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Kap 3 – Mußte Sadhana fallen? Etwas über die Entwicklungsfreiheit

Mußte Sadhana fallen? Etwas über die Entwicklungsfreiheit

Während des Mahles besprachen sich die ‚Großen’ mit dem Vater. Karmathas Erstaunen wächst. Schon das Erlebnis bei Muriel beeindruckte ihn tief, so daß er gar nicht wagte etwas zu sagen. Nun vernimmt er wunderbare Tiefen göttlicher Geheimnisse, in die jene Kinder Einblick haben, die sich Gottes Führung anvertrauen. Welch unglaublich höhere Weisheit bildet ihr Gespräch. Aber er hegt keinen Wunsch, auch solch hohe Weisheit zu besitzen. Demütig erkennt er, daß entsprechend seinem Zustand nur ein Abglanz zu erringen wäre, wenn er seinen Weg in Treue geht. Ihm genügt die Herzensfreude, daß der Vater solche Kinder um Sich hat. Damit hat er diese Demutsprüfung auch bestanden. Immer fröhlicher und hoch beseligt folgt er nach beendetem Mahl dem Vater in das Allerheiligste. Doch dort angekommen, befällt ihn wieder große Reue und er verbirgt sich hinter Muriel. Sein Anblick soll den Vater nicht betrüben. Der Herr wendet sich den Engeln zu und spricht:

„Meine Kinder! Nun füge Ich zu Muriels Rede das Weitere hinzu. Ja, zum Siegelgeheimnis wurde, was einst offen vor dem Werke lag, bevor ein Kind Mein Licht verdunkeln wollte, mißachtend Meine Liebe. Zwar ist euch vieles schon bekannt, doch für unsern Karmatha ist es ganz neu. Allein, auch euch wird dadurch weitere Erkenntnis aufgeschlossen; denn alles Offenbarte wird bei neuen Schöpfungsstufen einer neuen Lebensferne übergeben. Das besagt:

Jede Offenbarung hat gemäß der Schöpfungstage ihren Anfang und ihr Ende. Was dazwischen liegt, sind die Entwicklungsstufen. Ich schuf einen Schöpfungsboden, einmal errichtet! weil Ich auch nur ein UR-Gott bin! Aber auf dem einen Boden bilden sich für Meine Kinder unzählbare Einzelperioden, die — zwar dem Grundboden und dessen Gesetz verhaftet — jeweils ihre eigene Gesetzmäßigkeit für den ihnen zugemessenen Zeitraum haben, an die alle Entwicklung angebunden ist. Das lag schon in Meinem Bedingungsgesetz begründet; denn nur darauf war das euch hinlänglich bekannte zweite Schöpfungsgesetz, euer freier Wille, in herrlichster Ordnungsfolge aufzubauen.

Wichtig ist nun zu erkennen, warum Ich diesen Grund nicht einheitlich begrenzt den Teilschaffungen überließ. Wer aufmerkt, wird die Weitsicht bald erlangen, daß er am Ende staunend ruft: O Vater, über alles Wissen und Verstehen hast Du in unerhörter Lebensfülle vorgesorgt, obwohl Du ein nicht meßbares Maß an Liebe zu entbehren hattest! Ihr möchtet Mich wohl gern entschädigen und eure Frage: Heiliger, wer bist Du?, ist berechtigt. Ihr glaubtet, Mich erkannt zu haben, Mich zu lieben und Mir auch zu dienen. Nun steht ihr euch noch immer wie am Anfang eurer Taten stehen.

