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Ruth 6 – Ankunft in Bethlehem. Gute Lehre und Erkenntnis. Das ganz verfallen…

Ankunft in Bethlehem. Gute Lehre und Erkenntnis. Das ganz verfallene Haus. Eine echte Seelengröße

6. Kapitel

„Wer sind die denn?“ Ein Knecht stößt einen andern an und deutet auf den kleinen Wagenzug, der sich vom Feldweg her nach Bethlehem bewegt. Es sind des reichen Boas Leute. Er hat die Jahre besser überstanden als andere, dank einem Freund in Syrien. Der Vater starb vor ein paar Jahren, die Mutter steht noch dem Gesinde vor. Sie ist rüstig, gutmütig und hat oft einen ‚weiten Blick‘, natürlich, aus der Menschenliebe ihres Herzens. Das macht sie sehr beliebt, weil sie hilft, wie und wo sie kann.

Auch sie beschattet ihre Augen, als sie aus dem Hause tritt und fragt sich wie die Knechte, was die ärmlichen Gefährte zu bedeuten hätten. Der junge, der das erste leitet, fällt ihr sofort auf. Eine unbekannte Zuneigung füllt ihr Gemüt, und Mitleid mit den Leuten, die ihrem Ort entgegenrollen.

Da erspäht sie das Gesicht der Frau. „Ist das nicht — kann es möglich sein?“ Sie sieht Naemi ähnlich, freilich alt geworden. So alt wäre sie noch nicht, trotz des Jahrzehnts, seit sie sich zum Abschied ihre Hände drückten. Und neben ihr die Frau? Beide tragen gute Kleider; nur der Wagenzug sieht mitgenommen aus. Der Junge ist vielleicht der Mann der jungen Frau?

Von den Erwägungen erfüllt, drängt sich Boas Mutter näher. Mit freudigem Geschrei hält sie die Wagen an, stürzt auf Naemi zu und ruft: „Du bist es wirklich? Wo ist Elimelech?, wo die Söhne? Ich muß Boas rufen, kommt zu uns, ihr müßt wissen, wo eure Bleibe ist!“ Naemi deutet auf ein weites Feld, jetzt verwahrlost und inmitten auf ein Haus, das, vom Zahn der Zeit benagt, ruinenmäßig wirkt. Die Augen werden starr.

„Dort, Hanea, ist mein Zuhause, dort will ich hin!“ „Bitte nicht sofort“, fleht Hanea, „sprich erst mit meinem Sohn. Ihr seid müde, hungrig, und eure Tiere fallen auch bald um. Laß mich um der alten Freundschaft willen für euch sorgen!“ Der Jüngling nickt, hilft den Frauen von der Karre und sagt zu Hanea: „Dein Haus ist gesegnet und steht unter Gottes treuer Hut, weil ihr an euern Nachbarn edel handelt und das ärgste Unrecht abgehalten habt. Ich selber danke dir dafür.“

Hanea ist verwirrt. Der Jüngling ist so anders als die Buben hier im Ort. Rasch winkt sie einer Magd: „Geh‘ aufs Gerstenfeld, rufe meinen Sohn.“ Die Magd surrt los und dauert auch nicht lang, kommt Boas schnellen Schrittes heim. Inzwischen hat man die drei Wagen in den Hof gelenkt, die müden Ochsen ausgeschirrt und auch gleich gefüttert. Im Stubenraum nötigt Hanea die Gäste an den Tisch. Die Hausmagd, die die Kost bereitet, wird angetrieben. Sie eilt willig, selbst gern lauschend, was sich mit den ihr fremden Leuten wohl ergeben wird.

Boas erkennt Naemi auf den ersten Blick, dabei war er damals noch sehr jung. Nie hat er vergessen, wie oft sie ihm geholfen hat, wenn er so manche kleine Büberei beging und beim strengen Vater für ihn bat, wodurch die wohlverdiente Strafe meist gemildert ward. Er ist ein guter Mann geworden, strebsam, rechtlich und beliebt. Gleich fällt er Naemi um den Hals, seine Sorge deckend. Viel Ungutes hat er ihr zu melden.

