Kapitel 13
Jener Tag ist angebrochen, der Auftakt zu dem ungeheuren Lichtgeschehen, der das Letzte bringt: die Vollerlösung. Die Zeloten haben sich weit unterm Volk verteilt, jedoch so, daß sie gegenseitig die Verbindung haben. Weiß der Herr, was sich begeben wird?, mit Ihm, mit dem Volk?, mit Seiner Tat?! Töricht gefragt. Er hat die schlimmen dunklen Fäden in der linken Hand, wo Sein Herz voll Güte und Erbarmung schlägt; Seinen Willen und das Gute von den Menschen hält Er in der rechten Hand, ungesehen, zu Seinem hohen Recht!
Darf es noch verwundern, weil Er zwei Jünger sendet, ein Füllen Ihm zu holen (Luk. 19, 30) und betont es noch „. . . auf dem nie zuvor ein Mensch gesessen hat.“ Auch ein Zeichen, wer es achten will. So naht der große Zug zur hochgebauten Stadt, von Abraham aus einem kleinen Ort errichtet. Die Jünger scharen sich um ihren Herrn, zumal Thomas, der vorher sagte: ‚Laßt uns mit Ihm ziehen, daß wir mit Ihm sterben‘ (Joh. 11, 16). Judas bleibt nicht weit zurück; er sah die Freunde — sind es welche?, überall verstreut. Der Rädelsführer Maradju, der Oberste der Zeloten, drückt sich näher vor.
Wie von ungefähr, bei dem Gedränge unauffällig, stößt er Judas an und zischt: „Ein Esel? Für unsern König? Was soll das werden?“ Auch Judas ist davon nicht sehr erbaut. Ein stolzes Roß, wie die hohen Römer reiten — das wäre richtiger gewesen. Um sein Prestige zu wahren, flüstert er: „Warte ab; gerade das ist für das Volk das Beste. Damit ist Er ihm doch nahe, ihresgleichen, wie unsere Leute auch bloß Esel haben und keine Rösser, wie die Feinde.“
„So gesehen mag es gelten. Aber schaue Ihn dir an! Sein Gesicht sieht aus, als ginge es zur Hinrichtung.“ Wie wahr hat der Zelot, — „nur nicht wie einer, dem bald die Krone winkt. Wir haben sie schon schmieden lassen, werden sehen, ob sie Ihm gut paßt.“ Judas ist jetzt alles andere als überzeugt, daß der Plan gelingt. Gewiß, laut wird gejubelt und gerufen: ‚Hosianna!‘ Gelobt sei, der da kommt, im Namen des Herrn, der König von Israel!“ (Joh. 12, 13)
Manche breiten vor des Esels Hufen ihre Kleider aus, viele werfen Palmenzweige nieder; wer es schafft, greift nach des Kleides Saum, der bis zu Jesu Füßen reicht, oder fassen auch das Füllen an. Des Jubels hat kein Ende. Und dann — —
Niemand weiß hernach, niemand hat die Wirklichkeit gesehen, wie das Ende von dem Einzug in Jerusalem geschah. Was alles überstürzte sich. Die große Menschenmenge hin- und hergerissen, tausende von Stimmen und noch mehr, und über alledem das wachsame Auge Roms, der Besatzung. Doch so scharf die Ronden spähen — das Tun der Zeloten blieb ihnen unbekannt — an diesem Tag.
Es ist schon dunkler Abend. Das letzte Wort des Maradju, wütend vorgestoßen, gellt Judas in den Ohren. „Du hast uns irr geführt, du hast beteuert, euer Meister ließe sich zum König wählen. Haha, und dann auf einem Esel! Wo ist Er denn? Wo bleibt der Jubel? Was tun die Römer? Die sitzen nach wie vor auf unserm Hals! Wir hätten was ganz anderes getan, wärest du uns nicht verquer gekommen! Jetzt sieh zu, daß du nicht in unsere Hände fällst; denn so lassen sich Zeloten nicht mit sich spielen.“ Nur mühsam kann Judas unterbrechen:
„Es war alles richtig vorbedacht und eingeplant. Des Meisters Tun — du weißt, Maradju, daß Er wirklich übermenschlich ist. Weshalb Er jäh gegangen ist — das konnte vorher niemand wissen. Merke jetzt mal auf: ich finde Ihn und werde es erzwingen, daß Er unser König wird.“ „Und wie?“ höhnt der Zelot. „Das möchte ich gern wissen.“ „Komme mit“, sucht Judas den Erzürnten zu beruhigen, „es fiel mir eben ein, was uns nunmehr dennoch möglich ist zu tun. Dann — o ja, dann haben wir den König! Unseren!“
Maradju schüttelt seinen Kopf; er ist skeptischer geworden, als er es schon war; leicht läßt er den Gedankengang sich nicht vertreiben: es ist umsonst. Sie kommen an der nächsten Mauerecke in einen dunklen Bogen, halb verfallen, rundum unbewohnt. Kein guter Ort, wo gerade solche öde Ecken von den Ronden aufgestöbert werden. Bloß in solchen Winkeln können sie, die Römer, die Rebellen finden. Nun flüstert Judas: „Du wirst bald erkennen, daß nur so, wie ich‘s für uns vorgesehen habe, uns das Ziel erreichen läßt.
