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Kap 4 – Auf der Wanderschaft; treue Tiere; vom kleinen Menschengeist; die Räuber

Auf der Wanderschaft; treue Tiere; vom kleinen Menschengeist; die Räuberbande; etwas über Schlangen; was aus einem Fisch zu machen ist

4. Kapitel

Der Weg ist weit und nicht nur Tage, sondern Wochen, bevor der Tigris-Strom im Glanz der Sonne den zwei Wanderern erscheint. Tobi hat ja immer acht gehabt auf seinen kleinen Hund, der ihm vom Haus der Eltern folgte, obwohl Tobi lieber wäre, er wäre nicht auf seiner Spur geblieben. Treue? O ja, der Jüngling lächelt, als Tobi davon spricht. „Merke auf“, sagt er.

„Die Menschen haben niemals solche Treue, die ein Tier bekunden kann. Sie stünden also höher als der Mensch? Nein, das nicht. Der Mensch gehört zur Gottes-Kinderschar — von IHM aus, dem wunderbaren gnadenvollen Vater-Gott! Ob der Mensch sich gern als Gottes Kind erblickt ? Du hast selbst trotz deiner Jugend schon genug erlebt, wie sich so viele fein zur Seite drücken, weil es beschwerlich ist: an Gott zu glauben, aber alle Freuden dieser Welt voranzustellen. Man sagt: ‚Wir leben eben auf der Welt!‘

Unter deinem Volke Israel, das von Abraham, dem Patriarchen her, den echten Ein-Gott-Glauben hatte, frage: wie viele sind im Lauf der langen Zeit verblieben, die Gott, den Höchsten, überall ihr weltliches Gebaren stellten? Dein Vater, der getreue Tobias, hat den Toten heimlich ihren letzten Erdenplatz gegeben, unter größerer Gefahr, als ihm selbst bewußt geworden ist. Nicht bloß vom Gebot der argen Könige her.

Sieh, es ist Materie, vergänglich, und daher auch gefährlich, wenn die Leichen, die lange liegen, wie oft in der prallen Sonne, ungute Stoffe an sich haben. Schon ein Dunsthauch kann vergiften. Tobias befand sich stets in doppelter Gefahr. Und doch — er tat, was die Liebe und Erbarmung von ihm heischten. Niemand gab ihm den Befehl; allein sein Geist, vom Licht gekommen, gab ihm selber das Gebot. Wiederum: da auch des Menschen kleines Fünklein Geist aus Gottes unermeßlich hehrem Geist gekommen ist, war aus diesem der Befehl gekommen — was für den Menschen meistens unbewußt geschieht, und das ist gut. Nämlich so:

Auf diese Weise steht der Mensch in dauernder Verbindung mit dem Schöpfer-Gott und Vater. Zum Segen und zur Freude für die kleinen Kinder gilt es dann: wie aus sich selbst getan. Dieses ‚Wie‘ liegt in des Himmelsvaters heilsgewohnter Hand. Verstanden, Tobi?“

„Ein wenig. Weißt, Asarja, so hast du dich genannt, obwohl ich manchmal meine, du wärest ein ganz Anderer. Du bist jünger noch als ich — freilich, ein paar Jahre machen nicht viel aus; aber was wir auf dem Wege sprachen, daraus merkte ich die Weisheit deines Geistes. Darauf Bezug genommen. Dabei hast du dich zurückgehalten, so, als ob du mich dir gleich betrachten willst. Und ich spüre ja den Unterschied. Bloß kann ich‘s nicht benennen, wie es wirklich ist. Kannst du mir dabei ein wenig helfen?“

„Das tu‘ ich gern“, erfolgt die Antwort. „Warte noch die kleine Zeit. Hier von der Höhe aus sehen wir den Tigris leuchten; doch müssen wir erst noch den dichten Streifen Wald bezwingen. Er sieht urwaldmäßig aus. Hoffen wir, daß er gefahrlos ist.“ „Und wenn nicht?“ fragt Tobi. Er ist ängstlich, zumal sein kleiner Hund die Nackenhaare sträubt, ein Zeichen, daß er etwas wittert, was ihm nicht behagt. Er knurrt leise.