Doch Ich sage euch: Was ihr und viele Kinder schon bewirken konntet, ist groß und ruht in Meiner Freude! Trotz hoher Erkenntnis seid ihr ‚Meine lieben Kinder’, an denen Ich Mich allezeit erfreuen kann, wie eben jetzt an unserm Karmatha, der sich vor Mir verbirgt. Doch würde er Mich auch — wie ihr — ins Auge sehen, so wäre das Mir größere Freude als seine Reue, die weder Mir noch ihm selber etwas nützt. Könnte ich in seine Augen ‚sehen’, wäre leicht dem Reue-Übel abzuhelfen.“ Karmatha guckt hinter Muriels Rücken hervor. Doch statt strenger Augen, wie erwartet, strahlt ihm Güte entgegen. Ein kurzes Zögern, eine kleine bange Frage, dann stürzt er schluchzend in die sich öffnenden Vaterarmen und er ruft:

„O guter Vater! Nun habe ich zu meiner falschen Handlung eine noch törichtere begangen. Ich möchte ganz in Deinen Diensten stehen und vermag nicht einmal, mich Dir einfach liebend hinzugeben! Vater, behalte mich in Deinem Arm, gib mir Verständnis, jederzeit zu Dir zurück zu finden, was immer auch geschieht. Du bist der Heilig-Wunderbare, Der nur für Seine Kinder denkt und tätig ist! Ach, laß mich immer bei Dir bleiben!“ Der Vater drückt Karmatha an Sein Herz, spricht aber zunächst zu Seinen Engeln weiter:

„Als Sadhana am von Mir gesetzten Anfang ihre Lebensbahn betrat, enthüllte Ich ihr im großen Zuge das Gewordene, das Seiende und auch das Werdende. Besonders durfte sie die in vollste Ordnung eingefügten Endziele werkmäßig erkennen. Notgedrungen, weil damit verbunden, sah sie auch die veränderlichen Gesetze, die für Zeit und Raum wie für bewußtlebende Geschöpfe und andere Daseinsformen vorgesehen waren, die aber trotz der zweiten Werkgrundlage, der freien Willensentwicklung, dem Ordnungsgrundgefüge unterstehen mußten, weil ohne dieses kein Leben außerhalb von Mir persönlich existieren kann.

Aber warum wurde nicht zugleich ihre Abweichung von der Ordnungsgrundgerechtigkeit enthüllt, wie es durch ihren Fall geschah? Aus welchem UR-Sinn zeigte Ich nur Weniges von den einem Falle anhaftenden Folgen? Hätte Sadhana bei vorheriger Erkennung aller Folgelasten nicht doch etwa die Kräfte aufgebracht, getreu zu bleiben?! Und wäre sie nicht in den Fall geraten, hätte wohl ein anderes Kind den gleichen Sturz getan? Manches dieser Fragen habt ihr längst erkannt (Siehe „Ewigkeit in Raum und Zeit“); ein Zusätzliches will Ich jetzt enthüllen. Doch das Allerletzte bleibt noch zugedeckt, das allen jedoch zu euer Seligkeit, wie damit verbunden auch zur Gesamtentwicklung des Tat-UR-Jahres.

Seht, für Karmatha gibt es nun nichts anderes als bei Mir zu ruhn. Ihr aber sollt auch handeln, wenn aus dem Offenbarten manche Lasten euch bedrücken. Bedenkt: Meinen Kindern stehe Ich zuerst als Vater gegenüber, dem Werk jedoch als Schöpfer! Alles andere ist, obzwar niemals nach-, so doch eingeordnet.

Daß Ich weder anfänglich des Tageswerkes, noch weniger am Anfang eurer ersten Lebensstunde euch, erst recht nicht Sadhana, den Fall zufolge Mißbrauch des freien Willensfundamentes zeigen durfte, ist euch lange schon verständlich. Freilich ist noch manche Tiefe aufzuspüren. Ich schuf das Tatwerk Mir zur Freude und zur Ehre, euch zur Seligkeit und Liebe. Unmöglich war deshalb, obwohl die Schöpferwesenheit in Mir das Auf und Ab der beiden Fundamente ‚sah’, Gedanken davon zu ‚hegen’ oder sie gar auszusprechen, weil das ein ‚Samen-Ausstreuen’ bedeutet hätte, der nicht unbedingt für das freie Feld der Tat in Meiner Scheuer lag. Ja, haftete Mir denn ein Fall-Gedanke an, wenn auch in noch so zugedeckte Schau? Zunächst wird euch ein Nein und Ja auf diese Frage unverständlich sein.

