Joh. Kap. 11 – Ernst
ERNST
‚Der Herr ist nahe allen, die Ihn mit Ernst anrufen.‘
Ps.145,18
Wer Jesu Opferleben mit Ernst erforscht, kommt unweigerlich zu der Erkenntnis, daß es sich um einen vollen Einsatz Seiner ganzen Hoheit handelt, zumal die Reihenfolge, mit der Sich UR als Heiland offenbart: die Eigenschaften, die Er ‚geeint‘ in Seiner Rechten hält (OJ.2,1), Seine Geister, Sterne oder Fackeln.
Die Auferweckung des Lazarus. Martha zeugt von einem hohen Ernst; denn sie handelt gegen jedes weltliche Gesetz. Ist es unverständlich, weil der Herr, der Lazarus und dessen Schwester liebt (V.5), nicht nach Bethanien eilt, um dem kranken Freund zu helfen (V.6)? Wer die Geschichte kennt, greift leicht voraus (V.40), das gerade so die Offenbarung Seiner Herrlichkeit geschehen soll.
Er bespricht Sich mit den Jüngern. Sie warnen ihn, nicht nach Judäa aufzubrechen (V.8), diesmal würde man ihn fangen. Was wisset ihr von Meinem Weg? ‚Hat nicht der Tag zwölf Stunden? Wer des Tages wandelt, stößt sich nicht; denn er sieht das Licht der Welt‘ (V.9). ER, Selbst das Licht, ist in diesem Sinne auch der Tag, die Tat! Wer ‚Mein‘ Licht nicht hat, der wandelt in der Nacht der Welt und wird sich an und in ihr stoßen. Diese Einleitung steht wahrlich auf dem Boden hehren Ernstes. Das LICHT fordert die Entscheidung und — nimmt sie selber an.
‚Lazarus, unser Freund, schläft; aber Ich gehe hin, daß Ich ihn aufwecke‘ (V.11). Wie wenig noch Seine Jünger in den Ernst der Meister-Lehre eingedrungen sind, bezeugt die Antwort, einem Kranken, wenn er schläft, ginge es bald besser. Um sie nicht unnötig zu belasten, enthüllt der Herr, daß Lazarus gestorben sei (V.14).
Und wer versteht das Weitere: ‚Ich bin froh um euretwillen, daß Ich nicht dagewesen bin, auf daß ihr glaubet‘ (V.15). Viele Wunder haben sie erlebt, und doch fehlt ihrem Glauben volle Stärke. Dabei schiebt sich etwas ein, was oft unbeachtet bleibt. Die Jünger grämen sich um ihren Herrn. Judäa ist ein heißes Pflaster — auch für sie. Oftmals wurden sie schon angepöbelt und belästigt, weil sie Jesu Jünger sind, Fängt man ihren Herrn, wird man mit ihnen nicht viel Federlesens machen.
Doch kein starker Petrus, kein lieblicher Johannes — ein ernster Kämpfer, Thomas, den man den Zweifler nennt, er sagt: ‚Laßt uns mit Ihm ziehen, daß wir mit Ihm sterben (V.16). Die Jünger hatten es erwogen, man wollte nach Judäa nicht mit folgen. Thomas hat die Wankelmütigen beschämt.
Sie sind nahe bei Bethanien angelangt. Das Trauerhaus ist voller Leute. Eigenartig: Nicht die belobte Maria (Luk.10,42) MARTHA geht dem Herrn entgegen, Maria aber bleibt im Haus zurück. Mit Martha wird im Ernst verhandelt. Welchen festen Glauben bringt sie auf! (Martha und Maria, in ‚Zehn kleine Bausteine‘) O zuerst: ‚Wenn DU hier gewesen wärest, mein Bruder wäre nicht gestorben.‘ Doch gleich das große Zeugnis:
‚Aber ich weiß auch noch, daß, was DU bittest von Gott, das wird Dir Gott geben‘ (V.21,22). Ein geheimes Hoffen schwingt in Marthas Seele. Daß sie auf das Wort: ‚Dein Bruder soll auferstehen‘, vom Jüngsten Tage spricht, ist ganz verständlich. Der Bruder ist vier Tage tot; im heißen Land ist da ein Leichnam schon verwest. Doch was ist dem Schöpfer eine Erdenzeit — ?
‚ICH bin die Auferstehung und das Leben. Wer an Mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe — der wird nimmermehr sterben.‘ Dazu die Frage: ‚Glaubst du das‘ (V.25,26)? Und nun das eminente Zeugnis einer Frau: ‚Herr, ja, ich glaube!‘ Sie holt Maria her. Schade, sie bleibt nicht beim Meister, sie geht ins Haus zurück. Martha bleibt! Manche tuscheln, Er hätte Blinde, Lahme und andere geheilt, warum hat Er dem Bethanier nicht geholfen (V.28-37)? Da ergrimmt der Herr in Sich. Sein heilsgewohnter Ernst tritt offen auf den Plan. Ehern steht Er da; wie selten wohl erlebt, schaut Er über alle hin, und Schöpfermacht strömt von Ihm aus.