Sie sind kaum vorgedrungen, als aus dichtem Strauchwerk Männer brechen, zwölf, schrecklich anzusehen. Sie tragen schwere Keulen und anderes Waffenzeug. Sie haben furchterregende Gesichter. Das Hündchen konnte sich verstecken. Tobi und der Jüngling nicht. Schnell sind sie umzingelt, daß sie sich kaum rühren können. Ein untersetzter Mann, der Bandenführer, droht.

„Geht nicht unser Weg unter Gottes Hand?“ Eine ernste Frage. „Ja gewiß“, bestätigt Tobi, „zumal ich glaube: GOTT hat dich mir beigegeben. Möchte beinah sagen: sei wer du willst, in dir habe ich die Gnadenführung Gottes! Wir haben mancherlei Gefahren überstanden, wird der Herr jetzt Seine Hand nicht von uns nehmen.“

„Gut geglaubt, Tobi, Gott freut sich über dich.“ „Da fehlt noch viel an meiner Himmelsleiter, bis es zur wahren Freude bei dem Vater langt — ich meine über mich.“ Tobi bückt sich nieder, seinen Hund zu beruhigen. Er sieht so das feine Lächeln nicht, das über das Gesicht des Jünglings läuft. Dieser geht schon auf den Waldrand zu und Tobi folgt ihm mit dem vierbeinigen Gefährten.

„Her mit allem Hab und Gut, oder . . .“ „Oder was!“ fragt der Jüngling und tritt vor den Bandenführer hin. „Wir haben keine Taschen außer unserer kleinen Hirtentasche; und wir fahren nicht in Wagen, sind nicht beritten. Was also willst du nehmen?“ „Eure reichen Kleider sind auch was wert. Und habt ihr wirklich nichts, oh, la, la, sterben müßt ihr sowieso.“

„Abwarten!“ Der Jüngling haucht den Argen an. Der verdreht seine Augen und fällt jählings um. Er ist nicht tot, kann sich bloß nicht rühren. „Memme“, faucht ein Großer, der den Bandenführer haßt. Er konnte nur nichts unternehmen. Jetzt ist seine Zeit gekommen, denkt er, die Spitze einzunehmen und dadurch den größeren Gewinn von allem Raub. „Mich hauchst du vergeblich an, Grüner“, schreit er böse und tritt auf den Jüngling zu, um ihn zu töten.

Bevor er sich‘s versieht, tippt dieser ihn mit einem Finger an. Ihm geht es wie dem ersten: er fällt um, ohne sich zu rühren. Die Augen starren ganz entsetzt auf den ziemlich zarten Jüngling. Weh, das ist ein Zauberer. Denken auch die anderen zehn, die fluchtartig das Weite suchen, ohne sich um die Kumpanen umzusehen. Sollen die sich selber helfen.

Tobi ist mehr erschrocken als verwundert oder gar begeistert. Daß sein Gefährte was Besonderes ist, hat er längst gemerkt. Aber was — ? Wenn nun er mal einen Fehler macht — Ein kleines Grauen rieselt ihm über seinen Körper. Nein! Diese Freundlichkeit, die guten Lehren, alle Hilfe, das kommt von keinem Asmodi! Zauberer gibt es nicht, hat Tobi längst gelernt. Wie geht‘s nun weiter? Der kleine Hund kommt winselnd angekrochen. „Gefahr vorbei“, sucht sich Tobi zu ermannen und streichelt seinen Hund.

Indessen rührt der Jüngling beide Hingefallenen an. „Merkt euch, ihr Bösewichte, ich kenne euch. Der nächsten Truppe kann ich sagen, wer ihr seid und wo zu finden. Habt schon viele Morde hinter euch! Steht auf und verschwindet, bevor der letzte Zorn des Höchsten auf euch niederfährt! Ihr habt Gelegenheit, euch umzuwenden; denn die anderen Kumpanen seid ihr los. Vielleicht wird aus euch noch mal ein besseres Exemplar von Mensch!“

