Dunkle Seelen; des Lichtes große Mühe, aber auch ein kleines Glöckchen
15. Kapitel
Die Meute tumultuiert, was die Helfer überhören und die Gemeinde sich nun sicherer fühlt. Einige treten mit den Rednern weiter vor, und so hören sie, was bei den Dunklen vor sich geht. In deren Mitte stehn drei Männer, die man fesseln wollte; nur ist‘s den Dunklen nicht gelungen. Die Männer heben unverzagt die Köpfe, obwohl sie kürzlich überfallen wurden, vorläufig nicht wissend, was geschehen wird. Der Ablauf ist wie folgt:
Die Dunklen irrten mehrere Jahrhunderte in dem ihnen unbekannten Jenseits hin und her, unter der geheimen Führung Gottes. Die Männer gehören zu den Gläubigen, die ‚Fureana‘ dienten. Sie wissen, daß sie für die Welt gestorben sind und — hoffnungsstark — zu Gott gelangen werden. Bloß ahnen sie es nicht, warum sie noch im Jenseits aufgegriffen wurden, was der Argen wegen so geschieht. Und unbekannt ist ihnen, wo sie sich befinden. Allein die Hellen sehen sie und halten sie für Engel Gottes.
Der Ärgste aus der Meute schreit sie an: „Wir zeigen euch, welche Macht wir haben! Ihr Dummen, es gibt keinen Gott und wir bekämpfen Ihn!“ Sagt einer von den Dreien: „Man kann nichts bekämpfen, was nicht existiert. Ihr widersprecht euch ja und bestätigt so, daß es Gott gibt. Ja, das Gewissen, auch euch eingepflanzt, gegen dieses kämpft ihr an; das wollt ihr in euch töten!“
Der Führende, wütend, weil er nach dem Sprecher greifen will und ihm nicht gelingt, befiehlt den Hörigen, den Mann zu töten. Einer grinst: „Erst hören wir auf sein Gesumse, dann wird er ausgelacht und dann — ha — werde ich ihn köpfen.“ Die Meute johlt, sie sieht die Hellen nicht. „So soll‘s geschehen“, befiehlt der Führer, „und jetzt hört alle her!
Ich bilde die Regierung um. In unserm Staat darf nur geschehen, was ich will. Jede Religion wird untersagt, und wer an einen Gott noch glaubt, wird ausnahmslos getötet. Jeglicher Besitz gehört dem Staat, doch braucht keiner Angst zu haben, daß er deshalb hungern muß. O, herrlich und in Freuden sollt ihr leben! Da ihr“, meint er das Gefolge, „stets zu mir gehalten habt, werdet ihr Regenten. Alle Völker unserer Welt werden bei uns eingruppiert. Dann gibt‘s auch keine Kriege mehr.“
Der zweite der drei Männer fragt: „Ob du dieses Ziel erreichst?“ „Das steht fest, wie ebenso, daß du es nicht erleben wirst; dafür sorge ich!“ „Du kannst die Völker nicht mehr unterjochen, abgesehen davon, daß es dir nicht möglich ist.“ In des Mannes Augen spiegelt sich der Ernst.
„Wir sind für die Welt gestorben und sind ins Reich des Geistes eingegangen, das ihr stets geleugnet habt. Ihr fragtet euch, wieso ihr unsre Welt von ferne sehen könnt. Da hast du triumphiert, ihr wäret schon so weit, ohne jede Konstruktion sich in die Lüfte zu erheben und so die ganze Welt beherrschen. Ah, du hast sie überall bereist, damals, und so sage mir, ob du je den Ort gesehen hast, an dem wir uns befinden.“
„Was für eine Faselei!“ Ein höhnisches Gelächter reißt die Meute mit. „Natürlich bin ich überall gewesen, bloß noch nicht in jedem Winkel. Hier ist halt einer. Zudem sind wir in der Lage, wie Vögel durch die Luft zu segeln. Deshalb hatte ich absichtlich“, lügt der Arge, „mich und die Getreuen einmal weggebracht, damit sie unsere Welt wie aus der Ferne sehen konnten.“
„Habt ihr dabei gesehen, was die anderen Regenten tun?“ fragt der Dritte. „Das geht dich gar nichts an; wir verraten niemals, was wir wissen, was wir tun!“ Wieder sagt der Erste: „Bisher konnte sich kein Mensch weltleiblich, ohne Apparat, wie ein Vogel in die Luft erheben. Und“, er soll dies sagen, obgleich er nicht erkennt, warum, „mache es uns vor und — ich gebe dir mein Wort: ich schwöre meinem Glauben ab! Du aber sollst an Fureana glauben, wenn dir deine Flugkunst nicht gelingt.“
„Ach, dir soll ich das Geheimnis zeigen?“ redet sich der Führende heraus. „Ihr seid Spione und tarnt euch mit der Religion. Errege ja nicht meinen Zorn, es könnte euch sehr übel gehen.“ Der Dritte lächelt: „Wir stehen schon auf deiner Totenliste. Aber wo ist dein Archiv?, wo die Eisenschränke, in denen deine Akten eingeschlossen sind, was kein Agent erfahren darf?
Wir befinden uns im offenen Gelände. Hast du jemals auf der Welt dich öffentlich besprochen? Waren nicht die Türen, hinter denen du mit deinen Hörigen verhandelt hast, dreifach abgesichert? Nun tust du alles öffentlich? Schau dort einmal hin!“ Der Mann zeigt auf die Hellen. Welch ein Schreck! Jetzt erst merkt die Meute, daß man sie sozusagen unter Aufsicht hält.
Das sind gefährlichere Spione als die drei. Der Führer gibt ein Angriffszeichen, doch wie versteinert steht die Meute da. Die Hellen haben sich erhoben, schweben so hoch in der Luft, daß man sie nicht ergreifen kann. Des Tales Eingang ist von einer Mauer plötzlich abgeriegelt; und nun lassen sie sich auf der Mauerkrönung nieder. Diadjar, in der Mitte, ruft hinab:
„Kommt herauf, wenn ihr es könnt! Hier waltet GOTT, der Schöpfer aller Lebensdinge! ER gab euch, die ihr aus der Finsternis gekommen seid, ein Weltenleben, um euch zu erlösen. Andere ebenfalls! Nicht aus euch hättet ihr das je gekonnt. Ich zeige euren Werdegang, denn euere Errettung naht. Unverdient, aus hoher Gnade!“
„Bist du Fureana?“ Es soll höhnisch klingen, aber ängstlich ist die Stimme. „Nein; ich bin ein Beauftragter unseres Gottes, Der gleichfalls euer Schöpfer ist — und vieles mehr, was ihr jetzt hoch nicht verstehen könnt.
Auf welche Weise ihr gefallen seid, habt ihr erkannt, aber einen dichten Nebel drüberhin gebreitet, weil eure Art sich schwer von angemaßten Rechten trennt. Die lange Gnadenzeit, in der ihr selbst zur Einsicht hättet kommen können, ist — für euch jetzt ausgedeutet — längst vorbei. Sie hörte auf im Augenblick, als der Tod das arme Dasein nahm. Doch war eure Seelenarmut nicht behoben und ist eures Wesens Teil geblieben.
Es kommt für jedes Wesen Gottes letzter Ruf, ganz gleich, ob es in der Weltmaterie lebt, die Letzten noch nicht inkarniert, und die Seelen, wie ihr nun welche seid. Ihr habt das letzte Warnsignal erhalten, denn ich überführte euch, und euere Lügen sind entlarvt. Wir“, Diadjar deutet auf die Seinen auf der Mauerkrönung, „können uns als freie Lichtkindgeister ohne eine Konstruktion erheben, wie ihr Weltlinge nach langer Forschung solche fertig brachtet. Wo sind sie aber jetzt?
Ihr habt die Gläubigen verfolgt, habt fast ungezählte Menschen unterjocht; eure Kriege haben gutes Land zerstampft, die Leute arm gemacht und ihnen dann der Kriege Lasten aufgebürdet. Selber seid ihr reich davongeschlichen. O wie arg war euer Tun! Nun — an euch seht ihr das Exempel. Wenn der Tod den Menschen überfällt, hält er nichts mehr in der Hand und — nichts in seinem leeren Herzen. Und keiner kann zum Todesengel sagen: ‚Verweile, ich will erst dies und jenes noch verrichten!‘
Es war Gottes-Lästerung, wenn ihr getötet habt. Ja, den Körper, des Lichtes Seele aber nicht! Seht!“ Diadjar schwebt mit Malluredus und mit Bota nieder und holen die drei Männer auf die Mauer. Verwundert sieht die Meute, wie die drei den ‚sonderbaren Fliegern‘ ähnlich werden. Das ist unerhört, man muß die Mauer stürmen. Doch mit was? Armselig leer sind ihre Hände.
