittern fertig brachte. Sonst weinen alle Kinder; nur das EINE mit den Sonnenaugen sieht jeden freundlich an. Wenn nicht schon früher, wäre jetzt erwiesen, daß das Kind nicht von der Erde ist.

Inzwischen wird Maria von Sachis und Mallane zart gesäubert. Die reifen Frauen sehen ihren ‚unberührten Leib‘. Ein neues, schlichtes Kleid umhüllt die junge Mutter. Nie wurden in dem Vorraum Kinder dargestellt, oder gar im Allerheiligsten. Nur Fürstensöhne trug man bis zur Schwelle. Aber heute — ? Die Templer spüren, daß der Himmel etwas anderes befiehlt.

Der Vorhang rollt zur Seite. Athaja nimmt das Kind Maria ab, um es selbst hineinzutragen. Doch ihm und allen stockt der Fuß. Bisher sah der Raum, den jeder Israele als das Prächtigste der ganzen Erde hielt, nur jenen Schmuck, den Menschenhände formten. Jetzt — ? Mit Wundern eines Floreals ist er geschmückt. Was sind die glänzenden Gefäße, die goldenen Leuchter, die silberne Verschnürung, was alle tote Pracht gegen diesen Schmuck lebendiger Natur — Man will das Kind zum Altar tragen; aber wieder hält man an.

Am Hohen Ariel stehen zwei Gestalten. Ist‘s ein ‚Ahnen, wer die beiden sind? An der rechten Seite, in den Händen eine Krone, steht ein Cherub, links ein Seraph, eine Gottestochter, die eine Waage trägt. Kein Auge sah, wie von Himmlischen, einem Heer von Engeln, das Allerheiligste zubereitet ward, nachdem am Morgen der amtierende Jissior den Raum verlassen hatte.

Braucht GOTT den äußerlichen Schmuck? Nein, ER nicht! Doch treue Kinder brachten ihn, also nimmt Er ihn in Seiner Treue an. Die Werke Gottes sind auf das Innere und Äußere gegründet, auf daß im ‚Reich‘ die innerliche Darbietung sich äußerlich und jede äußere Ehrung für den Allmächtigen im Geist entfalten kann.

Beiderseits am Hohen Ariel stehen dichtgedrängt und ungesehen viele Scharen. Athaja geht voran, rechts von ihm Maria, links der fromme Joseph. Am Ariel kniet der Hohepriester nieder, mit ihm alle anderen, vom Tempel und der Stadt. Man war vorbereitet und kam, wie man ging und stand. Der Vorhang rauscht zusammen und die Menschen sind entrückt, wie einst Isa-i, als er an der gleichen Stelle sein Prophetentum empfing. [VH35]

Werden Kinder ohne Worte dargestellt? Aber wer soll GOTT im Kind GOTT anvertrauen? Der Knabe streckt die Arme nach dem Cherub aus, der — niederfallend — IHN an seinem Herzen bettet. Nun versteht man Samnus Wort; ‚. . . als ob Maria an der Brust des Kindes ruhte‘ (S. 383, 4). So hier ebenfalls. Ein Fürst des Himmels hält das Kind im Arm, Dessen ‚Gott-Sein‘ die Unendlichkeit erhält und trägt. Der Cherub betet an:

„Ewig-Heiliger, Ewig-Einziger, Wahrhaftiger! Lasse Deinen Diener nun in Frieden fahren, wie Du mir verheißen hast. Ich durfte auch dem Tag der Liebe dienen. DICH kannte ich vom Anfang meines Lebens an. Nun bist DU hier in der Verkörperung, die Du Israels Propheten offenbartest. DU kamst als Heiland und Erlöser, wie Du gewesen bist von alters her und hast gesagt: ‚Ich bin‘s nicht nur; das ist auch Mein Name!‘ (Jes. 63, 16; OJ. 3, 14)

Du hast Dein Werk gekrönt“, der Cherub hebt die Krone über Kind und Mutter, „Dein NAME ist die Eigenschaft, Dein WERK die Tätigkeit der Grunderlösung! Das hast DU bereitet, allen Völkern der Materie zur Befreiung, dem Volk des Lichts zur Freude, die von Ewigkeit zu Ewigkeit getragen wird. Du ewighohe Leuchte hast Deine Ehre allen Heiden (OJ. 21, 26) aufgeopfert, Deinen Ruhm dem Volk der Treue, hast als einen Preis DICH SELBST der Armut dargebracht!