Mühsam stehn die beiden auf, zitternd aus großer Angst, was noch geschehen wird. Tobi wundert sich, wie streng der Jüngling spricht. So hat er ihn noch nie gehört. Das klingt wie ein flammend Schwert. Nie mag er so mit ihm zusammentreffen. Und war stets die reinste Liebe. Nun, den Verbrechern gegenüber ist das ‚Flammenwort“ gewißlich angebracht. Schon spricht jener weiter:

„Des Himmels Langmut ist vorbei; ihr kommt nicht aus Gottes Hand! Seht zu, ob ihr dem Gericht entrinnen werdet, auch dem weltlichen Gericht, dem ihr ob eures bösen Wesens untersteht!“

Die zwei Argen wissen selber nicht, wie sie aus dem ‚Bannkreis‘ kommen; denn schon bloß die ‚Blicke des Gewaltigen‘ waren Fesseln. „Weiter“, sagt der Junge freundlich und greift nach Tobis Hand, „war diesmal bißchen viel für dich.“ Tobi atmet schwer, das Geschehen hat ihn sehr belastet und noch weiß er menschlich nicht, wie das Ganze einzuordnen ist. Seine Angst, auch vor dem Gefährten, ebbt jedoch allmählich ab, vor allem, weil sie nach etwa einer Stunde das finstere Gehölz verlassen konnten.

Vor ihnen, noch auf der halben Höhe stehend, breitet sich fruchtbares Gelände aus, Felder, Wiesen, reiche Gärten, und längs des Tigris, so weit das Auge reicht, schöne Dörfer und auch eine große Stadt. Aber Rages ist‘s noch nicht. Liebvertrautes Wort: „Brauchst mich jetzt nicht zu fragen, Tobi, kommst schon noch dahinter, warum wir das erlebten.“

„Fragen hätte ich sehr viele“, bekennt Tobi. „Ich brauchte aber ein paar Tage, bis ich dann wüßte — was wie — warum? Und einmal war mir so, als ob die zwei Halunken heimlich folgten. Hinter uns hat das Gesträuch geknackt. Könnte ja ein Wild gewesen sein; doch halten sich in diesem Dickicht höchstens Schlangen auf. Die machen kein Geräusch.“

„Das hängt insgeheim mit dem zusammen, was der Schöpfer einst zur Paradiesesschlange sprach, wenn sie damals — geistig angesehen, ein Symbol gewesen ist. Dennoch eine tiefernste Wirklichkeit! Sieh an, das erste Himmelskind, um das noch alle Engel trauern, hatte sich von unserm Gott, dem Vater, abgewandt, so gewunden, wie es nun das Kriechtier tut. Aber eben, weil das ‚Sich-vom-Vater-wenden‘ böse war und niederträchtig, darum ward in diesen Tieren dieses Böseste vom Bösen inkarniert.

Halt, Tobi, denke nicht erst falsch! Die Tiere selber sind und bleiben unbestraft; es dient allein zur Erleichterung des ganzen Falles, damit das Böseste vom Bösen nicht das Kind und auch kein Abgestürztes auszugleichen haben. Es würde ihnen ohnehin niemals gelingen. So groß, überherrlich wundersam, ist Gott-Vaters Güte und Barmherzigkeit mit dem ganzen Fall! Jede Giftschlange hat in eben ihrem Gift ein zwar winzig kleines Körnchen von der bösen Saat, die das erste Himmelskind in ihren Anhang streute. Das sind Teilchen von dem Gefallenen und den mit Abgerissenen; und das ist der Unterschied von diesen und dem Fallkind selbst.

Es gibt Reptile ohne Gift, die haben mit der Sache nichts zu tun. Daran soll der Mensch erkennen, daß in Unwürdigen auch ein Gutes wohnen kann.“ „In den Bösen sicher nicht“, fällt Tobi ein. „Diese waren finster in sich selbst.“ „Sehr wahr, mein Freund; nur kennst du die Verbindung nicht, die sich daraus ergeben wird.“ „Erkläre mir, was ich nicht weiß. Mich wunderte, weil du die Kerle laufen ließest. An der nächsten Ecke werden sie aus überstandener Angst viel ärger wüten, da es bei dir nicht gelungen war.“