Gottes Güte bringt ein leises Wehen über sie. Es sind arme Wesen, einst im Sog des Falles mitgerissen. Allein — alle sahen Gott, bevor das Erstkind in der Herzenshärtigkeit den ‚hehren Ruf‘ verhallen ließ. Da war es möglich, daß jedes aus dem Abfall durch die gnaden volle Schau sich Gott ergeben konnte. Weil dies nicht geschah, so trug in dieser Hinsicht jedes Wesen seine eigene Verfehlung, fast durch die ganze Länge eines Schöpfungstages — — GOTT-entfremdet, GOTTES-fern.
Aber die Barmherzigkeit wirkt länger, als der ganze Fall gewesen ist. Wie Ertrinkende sich selbst nicht retten können, also führt in weisheitsvoller Liebe Gott die Rettung aller Hingefallenen durch. Da spielt der freie Wille keine Rolle, wie Ertrinkende keinen haben können, nicht zum Tod und nicht zum Leben. UR, der allmachtsvolle Vater will allein das LEBEN! ER ist es Selbst und hat aus Seinem Leben Sich Sein Kindervolk erweckt.
Und wie wirkt nun Gottes Güte? Diadjar steigt allein herab, ein Wahr-Symbol: Gott ist allein der ewige Erlöser und gibt es keinen anderen, der im Ruf ‚Es ist vollbracht‘ die Fernen eingeschlossen hätte. Nun reift die Zeit, wo die allzu leicht gebaute Höhenmauer in sich selbst zerfällt.
Auf der Erde denkt man noch, daß das finstere Regime nie stärker wäre, als gerade jetzt. Ja — im Menschen selbst, der sich Tür und Tor verrammelt, um nicht den ‚Ruf‘ zu hören, der unmißverständlich über alle Völker tönt. Noch kann die Menschheit — allgemein — die Ohren sich verstopfen, noch wähnt sie immer, Herr der Welt zu sein. Noch — — Und dann — — — ?
Diadjar läßt sein teils gedecktes Licht erstrahlen. Die Dunklen spüren es und ist‘s wie eine linde Wärme, die ihr erstarrtes Wesen streift. Gottgesegnet ist es für des Landmanns Feld, wenn der Frost sich langsam löst. Gott ist der beste BAUER, der weisheitsvollste Landmann Seiner ERDE, Seiner Werke.
Man umringt den Hellen. Es muß ihm zu entlocken sein, wie er die sonderbare Fliegerkunst zuwege bringt. Vielleicht kommt man mit Freundlichkeit am weitesten? Vertraulich legt der Führer eine Hand auf Diadjars Schulter. „Lieber Freund“, er stockt, Diadjar lächelt eigenartig. „Doch: lieber Freund, du hast das Geheimnis, welches streng gehütet ward, erfahren. Ich muß bekennen, du kannst besser fliegen, als wir es vermögen.“
„Besser kann ich es auf jeden Fall, mit einem Unterschied.“ „Und der wäre?“ fragt ein anderer. „Ich verhandle mit ihm“, wehrt der Führer ab. Besser ist es, wenn das Geheimnis er allein erfährt. Ein Oberster muß über das Gefolge wachen, sonst ist es mit dem Regiment vorbei. Diadjar lockt:
„Du hast recht, den Zügel in der Hand zu halten, wenn — du einen hast. Nur weiß ich, daß es bei dir kein Geheimnis gibt. Oder soll ich meines dir verraten? Deine ganze Rotte zu entführen, ist mir nämlich möglich.“ „Du, das wage nicht!“ Die Freundlichkeit, ohne hin nur Taktik, ist verweht. Zornig sprüht der Blick des Bösen. Nicht wissen wollend, ja eigentlich noch gänzlich unbekannt, wo sie sich befinden, tobt er weiter:
„Ich kann mich eben nicht besinnen, aus welchem Lande du gekommen bist; ihr habt euch bloß getarnt“, zeigt er auf die Hellen, die dichtgereiht auf ihrer Mauer stehen, „nehme also an, ihr kamt jetzt übers Meer, um uns zu überfallen. Gut, bringe deine Mannen und ich rüste auch mein ganzes Volk. Dann werden wir ja sehen, wer von uns beiden stärker ist, wir oder ihr!“
„Dem Gerede machen wir ein Ende“, sagt Diadjar ziemlich hart, er kommt sonst an die Seelen nicht heran. „Dein Geheimnis kannst du ebenso begraben, wie auf eurer Welt dein Leib begraben ward. Warst ja ungewiß, und deine Lügen haben nichts geholfen, weder dir, noch deiner Rotte.“ „Die Getreuen?, eine Rotte?“ unterbricht der Arge aufgebracht. Diadjar hebt die Hand und ist wie eine Kraft, die den Aufbegehrenden Verstummen läßt.
„Jetzt rede ich, und wenn du das nicht willst — nun, sieh hinter dich und du siehst die Stätte, wo du hingehörst, allein, das merke dir!“ Wie ein Eiswind überfällt‘s die Seelen; sie drehn sich alle um. Da zeigt sich nahe jenes dunkle Tal, wo der Inquisitor hausen mußte. Sturm heult auf, der für die noch Abgeirrten die gezeigten schwarzen Felsenwände wankend macht.
„Dein Platz“, sagt Diadjar streng, „wo du zu retten bist! Ich mache dich nicht bang, und nicht aus Angst sollst du gefügig werden. Grauen hast du während deiner materiellen Zeit verbreitet, Grauen war dein Regiment, Grauen all dein Tun. Glaube ja, das bleibt nicht ungesühnt! Nur aus echter Sühne — und diese kommt allein aus GOTTES Hand ist alles Böse abzugelten.
Ich bin nicht herabgestiegen“, des Lichtes Stimme mindert ihren Ernst, abermals ein Wahr-Symbol, wie Gott in heiliger Erbarmung auf die Erde ging, „um euch zu verdammen, einer neuen Finsternis anheim zu geben. Aber wie ihr euch habt wenden müssen, um das Bild zu sehen, so müßt ihr das Vergangene betrachten. Wie sich euch des Tales dunkle Tiefe zeigt, genau so ist‘s ein Spiegelbild der Tücke eures Wesens.
Wenn ihr das nicht leugnet — nicht mir ist es zu sagen, ihr sollt es vor euch selber und vor Gott bekennen — ‚ dann ist es möglich, das Grauenvolle zuzudecken, wie durch des Schöpfers heilige Erbarmung eueres Wesens Grauen und die Tücke auszulöschen sind. Denket aber nicht, daß das in Blitzesschnelle vor sich geht. O nein! Erst muß alles abgegolten werden.“
Der Erlösung wegen ist noch nicht zu sagen, daß von aller Schuld der ewiggute Vater manches streichen wird. Müßte jedes Wesen, jede Seele, jeder Mensch die volle Sündenlast vergelten, was man selbst verschuldet hat, — wie schrecklich lange wäre dann der Weg zurück ins Vaterhaus! ‚Vater UR, Du müßtest ja den Liebe-Tag verlängern‘, denkt Diadjar und blickt auf, wohin sein Sehnen geht.
„Meinst du, daß Ich muß?“ hört er die allgeliebte Stimme neben sich. „Konnte Ich es vorher nicht berechnen und wäre also Meinem Kindertag noch manche Eile zuzumessen?“ „Nein, Vater UR, Du hast ewig alles wohlbedacht. Bloß derer wegen, die einst aus Bosheit Dich nicht anerkannten, müßte auch die Zeit verlängert werden, wenn sie selber und allein die Hälfte aller Untat wieder gutzumachen hätten. Aber so — —
„Ja, Mein Sohn, aber so! So habe Ich aus Meiner ewigen Erlösung vorgesehen, nicht vorausbestimmt, ehe denn der Fall geschah, jedes abgeirrte Kind erbarmungsvoll zu retten. Mit der Hälfte, wie du meinst, stimmt es genau. Doch ist‘s verschieden aus der Freiheit, selber bös zu sein, ob jemand sich mit treiben läßt oder — was ja auch geschieht — der Verführung anheim fiel.