Der Möglichkeitsgedanke lag aus zwei Gründen vor. Erstens: Die Freiheitsentwicklung wäre arg begrenzt gewesen, hätte sie kein Auf und Ab gehabt. Zweitens: Ein mögliches Ab — vorausgeschaut — ließ Mich Maßnahmen ergreifen, die Mein Mir ewig zu Recht bestehendes Bedingungsgesetz schützte, wie dadurch das den Kindern zubereitete Freiheitsgesetz in seiner schöpfungsgerechten Beweglichkeit erhielt. Und das schon in der ‚Viergeteilten Schöpfung’, ehe denn ein Kindgedanke eine Lebensform besaß. Nur Meine Vorschau sah das Ab, und das noch ‚eingehüllt’! Nicht offen sah Ich’s an, sonst wäre es von Mir aus dem Werke zugänglich geworden, was dann Bestimmung und nicht nur Zulassung gezeitigt hätte. Bestimmung, auch wenn in ‚zulassender Form’ gehüllt, zerstört den freiheitlichen Willen, und nicht freie liebebegabte Kinder wären Mir erstanden, sondern Spielbälle Meiner schöpferischen Macht! So lag für den allgemeinen Schöpfungstag ein Ja, jedoch für Meine Kinder nur das Nein in Mir. Und nun der Grund der zugedeckten Gottheitsschau.

Wäre Sadhana als Erstkind allzusehr auf die Möglichkeit ihres Falles und der damit verbundenen Gefahren hingewiesen worden, so hätte sie aus Angstgefühl — wie dann auch alle Kinder — an keine freibewegliche Entwicklung denken mögen und dadurch nie das in das Tat-UR-Werk gelegte Beste, das Kindgefühl, erlangt. Ein höchst unfrei geschaffenes Wesen wäre sie geworden, mit dem Ich und das mit Mir nichts anzufangen wüßte. Wozu hätte Mir die große Schöpfungsmühe denn gedient, zwei Fundamente zu errichten, ihnen freiheitliche Ausgleichung zu schaffen, auf deren Boden Schöpfer und Geschöpf als ‚Vater und Kind’ sich frei-liebend begegnen sollten? Eine solche Mühe hätte Ich Mir sparen können!

Ferner konnte aber mit der allzuweit gespannten Offenbarung das Erstkind trotzdem fallen, sogar mit anderen ‚Aufruhrgedanken’ beherrscht, die noch schwerere Folgen mit sich bringen konnten. Beide Fälle hätten Mein UR-Opfer auch bedingt, wollte Ich Mir Mein Werk erhalten, während es nun wirklich Meinen Kindern gilt! Der Unterschied ist nicht tief genug zu schauen.

Eine noch ganz andere Folge mußte sich ergeben, wenn das Schöpfungskind als ‚unfreies Wesen’ in Erkenntnis Meines unsagbaren Gottes-Opfer, für ein Kindgeschöpf gebracht, sich wieder zu Mir umgewendet hätte. Zwar würde dieses Wissen nicht in voller Wucht auf Sadhana fallen, zumal solange nicht, als sie noch zum Zweck der Sühnung sich weit mehr in ihren finsteren Regionen aufzuhalten hat, als dann und wann in einer für sie zubereiteten Station, wo auch die ‚Seele Sadhanas’ eines Ausruhens und der Kräftesammlung bedarf.