„Das würden sie schon tun, wenn — auf dieses ‚wenn‘ kommt‘s aber an. Man muß ein wenig von den Gottesplänen wissen, soweit dies ein Kindgeschöpf vermag. Nun — ich weiß davon. Und so höre zu. Ehe noch der Himmelsfall geschah, hat der Schöpfer-Gott, der alles weiß und sieht, dem Seine ganze Schöpfung innewohnt, gewußt, jedoch nicht bestimmt, wohlgemerkt!, daß auf der Freiheitsbahn, den Kindern hergeschenkt, auch ein Abweg möglich war. Für diesen hat der Höchste vorgesorgt — durch die Barmherzigkeit!“

„Schwer verständlich“, seufzt Tobi. „Menschen brächten das nie fertig.“ „Fürwahr, hast recht aus besserer Erkenntnis.“ Ist‘s wie eine Trauer, die in des Jünglings Augen glimmt? Dagegen fragt Tobi: „Sollen wir die Schlangen hassen, weil sie giftig sind? Und an was erkennt man sie oder andere?“

„Tiere hassen, tun seelenlose Leute“, wird gelehrt. „Tiere haben zum Unterschied vom Menschen keinerlei Vernunft, jedoch aus ihrer kleinen Seele den tierischen Verstand, den Instinkt. Giftschlangen sind — das ist wirklich schwer verständlich, weil ein urgeheimes Lenken unseres Gottes, dem All-Erbarmer — nicht anders einzustufen als wie dein Hündchen. Hüten freilich soll man sich vor ihnen, weil sie plötzlich töten können. Das wird ihnen nie zur Last gelegt, wie keinem Raubtier, das sich bloß sein Futter holt.

Was Menschen Böses tun, oft giftiger als Schlangen sind, da kommt keiner um die Abrechnung herum — aus Barmherzigkeit, was du auch noch nicht erkennst. Als Knirps hast du manchmal was getan, was des Vaters Strafe nach sich zog. Zuvor war dir bange, wie es werden wird; nach der Strafe fühltest du dich lastenfrei.“ „Was du alles weißt“, staunt Tobi. „Stimmt haargenau.“ „Das will ich meinen. Doch ungleich heiliger wirkt Gottes Abrechnung. Sie heißt ‚Läuterung‘! Die tut weh, wie du mal die Rute fühltest und hast bitterlich geweint. Willst du wissen, was GOTTES Rute ist?“

„Schon“, setzt Tobi zaghaft an, „nur fühlen möchte ich sie nicht; denn da . . .“ „. . . kannst du den Gedanken fallen lassen. Gottes Rute schält die Sünden von der Seele ab, wie man rauhe Schalen von den Früchten schält. Für Gottes Reich rauhe Seelen so genießbar machen, daß sie kein Schandfleck sind, ist Sein höchstes Gnadenziel! Voll verständlich wird‘s den Menschen erst nach ihrem Erdenleben, weil ja jeder irgendwie noch eine rauhe Schale hat, mehr oder weniger, das rechnet unser Gott nicht nach einem Scherflein aus.

Sollst noch wissen, wie man Schlangen unterscheidet. Noch ist das nicht genau bekannt (damals), doch die Giftträger haben meist ein schillerndes Gewand, ihre Haut. Ist ebenfalls ein großes Zeichen. Wehenfreude gaukelt ja den Menschen alles in den schönsten Farben vor, prächtig anzusehen und merkt man nicht — richtiger: man will‘s nicht sehen, was für Gefahren unter solcher Farbenpracht wie eine Schlange listig lauert. Die Weltenfreuden, Tobi, sind tausendmal gefährlicher als tausend Schillerschlangen sind.

Recht hat dein Vater, dich zu mahnen: ‚. . . und hüte dich, daß du in keine Sünde willigst, noch tust wider Gottes Gebot!“ „Genauso hatte er gesagt. Ich will mich immer danach richten, so gut ich es vermag.“ „Es wird dir auch gelingen, Tobi, obgleich kein Erdenleben keines Menschen ohne Fehler ist. Doch was fragt der Herr danach, wenn der Wille in der Vorhut steht?, vor der schwachen Seele, vor der Verlockung aus der Welt?! ER weiß, was für ein Gemächte Seine Menschenkinder sind!

