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Kap 3 – Lot scheidet sich von Abram

Kapitel 3

Lot scheidet sich von Abram

„Lot, mein Brudersohn, es ginge mir nahe, wenn wir der Knechte wegen friedlos scheiden.“ Abram geht in seinem prunkvollen Gemach auf und ab. Das Haus ist aus schlanken Edelholzstämmen und geflochtenen mit Mörtel beworfenen Zweigen kunstvoll und sehr weitläufig gebaut. Die freien Fenster sind mit rotem Wein umsponnen, wie auch das ganze Haus mit schönen Pflanzen umwachsen ist. An den Innenwänden hängen kostbare Teppiche und Felle. Im Hintergrund auf einer großen Estrade, gegenüber dem Eingang, sitzt Sarai mit mehreren Hausmägden. Obwohl die meisten chaldäischer Herkunft, hat Sarai doch Hagar, Pharaos letztes Geschenk an sie, über alle Frauen gesetzt. Bisher brauchte sie es nicht zu bereuen. Die Ägypterin ist klug, willig und kehrt nicht die Oberste unter den Dienenden heraus.

Die Mägde spinnen, während Sarai ein neues Teppichmuster aufzieht und es Hagar lehrt. Doch jetzt, wo Abram mit Lot ein ernstes Wort zu reden hat, hört sie auf, damit das laute Geklapper nicht stören soll. Auch will sie hören, was es gibt. Hagar nimmt eine Spindel zur Hand, um die Mägde am unnützen Lauschen zu hindern. Sarai setzt sich an den breiten niederen Tisch, auf dem Brot, Wein, Lammfleisch und Früchte stehen. „Was ist?“ fragt sie. „Vom friedlosen Auseinandergehen kann keine Rede sein. Was würde der Herr dazu sagen?“ „Das ist es ja“, antwortet Abram, „was auf mir lastet. Ungern lasse ich Lot von mir ziehen. Doch heute zeigte sich‘s, daß es nicht zu umgehen ist. Schon kämpfen die Verwalter mit, statt die böse Flut zu dämmen. Zwar sucht jeder für seinen Herrn das Beste zu tun; doch es wird nichts gut, was im Streit geschieht.“

Abram faßt herzlich nach Lots Hand. „Laß unsere Rede unter Gottes Auge sein. Obwohl das Land fruchtbar ist und wir eine um die andere Brache einbeziehen, so reicht es wahrlich nicht mehr aus für beide Herden. Ich hatte Kundschafter ausgesandt, die brachten Kunde, daß südwärts, längs des Jordans bis zum Süßmeer und herum, fruchtbares Gelände sei. Nun Lot, willst du hier bleiben, so ziehe ich dahin und der Bach Hazor, der Jordan und Kidron bleibe die Grenze hier für dich. Willst aber du ziehen, so bleibe die Grenze für mich und du kannst dich ausbreiten, soweit deine Knechte greifen.“

Lot stützt sinnend das Haupt auf. Der Plan gefällt ihm. Hat Abram eine Grenze gezogen zwischen Hazor, Jordan und Kidron, nun wäre es nicht besser, wenn er, Lot, nach dem größeren Land greift? Nur eines bedenkt er: Es sollen in jener Gegend Riesen wohnen, denen seine Knechte nicht gewachsen sein möchten. Da sagt er:

„Abram, du bist der Fürst! Würdest du ausziehn, soll die Hälfte meiner Knechte mit dir gehen, bis daß das Land dir unterworfen sei. Zöge aber ich, gibst du mir auch von deinen Knechten, damit kein Ungemach mich trifft und ich bei meiner Habe bleibe?“ Abram sieht Lot an, der mit der Rechten seine Stirne deckt. Schon will er etwas sagen, hält aber inne. Hat Gott ihn nicht überreich gesegnet, bis auf einen Erben, der ihm fehlt? — Daß Lot um Gewinnes willen zieht, ist ihm sofort klar. Verstohlen seufzt er auf.

„Lot, gib mir deine Hand und laß mich deine Augen sehen. Denn mir verbirgst du nicht den Schatten deiner Seele, weil Gottes Licht in meinem Geiste steht. Ungut wäre, bedeutete die Trennung dir ein lockend Ziel statt die Gebotserfüllung, die uns Frieden sichert. Was aber deinen Wunsch betrifft, so hätte es des Wortes nicht bedurft, daß ich dir das Land gewinnen helfe. Laß uns Gott um unsere Losung fragen und wer von uns zu ziehen hat.“ Lot befreit hastig seine Hand, erhebt sich und sagt rasch, halb abgewendet:

„Des Fragens bei dem Herrn bedarf es kaum; du nennst die Trennung nötig. Es ist aber besser, wenn der Fürst ansässig bleibt, während ich, der Jüngere, leichter mir ein Neues baue.“ Lot bleibt im Mauerschatten stehn; die Sonne ging gerade unter.

Sarai nimmt Abrams bekümmerte Miene wahr und sieht höchst verwundert auf Lot. Sie will sprechen, wird jedoch an ihrem Vorhaben gehindert. Ein Hausknecht meldet Hirten und Verwalter. Lot wendet sich ärgerlich um. „Sie sollen warten, wir haben Wichtiges zu bedenken.“ Abram hält den Melder rasch zurück.