Dich dafür loben dürfen, ist hoher Trost; dafür danken, reine Freude; dafür dienen, beseligende Ewigkeit! Deinen Füßen dient die Welt als Schemel; über Dich hast Du das Infinitum Deines Lichtes ausgespannt! Wo immer Du die Kinder in Dein Licht erhebst, da wohnen sie in Deiner Helle!

Was DU tust, ist ewig wohlgetan! Keiner Deiner Ersten dachte je daran, Dich zu fragen, warum der Ordnungs-Fürst am ersten Tag des Tat-UR-Jahres wirken durfte; und er ersah im Erst-Amt keinen Vorzug vor den andern und vor Sadhana, weil jeder Werkbeginn aus Deinen Schöpferhänden fließt, die Deine Segenshände sind. Nichts ist, das nicht aus Deinen Händen käme, nicht im ewig-hehren UR-Kreis Deiner Werke ebenso in Deine Hände strömt. Wer das anerkennt, steht ewig unter Deiner Segnung! O Schöpfer, Priester, Gott und Vater, Dich bete ich in Demut an.“

Der Seraph kniet neben Gabriel und übernimmt das Kind, und der Cherub gibt dem Hohenpriester einen Wink. Dieser nimmt durch eine Eingebung statt des allgemeinen Weihkrauts von dem Blumenflor, der auf dem reinen Teppich vor der ganzen Bundeslade liegt. Azurblaue Ranken, gelbe Sternendolden, rote Rosen und weiße Lilien legt er in das Opferbecken. Daraus kräuselt sich wie eine Kerze heller Rauch. Auch Athaja betet laut:

„Herr, Allmächtiger, Der Du mit Deinem Kommen uns begnadet hast, dafür zu danken keine Ewigkeit die Zeit ergibt! Sieh in Geduld auf uns herab. Irdisch nur kann ich dem Kind, in dem Du Dich verborgen hältst und offenbarst, den Namen geben, den Dein Engel angekündigt hat. Denn Du warst, DU bist, DU wirst sein ! Also nenne ich den Knaben der Maria, von keinem Mann gezeugt, von keiner Welt gekommen,

JESU – IMANUEL !“

Jeder Priester legt die Hände auf das Kind, tief sich neigend; denn des Geistes Macht strömt durch sie hin. Dann richten sie sich auf mit Augen, deren Strahl am Glanz der Sonnenaugen angezündet wurde, die keines Menschen, keines Engels Augen sind. Da, wo auf dem Ariel die Flamme brennt, wie im Sanktuarium auf dem Heiligen Herd, eben da erscheint ein Lichtgebilde.

Die Priester sahen nie das Bundesladenfeuer so hell, rein, stark und offenbarend. Es formt sich wie zu einem Haupt, das unverwandt vom Kindlein angesehen wird. Es ist bloß ein kurzes Bild; aber es genügt, um es den Menschen einzubrennen als ein Mal der Kraft, des Überwinderwillens, doch auch eines von fortgesetzter Seligkeit und Freude. Danach sieht das Kind den Seraph an, der sich allmählich als die treue Tempelhanna zeigt. Auch der Cherub wird der Menschen wegen noch einmal zum Simeon. Der Seraph bringt seine Anbetung in hoher Liebe dar:

„O König hoher Herrlichkeit, Vater Deiner Kinder, Erlöser aller derer, die es werden sollen! Dich preist mein Herz; Dich betet meine Seele an; Dir opfert mein Gemüt; Dir diene ich aus allen meinen Kräften, so gut ich es vermag. TREU und WAHRHAFTIG (OJ. 19, 11)! Du bedenkst der Kinder kleine Lebensdinge; und im Kleinen offenbart sich unser Weg, den Du in Deine Bahn gezeichnet hast. Nun bist DU hier auf dieser Welt; und der Himmel jubiliert, weil all die Armen in der Irre bis zum Letzten aufgefunden werden und auf ewig wieder heimgebracht durch Deine große Opferung!