Nun noch das: giftlose Schlangen sehen meistens grau und glanzlos aus, danach kann man sich schon richten. Besser freilich ist, kann man sie nicht unterscheiden, ihnen aus dem Weg zu gehen.“ „Ist‘s nicht besser, sie zu töten?“ „Nicht unbedingt; nur wenn man merkt, ein Giftwurm greift den Menschen an, dann darf man töten und ist gut, nicht bloß für den Menschen, auch für eine solche Otter. Denn auch sie wird durch den Tod erlöst.

Gerade die Erlösung ist das Höchste in den Gnadenwerken Gottes! Der Mensch will es nicht wissen, und später, geht es auf die Letztzeit zu, wird am wenigsten bedacht, daß der Erdentod ‚Befreiung‘ heißt, der beseligte Heimkehr folgen kann, wenn — Wieder kommt‘s auf Wenn und Aber an: wenn man befolgt, wie du von Vater Tobias erhalten hast. Ja, der VATER hat es kundgetan! Darin liegt das offenbar gewordene Geheimnis Gottes!“

„O lieber Wanderfreund“, Tobi, auf einem Grasbüschel neben jenem sitzend, greift nach dessen Hand, große Dankbarkeit schwingt in seiner Stimme, „wie vieles hast du mich gelehrt! Wenn ich das mal alles meinen Eltern bringe — vielleicht werden sie es nicht ganz glauben?“ „Doch, sie werden, und sich freuen. Ein bißchen irdisch“, der Jüngling lacht, „freilich deshalb, daß du wieder heimgekommen bist, zudem wohlbehalten.“

„Das ist Gottes Führung über dich, weiß ich längst, was meine Freude ist. Aber noch geht mir nicht ein, warum den Nattern böseste Potenzen mitgegeben wurden. Kein Tier kann haftbar sein, zu was es lebend wurde. Sind sie, wie du sagtest, ohne Vernunft geschaffen worden, bloß mit dem Instinkt, um sich lebensmäßig zu erhalten, so sind sie ohne jede Schuld. Ich sehe es nicht ein, warum die Ottern schwer belastet werden. Ist das nicht . . .?

Gottes unwürdig, dessen Barmherzigkeit ich rühmte? Also muß ich dir noch Öl auf deine Seelenlampe gießen, damit dein Stübchen helle wird, das des Verstehens. Gehe mir jetzt fleißig nach; nein, äußerlich noch nicht“, als Tobi sich erheben will, meinend, sie stiegen jetzt ins Tigristal hinab. „Dem Geiste nach sollst du mir folgen, weil du nie davon was hörtest und selbst dein Vater nicht genau bewußt geworden ist, ob wohl sein Geist schon tiefer in das ‚Erdenreich Gottes‘ stach. Merke auf:

Als sich das erste Gottgeschöpf erhoben hatte und mit dem sehr verseuchten Anhang fiel — in seine eigene Tiefe, — denn niemand kann anderswo hinfallen als in den Abgrund seiner armen Seele, wenn sie Gottes Licht nicht anerkennen will —‚ standen vor dem Schöpfer all die Treuen, zwei Drittel von der ganzen Kinderschar, und legten ihr Gelübde ab, freiwillig mitzuhelfen, um die Hingestürzten wieder aufzurichten, heimzuholen in des Vaters Haus.

Sie durften! Dies ist auch für uns noch nicht ganz offenbar, ich meine für die Ersten an dem Gnadenstuhl des Herrn, was ER ihnen auf den Opferwegen mitgegeben hatte. Gut, wenn man es nicht völlig weiß, weil dadurch um so mehr die Mitarbeit gesegnet ist. Weiß jemand alles, hier gemeint des Reiches Fürsten, wie hernach könnten sie noch Freude, neue Seligkeit gewinnen? Wie sie ihre Opfergasse gingen, die Getreuen, nahmen sie, richtiger: gab der Schöpfer um der Grunderlösung willen ihnen auch ein Teilchen aus der Kraft des Hingestürzten mit, eingezeugt in den materiellen Seelenteil.