Bei Letzteren gilt deine Hälfte, bei den anderen wiege Ich es auf der Ordnungswaage ab, was selber gutzumachen ist, wobei die Zeit verkürzt, verlängert werden kann nach der Einsicht eines Kindes. Das Schwerste nahm ICH in Mein Kreuz, das Ich zuvor geheiligt habe als des Liebe-Tages hohes Zeichen ewiger Versöhnung! — Doch nun handele weiter, Ich habe dich gestärkt.“ „Dank, Vater UR, ich merke ja, daß noch ein Höllenanprall kommt.“
Was vor sich ging, empfingen nur die Sternenkinder. Der Böse hat zum Überfall die Rotte aufgestellt. Das mit dem Geklüft war purer Bluff, wir sollten überwältigt werden, sagt er giftig. „Wir sind mehr als die paar Leute auf der Mauer und ihr Oberhaupt ist schon in unserer Gewalt. Noch steht stets fest: Fällt der Oberste, so ist des Heeresbannes Mut zerbrochen.“ Einer widersetzt:
„Wenn hinter seiner Mauer aber noch der ganze Heerbann steht? Ich blieb am Ausguck, ob die Unseren kämen, denn wir waren immer viele und sind eins der stärksten Völker. Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu. Dieser sonderbare Flieger kann wahrscheinlich noch viel mehr als fliegen. Hoffentlich . . .“
„Behalte deine Hoffnung!“ zürnt der Böse, „sonst kommst du auch — na ja“, beruhigt er sich selbst zum Schein. Er muß ja seine kleine Schar zum Einsatz bringen. Zum letzten? fragt er sich. Wie kommt mir der Gedanke? Bei mir gibt es nichts Letztes, da gibt es nur ein ‚Vorwärts um jeden Preis‘. „Los!“ kommandiert er plötzlich. Diadjar wird fest eingekreist.
Auf der Mauer wird‘s lebendig. Die drei Männer und einige von der Gemeinde, die mit oben stehen, sind erschrocken. „Ach, Diadjar ist verloren!“ Malluredus, der das geistige Kommando überhat, dreht sich nicht zum Sprecher um, sagt aber freundlich: „Du hast es gut gemeint, deshalb ist dein Schrei verhallt. Alle euere Sorge wird vergehen, die euch jetzt bedrückt.“ Der Trost gilt der Gemeinde und den Männern. „Achtet auf!“
Die hohe Mauer scheint auf einmal ins Unendliche zu reichen. Alle Sternenkinder sammeln sich. Aus ihren Augen brechen Strahlen, und Lichtreflexe zucken auf die Dunklen nieder, die das Kampfgelände, wie es zu benennen wäre, blendend überglänzen. Andere Lichtreflexe werden zum Gehege, in das die Meute eingeschlossen wird. Das ist fester, als die stärkste Mauer ihrer Welt und lichtgeistig höher, als deren höchste Berge sind.
Diadjar blieb indessen ruhig stehen, er sagt auf inneren Befehl: „Nun seid ihr eingeschlossen in die ewige Erbarmung Gottes, aus der es kein Entrinnen gibt. Ihr könnt euer Wesen dran zerstoßen, wenn ihr wollt; ihr könnt euch aber sanft umfassen lassen, sobald ihr zur Erkenntnis kommt:
‚Gegen GOTT kann niemand kämpfen!‘
Die Materie muß immer unterliegen und dauert es für Inkarnierte noch so lang.
Auf jener Erde, auf der Gott Sein Opfer bot, denkt man allgemein wie ihr. Dabei sind die Stunden der Materie gezählt, auch — für euch! Trotzdem seid ihr nochmals frei, ich entlasse euch aus Gottes heiliglichtem Bann. Kehrt auf eure Welt zurück! Hier“, er zeigt auf eine Mauerlücke, „geht der Weg hinaus. Ob auch herein, wenn euch draußen eure Finsternis zum andermal erfaßt? — ?
Menschlich könnt ihr nicht zurück zur Welt und daher würde euch die Dunkelheit belasten, der ihr ja entstiegen seid. Wieder will ich euch nicht ängstlich machen. Angst kennt keinen Umkehrweg! Die Reue und die Buße sind Barrieren, zwischen denen jedes ferne Kind zur Heimat finden kann.
Ich rufe aus dem letzten Ruf der Gottheit, der in jeden Winkel der Materie getragen wird. Ob einer widersteht, Auge, Ohr und Herz verschließt — — das Gewissen ist nicht einzuschläfern, jetzt nicht mehr! Gewollt und ungewollt bedeckt, es klopft und klopft; und die Pforte in das Jenseits ist für sie des Gottes-Rufes letztes Wort, das nie verhallt!
Ich höre es, was in euch pocht, was keine Ruhe gibt. Euer Kartenhaus, noch Mächtige zu sein, das ist zerstört. Ich beweise es euch auch. Ihr wolltet unsere Mauer stürmen wie in eueren widerlichen Kriegen, wo die Walze eurer Heere jeden Widerstand zerbrochen hat. Hier konntet ihr es nicht! Wir haben es euch nicht gewehrt, habt es selber eingestanden, daß mit leeren Händen diese Lichtbastion nicht zu erstürmen sei.
Ihr wolltet die drei Männer töten, es gelang euch nicht; ihr habt geprahlt, ihr könntet wie die Vögel fliegen. Und nicht gelang, daß ihr mich gefangen nehmen konntet in der Absicht: ist der Oberste getötet, dann bricht der Mut der Mauerleute, wie ihr meine Gruppe nanntet, rasch zusammen. Trotzdem habt ihr allesamt gewußt, daß euer Wollen Illusionen sind.
Ich bin allein gekommen und blieb ohne Waffen unter euch. Warum habt ihr mich denn nicht ergriffen? Oh, merkt auf: Als Beauftragter meines Gottes und des Schöpfers der Unendlichkeit kam ich absolut nicht waffenlos. Ich trage Seines Geistes unschlagbare Waffe, die niemals zu besiegen ist! Was man gegen sie auch unternimmt, führt zum eigenen Ruin; ob vorübergehend weltlich oder seelisch — überall wirkt Gottes hoher Geist, der Seines Lichtes Kinder mit des Geistes Kraft zu schützen weiß.
Ein Weltling, Wesen oder Seele, wie ihr welche seid, sehen nicht die Kraft als meinen Schutz, doch ihr mußtet sie verspüren. Dieses Muß ist eure Rettung aus dem selbsterzeugten Bann der Gottes-Ferne, ist die Erlösung von euch selbst! Diese habe ich als Beauftragter Gottes eingeleitet; denn erlösen kann und wird nur ER! Wir gehn und dienen, wir helfen mit, die erstarrten Herzen aufzutauen und euere Seelenwunden zu verbinden. Heilen, merkt‘s euch gut — heilen wird der hohe Arzt allein.
Mehr denn sonst brennt euer Weh. Seht, wie krank ihr seid! Es ‚ist Gottes heilige Erbarmung, die mich niedersteigen hieß. Wir“, Diadjar deutet auf die hohe Mauerkrönung, wo sich — sogar zu seinem eigenen Erstaunen — eine für die Dunklen unzählbare Schar gesammelt hat. „sind nicht deshalb hergekommen, euch zu bekämpfen, sondern euch zu helfen, damit ihr allesamt errettet werden könnt. So mahne ich euch abermals: seht euch an!“
Der Befehl wird nicht sofort befolgt, aus der Ungewißheit, nichts mehr zu sein vom materiellen Leben. Doch dann — bestürzt, leugnend und in ihrem armen Sein erzitternd, sehen sie ihr einst Menschliches verdorben. Wie wenn Aussatz ihre Körper voller Wunden machte, und durch den Schmerz ist‘s möglich, daß sie zur Besinnung kommen. Die Hellen lassen ihre Strahlen auf die Horde niederströmen und so einen Lichtring um sie bildend.
Der Herr der Zeit kann warten; für die letzte Löse ist sie jedoch abgekürzt. Weder Menschen oder Seelen, die noch in ihrer Dunkelheit gefangen sind, spüren Gottes Warten, am wenigsten die sogenannte kurze Zeit! Desgleichen hier. Auf dem Stern der Hoffnung gleicht es einer knappen Spanne, als einige sich von ihrem Führer trennen und — zwar langsam — sich zum Lichtring schleichen. An Diadjar wagen sie sich nicht heran. Er lächelt fein und dankt im Herzen ‚seinem Vater UR‘, von Dem allein die Hilfe kommt.