„Nein!“ Lot spürt den harten Klang, der ihm gilt. „Es tut nicht gut, Knecht und Magd warten zu lassen. Tut man es, tritt an die Stelle freudigen Dienstes gar bald das Muß der Knechtschaft; was daraus wird, erlebten wir im Land am Nil. Zudem stiehlt man seine eigene Zeit. Sie sollen hereintreten und er gibt Sarai einen Wink, „die Mägde können Feierabend machen.“ Den ‚Feierabend haben die Mädchen trotz Spindelgeschnurr vernommen, im Nu ihre Spinnplätze zusammengeräumt und den Raum verlassen. Die Männer treten ein. Lot möchte gern sein Herrenrecht geltend machen; doch heute rechnet er statt mit dem Herzen nur mit seiner Klugheit. Und die heißt ihn schweigen.

Abram wiederholt ohne Umschweife sein gegebenes Urteil. Die stille Hoffnung, nochmal an den Kalkgruben vorbeizukommen, erfüllt sich nicht. Abram ist gern bereit, notwendige Strafen zu mildern; doch zu oft haben sie ihm wegen dem Landstreit Ärgernis bereitet. Aber er rührt mit einer Frage die rauhen Gemüter an.

„Ihr könnt auch wählen.“ Die Hirten sehen schon erleichtert auf. „Einen Monat lang entweder die Gruben oder daß keiner zu mir kommen darf, nicht mit Freude, nicht mit Leid.“ Wie aus allen Wolken gefallen schauen sich die Hirten an. Sie geben Abrams Härte recht, denn viel Schaden hat die Wasserschlacht verursacht. Über hundert Kälber, fast dreihundert Lämmchen trug man tot zusammen; und von den Zicklein ist fast nichts übrig. Sogar Kamel- und Pferdefohlen sind tot und verletzt. Aber einen Mond lang dem Herrn nicht mit offenem Aug und Herz begegnen zu dürfen, das dünkt sie doch das Bitterste zu sein, Abram verbirgt sein Lächeln. Gemacht streng fragt er:

„Nun, was wählt ihr? Die Grubenarbeit schmeckt euch doch nicht.“ Es dauert eine Weile, bis Bazzor einen Schritt vorzugehen wagt. „Herr“, verlegen dreht er seinen Sonnenhut in den Händen, „die Grube ist eine gerechte Strafe, doch das andere . . . Er stockt. „Herr, wenn du wie immer in deiner Güte uns auch noch wählen läßt, obwohl wir schlechte Hirten waren, will ich doch lieber in die Grube gehn, als dich solang nicht anschaun dürfen.“ „Wie du willst, Bazzor. — Und ihr andern?“ Abrams Hirten schließen sich Bazzor an, während Lots Leute einen Blick auf ihren Herrn werfen. Lot greift auch gleich ein, obwohl er seine Hirten ebenso bestrafen will.

„Ich brauche meine Knechte, wenn . . .“ „Darüber später, Lot“, unterbricht Abram sonderbar betont. „Bestrafe selber, wenn du willst; doch mir geschah das Unrecht! So steht dem Fürst des Landes auch das Strafmaß zu.“ Lot schweigt. Die Leute wählen die Grube. Sie wissen, Abram mildert eher eine Strafe. „Gut, ab morgen antreten. — Sonst noch etwas?“ Abrams Gesicht wird wieder väterlich. Bazzor fragt bescheiden: „Herr, willst du mich anhören?“ „Habe ich schon jemand nicht gehört, der mit einer Bitte kam?“ „Nun — es ist noch wegen heute“, stottert Bazzor. „Dann erst recht, mein Sohn. Kehre dein Herz aus!“ Er setzt sich und auch Lot nimmt seinen Platz ein.

„Herr, ich wasche mich nicht rein, auch will ich nicht die Schuld auf einen andern wälzen. Aber Edizar hat wirklich angefangen und Philhas wollte die Kamele nur wieder rübertreiben. Auch Jubisat hat nicht begonnen, sondern Chrasbra schleuderte den Speer. Ich will damit nur sagen: Unser Verwalter ist ganz ohne Schuld.“ „So!“ Abram geht auf Chrasbra zu. „Ist das wahr?“ „Ja, Herr“, bestätigt der Gefragte zerknirscht. „Mich hat der Ärger fortgerissen.“ „Sieh an! Nun, wenigstens bekennst du offen deine Schuld und das ist stets der Weg zur Besserung. Doch merke dir, Chrasbra: Ein Mann, noch dazu wenn er Verantwortung trägt, darf sich nicht hinreißen lassen, nicht zu bösen Worten, noch weniger zu bösen Taten. Wie soll er sonst ein Vorbild sein? Lot soll dich richten. Doch du, Jubisat“, Abram dreht sich seinem Verwalter zu, „bist ja nun gerechtfertigt, wenn auch noch etwas fehlt. Weißt du, was das ist?“