Bei dem Jüngling ergeht‘s ihm wie der Mutter. Er sieht prüfend zwischen diesem und dem Mädchen hin und her. Er weiß ja nicht, daß Ruth schon Witwe und Naemis Schwiegertochter ist. Das erfährt man nach und nach. Naemi schildert ihre Jahre in Ar-Moab, des Mannes und der Söhne Tod, hebt die Hilfe von Ruths Vater, auf dem Wege die des Jünglings, Ruths Treue stark hervor, vergißt nicht dazu, Knecht und Magd zu loben. „Meine Sehnsucht nach dem trauten Bethlehem — ach“, schließt sie den Bericht.

Erschüttert hören Sohn und Mutter zu. Und wieviel Angst kommt noch nach. Boas ballt die Fäuste unterm Tisch. Der Richter. Richter — ?! Ein Lump ist er, unwürdig, ihr Volk zu führen! Doch was hilft‘s? Naemi muß die Wahrheit hören. Am besten gleich. Da legt der Jüngling eine Hand auf Boas Schulter. „Schon bricht die Nacht herein, lasse meine müden Leute friedlich unter deinem Dache ruhen. Dunkle Dinge kommen früh genug.“

„Hast recht, Sonderbarer“, gibt Boas zu. „Wenn du nicht zu müde bist“, er sieht den Jüngling forschend an, „möchte ich ein Weilchen mit dir plaudern.“ „Ist auch mein Gedanke. Wenn du willst, gehen wir ins freie Feld.“ Nachdem die Heimgekehrten ihre Lagerstätten haben und trotz vielerlei Gedanken, die zumal Naemi plagen, als bald eingeschlafen sind, verlassen Boas und der Jüngling, die Mutter schließt sich ihnen an, das Haus.

„Darf ich fragen, wer du bist?“ Boas verhält den Schritt, als sie das Feld betreten, auf dem heute eine reiche Ernte war. „Fragen ist kein Übelstand“, gewährt der Jüngling, „wenn sich der Fragende mit dem zufrieden gibt, welche Antwort er erhält.“

Hanea wirft ein: „Deine Antwort wird für uns ein Rätsel sein. Ich mag aber vieles von dir wissen.“ „Auch Wissen zu erlangen ist kein Übel, wenn Hilfsbereitschaft Unterpfand der Wißbegierde ist. Ihr macht euch viele Sorgen und ihr tut recht daran. Doch es wird sich vieles ändern. Die Habgier fällt in ihre eigene Grube und den Bösen nimmt der Tod hinweg!“ So schwer betont, daß Boas und die Mutter etwas abseits weichen.

„Keine Angst“, der Jüngling deutet auf das helle Sternenheer, das inzwischen aufgezogen ist. „Dort ist des Himmels Feld, wo Gottes Kinder wirken und kommen her, Seinen Willen auszuführen. Ich . . .“ „Verzeih, daß ich unterbreche“, ein Schluchzen schüttelt Hanea, „du bist herabgekommen, um unsrer armen Nachbarin zu helfen. Man hat ihr bitteres Unrecht zugefügt.“

„Das auch! Wenn ich gegangen bin, werdet ihr es wissen, wer ich war.“ „Willst du ihr in ihrer schweren Zeit nicht helfen?“ Boas ist verwundert. „Wer könnte das so gut wie du?“ „Ganz recht, lieber Bruder. Nur sage mir, was wollt ihr dann tun? Du hattest dir gleich vorgenommen, nach Jerusalem zu reiten, um das Übel auszumerzen, und du, meine liebe Schwester,“ er nimmt Hanea fest in seinen Arm, „du willst die Nachbarin im Haus behalten, bis sie unbeschadet wieder in ihr Eigen kommen kann.