Für jeden, der sich dem Lichte nähert, warten je zwei Helfer, die das Innere und Äußere der Rettung übernehmen. Corrysanda und Li-Admia führen eine Seele an die Mauer. Noch schweigen sie. Denn nach dem, was Diadjar zu der Menge sprach, muß erst von ihr ein Widerhall erfolgen. O sieh, welch hohe Freude!, es geschieht! Die Seele fängt an mit sich zu sprechen.
„Was ist mit mir geschehen? Ich war ein hoher Mann; nun sehe ich so greulich aus, ich mag mich nicht betrachten. Was war ich einst? Dumpf bedrückt mich, es muß schauerlich gewesen sein.“ Nach diesem Selbstgespräch sieht die Seele ihre Helferinnen an, wie jetzt erst zur Besinnung kommend, daß sie nicht mehr bei der Menge steht. Die freundlichen Gestalten sind wie Stützen, an denen sie sich aufzurichten wagt. Nun spricht Corrysanda:
„Liebe Seele, dein Weg vom ersten Odem an war der Gang hinab in deine eigene Tiefe. Noch hast du die Erinnerung nicht, kannst es erst viel später (im nächsten Schöpfungstag) erfassen. Es kommt ja darauf an, ob du dich zu jener Stätte leiten läßt, woselbst du voll genesen kannst. Denke weniger dabei ans Äußere, das noch kläglich wirkt; denke an das Innere, das allein gesunden soll, wenn du nach der Liebe Gottes Sehnsucht hast.
Da wirst du dich verkriechen wollen, denn dein Hinfall wird dich übermannen. Aber sieh das Gleichnis an: Konnte einer von euch allen sich vor unserm Licht verbergen? Wir kamen, um zu helfen aus der HILFE Gottes, die mächtig und barmherzig ist! Wohl kommt dies auch aus unsrer Treue, weil wir uns von Gott nicht trennten; wir folgten Seinem Ruf! Daraus wurden wir befähigt, im sechsten Schöpfungstag der Liebe — was du allerdings noch nicht verstehen kannst — die Hilfe Gottes auszutragen. Doch du hast gemerkt, wie stark sie wirkt, wie sie das Finsterste durchdringt.
Du wolltest zwar dem SCHÖPFER widerstehen, von Dem du wußtest, daß Er existiert. Im vorweltlichen Leben hast du Ihn geleugnet, weil bis zur hehren Wendezeit (Golgatha) der Oberste der Dämonie es nie gestattet hätte, den Namen Gottes auszusprechen. Und während deines Weltenlebens hast du Gott geleugnet, weil du dich vor allen andern schämtest und kein Großer hättest werden können. Du hast dich hart gehämmert, und niemals kannst du einen anderen beschuldigen, wenn GOTT dich nach der Umkehr fragt: ‚Warum hast du das getan?‘, und zählt alle deine Übeltaten auf.
Das bleibt dir nicht erspart, niemandem, der böse ward oder sich verführen ließ. Es war deine Sache, das Gute zu erkennen, danach zu tun, das Böse aber zu vermeiden. Du wirst, bevor du Gott begegnen kannst, erfahren, wieso du nicht der Herzensstimme, vom SCHÖPFER eingepflanzt — was bei jedem Kind geschah — ‚ den Vorrang gabst, und du Wirst das ‚Recht‘ bekennen müssen.
Noch weißt du nicht, um was es dabei geht. Sei jedoch nicht allzu bang. Rufe uns, wenn du uns brauchst. Wir lassen dich im Schutze unserer Mauer stehen; du mußt in dich gehend dich erst ernstlich prüfen. Und kommst du zur Erkenntnis, die deinen Umkehrschritt zur Folge haben kann, dann rufe uns.
Noch hast du diese Reife nicht, dich einzig und allein an DEN zu wenden, Dem stets der erste Ruf zu gelten hat. Das ist unser aller
GOTT!
Zu sehr weltverhaftet, dachtest du, du müßtest unsre Namen wissen. Das kann geschehen. Allein — gegen GOTT hast du gesündigt und die Barmherzigkeit verachtet, mit der Er alle Hingefallenen umfangen hatte. Ihr habt euch aus dem väterlichen Arm herausgewunden; also ist es euere Sache, erst zu IHM zu gehen, bittend, Er möge gnädig sein und uns zum zweiten Male senden.
Sieh nochmals hin zum Ring; schon mehrere werden fortgeführt und ihnen wird das gleiche Gnadenheil, wie dir es widerfahren ist. Daß ihr nicht insgesamt geleitet werdet, liegt daran bloß, weil jeder von euch eine eigene Belehrung und eine extra zugeschnittene Hilfe braucht, freilich einer wie der andere im Schutz der Mauer, die GOTT errichtet hat!
Noch ist sie für euch die Barriere, aber kann auch einen Durchlaß bieten. Ich rate dir: Geh‘ nicht wieder weg, sonst hält es schwer, uns abermals zu treffen. Dein Rufen kann vergeblich sein.“ Während dieser etwas langen Lehre hielt Li-Admia die Seele an der Hand und war gleichfalls eine gute Mahnung. Denn nicht bloß Worte konnten helfen, — die Tat mußte mit am Werke sein.
Oh, bis ins Kleinste wirken Gottes hohe Fundamente: das Innere hier für das Äußere und dieses für das Innerliche jener Seelen, die Heimfindlinge sind. Bald zeigt es sich, wie herrlich aus der ‚halben Zeit‘, den guten Gläubigen auf Erden wohlbekannt, die ‚ganze Gnade‘ sich ergießt, wie der Strom der Liebe und Erbarmung alle ihre Wunden wäscht und heilt.
Des Liebe-Tages naher Abendstrahl erhellt den Weg, bis sich des Vaterhauses Pforte für die Letzten öffnet. Dann wird Gottes Ruf als letzter Tagessegen den Getreuen eine höchste Seligkeit, den anderen der Abschluß der Erlösung sein, wodurch der ganze Fall bereinigt ist. Und die Abendglocken werden läuten.
Daran fehlt noch eine Spanne Zeit. Der Ärgste denkt noch nicht daran, sein Unrecht einzusehen; er möchte alles niedertreten. Aber hier gilt auch das Wort: ‚Bis hierher und nicht weiter!‘ Wer eben seine Kraft vergeudet hat, steht wie an einem neuen Anfang, den der SCHÖPFER zugemessen hat.
Wieder soll Diadjar überfallen werden; doch der dunkle Kreis hat sich gelichtet. Bloß ein Drittel von der ziemlich großen Schar steht da. Ein Drittel — ? Ist es nicht das Zeichen, als einstmals Sadhana mit ihrem Drittel aus dem Werkanteil der Schöpfung wie ein ‚Stern vom Himmel fiel‘? Alle Dinge spiegeln sich im Ablauf jener Tages zeit, die noch vor der Menschheit liegt; ihre Zukunft für die letzten Weltminuten der Gesamtmaterie, ihre ersten Lichtsekunden in der Ewigkeit.
Wie Sadhana in ihre eigene Tiefe fiel und keine Möglichkeit besaß, GOTT zu bekämpfen, also hier der eine aus dem Rest der dunklen Dynastie. Ohnmächtig ballt er beide Fäuste, hebt die Stirne trotzig hoch. „Du, du“, keucht er. Der Helfer sagt erst dann, als bloß ein halbes Körnlein Kraft das Wesen aufrecht hält: „Du siehst, was dir genommen worden ist: dein Tun und Wirken, alles, was dich von der Liebe Gottes schied.
Wo sind denn deine Fäuste?, wo die Stimme und die Kraft, trotzig deinen Weg zu gehen? Wo — ? Sieh, wie sich viele hin zur Gottesmauer führen lassen, wie sie — wohl langsam — ihr arges Sein verlieren, wie unser Licht, das wir von Gott empfangen haben und wirken lassen können, sie in Gottes Rettungsarme führt.
Hebe deine Augen auf zu jener hehren Güte und Barmherzigkeit, die unser Vater zu vergeben hat. Vielleicht ist deine Stunde nahe, wo du flehst zu Dem, Der dich erlösen will. Noch willst du nicht; aber von dem Anhang, dem Gefolge, das jetzt zur Einsicht kam, von diesem kannst du lernen und es wäre gut für dich. Unsere Lichtkraft darf dich übermannen, weil die Schöpfungszeit dafür gegeben ist. Nur ist es für dich besser, du lernst auf deiner eigenen Ebene, hier von der Schar der Hörigen.
