Gottes ferne Stimme; der königliche Name
11. Kapitel
Asarja amtet vor dem Gnadenstuhl, am Vorhang stehen Abbuda und Obed-Edom. Zwei Stunden lang streut er Weihrauch aus, bis ein Licht erscheint. Der Hohepriester atmet auf: „Herr, erhöre mich!“ Das mag zum erstenmal aus tiefster Inbrunst kommen, weil die Not des Tempels drückt.
Er muß dem alten Gönner danken, den er seit gestern haßt, daß der nicht fragte, wieviel er für zugedecktes Unrecht schon bekam. Wohl waren Barisall und Elimaluch — Aber er? Ihn durchläuft so viel, als er sich vor Gottes Licht verneigt.
Fernher hört er das Wort: „Was gilt Mir dieser Tempel, der das Heiligste verlor, was Mose einst in Meine Hütte trug?“ „O Herr!“ Der Templer sieht sich nach den Vorhangwächtern um. „Mache heilig, was verdorben ist.“ „Vor MIR? oder vor der Welt?“ zürnt es ernst. „Vor — vor Deinem Gnadenangesicht“, sagt der Irdische kleinlaut. „Ich will Dir dienen, Herr, ich will die Menschen zu dir führen, daß sie gläubig Dein Gesetz beachten.“
„Da muß das Haus erst sauber sein, was nicht geschieht, solange dessen Priester an der Erde kleben. Je mehr Pracht, je weniger Mein Angesicht! Soll Ich verlangen, daß du den Armen deine Habe gibst? Du würdest Mich verlassen (Matt. 19, 22). Sieh — wie klein die Flamme brennt! Wenige haben sich das Licht bewahrt; und diese gehn, wie ICH gegangen bin. Sie suchen Mich im Herzen, wo Wahrheit und wo Liebe herrscht. Und dort, Asarja, wohnt Mein Geist!“
Trotz Weltsinn ist Asarja zu sehr Priester, daß er wohl verspürt, um was es geht. Er fällt nieder. „Heiliger, Du zürnst gerecht. Laß mich den Tempel wieder richten, wie einst zu Mose‘s Zeiten Deine Hütte war. Gib mir Deine Kraft, ohne die ich nichts vermag.“ „Ich will dich segnen“, hört man das Wort, „gibst du den eitlen Glanz der Welt dahin. Kannst du am Hochaltar das Licht entzünden, wenn du weltlich eitel bist? Opfere Mir dein Herz; und Ich reinige es, daß davon der Tempel widerstrahlt.“
Asarja seufzt tief auf. „Herr, soll ich mit dem Volksratführer einig gehn? Er will sicher Gutes; doch er reißt die Schranke nieder, die Mose einst errichtet hat. Denn den Aaronstab, die Fürsten und Leviten hat Mose über alles Volk gesetzt. Soll das Volk regieren, statt der König und Dein Heiligtum?“
„Asarja, du bist klug genug, um das Wahre zu erkennen. Vor Mir gibt es nur eine Bahn! Oder denkst du, daß der Schöpfer zwischen den Geschöpfen Unterschiede macht? daß ER Seine Kinder ungleich liebt?“ „Das tust Du nicht. Doch wie stehen Mörder und ähnliche vor Deinem Angesicht und wie andere, die ehrlich sind?“
„Die Schöpferliebe kennt da keinen Unterschied. Muß Ich jemand ob der Fehler hart erziehen, muß Ich einen fallen lassen, so prüfe, ob das keine Liebe ist. Solange Ich ein Kind erziehe, solange ist‘s in Meiner Hand! Zurückzustoßen, wer Gutes tut, ist gegen Mein Gesetz! Gestern hast du schlecht gehandelt; heute bittest du, und Ich bin gekommen.