Das könnte gleich geschehen, wenn es zum Nutzen aller wäre. Bloß sind Gottes Wunder anders, als der Mensch sie sich erträumt. O, sie können wie ein Sturmwind kommen, dann ist ein Himmlisches dabei, das keinem Einzelnen gilt, selbst wenn es sich an einem Einzelnen erfüllt. Überdies — du hattest eine Frage“, wendet er sich Boas wieder zu.

„Ist schon überholt“, bekennt Boas, „weil ich weiß, daß nichts Irdisches dich mit Ruth verbindet. Ach, sie ist schon Witwe und hat noch so ein kindliches Gesicht, so lieb.“ „Weil sie reinen Herzens ist! Euer Volk glaubt allgemein: alle Leute, die ihr Heiden nennt, wären schlecht. Die Götzenlehre würde sie verderben. Wie sieht‘s in euerm Volke aus, das an eine Auserwählung glaubt?, als einziges unter allen Völkern dieser Welt — ?“

„Höre damit auf! Ich und meine Mutter glauben nicht daran! Denn da dürfte es nicht solche Richter geben, wie unser jetziger einer ist. Es gäbe bei uns keine Diebe, Heuchler, Räuber, Mörder! Nein, in diesem Sinne sind wir allen Heiden gleich. Nur die vielen Götter — die sind uns ein Greuel, die Götzen.“

„Anderen auch. Doch wie oft hat Israel dem Götzenkult gehuldigt? Forsche bis zum Berge Sinai zurück! Hat Gott nur einen Finger, mit dem Er schaffen kann?, einen Lichtgedanken, aus dem Er Seine Werke hebt? Muß Er Sich mit einem Volk auf einer armen Welt begnügen? Sagt Er zu dem einen: Komme her, zum andern: gehe fort?! Daran möget ihr erkennen, wie auch euer Volk beschaffen ist. Soll sich Gott, der Heilige, nur eine Einzahl wählen, wenn Er doch die ewig-unmeßbare Vielzahl ist!?“

„Ich bin dir dankbar“, flüstert Hanea, „du hast das innere Auge aufgetan.“ „Das ist stets das Wichtigste! Wer innerlich zu sehen weiß, dem wird die äußere Schau nicht fehlen. Wegen der Naemi seid beruhigt. Wohl ist‘s noch schwer für sie, doch vollgerüttelt mit der Gnade Gottes. Ihren guten Stolz, den die Armut hat, sollt ihr anerkennen und nicht brechen wollen.

Morgen bleibe ich noch da und reite mit dir hm zum Richter nach Jerusalem. Erst wird‘s sein, als wäre gar nichts zu erreichen; aber Gottes Hand ist über ihn gekommen, der auszuweichen er nicht mehr vermag!“ Man wendet sich dem Hause zu. Boas küßt den Jüngling und Hanea streichelt sein Gesicht. Des Hellgelockten Augen strahlen auf im Schein der Lampe, die Hanea angezündet hat, um ihm in sein Kämmerlein zu leuchten.

Der Morgen tagt, grau verhangen. So verhangen sieht es in Naemi aus. Viel Gutes war nicht zu erwarten. Denn zehn Jahre fern, wer sollte sich um Haus und Felder kümmern, wenn keiner wußte, ob der Besitzer wiederkam?

Man sitzt beim Mahl. Hanea teilt die Speise aus. Sie hat, als es noch dunkel war, in eine Karre viel hineingetan. Plötzlich stand der Jüngling neben ihr und sprach: „Wer reichen Herzens gibt, hat den reichsten Segen. Noch gibt‘s den allgemeinen, den Gott jedem durch das Leben angedeihen läßt. Für jene, die Gott, den Höchsten, leugnen und können es doch nicht, gilt der Gnadensegen. Gewiß, sie leugnen, doch nützt das nichts, weil für diese GOTT das schwerere Gewissen ist!