Soll ich deine Restlichen zum Schatten unsrer Mauer bringen? Bis ganz hin zur Mauer sind sie noch nicht reif. Die Lichtlast wäre viel zu schwer. Dann stündest du allein auf deinem Platz, wie einst der Oberste der Dämonie allein vor Gott, zu seinem Heil, zur Umkehr auf dem Weg ins Vaterhaus.
Noch geht das erste Kind auf seinem Pfad, doch nicht mehr allzu fern der Pforte, die zur Heimkehr führt. Du jedoch bist für die Letzt-Zeit der Materie ein Zeichen: du wirst ebenfalls allein den Rest der Strecke wandern müssen, weil du bloß durch Gnaden-Anregung zu einer Einsicht kommen wirst. Vielleicht kannst du noch vor dem Schöpfungskind (Sadhana) die Türe finden, — — vielleicht — bist du der Makel, der ausgerottet werden muß!
Du siehst dein abgehetztes Leben und klammerst dich daran, als wollest du es nie verlieren. Heimlich, vor dir selber leugnend, sehnst du dich nach völliger Befreiung jener Last, die dich noch zu Boden drückt, die deinen Rücken krümmt.
Du kannst leben, wenn du willst, kannst der Makel sein, weil du seit dem hehren Umkehrwort ‚Es ist vollbracht‘ dich nicht besonnen, sondern den zerstörten Stuhl der Dämonie dir angeeignet hast. Du hast dir arme Menschenseelen, die ins Jenseits kamen, untertan gemacht. Freilich sind da manche mit aus deiner Tiefe aufgestiegen, und diese stehen noch bei dir.
Die du dir hörig machtest obgleich sie mit vom Abseits kamen — ‚ haben wir befreit. Etliche stehen an der Mauer, andere im Schutz des Schattens, den das Licht verbreitet hat. Ich will dich wieder lösen, daß du reden kannst. Du selber hast dich stumm gemacht, hast deine Kraft zerstört. Gottes LIEBE heilt, und die Barmherzigkeit holt heim! Noch hast du meinen Hinweis nicht befolgt, was einer Umkehr gleichzusetzen wäre.
Hörst du jetzt die kleine Glocke? Ein Ruf! Hat das Glöckchen ausgeschlagen, ist für dich die Umkehrzeit vorbei. Es ist das heilige Symbol, als der Herr als HEILAND Seinem ersten Kinde sagte:
‚Nur diese eine Nacht ist dir zu gewähren!‘ (s. Anm.)
Nicht so, ob ER nicht anders konnte, — o nein! Ewig gilt, was wir als Kindgeschöpfe nie erfassen werden und — nicht brauchen:
ER, der Herr von Raum und Zeit, kann schaffen was Er will!
(Anm.: UR-Ewigkeit in Raum und Zeit S 248/li)
Dem Kinde galt das ‚nur‘, wie es für dich weder Raum noch Zeit mehr gibt, in der für dich zurückzuholen wäre, was du wenigstens im Lebensanfang warst: ein geschaffenes Wesenskind der Abfallkraft! Alle diese Wesen mußten in der Zeit des Liebe-Schöpfungstages erst ‚geboren‘ werden, dahingehend, daß GOTT jedem noch ein Fünklein Geist verlieh. Und ließ sich eines führen, dann galt auch ihm das Wort des Herrn:
‚Es sei denn, du wärest wiedergeboren aus Wasser und Geist!‘
Für dich, um den harten Panzer deines Wesens abzuschmelzen: ‚Es sei denn‘, du würdest GOTTES Hilfe anerkennen, alsdann würde Seine Gnade wie das WASSER dich umfluten. Und dein kleiner Funke GEIST könnte dich erleuchten. Sodann wärest du geboren aus dem Geist der Güte Gottes, aus dem Wasser Seiner Gnade, daß nach den Worten ‚es sei denn‘ ein ‚es ist‘ erfolgt.
Willst du oder willst du nicht? Horch, das Glöcklein klingt schon ziemlich fern, bald hört es auf zu schlagen. Das gilt auch euch“, sagt Diadjar zu dem Drittel des Gefolges und sieht jeden ernst und mahnend an. Soll das Licht vergeblich sein?, sollte je die Hilfe wie ein leerer Hauch verhallen, als ob nichts gewesen wäre — — ? Ja — sollte Gott — —
Manche Menschen denken: ‚Vergeblich, was geschieht. Das Schicksal waltet blind und unberechenbar, niemals eines Gottes Hand! Kommt der Tod, dann ist alles aus.‘ Doch immer wirkt die Hohe Hand, und Gottes ewig-hehres Regiment. Er saß, sitzt und wird allzeit sitzen auf dem Stuhle Seiner Herrschaft! Wird nun — wie hier — das Lebensglöcklein matter, wie verhallend, wer sagt euch Menschen denn, daß auch für GOTT ihr Klang verweht? — ?
Einer von den Schlimmsten stößt den Führer an: „Ich will nicht sterben. Was hast du versprochen? Nun ist alles, was wir taten, nur ein Scherbenhaufen. Hältst du jetzt noch dein Versprechen ein, so will ich bei dir bleiben, obwohl — obgleich — — “ Ah, es hat keinen Zweck, sich weiter zu belügen.
Er wagt Diadjar anzusprechen, dabei zittert er wie Espenlaub. „Du hast unser Dasein aufgezeigt; ich möchte dir gern glauben, wenn ich wüßte, wie ich‘s machen soll.“ Armselig sieht die Seele aus und ist doch ein Wunder hehrer Güte, daß in dieser wie zerborstenen Schale ein Umkehrwille wächst, wie aus einem kleinen Samenkorn ein Halm erwachsen kann, der einmal eine Ähre trägt.
Die Sehnsucht, jedem Wesen eingeboren, flackert in den Augen. Ob bedeckt und wie gestorben — zu töten ist es nicht! Sie kommt ja aus des Schöpfers Reservatio mentalis, aus der Er stets zu handeln weiß. Denn was aus Seinen Händen kam, fällt in die Schöpferhand zurück, ewig unlösbar im Rhythmus Seines Lebens!
„Wenn du dich trennst“, folgt der Bescheid, „dann erfährst du, was mit dir geschieht. Du hast einen Kompromiß gestellt, du würdest auf dem Stand verharren, würde die gegebene Versprechung eingehalten. Frage deinen Obersten, ob er kann; alsdann bleibe bei ihm stehen, falle mit ihm in das ‚Los des Makels‘, das ich im Auftrag Gottes anzuzeigen hatte.“
Das ist der Wille, dem sich jede Seele beugen muß. Diadjar dreht sich um und tut, als wolle er zur Mauer gehen. Für die böse Schar fällt‘s wie ein schwarzes Tuch herab, daß sie kaum noch etwas sehen kann. Allein nicht dieses soll zur Umkehr zwingen; denn selbst in Gottes hehrem ‚Muß‘ liegt ein kleines Maß des freien Willens. Das rührt die Seele an, die mit Diadjar sprach. Ängstlich greift sie nach dem Lichtgewand und fleht:
„O bleibe da! Ich will nicht in das Los des Makels fallen, weil . . .“ sonst nicht dein Weg erleichtert wird? Willst du darum andere Schritte gehen, so wäre doch dein Weg verfehlt. Gott kennt kein Kompromiß: ‚Kehrst du jetzt nicht um, dann vielleicht im nächsten Schöpfungstag; oder: gibst du nicht dein ganzes Sein, daß Ich‘s heile, will Ich gern mit einem Teil zufrieden sein!‘
Nein! So spricht der Herr: ‚Willst du Meinen Willen anerkennen, dann will Ich dich erretten und du sollst Mich preisen! Bekennst du deine aufgehäufte Schlechtigkeit, will Ich noch im Nachhinein die Schulden auf das Kreuz der Liebe lasten, wie es so für jedes Kind geschah, das zur Einsicht, Reue und zur Buße kam. Allein auf diese Weise wird das Heil des Kreuzes auf dich kommen, und du kannst noch einbezogen werden in die letzte Schar der Heimfindlinge, die Meinen Abendsegen mit erhalten.“
Diadjar schweigt. Er sieht, wie es in der Seele wühlt, wie das Auf und Ab sich niederringen wollen, wie aber doch das ‚Auf‘ allmählich stärker wird. Nicht aus sich selbst, der Trieb zum Weiterleben und der kleine Wille, sich dem Heil des Kreuzes zu verschreiben, dazu die Hilfe aller Hellen unter Einsatz ihrer Liebe und der Kraft, — das führt zum Bekenntnis:
„Oh, mein vieles Unrecht, obwohl ich gar nicht alles weiß! Das schwarze Tuch hat wie Gewitterwolken viel verdeckt. Laß mich sehen, was in meinem Dasein vor sich ging. Was man nicht weiß, läßt sich nicht bekennen, nicht bereuen. Da bliebe vieles liegen, was beseitigt werden muß. Nimm, lieber Helfer, diese Dunkelheit von mir und zeige auf, was ich gut zu machen habe.“
Eines Teufels rechte Hand gibt dem Gefolge einen Ruck. Schon drängen mehrere herzu. „Sprich für uns mit“, sagt einer, „wir möchten auch errettet werden. Wohl wissen wir noch nicht, wie das geschieht und was dann folgt, wie wir umgewandelt werden; allein es zieht uns mächtig zu dem hin“, dabei zeigt er auf Diadjar. „Ob er und seine Leute ebenfalls so freundlich zu uns sind wie zu denen, die zu jener sagenhaften Mauer gehen konnten?“
„Das wäre schön“, seufzt ein Dritter. „Es war so grausig, wußte aber nicht, an was es lag und ließ mich einfach treiben. Nun drückt mich eine Last, die sehr schwer zu lösen ist. Mir wird gezeigt, was ich an Schuld und Sünde auf mich lud. Ach Gott!“, ein verzweiflungsvoller Schrei. Da fällt ein kleiner Strahl herab und zwei Helfer führen diese Seele fort.
