Weiteres vom vierten Gnadenakt; Hinweise auf den großen Weltentag
10. Kapitel
Kap. 3
„Zwei Lichter? Das halte aus, wer will!“ Puthar flüchtet in den Schrund der Ängste. Luzifer ist im Begriff, dem Vasallen nachzustürzen. Da stehen neben ihm Uraniel und Michael. „Luzifer“, sagt Letzter, „fahre nicht hinunter, der Heilige ruft dich hinauf vor Seinen Stuhl.“ „Vor eure Mauer!“ Der Finstere bebt in machtlosem Grimm. „Ich anerkenne keinen Heiligen; denn den ihr meint, trägt nur einen Teil der Schöpfungskräfte, während ich den anderen besitze.“
„Stimmt“, bestätigt Uraniel freundlichen Gesichts, „du trugst von jenem Teil, den ER in Seine Schöpfung fließen ließ. Auch wir sind Träger aus dem gleichen Strom. Doch der Teil des Heiligen ist nicht dem Werk entnommen, sondern Ausdruck Seiner puren Schöpfermacht. Er ist die Quelle; wir sind ihre Tropfen. Du entstiegst als herrlichste Gestalt dem Quell. Nun hast du Kraft und Schönheit eingebüßt, kannst vor dem Schöpfer nicht bestehen, stünden nun nicht andere Geschöpfe zwischen Ihm und dir.
Du glaubst, die Sperre gelte dem Licht? Nein, sie ist dein Schutz! So hütet noch der Schöpfer durch die Kinder das Geschöpf, damit es eine Rückkehr haben kann. Wirf dich nicht in deine Ängste, denn der Herr hat dich bestellt. Es ginge dir sehr übel, würde unsere Lichtkraft dich von deiner Kette reißen.“
„Das kommt auf eine Probe an“, prahlt Luzifer. „Mich kann eure eitle Rede absolut nicht fangen! Und nun gehe ich aus purem Trotze mit. Jetzt habt ihr mich herausgefordert; und was geschieht, das fällt auf euch. Mich zwingen, widerspricht der Freiheit, und mein Recht behalte ich mir vor!“
Puthar, wieder bis zum Rand am Schrunde aufgetaucht, peitscht auf: „Ja, bewahre dir das Recht. Solange man dir schöne Reden hält, werde ich mich Hiobs Freunden an die Fersen heften.“ „Tue das, verwirre ihren Sinn, bis sie das Oberste zuunterst kehren.“
„Ist das Bewahrung der Gesetzesfreiheit?“ Michael legt seine Hand auf Satans Schulter, der sie vergeblich abzuschütteln sucht. „Mischt euch nicht in meine Sache, und ich lasse euch ungeschoren.“ „Das tust du nicht“, sagt Uraniel. „Hiob ist vom Reich; ihm zu nahen fehlt dir jedes Recht. Die Freiheit anderer trittst du mit Füßen.“ „Warum dringt ihr bei mir ein? Sucht ihr im fremden Nest den Liegeplatz, so müsst ihr das Gesetz der Fremde eben mit ertragen.“
„Dir Erkenntnis beizubringen ist vergeblich. Dein Herz ist hart wie Stein und will sich nicht erweichen lassen. Man kann es nur noch sprengen! Ob aus den Stücken sich ein Neues formen lässt, der einst so wunderbaren Form entsprechend, ist eine Frage an das Werk, deren Antwort nur der Schöpfer weiß.“ Uraniel schreitet links, Michael rechts am Weg voraus; ungern geht Luzifer inmitten. Er bleibt ein paar Schritte hinterdrein.
Diesmal sperrt keine Mauer. Die weiße Wolke lagert vor dem Heiligtum. Satanas sieht nichts vom Tempel. Voran stehen zwölf große Engel; und starke Engel bilden weite Bogen, deren Enden er nicht überschreiten darf. Den Kopf trotzig in den Nacken werfend, sieht er ins Licht, das seine Herrlichkeit verhüllt. Gottes Stimme aus der Wolke lässt Luzifer erschauern.