Durch die Mitopfer, die der Höchste allesamt und ausnahmslos in Seinen ungeheuren Opferweg, in Sein Erlösungsziel gebettet hatte, werden von der Kraft der Abgefallenen jeweils ein kleines Teilchen frei, wie ich‘s von den Schlangen sagte. Mit dem Unterschied: die Lichtkindgeister nehmen jene Teile auf, die einst die reine Kraft des Kindes waren, jene, die allein dem hocherhabenen, urgeheimen Schöpfergeist entsprang.

Durch den Fall ward ohne Wissen oder Willen des Gestürzten seine Kraft geteilt. Zwei Drittel gingen auf die Opferkinder über, wie zwei Drittel Kinder treu geblieben sind. Ein Drittel war seine Eigenkraft die er zu seinem Fall benutzte, zur Überheblichkeit, sich von Gott zu lösen. Hier gesagt: darum Erlösung!

Ein weiteres Geheimnis ist zu offenbaren. Aus den zwei Dritteln Kraft, die ein ewiger Gott-Anteil verbleibt, um des Vermächtnisses willen, welches Gott für Seine Kinder schuf, hat das Kind — widerrechtlich — zur Erhebung, zur vollen Loslösung von Gott gebraucht, verschwendet und so in dieser Hinsicht seinen Kindanteil verloren, bis sich des Höchsten noch lange unbekannt bleibende UR-Opfer aus dem Empyreum (Lichtgefilde) auch im Infinitum (Weltall) zeigt. Diese Teile, wie gesagt, werden durch die Opferkinder auf den Heiligen Herd zurückgebracht.

Aus dem Kraftanteil, das sich das Fallkind für den freien Entwicklungsweg bilden durfte, wie jedes Lichtgeborene vermag, erhob es sich nun nicht nur gegen Gott, um neben Ihm zu stehen, nein, in maßloser Überforderung wollte es den Drittel-Kraftanteil verwenden, über Gott zu stehen, rechtete mit dem Schöpfer, wer zuerst gewesen wäre: es, das so liebevoll geborene Kind, oder Gott der Schöpfer der Unendlichkeit in Raum und Zeit.

Dieses Über-Gott-stellen-wollen erforderte, um den ungeheuren Übergriff auch auszugleichen, daß der dritte Kraftanteil in winzig kleinste Teilchen aufzulösen war, damit kein Geringstes einst verloren ging. Sieh, diese Teilchen hat der Schöpfer — wer erfaßt es in voller Tiefe? — als die erwähnten Giftpotenzen in die Schlangenwelt versenkt, eingesenkt, Tobi, wie Er, auch für die höchsten Engel nie ganz faßbar, das Über-Gott-stellen-wollen, in Seine Grunderlösung stellte! Gestellt hat!, als in Ihm Selbst der arme Weg des ersten Kindes schon vorher aufzunehmen war. Und das ist das ‚ das Hoch-Heilige im Vorhinein!

Der Mensch kennt das Geheimnis nicht, noch lange nicht. Erst die letzte Zeit der Welt wird das hocherhabene Gottes-Dunkel erhellen, das ganze Universum. Darum deckt der Himmel lange zu, wenn man die Ottern scheut und — leider ungut tötet. Aber wer ein wenig von der großen Güte Gottes weiß, der kann sich sagen: die Tierwelt hat der Herr geschaffen; daher wird wohl jede Art ein sogenanntes Gottes Lebensrecht besitzen. Ungutes Töten belastet stets den Menschen, der das tut, ganz gleich, auf welche Weise, welches Tier!