Om-Sabra ist Mir wohlgefällig, darum wirke Ich durch ihn. Wer das verkennt, sage, wie Ich bei dem wirken soll? Denn das Vollbringen liegt bei Mir!“ Der Hohepriester ist ganz zag geworden. Heute wendet er sich wieder um, heute stellt er Gottes Geist noch einmal über sich. Ob er das bewahren kann — ? (Phil. 2, 13)
„Herr“, demütigt er sich, „ich sehe meine Fehler ein; auch — mit dem Kind. Ich will es holen, daß Du einen Samuel aus ihm erziehst; dazu Diblaim und Joroham, wenn es nach Deinem Willen ist.“ „Du hast sie gekränkt; es steht ihnen frei, sich zu entscheiden. Für Mich wirken können sie an jedem Ort. Denn wisse es: Ich tue alle Meine Werke, wie es MIR gefällt!“ (Sir. 33, 13) Asarja fragt beklommen: „Ist dann der Tempel überflüssig?“
„Der Himmel, den du nicht erforschst, ist Mein Gezelt! Der Tempel könnte Meiner Offenbarung dienen; doch die Reinen treibt man fort und der Kehricht bleibt zurück!“ Asarja schluckt mehrmals, ehe er erwidert: „Ist nur noch Kehricht hier?“ „Nein“, tröstet Gott, „es gibt Getreue, die Mir ehrlich dienen. Auf dich kommt‘s an, ob du den Kehricht vor die Türe gibst ohne zu verdammen, und zu suchen, was verloren ist. Je mehr Reine, um so größer ist Mein Strahl.“ „Herr, willst Du zur Namenslosung Deinen Segen geben? Wird der Knabe ein Prophet? Kam er als reines Kind zu uns?“
„Ich sandte jeden Boten erst in Meine Hütte und in dieses Haus; doch sie werden fortgetrieben. Und wenn du, Asarja, heute dich nicht völlig wendest, erlebst du es, daß Ich den Gnadenstuhl mit Meinem Recht bedecke, bis auf ihm die Flamme stirbt. Dann wird sie nie mehr brennen aus dem Wunder Meiner Offenbarung und wird kein Widerstrahl aus Meinem Himmel sein!
Nun wählt und haltet fest, was Mein Geist euch offenbart. Schüre Mir den Glauben und die Liebe, so will Ich zu Dir kommen wie zu Samuel, daß du Mich auch noch sehen kannst.“ Asarja bückt sich bis zum Boden. Kann er das Heilige aber in den Alltag bringen? Als er sich erhebt, stehn auch Abbuda und Obed-Edom auf.
„Habt ihr Gottes Rede auch gehört?“ Ungewiß gefragt, ob es als Rüge anzusehen sei. Abbuda ist so beeindruckt, daß er das Erleben nie vergißt. Er läßt‘s nicht fühlen, daß es eine Rüge war, die er ebenso auf sich bezieht. Obed-Edom merkt, daß beide nur die Stimme hörten, er hingegen — o unverdientes Los — in dem Licht ein Antlitz sah. Er schweigt, um keinen zu betrüben.
Obed-Edom, Abbuda, Isboseth, Matguel, Hezeron, Chilijon, Chenos, Parnach, Sephthan und statt Diblaim, Joroham, Elimaluch und Barisall vier andere Priester sind versammelt. Eben betritt Abjathar mit Yps den Raum. Man grüßt ihn höflich; doch der scharfe Riß ist nicht so bald zu heilen. Mancher fragt sich selbst, warum er gestern nicht im Kindesblick die reine Flamme sah. Asarja teilt die Losbuchstaben aus. Der erste Wurf ergibt den Namen ‚Isa-i‘. Asarja stutzt. „So hieß König Davids Vater; nur ward er Isai geschrieben (1. Sam. 17, 12). Den Namen können wir nicht lassen.“
Abjathar nennt es ein Feilschen; das Losen war gerecht. Abbuda sieht Asarja zwingend an: „Warum gilt der Name nicht? Der Wurf ist echt! Der Herr hat gesagt: ‚Nun wählt und haltet fest, was Mein Geist euch offenbart.‘ Muß Gott zweimal losen, um zu zeigen, was geschehen soll?“
„Bedenkt“, widerspricht Asarja, „ob der Herr uns prüfen will. Isai stammt aus unserm Großhaus Hur. Kein Israele darf den Königsnamen tragen.“ Sagt Isboseth, den Ärger niederringend: „Gestern wurde uns des Schülers Herkunft dargetan, demnach er mütterlicherseits einem königlichen Priesterhaus entstammt. Seines Vaters Ahne Gilead war ebenfalls ein Fürstensproß.“