Nun gibt‘s kein Halten mehr. Bis auf den Dämon strecken alle nach Diadjar ihre Hände aus. Eine Seele sagt sogar: „Die Mauer haben wir noch nicht verdient, nicht einmal den Schatten, wo fast die Hälfte von den Unsern steht. Wenn man nur der Dunkelheit entfliehen kann, wenn wir bloß zum Rand des Schattens dürfen, da — — ich will Gott anerkennen und mich Seinem Willen beugen!“
Noch können die vom Fall Gekommenen nicht gleich die Gnade haben, deshalb fragt Diadjar ernst: „Wollt ihr von uns errettet werden?“ Verständlich ist das seufzende, beklommene ‚Ja‘. Sie kennen nicht das Vater-Kind-Verhältnis, das die Bürgschaft der Erlösung ist. Er stellt die zweite schwere Frage: „Wer kann gnadenvoll erretten: GOTT — oder wir?“
Noch ist‘s bitter ‚GOTT‘ zu sagen, Den sie bekämpfen wollten und nicht konnten, Den sie nie anerkannten, und wußten doch: ER ist! Nie kam Gottes Name über ihre Lippen, und so ist es zu verstehen, daß sie sich es nicht getrauen, ‚Gott, errette uns‘, zu sagen. Da zieht des Lichtes Front in großer Breite auf, soweit es hier vonnöten ist. Es handelt sich zum Teil um tiefst Gefallene, von einem Hauptdämon verführt, und ihre Löse ist nicht leicht.
Jener, der zuerst Diadjar angesprochen hatte, fleht: „Ich will sagen: ‚O Gott, hilf DU! Errette mich — errette uns von unsrer Pein und Sündenlast‘!“ Des Lichtes Front hat etwas mitgebracht, Gottes Mahnmal der Erlösung — das ‚Tageskreuz der Liebe‘! Ein hoher Helfer stellt es auf und sagt:
„Ihr habt Gott an dieses Kreuz gehängt! Damals konntet ihr die Weltlichen verführen, zumal nicht wenige aus eurer Tiefe kamen. Das entlastet jene Menschen nicht, die riefen: ‚Kreuzige Ihn! Sein Blut komme über uns und unsre Kinder!‘ Beide wuterfüllte Wünsche hingen aneinander und waren nicht zu trennen, weder in der Möglichkeit, daß das Opfer nicht geschah, noch mit dem Geschehen.
Seht her! Wenn ihr dieses Mahnmal anerkennt, an welchem für den ganzen Fall die LOSE ausgetragen ward, so ist es möglich, die kurze Strecke Wegs im Rest der letzten Tagesstunde zu bewältigen und ihr die Türe findet, die zur GNADE, zum Vater der ERBARMUNG führt, Der unser aller HEILAND ist! Wollt ihr das, dann kniet nieder und betet an den HERRN, Der euch im Kreuz begegnet ist!“
Ein himmlisch-ernstes Wort und weht so viel Güte durch, weil die noch nicht Umgekehrten diese Güte brauchen, und die Strenge und den Ernst. Diadjar beugt sich insgeheim, er hat Fürst Muriel erkannt. Glück durchbraust die Kinder auf dem Stern der Hoffnung; sie beten an und danken, weil UR den Fürst zur Hilfe sandte. In echter Demut meinen sie, ihnen wäre nicht allein gelungen, die schlimmste Schar zur Umkehr zu bewegen.
Der Engel lächelt. „Wartet ab, ob ihr mit oder ohne mich samt breiter Front den Sieg erfochten habt.“ Weil die Dunklen noch ein wenig zögern, aus Scham, Angst und Unkenntnis, was für sie auf dem Spiele steht, hebt er das Kreuz auf seine Schulter und tut auch, als ob er gehen wolle, wie zuvor Diadjar scheinbar hin zur Mauer.
Da fällt einer nach dem andern nieder. Die an der Mauer und in derem Schatten stehen, bitten: „Laßt uns hin zum Kreuz, wir möchten auch mit bitten: ‚O Gott, erlöse uns!“ Es sammelt sich die ganze Schar ums Kreuz, bis auf den Dämon. Jetzt bricht die Jubilate, die erst ohne Worte alle Hellen sangen, laut hervor. Sie eilt durch die Unendlichkeit, sie wird zum goldenen Gefäß, das der Tagesfürst der Liebe, Rafael und Agralea, dem Vater übergibt. Für die Geretteten hallt im Sanktuarium der Jubel wider — bis auf den einen, der des Falles Makelzeichen jetzt geworden ist.
Er sieht, wie die Hellen eine Tür passieren; außen stehen Muriel und Michael. Sie warten ab, was der Dämon beginnt. Der fängt an, im Kreis zu laufen, das Zeichen seiner Ungewißheit, seiner Not. Könnte Gottes hehres LUSTRUM hier umsonst gewesen sein?! Hat es Sadhana bezwungen, sollte es den einen nicht besiegen können — aus der
‚zwingenden Macht der Liebe — ?!
Er sinkt zu Boden. „Ich bin allein, ich bin der Makel, der — — Noch ist es nur die Angst: allein — verloren. Immerhin, die Angst legt Gott ins goldene Gefäß, das die Jubilate schuf. Einmal wagt der Dunkle zu den ehernen Gestalten aufzublicken. Das tut das unter Seelenschutt und -moder zugedeckte Sehnen, und ist doch da. Will es sich durch alle Last hinauf zur Gnadensonne recken? Kann jetzt das Fünklein GEIST es unterstützen? Helfen alle Hellen mit, daß das arme Kind errettet wird? — Die Führenden stehn auf der Mauer, um dem Dämon zu zeigen, daß er nichts mehr richten kann, und für die Gemeinde, die, den Schutz noch braucht, während die drei Männer, die an ‚Fureana glaubten, bitten, ob sie auch mit auf der Mauer stehen dürfen. Das wird gern erlaubt. Der Erste von den dreien sagt:
„Ich möchte zu dem Dunklen niedersteigen. Fureana Lehre gab uns die Erkenntnis, daß nichts wichtiger und gesegneter wäre, als einem Hingefallenen zu helfen, wobei der Seelenhinfall vielmals schwerer wiegt, als ein äußerliches Übel. Er fürchtet sich vielleicht vor eurem starken Himmelsglanz, während ich noch keinen habe. Denn ohne Gottesschau fehlt mir jene Reife, einen Lichtstrahl zu besitzen und ihn auszusenden.“
„Meinst du“, fragt Diadjar freundlich, „daß du es besser als die Fürsten kannst, den erstarrten Sinn zu lösen?“ Der Fureana-Gläubige weiß, was Diadjar meint. „Du siehst mein Inneres, Himmelsbruder, so siehst du auch, daß ich mich nicht über euch erhebe, nicht einmal an eure Seite stelle. Dazu fehlt mir viel.“
Er zeigt auf seine Glaubensbrüder: „Wir bleiben auf dem Weg der Lebensdemut, die uns in des Vaters Arme führt. Uns ist Fureana auch der Schöpfer, Priester, Gott und Vater, wie ihr gedeutet habt. Mein Wunsch galt ausschließlich dem Verlorenen.“ Mit traurig-liebevollem Blick sieht er den verkrümmt liegenden Körper an. Die Hellen lächeln, es ist des Himmels Freude, die UR beschert. Sogar die Fürsten schauen hoch zur Mauer.