Du weißt, wie scharf ein Kaiphas nach unserem Meister fahndet. Ich gehe jetzt zu ihm und werde — werde Ihn verraten. Zum Schein — !“ Judas faßt den Zeloten an, der heftig wehrte. Er ist keiner, sich auf Verräter stützend. Verrat in welcher Art auch immer, ist ihm grundsätzlich verhaßt. Daß er selber, ohne bösen Willen, gar manches tut, was jenseits einem Guten ist, weiß er nicht. So viel aber hat er mitbekommen: der Wundermann ist ein Menschenfreund; und Ihn verraten, hieße, sich in eine Hölle stürzen.
„Nein“, wehrt Judas nochmal ab, weil er — jetzt noch nicht — den Herrn in arge Fänge treiben will, „ich weiß: ein schweres Spiel, da ich weiß, wohin Er geht. Dorthin führe ich die Tempelwächter, wenn nötig mit den Römern. Glaube mir, steht ein Mensch vor der Entscheidung: entweder Tod oder hoch oben auf einen Thron gesetzt, da möchte ich den sehen, der sich den Tod erwählt!“ „Hm, na ja, das klingt annehmbar. Und weiter?“
„Ich werde tun, als ob ich Ihn tatsächlich in des Hohepriesters Hände bringen will; und damit er‘s glaubt, verlang‘ ich obendrein dreißig Silberlinge. Die bekomme ich!“ „Daran ist kein Zweifel“, so höhnt Maradju. Er hat auch bemerkt, daß dieser Jünger Geld und Ehre liebt. Ja, so hatte Judas es sich ausgedacht: Der Meister muß der König sein, die Brüder auch ein Amt; aber er nicht nur neben Ihm, sondern er will der „Ratgeber“ sein. Armes Herz, du hast so viel in dieser Gnadenzeit erlebt, gesehen und gehört, und hast es nicht gelernt, wer der Nazarener ist?
„Steht dann der Herr vor einer starken Rotte, mit Schwert, mit Spieß, greifen sie nach Seinen Händen, die“ — Plötzlich sieht es Judas, was alles diese Hände taten, so viel an Liebewerk, immerzu voll Segen ausgebreitet, wie oft auch ihn, Judas liebemahnend angesehen. Er schüttelt‘s ab und spricht weiter: „. . . mehr als alle Menschen können. Dann fällt jede Waffe auf den Boden, und vielleicht fallen auch die Häscher um.
Seht zu, daß ihr nah zugegen seid. Das ist der Augenblick, wo wir Ihn zum König machen. Die Häscher reißen aus, wird ihnen alle Kraft genommen.“ „Bin nicht völlig überzeugt. Ein Kaiphas sieht ja durch neun geschlossene Türen. Der merkt, was du im Schilde führst.“ „Der Hohe, der seit Jahr und Tag darauf versessen ist, einen Unschuldigen zu fangen — der ist ja verbohrt von seinem Plan —‚ der merkt mein Vorhaben nicht.“
„Möglich. Wollen wir‘s versuchen. Geht das fehl, Judas, so bist du unser Mann! Wirst wissen, was ich damit meine!“ Und ob das Judas weiß. Er kennt jetzt die Zeloten; wenn nötig schrecken sie vor nichts zurück. Das Unbehagen schüttelt Judas aber ab, wie schon so vieles, vor allem immer jenen Blick der sanftdunklen Augen, ob er vor dem Meister steht oder nicht. Die Augen lassen ihn nicht los. Es muß geschehen, knirscht er mit den Zähnen. Ohne Maradju die Hand zu geben, eilt er fort. In die Dunkelheit hinein.
Der Zelot sieht ihm eine Weile nach, bis ihn der fahle Mond, der aufgekommen ist, noch einmal zeigt. Dann ist es dunkel um ihn her. Er geht nach Hause, weit ist es nicht. Sein Weib weiß nicht, was er treibt, hat nie gewagt zu fragen, wenn er wie oft die ganze Nacht dem Hause ferne blieb. Sie macht sich viele Sorgen. Denn das weiß Maradju wieder nicht: sie ist eine gläubige Anhängerin des Herrn.
Als er kommt, müde und verdrossen, geht sie nicht nahe zu ihm hin. Er ist in letzter Zeit meist barsch, meint es aber gar nicht arg. Er kann es ihr nur nicht erklären, Last und Sorge drücken ihn. Der Plan, der Wunsch, die Feinde, die auch er verächtlich „Heiden“ nennt und hat nie verstanden, wieso der Nazarener sich mit diesen abgegeben hat. Sie müssen fort, um Juda groß zu machen, wenn nicht anders, dann auch ohne König.