Doch in Hinsicht einer unfreien Entwicklung, könnte sie auch dann den Fuß in Meines Lichtes Höhe setzen, würden sie die Reueschmerzen ganz zerstören, sie wäre ‚die Geschlagene’, mit ihr auch alle Kinder. Denn sie müßte des voraus Gesagten inne werden und kein Ausgleich könnte ihr mehr helfen. Alles das stünde mit Meiner Grundbarmherzigkeit auf fortgesetztem Fehdefuß, dem nur eine Beendung mit totalen Auflösung der durch Äonzeit wunderbar geformten Kindschaffung zu setzen sei. Aber auch Totalauflösung bedürfte für euch unvorstellbar langer Zeiten, weil Ich — zwar als UR-Schöpfer alle Schaffensmacht besitzend — nicht gegen Meine eigene Ordnung verstoßen kann, erst recht nicht will !

Ein geschlagenes, ja ein zerstörtes Kinderreich kann unmöglich Zweck und Ziel Meines heiligen ‚Es werde’ sein! — Also ruhte in Mir auch kein ‚offener Gedanke’ zu eines Falles Möglichkeit, sondern einzig nur die Vorschau, die Ich zu segensvollen Maßnahmen benutzte, in denen auch enthalten war, was Ich im voraus über diesen Weg gekündet habe. Das war viel und doch sehr zugedeckt. Hieran schließt sich wie von selbst die nächste Frage, aus welchem Motiv Ich nur Teilhinweise gab.

Die Vorausschau liegt stets in Mir, an die jedoch nur mittelbar die Vorbestimmung angebunden ist, letztere waltend für alle machtgelenkte Werke, aber obwaltend, d.h. in freier Zielerreichung, für Meine Kinder. Euch Fürsten vor dem Fall grundlegenden Anteil zu gewähren, hätte wenig Ersprießliches gebracht; vielmehr wäre euch die freudig-freie Dienstbarkeit an der Materie abgegangen, weil ihr dann natürlich auch die großen Schwierigkeiten sehen mußtet, die durch die Unantastbarkeit der beiden Schöpfungsfundamente entstanden sind. Ich zeigte euch im Voraus alles, was unbedingt nötig war.

Die Ungewißheit des angestrebten Zieles wäre so ein schweres Hindernis gewesen. Seht die Sorge und die Angst, die auf jenen Finsterlingen liegt, die als Menschen auf die Erde kommen! Mein Erbarmen ist deshalb so grenzenlos zu jenen Ärmsten, daß es auch euch wie unbegreiflich ist, als Meine Liebe auf das Kreuz das Siegel drückte.

Die andere Frage, ob Sadhana bei Vollenthüllung nicht gefallen wäre, ist nun ohne weiteres erkenntlich, aber auch die eine freie, Fortentwicklung verletzenden Gegebenheiten. Es bleibt noch übrig, ob ein anderes Kind hätte fallen können, wäre Sadhana auf ihrem Stuhl geblieben. Ihr, Meine Ersten, habt darüber schon die tiefe Schau; doch für Karmatha sei es gesagt und auch euch füllt es noch eine kleine Lücke aus.

Es konnte auch ein anderes Großkind stürzen, denn die Enthüllung eines Falles mußte allen Kindern gelten. Ich schuf nicht zwei verschieden zu führende Kindergruppen. Die zwar jetzt in ungleichen Entwicklungsnormen gegenüberstehenden stark unterschiedlichen Gruppen sind ja nicht Mein Werk, sondern eine Fall-Erscheinung, nur ein Ding, das einst vorübergeht. Das ist vor Meiner UR-Gottwesenheit ganz unpersönlich und auch nichtig! Gebe Ich Mein Wort, daß Ich urewig Vater bin, so muß der Vatersegen allen Kindern werden; anders wäre Ich sonst ein höchst ungerechter Gott! Die Freiheit, in welchem Maße sich ein Kind den Vater-Segenstrom erwirbt, ist unbegrenzt. Je mehr selbstgewolltes Danach-greifen, um so mehr Erfüllung Meines Segens! Hierin ist jede Kind in vollster Weise souverän!

Aus dem nun Offenbarten ist erkenntlich, warum die Entwicklung der Kinder nach und nach geschieht. Doch will Ich noch über das von Muriel angedeutete Siegel sprechen. Darum höret weiter.“

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