Heliato sagt zu ihm: „Du hast Diadjars Frage gut gemeistert, daher füge ich jetzt meine Frage an: Bist du gewiß, noch keinen Strahl zu haben, weil du Gott noch nicht gesehen hättest?“ Darüber sinnen die drei Männer nach. Der Zweite meldet sich: „Darf ich eine Antwort geben?“ „Wenn euer Erster es gestattet — warum nicht?“ Dieser nickt und der Zweite sagt:
„Wir dürfen Fureana‘s Licht im Herzen tragen und in dieser Hinsicht auch verwenden, was auf unsere Weltbewohner zu beziehen ist, die ungut lebten, auf die Argen, die an gar nichts glauben wollten, auf Verbrecher und die seelisch Armen. Für diese wirkte unser Licht, das uns Fureana gnädig gab.
In Seinem Reich, bei euch, die ihr hohe Himmelskinder seid, ist unser Flämmchen wie ein Hauch gegenüber eurem Strahl. Ebenso sind wir noch ohne wirkliche Verbindung mit dem Vater, demnach auch noch ohne Licht. Also wäre etwa — bloß in dieser Hinsicht so gesagt — es möglich, unser Erster könnte sich dem Dunklen nahen, ohne daß er gleich vor Angst vergeht, was bei den hohen Fürsten und bei euch geschehen kann.“
Diadjar ruft zu Muriel hinab: „Ist es nach URs hehrem Willen, den Wunsch der Männer zu erfüllen?“ Er fragt der Gemeinde wegen, die es hören soll, vor allem der Dämon. Muriel gibt das Zeichen des Gewährs und schon — zur eigenen Verwunderung — schwebt der Mann hinab. Er nahm an, dies nur mit einem Helfer tun zu können. Er steht zwischen beiden Fürsten und sagt verhalten:
„Bitte, gebt mir Gottes Segen, damit ich helfen kann.“ „Mit oder ohne Licht?“ forscht Michael. „Mit dem eueren, ihr Fürsten Gottes!“ „Also handele!“ Die Wächter ebnen seinen Weg. Der Fureana-Gläubige geht behutsam auf den Dunklen zu, damit derselbe, noch immer einem Wurme gleich am Boden liegend, nicht zu sehr erschrickt. Er neigt sich nieder, rührt seine Schulter an, richtet ihn ein wenig auf und seine Stimme klingt barmherzig:
„Liebe Seele, schaue auf, für dich ist eine Hilfe da. Du deckst vergeblich deine Augen zu, doch das ‚Bild des Höchsten‘ steht vor dir, wie du einstmals vor Ihm standest, angstzitternd und voll Hohn, wissend, daß es auf ewig kein VORBEI am Schöpfer geben würde und habt euch alle abgewendet, habt in eurer Armseligkeit geglaubt, ihr könntet ohne Schöpfer leben und regieren. Aber wie, wo und ob für immer — das habt ihr nicht gewußt!
Dir ist‘s, als ob es jetzt geschehen wäre, allerdings mit jenem Unterschied: Du ahntest damals nicht, was der Fall ergeben würde und ließest Gottes Hinweis unbeachtet. Ihr habt das Licht erkennen müssen (s. Anm. Sankt Sanktuarium, 1. Teil), habt euch die Augen und die Ohren zugehalten und mußtest doch des Himmels herbe Sprache hören. Das geschah, um euch aus eurer Unterwelt herauszulocken.
Noch willst du nicht, weil du dich als einer von den Großen hart gehämmert hast, magst nichts von der Erlösung wissen. Dabei pocht es in dir unaufhörlich. Es peinigt dich. O wie rasch ließe sich die Pein vertreiben, könnte alle Qual vor Gottes Frieden weichen, wenn du dich Ihm endlich unterwirfst.“
„Ich ertrage eure Reden nicht, sie sind meine Qual und Pein und nicht mein Leben. Soll ich nun der Makel sein“, das Wesen zeigt zur Mauer, „so bin ich es. Ich habe nichts mehr zu verlieren, alles ist vorbei!“ Trotz dessen steigt ein Seufzer auf, wie wenn jemand einen Trost verlangt, ohne je an ihn zu glauben.
„Du hast das Beste zu verlieren“, wird er korrigiert, „das LEBEN! Die Lasterhaften sagen, um das Gewissen auszuschalten: ‚Kommt der Tod, dann ist es mit uns gänzlich aus. Wegen unsres Lebens wäre es nur gut, wenn man nichts mehr von sich wüßte.‘ Welch trauriges Verbergen vor der hehren Nemesis! Jede Tat bringt ihren Lohn — sie sei böse oder gut gewesen.
Eben so bist du jetzt eingestellt. Du fürchtest dich vor Gottes Abrechnung, vor dem Licht der treuen Helfer. Nun sieh mich einmal an: ich bin ohne Licht gekommen; ich muß es erst verdienen, sobald ich GOTT begegnen darf, wonach ich mich von Herzen sehne. Denn
Er ist treu und gerecht, daß Er uns die Sünden vergibt,
daß Er nicht mit uns nach unseren Missetaten handelt!
Du darfst des Herrn Barmherzigkeit vertrauen, wenn du dich unter Seine Rechtshand beugst und dann vor Ihm bekennst: ‚Herr, ich habe gesündigt vor Dir in meinem ganzen Leben; ich bin nicht wert, Dein Sohn zu heißen!‘ Wohl — es geht bei dir wie noch bei manchen nicht so rasch, bis du dich zu dem Bekenntnis durchgerungen hast. Tust du es aber wenigstens aus deiner Ferne und rufst IHN an, dann sendet Er, der TREU und WAHRHAFTIG heißt, dir Helfer zu, damit du deine Heimfindgasse auch noch gehen kannst.“
„Würdest du denn zu mir kommen?“ Ein Blick, der gleich wieder niederfällt. „Du hast gesagt, du wärest ohne Licht gekommen; das ist gelogen. Wie ein heller Stern glänzt du.“ „Nein, ich bin erst auf dem Weg zum Vater. Gewiß — Ihn liebe ich und versuche, Sein Gesetz zu halten, so gut es mir gelingen mag.
Was du siehst, kommt von den Helfern, was GOTT dir angedeihen lassen will. Ich kann nur Sein Wort, Sein Heil verkünden. Nimmst du diese Kunde an, dann beginnt dein eigentliches Leben. Was du, nicht mit Gott verbunden, Leben nennst, ist allein das Da sein innerhalb der Schöpfung, innerhalb der Schöpfermacht.
Unter diese Macht mußt du dich beugen, soll sie dir zum ewig- unfaßbaren Segen werden. Willst du verkrümmt am Boden liegen, statt wie ein Kind vor seinem Vater, den es liebt, zu stehen? Das ist keine Mahnung, um dich zur Umkehr zu bewegen; es ist der RUF, der aus der Ewigkeit jetzt die Materie durchzieht.
Einst hatte Luzifer die Welt durchzogen (Hiob Kap. 1); nach Gottes Kreuznot-Opfer GOLGATHA mit dem Ruf ‚Es ist vollbracht‘ hat allein Sein SEGEN die Materie durchströmt, obwohl die Materiellen und ihr Wesen, im Pfuhl zurückgeblieben, das hehre Rufen unbeachtet ließet. Gottes Ruf hat sich gesteigert bis zum heiligen Final als Endpunkt der Materie, als Endziel einer Heimführung für alle! Glaube ja: du bist auch an deinem Endpunkt angekommen, ob aber auch ans ‚Endziel‘ aller Gottes-Herrlichkeit — ?!