Trotzdem ist es besser, dem Giftigen aus dem Weg zu gehen und für sich selbst das Schillernde als Versuchungen betrachten. Nur sei da betont: wie in den Schlangen die Giftanteile sind, so sind im Menschen die Versuchungen ein Eigenfall, selber zu verantworten. Wenn schon, wie du meinst, von anderer Seite, sogar von Freunden, die Versuchung kommen kann, liegt es doch an jedem selbst, einer anderen Stimme nachzugehen oder nicht.“

Lange bleibt es still. Tobi ist aufgewühlt, wie hinweggetragen, weit weg von der Welt. Er braucht wirklich Zeit, um all das Geheimnis aufzunehmen. Daß es nicht gleich und voll geschieht, ist kein Manko seines Geistes. Doch allmählich lichtet sich in ihm das Rätsel aus der Schöpfung von Mensch und Tier. Bloß voll begreifen wird es wohl ein gutes Weilchen dauern, was nichts schadet. Schwere Lichtkost ist stets nur nach und nach aufzunehmen. Gerade dadurch bringt sie immerwährend hohen Segen.

Endlich sagt er schüchtern: „Möchte wissen, wer du wirklich bist! Wer sind es, die dich belehrten?“ „Frag‘ noch nicht darum, Tobi; warte unseres Weges Ende ab. In einem wirst du am weiteren Erlebnis sehen, wie noch viel mehr die unendlich gnadenvolle Führung Gott, der hochgeliebte Vater, eines um das andere enthüllt. Wirst wieder fragen — warum, weshalb; doch leuchtet dir das Licht.“

„Weiter Jüngling, weil du — nein, ich kann nicht richtig sagen, aber das: du kannst mein Inneres besser sehen als ich selber mich erkennen kann. Hilf mir, tiefer in alles einzudringen, bevor ein Neues kommen soll. Es wird — hm, es wird mir fast zuviel.“ „Keine Sorge, du wirst nicht überbürdet, das tut der Vater-Gott bei keinem Kind, es sei klein oder groß, es stehe Ihm nahe oder fern. Das Angehängte wird dir weiteres Erkenntnislicht bescheren, weil du in der Sache mit den Räubern auch noch nicht ganz helle bist, als ich sie sozusagen ‚laufen‘ ließ.“

„Es ist mir noch ein Anstoßstein; doch fängt ein kleines Fünkchen an zu brennen: Was GOTT tut, das ist wohlgetan —‚ ob zu verstehen oder nicht. Sein weisheitsvoller Wille führt alles wundersam hinaus.“ „Gut erkannt, Tobi, wird das ‚nächste Übel‘, wie du es erst betrachten wirst, dein Fünkchen bald zu einer Leuchte machen. Wir bleiben eine Weile hier am Ort; Rages erreichen wir zur rechten Zeit, wenn wir beide helfen sollen, wie der HERR es vorgesehen hat.“

Ein verstohlener Atemzug: wann komme ich nach Hause? Tobi schaut verwundert auf, als der Jüngling lacht. „Warum lachst du denn? Etwa über mich?“ „Nein, bloß über deinen stillen Seufzer. Solltest es doch endlich wissen, zumal du selbst von Gottes weisheitsvoller Führung sprachst, daß dein Weg unter Seiner Segenshand verläuft. Damit ich dich noch weiterhin beschäftige und die letzten Zweifel auszuräumen sind, höre wieder zu.

Du hast überlegt, wenn im Getier der Schlangen die finsteren Potenzen wären und es gewiß wer weiß wie viele Nattern gäbe, dann dürfte wohl schon längst von der argen Kraft des Abfallkindes nichts mehr verblieben sein. Wenn dazu die reine Kraft, der größere Teil, die Lichtkindgeister auf sich nehmen, das Finstere die Ottern auszutragen hätten, dann bliebe für das Kind doch gar nichts übrig, es wäre bar jeder Kraft. Wie kann es existieren? Dein Gedankengang ist absolut sehr gut. Merke auf:

Unterschiedlich sind die Kräfte, die Gott, der Schöpfer, für das Lebens-Soll und für die Gesamtentwicklung dem Mitternachtsquell entnahm und allen Kindern einverleibte von jener Kraft, die pur existenz- mäßig jedes Kind hat und haben muß. Letztere verblieb voll dem Abfallkind, weil es ohne diese gar nicht lebensfähig wäre. Noch dazu: Sogar mit Recht ließe sich dann sagen: Ich, das Kind, kann nichts dafür, wenn ich so oder anders lebe. Du, Gott, hast mich zu einem leeren Krug gemacht!