‚Hebt den Stein ab!‘ (V.39). Da überkommt die Menge das Entsetzen. Man weicht zurück, aber nur so weit, daß man alles sehen und noch hören kann. Daß sich Martha auch entsetzt, ist begreiflich; sie verfiele dem Gericht, und dann wehe ihr! ‚Er stinkt schon‘, wagt sie zu sagen. Jesu linde Rechte legt sich tröstend auf ihr Haupt:
‚Habe Ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest, du solltest die Herrlichkeit Gottes sehen‘ (V.39,40)? Da glaubt ihr Geist, da jubelt ihre Seele, und sie befiehlt, den Stein vom Grab zu wälzen. Atemlose Stille. Die Angst vergessend, krank zu werden, kommen alle näher, sie sehn und hören, wie der Herr die Augen hebt — in Seine eigene Schöpferhöhe, der Menschen wegen aber sagt:
‚Vater, Ich danke Dir, daß Du Mich erhört hast!‘ Für das Volk, das ‚umherstand, sage Ich, daß sie glauben, Du habest Mich gesandt.‘ Dann mit lauter Stimme, daß die Späher Seine Worte hören: ‚Lazarus, komm heraus!‘ (V.41-43). Man faßt sich an den Händen, man lehnt sich aneinander an, vor Schreck. Von des Grabes Tüchern noch umwunden, tritt wie ein Geist der Tote aus der Gruft.
Marthas Augen hängen am Gesicht des Herrn. Als die Linnen fallen, steht Lazarus wie vor der Krankheit da; er kniet nieder, Martha und viele andere, die wenigstens des Wunders wegen glauben. Ja — in dem Begebnis schwingt ein unerhörter Ernst. Es ging sozusagen hart auf hart: Hie die Macht und dort der Glaube! Martha glaubte ernstlich; sie hätte es sonst nie gewagt, im Beisein vieler Tempelspitzel ihres Bruders Grab zu öffnen.
Haarscharf ging es an der Gefahr vorbei; doch sie glaubte allen Ernstes; da offenbarte sich die Gottes-Herrlichkeit. Wie groß die Gefahr für sie, für den Herrn, für ganz Bethanien gewesen ist, geht aus Folgendem hervor: Etliche der Späher eilen hin zum Hohen Rat, die andern bleiben, um zu sehen, was weiterhin geschieht.
Ein Entsetzen und ein Rätselraten. ‚Was ist zu tun? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir Ihn also, so werden sie alle an Ihn glauben; so kommen dann die Römer und nehmen uns Land und Leute‘ (V.47,48). Unberechtigt ist die Sorge nicht. Hohe Römer glauben an den Herrn; und ginge es nach ihnen, so hätten sie Ihn längst nach Rom als ‚einzig-wahren Gott‘ gebracht.
Doch die Reife fehlt und — das ‚Heilige Vollbracht‘! Deshalb ist es möglich, daß Kaiphas, ein hochmütiger, arroganter Mann, jetzt sagen darf: ‚Es ist uns besser, ein Mensch sterbe für das Volk, denn daß das ganze Volk verderbe‘ (V.50). Er denkt gewiß ans Volk; aber wenn die Leute alle und die Römer durch das Wunder von Bethanien an den Heiland glauben, dann sind sie, die Templer, überflüssig; dann sind sie nicht mehr die Gefürchteten und die Geachteten, dann gehen Würde, Amt und Geld verloren.
Nichts weiß er vom hohen Opferwege Gottes. Denn sonst — ein wenig angerührt, und auch ein Kaiphas samt Hohem Rate hätten sich nicht eingeschlossen, erwogen und gestritten, wie man ‚Seiner‘ habhaft werden könnte, ohne das Volk aufzuwiegeln, vor allem, ohne daß die Römer gegen sie zu Felde zögen. Die meisten Templer sind sehr unbeliebt, sie machen der Besatzung viel zu schaffen.
‚Jesus aber wandelte nicht mehr frei unter den Juden, sondern ging von dannen in eine Gegend nahe bei der Wüste, in eine Stadt, genannt Ephrem, und hatte Sein Wesen daselbst mit Seinen Jüngern‘ (V.54). Ach — noch ist die Umkehrzeit nicht abgeschlossen, noch steht der Opfer-Ernst bereit — für alle! Unbewußt erkennt der Templer, daß
EINER besser für alle stürbe, als alle für einen!
Im Hohen Rat herrscht also auch ein Ernst, zwar jener arge, mit allen Mitteln Jesu von Nazareth zu töten. Hehrer Ernst und krasser Egoismus stehn sich gegenüber. Man fragt, bespitzelt und schlägt vor, das Fest der süßen Brote abzuwarten: Ostern! Er wird sicher wieder in den Tempel kommen; und dann soll Er ihnen in die Netze laufen, in das ‚Welt-Gebot, so jemand wüßte, wo Er wäre, daß er‘s anzeige, daß sie ihn griffen‘ (V.56,57).
Wie armselig all ihr Denken und ihr Wollen ist, kommt ihnen gar nicht in den Sinn. Immer haben sie Ihn fangen wollen, hier, mitten unterm Volk, oder wenn Er Sich mit Wenigen an einem Ort verborgen hält. Die Späher wissen immer, wo Er ist, wer bei Ihm weilt. Doch niemals konnten sie die Hände an Ihn legen.
Wer mit echtem Ernst dem Heiland folgt und wie Martha glaubt, wer sich allen Ernstes immer wieder auf den Weg begibt, sein eigenes armes Grab zu öffnen, der wird aus URs hehrem Ernst die offenbarte Herrlichkeit erleben.
NEUOFFENBARUNG