Kannst du glauben, daß Gott allgegenwärtig ist?“ Keine leichte Frage. Hanea zuckt zusammen. „Ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß Gott allmächtig ist und nicht neben uns zu stehen braucht, um uns zu führen, zu mahnen und vor manchem Übel zu bewahren. Ob das die Allgegenwart bedeuten kann?“

„Eine wunderbare Antwort“, lobt der Jüngling. „Genau so ist‘s! Über dieses noch hinaus wird Gott, unsichtbar und sichtbar, überall erscheinen, wo es zu hohem Zwecke dienlich ist. Seit Naemi deinen Grund betrat, ist Er auch zugegen. Nein“, wehrt er freundlich ab und hält Hanea auf, die sich niederwerfen will, weil sie wähnt, es könne ja der Jüngling sein — in zugedeckter Form.

„Ich bin nicht Gott, ich bin einer Seiner Söhne. Du erlebst, wie sich dicke Knoten lösen, und wie die verwirrten Wege aus dem Dunkel menschlicher Verworrenheit ins Licht des Tages führen. Du dachtest nicht zu Unrecht, zu dem schweren, grauen Himmel blickend: ‚So sieht Naemis Zukunft aus!‘ Vorderhand, liebe Schwester! Es ist eine Probe für euch alle.

Dein Sohn seufzte, die Gedanken hielten seinen Schlaf zurück, was die Arme heute hören muß. Ist Gott allgegenwärtig, dann kannst du deine Sorge fallen lassen, dein Besorgtsein für Naemi und die ihren aber nicht, Und wie du es bewiesen hast“, dabei zeigt er auf die Karre, unter deren Plane das Hineingelegte liegt, „so ist es deinem Vater wohlgefällig.“

Durch das Gespräch sieht Hanea beim Morgenmahl so heiter aus, daß Boas denkt: ‚Wie kann Mutter fröhlich sein, wo . . .‘ Ein Blick von ihr, als wäre sein Gedanke ihr bewußt geworden, läßt ihn auf den Jüngling schauen, der gleichfalls fröhlich ist. Ach ja, er ist ein Überirdischer, den der arge Kram der Welt nicht drückt. Aber er, Boas, die Mutter, Naemi und — —

Man hat das Mahl hinausgezögert zur Verwunderung der Leute. Sonst geht die Arbeit früh beizeiten an und die Dämmerung beschließt das Tagewerk. Entgegen sonstiger Gewohnheit fragt der Großknecht, was denn heute werden soll. Sein Herr gibt ihm Bescheid. „Wir fangen mit dem zweiten Gerstenfelde an, der Weizen hat noch Zeit, ebenso das übrige. Die Hirten sollen näher treiben, manches Tier ist zum Verkaufe fällig.“ Dabei seufzt er wieder. Ungern trennt er sich von einem Tier, das geschlachtet werden muß. Sind die Herden aber gar zu groß, gibt es nicht genügend Weide.

„Du mußt heute überwachen.“ Der Großknecht steht geschmeichelt auf und verteilt die Arbeit, wie es Boas wünscht. Naemi war bereits hinausgegangen. Trotz grauem Himmel, der vielerlei verdeckt, sieht sie den Verfall des einst so schönen Hauses. Es war weiß gestrichen und selbst die Stallungen hell getönt. Von allem ist nur Bruch zu sehen. Sie geht allein dahin. Boas will ihr nach. Ernst hält der Jüngling ihn zurück.