Du bist Selbst ein armes Kind geworden, um die Seelenarmut der Verirrten aufzuheben, sobald sie sich dem Opfer Deiner Heiligkeit ergeben. In ihrem Fall gefesselt wähnen sie sich frei, als regiere über sie kein Schöpfer-Gott.

Doch Du zerschneidest ihre Bande, indem Du ihre Fesseln auf Dich nimmst; Du hebst sie aus der Angst heraus, denn die Angst trägst Du in Deinem Kreuz! Du überwindest ihren Tod! Du machst sie reich, da Du der Armen Armut in Deine arme Krippe eingesammelt hast. Das hast DU getan, damit Deines Lichtes Kinder zur Freude ohne Trübung, jene in der Finsternis zu Deinem Frieden kommen können.

GLORIA in JUBILATE !

Du führst die grauen Schafe in den gleichen Stall (Joh. 10, 16), Deine hellen Lämmer, Deine starken Widder stehen. Guter Hirte! Die Kleinen wachsen auch zur Dienstbarkeit heran. Kommt Dein hehrer Vater-Tag (7. Schöpfungstag), dann sind die bereits Getreuen und die treu Gewordenen Dein Volk in einem! Zu Deiner Herrlichkeit das GLORIA, zu aller Kinder Seligkeit das JUBILATE !

Ich habe oft mein Haupt an Deine Brust gelegt, als ich im Licht zu Hause war; ich saß zu Deinen Füßen; ich war bei Dir geborgen. O wundersame Seligkeit! Wer kann die Heilszeit je ermessen, die durch Deine Ewigkeiten rinnt? So auch nie das Maß der Seligkeit, das Du Deinen Lichtgetreuen schenkst!

Das offenbart ja Deine Bahn, die DU als Erlöser eingeschlagen hast. Ja — eingeschlagen, die arme Ferne eingehüllt, als Wunder aller Wunder Deiner Retterbahn! Du hast beschlossen, jedem, der sich sehnsuchtsvoll zu Dir bekehrt, Dein Heilandherz zu öffnen. Mag noch für den Restweg der Materie viel zu überwinden übrig bleiben — Dein Heilandtum hilft jedem Kind. Wenn sie Verlangen nach Dir haben, dann sind sie bald im Vaterhaus!

Dein Empyreum ist nicht zugeschlossen, denn Du heißt HERZLICHE BARMHERZIGHEIT (Luk. 1, 78). Dein sind Reichtum, Weisheit, Kraft und Stärke, Ehre, Preis, und Lob (OJ. 5, 12)!“ Vom Hohen Ariel schimmert es, ein Meer von Licht und Silber, darinnen wie Gestalten, die sich vor dem Kinde neigen. Die Menschen frieren vor Erschütterung; aber ihre Herzen brennen wie die Glut im Altarfeuer.

Man verläßt das Heiligtum, ohne es im Geiste zu verlassen, voran Simeon und Hanna, an denen noch ihr Himmelswesen haftet, dann Maria mit dem Kind und alle andern hinterdrein. Joseph ist benommen. Er wußte wohl, WER mit dem Kinde kommen wollte; daß aber auch auf sie die Herrlichkeit entfiel — — Immer sieht er auf das Kind. Den aller Weltkreis nie umschloß, DEN darf er behüten!, er, der arme, kleine Zimmermann — — ?