Mündet jetzt dein Endpunkt nicht in GOTTES Endziel ein, dann wird die Türe zugemacht, durch die du jetzt noch Einlaß finden kannst. O höre, wie für dich das Glöcklein immer schwächer klingt! Sieh, dein Anhang hat sich umgedreht; und wenn es für sie wohl noch eine Weile währt, bevor sie in das Vaterhaus gelangen, so stehen sie doch vor der Pforte und ist nur mehr ein kurzer Weg, den Gottes Langmut für sie schuf. Willst du deine lange Gasse sehen, über die der Name ‚Makel‘ steht? Willst du das ?“
Es hat gewühlt, geschmerzt, gebrannt, hat das Ärgste ausgemerzt, daß es wie Balsam war, ein Seil, an das man sich mit beiden Händen klammern könnte. Geduldig warten alle Helfer, geduldiger wartet UR mit Seiner Macht, aus der allein das Leben kommt, wenn man Ihn als Schöpfer anerkennt und sich in Sein Gesetz begibt. Aus dieser Wandlung werden sie zu ‚Kindern aus der Macht des Schöpfers und durch den Glauben selig‘. —
Die Fürsten nahen sich auf halbem Weg. Ein Zeichen: es schmilzt das Eis, der harte Fels zerbröckelt. Die Seele hebt die Augen, in denen noch der Trotz mit der Erkenntnis, die Auflehnung mit Angst, das Böse mit dem Unbewußtsein ringt: was wird aus mir? Auf innerem Befehl, dem der Fureana-Mann so leicht zu folgen weiß, rührt er sie jetzt nicht mehr an. Endlich richtet sie sich etwas auf und greift zaghaft nach des Helfers hellem Kleidersaum.
Endlich löst sich auch die Zunge, unbeholfen noch: „Herr, ich habe gesündigt vor Dir in meinem ganzen Dasein; ich bin nicht wert, Dein Sohn zu heißen!“ Und stotternd: „Ich will kein Makel sein. Als der Oberste von Deinem Opferwort sich ziehen ließ, war ich der Übelste, der in Haß ihm folgte, ach — wie lang! Allein, ich mußte von ihm lassen und er war mir bald entschwunden.
Manchmal sah ich, wie er vorwärts ging, wie das Dunkel am zerrissenen Rock allmählich heller ward. Um so wütender bin ich geworden, hab‘ die Macht an mich gerissen, wenn ich — “, die Seele zögert, „ — auch nicht wußte, daß unser Raum die Hölle war. Wir wähnten, es sei das von uns geschaffene Bereich, das uns gehörte und in dem der ‚Andere‘, wie wir Gott gar oft verächtlich nannten, nichts zu suchen hätte.
Wir tobten, wenn die Lichter zu uns kamen. Jetzt muß ich rückwärts blicken, sehe unsere Schande, Finsternis und Schmach. O, das drückt zu schwer!“ Die Seele sinkt in sich zusammen, verkrampft die Hände ins Gestein, auf dem sie liegt und merkt noch nicht, wie sich der Fels in groben Sand verwandelt.
Da folgt der große Wink: „Helft, ihr Austräger Meiner Hilfe!“ Im Augenblick stehen Michael und Muriel bereit, bückt sich der Gläubige und rührt zart den Körper an: „Komm, du armes Kind, komm heim!“ Da lösen sich die gröbsten Schlacken, da wird es wie bei Luzifer, der durch den HEILAND auf die Bahn geleitet wurde, auf der er wieder werden konnte, was er war: SADHANA, die Liebliche.
Zeitmäßig geht der Rückweg schnell vonstatten, gefühlsmäßig muß die Seele alle Leidstationen ebenso wie Luzifer durchkosten, bevor er aus dem Bannbereich gezogen wurde — bis zur Schwelle einer Wiedergutmachung. Davon bleibt das Eigentlich für die Hingefallenen dem Sabbat-Tage vorbehalten. Doch was im Zeichen von dem ‚letzten Ruf der Gottheit‘ möglich ist, das vollendet sich durch des Vaters
herzliche Erbarmung
an des Liebe-Schöpfungstages Abend.
Muriel führt die Seele in die Einsamkeit, während alle anderen dem Engel eines ‚Wandlungssternes‘ übergeben werden. Die Fureana Männer dürfen eine Weile auf dem Hoffnungsstern verbleiben. Diadjar bringt sie in sein Haus, bei dem sich die Gemeinden und das Sternenvolk versammeln. Michael sagt zum Abschluß dieser wunderbaren Episode:
„Für eueren Dienst“, spricht er zum Volk, „gibt der Vater Selbst Sein Wort und wird sich noch ein Herrliches ergeben über mancherlei Bedenken, was ob eurer Demut offenblieb. Es ist an Erkenntnis nicht mehr viel, was bis zum letzten Glockenschlag des Schöpfungstages aufzunehmen ist. Gott kam oft zu euch, wie zu vielen Kinderscharen hier und dort, und insgesamt sind sie Sein Volk.
Dazu gehört ihr ebenenfalls, die ihr nach eurer Sprache ‚Fureana‘ dientet.“ Michael gibt den drei Männern seine Hand, und sie beugen sich so andachtsvoll, als stünden sie vor Gott. Der hohe Fürst des Willens läßt es gelten; die Edelbeugung ist dem Höchsten dargebracht — von den Männern und von ihm.
„Ihr hattet es auf eurer Welt nicht leicht; und seid ihr auch als Lichtkindgeister einen Beihilfsweg gegangen, so bleibt bestehen, ob ein Inkarnierter aus sich selber handelt, ob er eine Lichtverbindung anerkennt, ihr folgt und sich dergestellt vom Schöpfer-Vater leiten läßt oder nicht. Ein vom Licht Gekommener kann eine zeitlang irre gehen, jedoch nie für immer.
Ihr habt die Ordnungsstraße eingehalten und euren Mithilfsdienst erbracht, was vielen eurer Gläubigen gelungen ist. Das nimmt der Schöpfer in die Hand und besieht es mit dem Auge Seiner Liebe, weil — wie ihr wißt am Liebetag das Kindervolk geboren ward. Also seid ihr reif, erst kurz im Jenseits weilend, dem Vater zu begegnen und zwar auf dem Hoffnungsstern. Darum bleibt ihr hier. Er, der Vater, leitet euch hernach an eueren Ort, der euch einst zu eigen war, und nun wird er euch zurückgegeben.
Ihr Gemeinden sehet Ihn erst später wieder. Nehmt es willig an, weil ihr euch auf Erden gar so sehr gestritten habt, euch selbst erhöht, die anderen erniedrigtet. Erst wenn das bereinigt ist“, Michael sieht ja, was geschieht und daß — hier vorausgesagt — diese ihre Sünden abgegolten haben, sobald sie sich dem Urteil beugen, „werdet ihr auf einem andern Stern dem Herrn begegnen. Ihm könnt ihr sagen, was euch bedrückt, was ihr ungeschehen machen möchtet. Seid ihr bereit, das anzunehmen?“
Verständlich, daß man sich besinnt. Die Sehnsucht, bald bei Gott zu sein, ist groß, ebenso die Reue und die Willigkeit zur Buße. Jene Frau, die zuerst zur Einsicht kam, sagt: „Mir kommt‘s nicht zu, vor dir, Fürst des Herrn, zu reden, auch unseren Ersten nicht das Wort zu nehmen. Möge uns der Herr verzeihen, wenn wir nicht sogleich ein ‚Ja‘ gefunden haben.
Du siehst in uns hinein, wie Gott es kann, und weißt, woher das Zögern kam. Ich kann allerdings nur für mich selber sprechen: Was du bestimmst, der du im höchsten Auftrag bei uns bist, das soll geschehen. Ich bin noch längst nicht reif, dem Vater zu begegnen; doch im Herzen trage ich Sein Wort und Seine Liebe. Möge das mich zu Ihm führen, sobald die Zeit dafür gekommen ist.“
Eine herrliche Erkenntnis, auf dem .Lebensweg gesammelt. Der Same kam vom Licht, ohne welchen es kein Wachstum, keine Ernte gibt. Nun ist die schöne Ähre auf dem Schöpfungsfeld der Gottes-Herrlichkeit gereift. Die Gemeinden scharen sich um Michael und ein einheitliches ‚Ja‘ ertönt. „Leite uns, wie der Vater über uns beschlossen hat.“
Abermals ein helles Leuchten, das den Stern der Hoffnung, einer von den schönsten Heimkehrstätten, überstrahlt. Michael geht voran, die Gemeinde folgt und die Sternbewohner geben das Geleit bis zum Rand des Sonnenweges, der vom Sterngefilde aus durch das Infinitum hin zur Stätte führt, wo die Gemeindeleute Gott erleben dürfen.
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