„Wir losen noch einmal“, lenkt Asarja ab. „Ist‘s Gottes Wille, so kehrt der Name wieder. Gideon legte das Fell zweimal auf die Tenne (Ri. 6, 36-40).“ Hezeron, seit gestern umgewandelt, meint:
„Gut, es sei; für mich aber hat der Name Gültigkeit.“ Der zweite Wurf bleibt leer. Asarja weicht einem ernsten Blick des Knaben aus. Nun muß zum dritten Mal geworfen werden. Die Buchstaben ergeben den zerpflückten Namen J-Esa-ja (Ich sage ja, und Z. 1)
„Der Name Isa-i ist in dem zerrissenen enthalten“, stellt Abbuda fest. Asarja will nichts auf die Spitze treiben, doch den Königsnamen gibt er nicht zu. Da reden sieben ihm das Widerwort. „Fragt den Schüler“, stört Abjathar den Disput, „seine Sehergabe ist nicht von der Hand zu weisen.“ Der Hohe wehrt: „Unmündige kommen nicht zum Los!“ „Er lost ja nicht“, erwidert Obed-Edom. Das Antlitz! Ach wie war es gnadenvoll; und nun wird widerlich gelärmt. „Wären alle still, wie gerne spräche Gott.“
O — des Herrn Stimme klingt auch in Asarja nach. Doch er ist zu autoritär und vergißt, daß andere auch einen Willen haben und daß Diktatur praktisch keine Segensarbeit kennt. Unschlüssig sieht er um sich. „Wüßte man“, sagt er langsam, „ob der Knabe nicht direkt nach dem Königsnamen greift, so könnte er.
Yps steht mit ein paar festen Schritten im Männerrat. Heute hebt er nicht die Hände, an dieser Stelle lohnt das Priestern nicht. Er sagt mit seiner seltsam schönen Glockenstimme: „Ist Gottes Wille offenbar, so sollte ihn der Tempel auch befolgen. Das zweite leere Blatt bewies, daß im ersten Wurf mein Name lag.
Ich greife nicht nach ihm, weil es ein Königsname ist, sondern weil der Herr ihn gnädig gab. Meine Stimme gilt hier nichts; ich stehe vor der Mauer und . . . “ Asarja fährt dazwischen: „Du solltest schweigen, wo weise Männer sich beraten! Stehst du draußen vor dem Tor, statt vor dem Allerheiligsten? Ja ja, du bist eben noch ein Kind.“ Die Verletzung trifft Yps nicht.
„Es ist die Gottesmauer“, sagt er ohne Furcht. „Sie hat mit dem Tempel nichts gemein, weil — “ seine Augen lohen, „ — sie hier noch niemand sah und keiner weiß, was sie bedeutet. Der Vorhof trennt das arme Volk vom Tempelinneren; doch Gottes Mauer hat ein großes Tor, durch das ein jeder gehen darf. Sie ist nur der Rand, von dem Gottes Offenbarung auf die Menschen segnend niederfällt.“
Obed-Edom ist wunderlich bewegt. Wer ahnt seine Seligkeit? „Ich verstehe Yps“, sagt er innig. „Hoherpriester, du tust es ab, weil die Worte kindlich klingen und der tiefste Sinn verborgen ist. Bald aber ist aus ihm ein Mann gereift, dem du nimmer widerstehst! Die Mauer Edens schied die ersten Menschen von der Quelle; ihnen ging das Heiligste verloren: Gottes Willen zu erfüllen! Wir alle sollten suchen, bis wir Gottes Antlitz schauen lernen, bis wir wieder rein geworden sind wie dieses Kind es ist und — bleibt!“
Ist Obed ein Prophet, seit er Gottes Antlitz sah? „Laßt uns, da Gottes Wort erschienen ist, nach Seinem Willen handeln und nichts anderes tun, als was ER uns offenbart. Des Amoz und der Sikha Sohn heißt von Gottes Rechts und Willens wegen Isai-i, wie das Los ergab. Wenn nicht anders, so laßt uns durch die Mehrheit stimmen.“
Asarja pflichtet bei; noch hofft er, durchzudringen. Allein — das Los nennen sieben Priester echt, drei der Neuen enthalten sich des Rats. Nur drei sind dagegen. Die Sippenrolle wird geschrieben, derzufolge Yps als Ehekind erkannt und der Name Isa-i ihm zugestanden wird. Abjathar verlangt sofort eine Abschrift dieser Rolle. Grußlos geht der Hohepriester aus dem Raum.
NEUOFFENBARUNG