Und Maria — ? Ja, da war der Traum [VH36], als Gottes Geist sie überschattete. Das Bild im Ariel war jenem gleich, Der auf dem Hohen Stuhle saß (Dan. 7, 9). Als sie in des Kindes Augen sah, von denen sie schon meinte, sie genau zu kennen, — wie kamen sie ihr fremd und heilig vor, so daß auch sie gefröstelt hat ob des Gedankens:

‚Ist das mein Kind — — ?‘

Niemand hörte jenen Hauch an ihrem Ohr: ‚Äußerlich, Maria, ist‘s dein Kind; aber ewig bist du Sein Kind!‘ Noch ist sie zu jung, um das Gesagte, das Geschehen in der Klarheit zu erfassen. Doch etwas kann Maria: sie bewegt das Wort in ihrem Herzen, sie denkt darüber nach. Später, mit der Reife ihrer Jahre, kommt auch ihres hohen Geistes Reife über sie.

Die Frauen führen sie hinaus; das Kind will trinken. Zacharias sagt zu Joseph: „O Bruder, du Mann Gottes, welche Gnade ruht auf Dir! Gedenke unserer; du stehst dicht an Gottes Thron.“ „An Gottes Thron?“ fragt Joseph wunderlich. „Ich dachte zwar, daß das, was aus Maria käme, ein Auserwählter sei: der HEILAND und ERLÖSER, dessen bin ich mir gewiß.

Doch wer ist der Heiland? Ein Sohn des Höchsten, oder überhaupt der Sohn? Auch wir sind Sohn und Tochter. Marias Sohn ist sicher auserwählt, wie es bisher keinen gab, obwohl auserwählte Söhne und auch Töchter kamen. Soll in diesem heilsgeborenen Kind GOTT SELBER sein? Ich weiß es nicht — und möchte es so gerne glauben. Was hier geschah, deutet darauf hin, mindestens auf das, daß dieses Kind der Erst-, der Eingeborene des Höchsten ist.“

Joseph hat vor Simeon eine unbestimmte Scheu. Dieser setzt sich neben ihn. „Bruder . . .“ sagt er, aber jener unterbricht. „Verzeih, du hast das Wort. Ich berichtige nur, ob du aus deiner hohen Geistigkeit mich armen Menschen ‚Bruder‘ nennen kannst, was mich in aller Demut ehrt; jedoch ich — nein, ich bin vielleicht dein Knecht. Und das wäre ich sehr gern“, fügte Joseph leis hinzu. O du Getreuer! Simeon legt einen Arm um Josephs Nacken.

„Den ‚Knecht‘ wirf über Bord, mir gegenüber. Vor GOTT sind wir Knecht und Magd. Gern! Erwähnst du aber Sohn und Tochter und gibt‘s erwiesenermaßen nur den einen Vater, so bleibt es Wahrheit, daß wir alle insgesamt Geschwister sind. Oder nicht?“ Joseph überlegt ein langes Weilchen, währenddes die Freunde dem Gespräch mit Interesse lauschen, Endlich gibt er zu:

„Hochachtbarer Bruder aus dem Licht, was du sagst, das stimmt. Ich meine aber, daß wir Menschen das, was vom Himmel kommt, über uns zu belassen haben, weil man es, wie man über uns die Bläue nennt, niemals unter seine Füße bringt.“

„Auch du hast recht.“ Simeon wechselt seinen Platz, da die Frauen mit dem Knaben kommen. „Das ‚hochachtbare‘ schenk‘ ich dir“, setzt er hinzu. „Denn du, echter Israele, hast noch keinen anderen als GOTT verehrt. Deshalb laß uns Brüder sein, wie wir es bei Gott gewesen sind. Denn die vom Lichte stammen, sind als Menschen absolut nicht minderwertiger, außer dann, wenn sie sich von der Materie gefangen nehmen lassen.