Er hat auch insgeheim Angst, die Römer hätten ihn erkannt samt seiner Gruppe, wenngleich sie bisher niemals etwas fanden, um ihn zu kassieren. Doch wie lang? Spitzt sich jetzt nicht all zu vieles zu? Hängt‘s mit dem Wundermann zusammen? Hat der Seine Hand im Spiel? Warum — ? Fragen über Fragen, die keine Antwort finden.
„Gib mir zu essen“, sagt er mürrisch, ohne seinem Weib eine Freundlichkeit zu gönnen. Daran ist sie längst gewöhnt und eilt, aufzutragen. Wortlos setzt sie sich mit an den Tisch, um ihn zu bedienen. „Laß das“, murrt er wieder, „kann alleine essen.“ „Oh, du hast Sorgen“, spricht sie leise. „Gern würde ich dir tragen helfen, doch du hast dich schon seit langeher verschlossen.
Früher haben wir uns stets beredet, wenn etwas war. Jetzt —“ Eine Träne fällt aus ihren schönen Augen. Wütend steht Maradju auf, weil er nicht zugeben will, wie recht sie hat. Aber was — Weiber haben keine Ahnung, um was es geht: um das Volk, um den Glauben ihrer alten Väter, um — Weh, um was denn noch — —
„Sag‘ mal“, fragt er jäh, „hast du schon vom Wundermann gehört? Er soll viele Dinge tun.“ Wie eigenartig, die Frau spürt die Falle, in die sie hineingetrieben werden soll. Maradju weiß es ja, wieviel Volks, nicht zuletzt Frauen, reiche, arme, kluge oder dumme Jenem folgen. Am meisten ärgert ihn, weil auch hohe Römer, hm diesem — diesem — Ach was! Er sieht sein Weib prüfend an. Sie sagt bescheiden: „Man hat viel gehört. Und wenn man kaufen geht, wird allerhand von Ihm gesprochen. Man nennt Ihn weise, hilfsbereit, und Er hätte schon viele Kranke geheilt.“
„So? Hab‘ selber mancherlei gehört, man munkelt, Er will Juda‘s König werden.“ „König? Jetzt, wo wir Rom im Lande haben? Die lassen das nicht zu, denke ich; und des Herodes Haus gleichfalls nicht, es sei denn —“ Maradju ist erstaunt, daß überhaupt Weiber das bedenken, ist ihm ganz neu, weil er niemals danach fragte, ob Frauen denken können. Ah, das hat sie bloß wo aufgeschnappt. Nur froh ist er, daß sie den Nazarener gar nicht kennt. Und wie er sich da irrt! Das wird er später mal erfahren, als man ihn zu fangen sucht, nach dem Heiligen Geschehen auf Kalvarien.
„Brauchst heute nicht auf mich zu warten.“ Ohne Ruhe, er hat die ganze Nacht, wie öfter, nicht geschlafen, verläßt er hinterwärts das Haus. Vom Nebengäßchen aus kann er ungesehen untertauchen. Das Passahfest mit allen Wirren eignet sich dazu. Er sucht seine Leute auf und gebietet ihnen größte Vorsicht an. Der Tag ist vorgesehen, wo sie sich nahe treffen wollen an jenem Garten, später „Getsemane“ genannt, beim Bach Kidron. Was? Wer spricht mit ihm?
Maradju dreht sich um sich selbst. Jemand hat zu ihm gesagt: ‚Ihr denkt, es wäre euer Tag; allein: es ist des HERRN Tag, den Er Sich ausersehen hat, ehe je ein Schöpfungswerk entstanden war!‘ Maradju schiebt den dicken Busch zur Seite, hinter dem er steht. Von hier aus kann er es überblicken, wer kam, ob einer oder viele. Niemand ist in seiner Nähe; von seinen Leuten ist noch keiner da. Wer hat also jetzt geredet? Wegwischen?, er kann es nicht, zu deutlich war die Stimme. Ach was, er ist bloß erregt; es steht ja alles auf dem letzten Punkt. Halluzination, und weiter nichts.
Und doch ist ihm, als griffe eine Hand nach ihm, ganz zart. Das hat er noch nie gespürt. Wieder unterdrückt er es, weil er nicht weiß, wer ihm den Weg verwehren will — zu seinem Heil. Hat er sich was in den Kopf gesetzt, alsdann hält ihn nichts und niemand auf, auch — nicht — — — GOTT!
O du Törichter! Weißt du nicht, daß man Gottes Tun nicht hindern kann?, daß ER wirkt, wie Ihm es wohlgefällt? Läßt Er einen Menschen in die selbst geschaffene Grube fallen, so ist das erst recht „Sein Heilsverfahren“. Nicht selten bittervoll, aber segensreich. Unverstanden, gejammert und getobt, obendrein gefragt, warum Gott ihn in solches Unglück kommen ließ. Einmal bricht jedoch die Zeit herein, wo sich die Türe des Erkennens öffnet, wo es Licht wird in jeder armen Seele. Ob es bei Maradju auch einmal geschieht. — —
NEUOFFENBARUNG