„Laß das Schlimmste über sie ergehen, allein wird sie eher damit fertig. Ihre Tränen, ihr Gebet, braucht nur der Herr zu sehen und zu hören.“ „Sie ist eine Frau“, wehrt Boas ab, „kann sie die Last allein bezwingen?“ „Doch! Du kennst Naemis starke Seele nicht. Du sollst ihr nachher helfen und ich bin dabei, weil sie das Weltliche nicht gleich verstehen wird.“

„Ich bin mir gram, weil ich dem Gebot des Richters unterlag. Wie wird Gott erst mit mir zürnen!“ „Er zürnt nicht! Manchmal sieht es aus, als ob Er Sich um Weltliches nicht kümmerte, als ließe Er das Unrecht zu. O, nichts geht über jene Grenze, die der Allmachtsvolle zieht: für den Einzelnen, für jede Sache, für jedes Volk! Morgen wirst du dessen inne werden.“

„Bei dem Richter?“ Der Himmlische wird sich nicht fürchten, wenn die Welt die Rute schwingt. Das Licht lächelt. Ruth kommt aus dem Haus und will Naemi stürmisch nach. Auch sie wird angehalten, und Hanea dazu. „Bleibt zurück!“ mahnt der Jüngling. „Ein Schmerz kann heilig sein, da kann kein Fremder trösten.“ Ruth weint auf: „Ich, die Tochter, lasse die Naemi-Mutter nicht allein. Ich bin ihr doch nicht fremd?“

„Gemach, liebe Ruth. Du kannst nicht das Tiefste sehen, was im andern vor sich geht. Meinet ihr es noch so gut, was stets gesegnet wird, so bleibt dennoch manches besser ungetan. Nachher gehen wir gemeinsam hin, dann ist‘s Gottes rechte Zeit. Kommt, wir helfen, die Wagen hinters Haus zu führen.“ „Nichts ist da vorhanden, wo sie stehen können“, erwidert Boas.

„Habt ihr das Haus gemieden?“ fragt Ruth. „Anfänglich nicht. Wir sahen nach dem Rechten, bis Nachbarn bei dem Richter klagten. Also mußten wir es lassen, sonst wäre Elimelechs Haus noch so, wie er es verlassen hat. Mutter hat sich oft gewundert, weil er plötzlich in die Fremde ging. Nun, die Hungerjahre waren schwer, doch wir haben sie ja auch ertragen.“

„Du und Hanea wußten nicht, und dein Vater schwieg“, klärt der Jüngling auf, „daß der Richter Elimelech durch ein falsches Zeugnis töten wollte und die Habe stehlen, wie er es bei vielen tat. So nahm Elimelech lieber diese Schmach auf sich, wegen eines Hungers auszuwandern, wirklich um sein Weib, die Söhne und sich selbst zu retten. Für die Männer ist es gut, daß sie nicht mit in die Heimat kamen, denn die Schlinge kann noch offen sein. Ihre Seelen haben heimgefunden, und Gott hat es herrlicher gemacht, als ihr Menschen euch erhoffen könnt.“

Zwei Stunden sind vergangen. Man fragt nervös, was im verfallenen Hause vor sich geht. Ach, es ist ein Leid, wenngleich es Äußeres betrifft. Solang der Mensch auf Erden lebt, braucht er dies, ob nun groß, bescheiden oder nicht. So ergeht es auch der Frau, die in ihr Eigentum zurückgekommen ist und nichts anderes als den Verfall und wüste Stätten findet.

Sie schlägt nicht die Hände überm Kopf zusammen. Sie geht durch die Gemächer, die Türen ausgerissen, nichts, gar nichts vorhanden von all dem, was man zurückgelassen hat. Da kommt ihr der Gedanke: ‚Waren Hanea und Boas gut, weil sie sich schuldig fühlen? Konnte nicht ein wenig achtgegeben werden? Sie und Elimelech hätten nie des Nachbars Eigentum in Stich gelassen. Und auch kein Feld bebaut? Das wäre doch zu ihrem Nutz gewesen. Nun nichts, gar nichts — das ist bitterlich!‘

Sie kämpft gegen ihre Tränen an. Zehn Jahre! Ja, wer weiß, was hier geschah. Daß alles bis zum letzten Stück gestohlen wurde, ist Naemi klar; doch bei Hanea sah sie nichts, von dem sie hätte sagen können: das ist mein! Allerdings — Bethlehem ist ein armer Ort, sie und Haneas Mann waren weit und breit die reichsten Leute, reich im Gegensatz zu vieler Armut, gleichfalls weit und breit. Also ist‘s verständlich, daß bei Nacht und Nebel eingebrochen wurde. Auf die Wahrheit kommt sie jetzt noch nicht.