Aber selten wird ein Geistkind der Materie untertänig, unabhängig davon, daß sie durch versagte Rückerinnerung sich manche Fesseln schmieden, was zumeist den körperlichen Seelenteil betrifft. Ein Lichtgeist sieht, wie ein Weltweg schwer belasten kann. Dann um so lieber zeigt er sich als Bruder aus dem Licht, wenn es auch nicht stets erkennbar ist.

Ja, nun freut dich unsere Bruderschaft. Selten, Joseph, soll ein Mensch erfahren, wie GOTT sein Wesen wertet. Wie genau so dieses, so selten gibt es Menschen, deren irdische Bescheidenheit in ihrem Geiste wurzelt. Das ist bei dir der Fall.“ Hier streckt der Knabe hellen Auges seine Hände Joseph hin, der Ihn gleich in seine Arme nimmt und ihn liebreich kost, während ihm zwei Tränen aus den Augen rollen. Maria freut sich ganz besonders über dieses Wort. Zu ihr gewendet, sagt Simeon:

„Du hast als Kind geahnt, daß zwischen uns ein Band besteht. Weil du alle Leute liebtest, dachtest du, das träfe auch auf mich. Doch dich erregte meine Nähe. Was ich sage, wird bei dir und allen als bewußtes Wissen wieder zugedeckt“, Simeon zeigt rundum. „Aber ein ‚Gefühl‘ läßt jede Offenbarung übrig; und das ist das eigentliche Geisteswissen.

Manche meinen, dann erst wäre etwas wahr, wenn man es behalten könne. Das natürlich auch, zumal Gottes Lehre. Aber was sehr leicht zum Fallstrick wird, das Suchen, wer man seinem Geiste nach gewesen ist, bleibt allgemein verhüllt. Wo es dann und wann geschieht, wie bei Henoch und den hohen Lichtern, wird es zum Heil der Menschen wieder zugedeckt. Desgleichen hier, daß ihr es einmal wißt: Ich und Maria sind zwei Kerzen eines Leuchters, sind Gabriel und Pura, die Träger der Barmherzigkeit.

Daß du die ‚Mutterträgerin‘ für die Materie bist, ist zwar eine Auserwählung, nicht aber einzig deiner selber willen. Denn jede Tochter aus der Fürstenreihe ist befähigt, diese Mutterträgerin zu sein. Die Grunderlösung nahm sich die Barmherzigkeit als Schoß, aus der Gottes Menschgestalt geboren werden sollte. Und die tragende Dreieinigkeit GEDULD, LIEBE und BARMHERZIGKEIT unterstellte sich der bestimmenden Vierwesenheit aus UR von ORDNUNG, WILLE, WEISHEIT und ERNST; und das außerdem in diesem Sinn allein für alle armen Hingestürzten.

Bewahre die Bescheidenheit und Demut fest in deiner Seele, daß nicht du aus dir die Würdigkeit empfingst. UR-GOTT allein hat Sich die Pura zubereitet, wie Er alle Fürstentöchter zubereitet hat. Denn für die Heilandsoffenbarung mußte die gesamte Strahlung durch dich gehen, auch durch deinen Erdenleib; aus dem einen Muß, weil die Gottheit an Sich Selber keine Teilung kennt.

Sie ist die eine UR-Gottheit in jeder Offenbarungsart!

Überlasse GOTT die Ehre“, Simeon verneigt sich vor dem Kind, „nimm keine Ehre an, wenn man dich die ‚Mutter des Erlösers‘ nennt. Was dir zuzukommen hat, das gibt das Reich! Mehr bedarf es nicht! Wer aus deiner Mutterschaft den ‚Kult der Gottverehrung‘ treibt, der kommt schwerlich in die obere Region, außer die gebundenen Gemüter, die zu diesem Mutter-Gottes-Glauben angeleitet worden sind. Sie, die Geführten, stehen über ihren Glaubensführern dieser Welt, wenn sie guten Herzens sind.