„Satan, noch hält dich die Geduld, die du als Schwäche schmähst. Irre dich nur nicht! Die GEDULD erhielt aus Wille und aus Ordnung im Ausgleichskampf den Schutz, wodurch als Folge Meine Kraft in Weisheit und in Ernst die LIEBE auch beschirmt. Für dich wird bald Geduld und Liebe aufgehoben. Als letzte Hilfe kann die Barmherzigkeit die Waltung oder Führung bringen. Noch stehst du unter Meiner Führung, während Ich die Waltung wie Mein Antlitz in der Wolke berge, damit Mein Brand dich nicht von dannen treibt.
Ich sage dies zuerst. Mit jedem Wort, das zu dir kommt, ermahnt dich die Barmherzigkeit. Zwar finden diese Rufe kaum dein Ohr, noch weniger dein Herz. Sag nur nicht, es sei sehr sonderbar, wenn Gott immerfort so unnütz handelt. Es sieht vergeblich aus, wie des edlen Samens Ausstreu auf den Weg, den Fels und unter Dornen (Luk. 8, 5-8). Das gute Land hast du verloren und verstehst es nicht, warum Ich trotzdem Meine Körner streue. Höre zu!
Unter deines Falles härtestem Gestein liegt Heiliges Land der Schöpfertiefe! Einst wirst du merken, wie die Saat als volles Feld und reiche Früchtebäume deinen harten Grund durchstoßen! Nimm das Wort in deine Hölle mit hinab; denn davon soll es eine Wurzel treiben, die deinem Starrsinn widersteht. —
Nun stelle Ich die Frage, die dir sehr zuwider ist. Wo kommst du her? Warst du bei Hiob und den Freunden? Hiobs Krankheit hat sein Herz gestärkt und den Geist noch mehr zu Mir erhoben, dass der arme Weltteil in der Himmelsseele Zuflucht fand.“ „Wenn Du es weißt, was fragst Du mich?“ Luzifer stampft mit dem Fuße auf.
„Auch die letzte Hölle ist Mir untertan! Du musst bekennen, weil du die Geduld herausgefordert hast.“ Lässig erwidert Luzifer: „Die Freunde trauern mit zum Schein. Wegen des Gestanks gingen sie zur Nacht ins Haus, und er lag allein im Frost. Stand die Sonne hoch, wo es neben ihm gefährlich ist, da gingen sie in seinen Garten. Sie schwiegen, um den Pesthauch nicht zu riechen. Nur aus Gewinnsucht dachten sie: ‚Wir wollen ihn nicht ganz verlassen. Würde er gesund und wieder reich, so könnten wir nicht zürnen, wenn er sich dann feindlich zu uns stellt. Lasst uns sieben Tage bleiben!“
„Denken Hiobs Freunde so?“, fragt Gott. „Noch ist in ihren Seelen keine Hölle, obwohl dein Teufel Schlangen vorgetrieben hat. Was sie später tun, ist dann dein schweres Soll. Denn ein Lichtkind kannst du bloß für kurze Zeiten blenden. Sie handeln daher nur, wie ihnen dein Dämon ins Ohr geflötet hat.“
„Warum hören sie darauf?“, fällt Satan hinterlistig ein. „Die von Deiner Seite müssten Deine Worte kennen. Du heißest mein erkämpftes Lebensrecht der Freiheit böse. Ich sagte einst zu Dir: Bleibe Du in Deinem und ich in meinem Reich. Hättest Du das eingehalten, wäre zwischen uns kein Kampf Mir wäre recht, ich brauchte mich um Deine Wesen nicht zu kümmern. Da sie meine Feinde sind, trachte ich, sie zu verderben.“
„Du trachtest nach ganz anderem! Darum geht‘s jetzt aber nicht, auch nicht um Hiobs Freunde. Es geht um die Geduld! Es verletzte Hiob schwer, in welcher Art man zu ihm kam. Mit Ascheschalen trauert man um den Verlust. Schlägt man obendrein die Henkel aus und macht sie sprüngig, deutet das den Frevler an, auf den des Himmels Strafe sich ergießt.