Durch breite Mauerrisse, über die des Daches Reste hängen, sieht sie auf die steiniggrauen Felder. Sie sitzt auf einem umgeknickten Pfosten nieder und sinnt, wie dem Ruin zu steuern wäre. Auf einer Karre liegt noch Saat. Boas würde helfen, ein Feldstück einzueggen.

Nur ist jetzt Erntezeit, ein Jahr wäre abzuwarten, bis man an eine kleine Ernte denken kann, wenn — der steinhart gewordene Boden die Saat zum keimen bringt. O weh!

Sie überschlägt, wie lange sie vom Mitgebrachten zehren könnten. Von Knecht und Magd will sie sich nicht trennen; sie braucht auch deren Hilfe. Selber kann sie nicht mehr fleißig sein. Und Ruth, die Tochter eines Vizekönigs — nein, sie ist keine Magd. Sie ahnt es nicht, was Ruth alles fertig bringt. Versunken hockt Naemi da und überhört das Kommen ihrer Freunde.

Der Jüngling tröstet sie. „Mit Recht bist du sehr traurig. Man nahm alles weg, was euer Eigentum gewesen ist. Mit Absicht hat man alles dem Verfall anheim gegeben. Aus zwei Gründen. Es sollte eine Warnung sein, daß niemand so wie Elimelech fliehen solle. Und käme er zurück, alsdann sollte er zum Spott und Hohn ein Ärmster seines Volkes sein, wenn — — Es ist verziehen, ehe der Gedanke dich betraf, weil die Nachbarn nicht die Hände regten, um das Deine zu bewahren. Du weißt noch nicht, warum dein Mann mit euch das Land verlassen hat. Du wirst deines Mannes große Liebe messen können, der bloß euretwegen in die Fremde floh.

Der Richter hatte viel vertan. Um es auszugleichen, wollte er die Männer, die gegen ihn gesprochen hatten, eure Besten, mit dem Tod bestrafen. Falsche Zeugen wählen war nicht schwer bei dem Gesindel, das in jedem Volke lebt. Elimelech hatte es zuerst verlangt, eueren Richter abzusetzen. Dessen Wut kannte demnach keine Grenzen. Doch ehe er die Pranke hob, um das ‚Wild‘ zu schlagen, wurde Elimelech eines Nachts gewarnt und du weißt, wie hastig er am andern Morgen aufgebrochen war.

Für sich allein hätte er des Richters Unrecht gern ertragen; denn dadurch wären viele Laue aufgewacht und hätten ausgeführt, was ihm nicht mehr möglich war. Doch es ging um dich, um euere Söhne, die mit ins ungerechte Urteil fielen, weil jener eure Habe einkassieren wollte. Da ihr ihm entgangen waret, gab er das Gebot heraus: jeder käme in die Folter, der auch nur eine Hand, nur einen Finger für euch rühren würde.

Haneas Mann, Hanea selbst und Boas wollten wenigstens das Haus erhalten, doch sie wurden angezeigt, wenn sie nachts für Ordnung sorgten. Was an Hab und Gut, an Vieh zu holen war, alles nahm der Richter weg. Dazu die ganze Ernte. Der gute Baumbestand, mit viel Mühe angezüchtet, das Gebäude, alles ward zerstört. So kam es, was du heute sehen mußt.