Wer Demut übt, hat den Himmel unter seinen Füßen, sinngemäß; denn das Licht dient seinen Lichtern! Wer sich selbst erhebt, wird ihn immer über sich in weiter Ferne sehen und ihn nicht besitzen, bis er lernt, was wahre Demut ist. Ihr“, Simeon meint alle, „habt euch vom Lichte prägen lassen, darum seid ihr auch ein Teil des HOHEN LICHTS!“ Auf das Kind gezeigt: „ER SELBST ist es! Es gibt keinen anderen Gott, und Gott sendet keinen anderen! Kein Mond erhellt den Tag; das tut nur die Sonne!“

Beide verändern sich. Beim Kind ist‘s die Erscheinlichkeit, bei Simeon die Gestalt. Der JESU-Knabe richtet sich im Arm der Mutter auf, hebt segnend Seine Hände, aus denen Strahlen fließen, die wie Flammen auf die Menschen fallen. Es sind keine Hände eines Kindes. Wer kann hernach beschreiben, was er sah? Allein — ein Gefühl der Seligkeit, der überwältigenden Freude, begleitet sie von nun an bis zu ihrem letzten Erdentag.

Simeon ist der geworden, den die Hirten auf dem Felde, Samnus und Cornelius an der Grotte, die Freunde im Heiligtume sahen. Nur seine Freundlichkeit erinnert an den Mann von siebzig Jahren. Auch Hanna ist verwandelt, nicht so genau wie bei der hohen Feier, trotz dem wie ‚Fern von der Erde her‘! Gabriel, der sieben Jahre unentwegt den Menschen diente, der vor Seinem KÖNIG kniete, richtet an die Schutzbefohlenen ein letztes Wort:

„Kinder Gottes, seht das HELLE LICHT! Der Ewige, Dessen höchsten Namen erst die Welt erfährt, wenn sie zu Grab getragen wird, hat euch erwählt, daß ihr des Lichtes Hoch-Ziel mit erleben konntet. Fraget nicht nach Stunden, Tagen oder Jahren; eine einzige Sekunde neben unserm HEILAND wiegt die Ewigkeit an Glück und Freude auf — auch für alle, die es im Geiste vorerlebten oder nacherleben werden.

Wir gehen wie auf einem Teppich. GOTT als HEILAND hat uns Seine Bahn bestellt. Über uns erglänzt unendlich die Barmherzigkeit des VATERS, die Geduld und Liebe unseres GOTTES! Seine Sonne, die Sein Sanktuarium erhellt, leuchtet jedem Kinde in der Weisheit und im Ernst der PRIESTER-Herrlichkeit. Das alles ist umschlossen von des SCHÖPFERS Majestät aus Seiner Ordnung und aus Seinem Willen!

Ihr, liebe Menschenbrüder, liebe Menschenschwestern, seid ja nur im Äußeren auf dieser Welt, um — wie alle Lichtgeborenen — das freie Soll der Opferwilligkeit unserem Herrn ZEBAOTH zu bringen. Ihm sei

Preis, Ehre Lob und Dank! GLORIA in JUBILATE !“

Noch einmal kniet der Engel nieder, neben ihm Hanna, die danach den Raum verlaßt und am andern Tage ‚eingeschlafen’ ist. Und die Menschen spuren sich nicht mehr, sie sehen nur, wie der große König Seine Hände auf das Haupt des Fürsten legt und wie sich dann die Mauern auseinanderschieben. Auf einer Lichtbahn geht Fürst Gabriel ins Reich. Noch einmal winkt er seinen lieben Menschenfreunden zu,

Fern von der Erde her.

O HERR, Du ewige Allmächtigkeit,

Du hältst für jedermann die Hand bereit!

Du hast, bevor ein Kind zum Leben kam,

die Grunderlösung hehr und wundersam

in Deinem Herzen herrlichst ausgedacht,

in hoher Liebe über Deinem Werk gewacht;

Du hast‘s gekrönt mit der Barmherzigkeit

als HERR, von Ewigkeit zu Ewigkeit!

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