Der, dem kein Wurm das Herz benagt, dessen Seele ohne Sünde ist, dessen Geist im Heiligtume wohnt, ward für seine guten Taten sehr gekränkt, als Sünder hingestellt und über ihm der Stab gebrochen. Was sagte Hiob, als er dieses sah? Wies er die Männer in die Schranken, wie es zu seinem Rechte steht?“
„Recht . . .? Er ist ein armer Mann geworden, der sich kein Recht erkaufen kann. Meinen Untertanen gebe ich viel Einfluss, Macht und auch die Güter einer Welt. Das habe ich so eingerichtet, weil die meisten Deiner armen Wesen Menschen sind mit wenig Hab und Gut. Du sagst, sie wären reich an Deinen Gaben. Müsste sich das nicht auch irdisch zeigen?“
„Nicht unbedingt“, erwidert Gott. „Was deine Wesen aber auf der Welt besitzen, das vergeht. In ihrer Schale bleibt kein Korn. Meiner Kinder Herzensreichtum ist mit allen Gütern armer Welten niemals zu vergleichen. Sie tragen so viel Licht in deine Finsternis, wie du es nie ermessen kannst.
Nun rede weiter; nicht, um es erst zu hören. Nein — du sollst dein böses Tun bekennen, weil das auch ein Akt der Gnade ist. Was ein armes Kind vor Mir bekennt, erleichtert es zum einstigen Gewinn. Du bringst kein einziges Bekenntniswort zustande; doch füge Ich das mit in die Geduldserprobung ein. Dieses Gnadenmaß wird dir einst helfen. Sieh, ein feiner Faden der Geduld, der dich erhält! — Jetzt berichte, was Mein Hiob sprach.“
„Ach“, wirft Luzifer die Gnade ab, „es ist bald aus. Als er die Sündenschalen sah, nach Norden, Süden, Osten, Westen, verdammte er den Tag, an dem die Mutter ihn empfing. Gott dürfte die Geburt nicht sehen und keinen Glanz darüber breiten. Ihm wäre wohl, er hätte nie an einer Mutter Brust gelegen, sondern wäre gleich gestorben und ruhe still in einem Grab. Er ist auf dem besten Wege, von Dir abzufallen. Wer die eigene Geburt verflucht, dem dauert es nicht lang, dass er sein Leben von sich wirft.“
„Hat Hiob wider Mich gesprochen?“ Eine strenge Frage, die Luzifer durchbebt. „Das gerade nicht“, sagt er zögernd. „Aber Du betonst, es gehe nur um die Geduld; und die verliert er ja mit sich. Das sagte ich Dir zu, und das erfüllt sich auch.“
„Die Erfüllung sei dahingestellt. Hat Hiob keine andere Klage, die Geburt als finster zu betrachten und ihm lieber sei, er wäre nicht am Leben — Satan, das darf jeder Mensch aus körperlichem Schmerz und Leid. Wenn der Glaube blüht, die Hoffnung und die Liebe (1. Kor. 13, 13), so hat er sich von seinem Vater nicht getrennt. Hiobs Geist betet Mich im Glauben an, seine Seele bleibt in Hoffnung, und sein Herz hält Meine Liebe hoch.
Da du auch dies, Mein Gnadenmaß, nicht sehen willst, das Ich dir jetzt zur Lasterleichterung für später bot, darum sollst du nicht mehr in die Lichtgefilde kommen, nicht früher, als bis der ‚Große Welten tag‘ (4. Markstein) vorüber ist, von dem du keine Ahnung hast, was alles er für dich bedeuten muss. Und selbst Mein heilig-hehres Opfer, auch wenn du es erkennen wirst, kann dir nicht eher Meine Pforte öffnen! (3. Markstein, ab S. 65)
Fahre hin! Tritt nie wieder vor Mein Heiligtum bis zur Zeit, die Ich als letzten Gnadenakt noch vorbehalten habe! Ich will ja lange warten, bis du dein böses Werk vollbringst, an Hiob, an den Kindern, und an deinem GOTT! Doch bleibt Hiob treu, so zerbrichst du an der Gott-Geduld, durch das Opfer — oder durch die Auflösung!“
Die Scharen schließen sich, sie decken alles Licht des Himmels zu. Satan ist, als stünde er in einem dunklen Raum. Er fällt in eine bodenlose Tiefe, und im Schrund der Ängste landet er. Es dauert lange, bis er sich von diesem Fall erholt und sein böses Treiben wieder selber weiterführt.
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