Naemi, wird es dir sehr schwer, die Last aus Gottes Vaterhand zu nehmen?“ Hanea weint in ihr Tuch hinein, Ruth kniet neben ihrer Mutter, auch Boas versteht den Jüngling nicht. Als Überirdischer müßte er es wissen, was er, Boas, sieht: die arme Frau ist am Ende ihrer Kräfte angelangt. Ein Blick trifft ihn, so ernst ermahnend, so daß er in der grauen Hitze friert. Er hört Naemis Antwort ganz erschüttert zu.

„Aus Gottes Vaterhand das Schwerere zu nehmen — ach, heute weiß ich es noch nicht, ob auch das als Segen anzusehen ist. Als mein Mann, die Söhne starben, war es mir trotz bitteren Harms, man könne Gott, dem Höchsten, danken; denn sie wurden von der Pest befreit. Es ist die größte Liebe, nicht an sich zu denken, nur an jene, die zur ‚Hinnefahrt‘ gerüstet worden sind. Ich dankte auch im Schmerz dem Vater der Barmherzigkeit dafür.

Heute — ?“ zeigt sie auf die Wüstenei, „geht es nicht um die Befreiung von der Mühsal dieser Welt. Ich denke nicht an mich, ich denke an die arme Tochter“, sie zieht Ruth auf ihren mütterlichen Schoß, „an meine Treuen, die mir willig folgten. Wie soll ich ihnen helfen, wenn meine Hände leer geworden sind? Ich will Gott nicht betrüben, ich will die Last mir auf die Seele bürden lassen; aber danken — wie kann ich‘s tun?“ Bäche stürzen aus Naemis Augen. So lang verhalten, tapfer bis zuletzt — nun ist die Kraft gebrochen, wie es Boas richtig sah.

Der Jüngling hebt die Hände auf. Im Grau des Raumes fliegt es wie ein Schein in alle Winkel, als er sagt: „Naemi, sei getrost! Eine kleine Weile harre aus. Du wirst nicht geprüft, sondern deine Sache wird des Volkes Sache werden! An deiner Seelengröße sollen andere sich ranken, bis sie den Glauben wiederfinden, der in Israel so rar geworden ist — wie oft, seit die Ersten eueres Volkes ausgewandert waren aus dem Land des Abraham.

An dir soll man erkennen, daß Gottes Regiment kein Ende hat, und daß das Schwerste dieser Welt nicht bis zum Himmel reicht! Allein — der Himmel, nämlich Gottes Licht und Liebe, Seine große herzliche Erbarmung, reichen an die fernsten Fernen aller Schöpfungsgrenzen. Wie wenig ihr jedoch die Höhe bis zum Himmel messen könnt — er wird für Menschen immer endlos sein——, so noch viel weniger meßt ihr die Grenze jeder Schöpfung aus, die Gott aus Seiner Allmacht schuf und ewig schaffen wird!

Boas, rufe einen Knecht und eine Magd; dieser Raum“, zeigt er ins Gelaß, „läßt sich räumen, daß er zunächst als Wohnung gelten kann. Im Stall soll bis zum Abend eine Stelle hergerichtet sein, um die Tiere und die Wagen aufzunehmen. Es ist besser, wenn der Mensch den Freunden hilft, als wenn ein Wunder aus dem Himmel fällt. Dabei ist‘s ein wahres Wunder Gottes, wenn jemand seine Seele lenken läßt.

Wir beide gehen durch den Ort, man wird fragen, wer ich sei. Das Unbestimmte hemmt; keiner wagt es anzugeben, das Gebot des Richters würde übertreten. Später helfe ich hier mit.“ Wie liebreich kann der Jüngling lächeln, ein Aufrichten ist‘s, ein wahrer Trost.

Ruth schürzt ihr Kleid und holt aus einem Wagen die Geräte, den Unrat zu beseitigen. Die Magd geht ihr zur Hand. Hanea läßt grobe Besen bringen und Knechte richten provisorisch Mauern auf. Boas und der Jüngling trinken einen Wein beim Herbergswirt und bald trägt einer es dem andern zu: ‚Naemi ist zurückgekommen, endlich wird es bei uns besser werden.‘

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