Schon wegen einer Abrechnung wäre untragbar, wenn ein Kind ganz ohne Kräfte leben müßte. Nein, jenes Erstlingskind aus dem Lichte, Sadhana genannt, behielt die — nennen wir es — körperliche Kraft, die auch in ihrer Seele mit verblieb. Doch die eigentliche Lichtschaffens kraft, die der heilige Schöpfer Seinem ganzen Kindervolk vermachte, diese mußte abgesondert werden, damit sie nicht verloren ging, nicht vergeudet ward. Darum eben geschah die Teilung in zwei Drittel und dem einen.

Noch liegt dir im Sinn: Abgesehen von der Teilung, müßte alles längstens ausgeglichen sein. Wäre auch die Kraft sehr groß gewesen, gäbe es ein unzählbares Kindervolk, stimmt, Tobi, dann — ja dann! Es mag noch nicht ganz in dich gehen vom Geheimnis, daß des Reiches Erste deutlich sehen, wird es trotzdem, so von deiner Zeit aus abgerechnet, ein paar Tausende von Weltenjahren dauern, bis die letzten Schlacken abzubrennen sind.

GOTTES Opfer wird die Hauptschlacke lösen (durch Golgatha); doch kommt erst der letzte tiefe Schlamm noch an die Reihe. Wegen der Potenzen: Das Erstlingskind hatte ja ein ganzes Drittel überkommen, was sich auf die Kinderschar bezieht; und das auszurechnen, Tobi, brauchst du gar nicht anzufangen und niemand auf der Welt! Das läßt sich auch im Licht trotz hoher Stellung von den treuen Ersten nur gedanklich, empfindungsmäßig erfassen.

Darum wird es lange währen, bis die letzte Kraftpotenz, das letzte Mitgefallene erlöst sein wird.“ Er nimmt einen faustgroßen Stein. „Zerschlage ihn, bis bloß Staubkörnchen übrig bleiben, und dann versuche, den Staub zu zählen, von dem du mit dem bloßen Auge kaum ein jedes Einzelkörnchen sehen kannst.

Nimm nun den Sand der ganzen Welt, nicht bloß der auf der Oberfläche liegt, sondern der bis in die Tiefe reicht, was auch ein Sinnbild ist vom tiefstgefallenen Kind, alsdann wirst du ungefähr verstehen, wie groß die Gabe war, die der Schöpfer-Gott dem ersten Kind verlieh! Von all dem Niederen in der Gesamtmaterie nicht zu reden! Eines aber werde dir bewußt:

Wie unendlich dir die Zahl erscheinen mag, schöpfungsmäßig mal und noch viel mehr ist UR-Gottes Güte und Barmherzigkeit! Zuletzt wird Er aus Seiner eigenen Opferkraft, die nie zu sehen, zu errechnen ist, den ganzen Saum des Falles in den Urborn senken; und den sieht auch kein Kind, geschweige denn, ihn zu ermessen!

Das wiederum geschieht im Lichtstrahl Seiner Liebe, dem Dominant des sechsten Schöpfungstages, in dem der Fall geschah, in welchem darum die Materie wurde und wird das heiligste Geheimnisvolle dann zum siebenten Tag und seiner Krönung aufbewahrt. Werden wir, Sein Kindervolk, davon den ‚Saum Seiner Gnade sehen‘, dann, Tobi, ist die Seligkeit nicht auszudenken, nicht bis ins letzte zu erfühlen; und es wird kein Kind mehr sein, daß dann nicht andachtsvoll vor Gottes hohem Allmachtsstuhl verharrt.“

Der Jüngling blickt liebevoll auf Tobis tief gesenktes Haupt. „Heute hast du viel erfahren, wie bisher kaum jemandem geschah, abgesehen die Propheten, die in ihrem Geist das Wunder aller Wunder auch erkannten. Nun gehen wir ins Tigristal hinab. Wende dich nicht um, wenn uns Schritte folgen. Es wird sich ja erweisen, wird eine neue Lehre für dich sein, der jetzigen angehängt, wie so väterlich der Schöpfer-Gott, unser Vater, an uns Kindern handelt.“

Still folgt Tobi seinem Wanderfreund, neben sich sein Hündchen.

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