„Ja, Herr!“ Jubisat blickt Abram offen ins Gesicht, was der Patriarch am meisten liebt. „Ich hätte mit den guten Hirten die Herden sofort fangen müssen. Dann wäre aller Schaden, der Streit und auch Chrasbras Jähzorn vermieden worden. Ich habe größere Schuld.“ „So sollst du gleichfalls deine Strafe haben.“ Abram weiß, daß Jubisat gern gärtnert. Er lächelt. „Einen Mond früh und abends je zwei Stunden zusätzlich wirst du im Hausgarten neue Beete und Wege anrichten. Das gibt wenig Schlaf, mein Sohn; doch es stärkt den Körper und macht die Seele frei. Und nun“, er gibt jedem die Hand, „Gottes Güte sei euer Schutz in dieser Nacht.“ „Gott schütze dich“, antworten die Männer und drängen sich erleichtert aus dem Raum.

Lot verzieht den Mund. „Die hast du glücklicher gemacht als daß du sie bestraftest. Wer ersetzt den Schaden?“ „Welchen“, fragt Abram ganz verwundert. „Die toten Tiere.“ „Ach!“ Abram legt beide Hände auf Lots Schultern: „Du hast rasches Blut, und so geht manches Wort aus deinem Mund, das dir hernach leid tut. Doch heute ist eine gute Stunde, daß wir uns vor unserm heiligen Herrgott neigen.

Worum ich seit Wochen ringe, da bist du schnell dabei. Die äußere Trennung scheidet nicht die Herzen, bleiben sie im Brudersinn verbunden. Du weißt, daß mir die Wahl zusteht, sowohl als Fürst wie als der Ältere; denn ich bin nicht in deine, sondern du in meine Obhut gegeben. Du denkst: Fürst sein ist sehr schön, man braucht nur zu befehlen. Täusche dich nicht, Lot! Das Befehlen ist die geringste Zierde eines Fürsten. Viel wichtiger ist die Werkaufgabe, die des Fürsten Stand bedingt. Ich habe meinen Vorteil nicht im Auge, wenn ich nicht der Leute Wohl bedenke. Daß ein Fürst Ordnung halten und deshalb manchmal strafen muß, rechtfertigt die Einsicht, auch für den Geringsten das Beste zu bedenken. So wirkt selbst die Strafe Gutes, kommt sie aus Güte und Bedacht.

Hast du dein eigenes Land, so denke an mein Wort. — Daß du aber wegen äußeren Gewinnes wähltest, sieh, das tut meinem Herzen weh. Gott machte uns reich, da Er oft mit uns geredet hat. Willst du das Weltgut über deine Seele stellen? Wer nach dem Schatz der Erde greift, wird Irdisches empfangen! — Wir bringen nichts mit in die Welt als nur des Geistes Licht aus Gott, Der uns selig macht, so wir Seine Stimme achten. Und wir nehmen nichts einst mit hinaus als nur das Gewand, das wir unserer Seele schaffen!

Du wähnst, ich könne das leicht sagen, da ich den Fürstensitz und großen Reichtum habe. Meinst du, daß das mich glücklich macht? Du irrst, Lot! Mein höchstes Glück ist das Gespräch mit Gott; und mein ander Glück ist, daß ich Menschen führen darf, denen in allen Stücken ich zuerst ein Vater bin, dann erst ein Herr. Der über den Wolken thront, hat meinen Fleiß gesegnet, auch den deinen. Doch ist nicht der Fleiß auch Seine Gabe? wie Kraft und Weisheit zu allem Tun?

Was aber den Verlust betrifft, da muß ich dich doch fragen: Lot, hast du schon mal ein Zicklein werden lassen? ein kleines Insekt? eine Blume? oder auch nur einen Wassertropfen?! Mir tun die Tiere leid, weil sie jämmerlich verdarben, doch nicht, weil sie mir verloren gingen. — Ich kann nur eines verlieren, stelle ich die Erde über meinen Geist: nämlich die Stimme meines Gottes! Siehe zu, und behalte Vater Tharah‘s Weg. Vergiß nicht, dein Haus zum Ruhplatz, dein Herz zur Hütte zu machen, wo auch ein Geringster einkehren kann. — Tust du das, Lot, so wird des Landes Reichtum dir zum Segen werden.

Und nun — Gottes Güte sei dein Schutz.“ Abram hält Lots Hand Augenblicke lang fest, wartend, er möge die Nacht mit ihm im Hain verbringen, wo ihnen Gottes Licht begegnet. Doch Lot wendet sich ab, heimlich besorgt, daß Gott zugunsten Abrams spräche. So aber kann er sich auch vor dem Herrn rechtfertigen, denn Abram ließ ihm ja die Wahl. Sarai spürt seine Gedanken. Wie einem Sohn, den die Fremde lockt, streicht sie ihm sanft übers starre Haar. „Lot, Abram war dir bis zur Stunde Freund und Vater und ich dir eine Mutter. Und ich sage dir: Kehre wieder heim, wenn die Fremde dir nur Treber übrig läßt.“ Lot geht von dannen, in die dunkle, sternenleere Nacht hinaus.

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