5. Kapitel
Cornelius hat erst keine Zeit, sich mit Johannes zu befassen. Er wahrt den Schein und führt gleichfalls die Kontrolle durch, wobei er manche Fischerhütte mit besichtigt, dazu die Buchten, in denen Schiffe ankern können. Wie gut es ist, daß er solches tut, zeigt sich schon am dritten Tag.
Nebel ziehen auf, ein Wetter für Piraten. Ein starker Ostwind hat sich aufgemacht. Es ist Abend, da kommen Fischer angerannt, in wilder Flucht, schreiend, aufgelöst. „Piraten“, rufen sie, „Piraten sind gelandet!“ Sofort gibt es Großalarm. „Wieviel konntet ihr denn sichten?“ fragt der Tribun.
„Zwei“, sagt der Fischer zitternd. „Sie haben Häuser an der Küste angebrannt und schon Leute hingemordet.“ „Die wußten nicht, daß du zugegen bist“, sagt der Hauptmann zum Tribun. „Oder umgekehrt: sie forschten aus, daß ich nur zwanzig Leute bei mir habe. Los, wir Stürmen! Johannes, Nicodemus und Maria, in den Turm; der kann etwa unsere letzte Rettung sein!“
Johannes ist betrübt. „Ich bin nicht schwertgewohnt.“ „Hilf uns durch dein Gebet“, ruft der Römer, indessen er nach draußen stürzt, an der Spitze seiner Mannen. Bewaffnet waren sie im Nu, sie sind immer kampfbereit. Auch der Hauptmann hat nur zwanzig Legionäre; er aber, Venitrius und der Tribun, gelten jeder als zwei Mann.
Bald sehen sie die Feuer lodern. Die Horde, achtzig Mann, wußte nicht, daß zwei Dekurien auf der Insel weilten. Jetzt greifen auch die Fischer ein; die Römer geben ihnen Schutz genug, um mit Keulen dreinzuhauen. Es dauert lang, ehe die Piraten sich ergeben. Einige sind tot, andere springen in das Meer, um sich zu retten. Man zieht sie wieder an das Land. An die fünfzig sind gefangen und werden, stark gefesselt, abgeführt.
Im Kastell am großen Hafen werden sie zuerst eingesperrt. ‚Heute hätte ich ein Recht, wieder aufzubrausen‘, denkt Cornelius, ‚doch mein Heiland liebt das nicht.‘ Nicodemus und Johannes kommen, und Maria fordert ein paar Frauen auf, den Verwundeten zu helfen. Zwei Krieger sind gefallen, alle haben etwas abgekommen. Venitrius blutet im Gesicht, der Tribun am Arm und der Hauptmann muß stark hinken. Einige sind schwer verletzt.
Maria hat es nie gelernt, nun wäscht und verbindet sie die Wunden. Da hört manches Stöhnen auf, mancher lächelt trotz der Schmerzen. „Einst sagte ich zu Simeon: ‚Wenn ich dich nicht hätte!‘, jetzt: ‚Liebe Mutter, wenn du nicht bei uns wärest!“ „Und was hat Simeon gesagt, Cornelius?“ fragt Maria. „Wenn man GOTT nicht hätte!“
„Genau! Nie konnte ich so helfen, und auf einmal kann ich es. Ist das nicht die Hilfe unseres Herrn?“ Die Römer sind versorgt. Maria sagt: „Wenn es auch Räuber sind, wir müssen den Verwundeten helfen.“ „Wie soll ich denn das tun? Die sind imstande, uns sofort wieder anzufallen“, wehrt der Tribun. Johannes sagt:
„Ich geh‘ mit dir hinab; wir holen immer einen. Die Schwereren zuerst. Wenn die merken, wie du verfährst, wird mancher klein. Wer zur Einsicht kommt, den lasse auf der Insel. Die andern sind nach Rom zu bringen und —“ flüstert er, indem er den Tribun zur Seite führt, „der dich stürzen will, wird ausgeschaltet, während du das Lob bekommst.“
„Ich weiß, das gilt dir nicht sehr viel, doch auch das ist eine gute Führung unseres Herrn.“ Der Tribun umarmt Johannes. „Wie froh bin ich, daß ihr bei mir seid, du, Maria und auch Nicodemus.“ „Wie ist‘s mit deinem Arm?“ „Es geht.“ Cornelius verzieht den Mund, er verbeißt, daß die Wunde höllisch brennt.
Johannes legt die Hände auf den Arm. „Du, was hast du getan? Die Wunde brennt nicht mehr, mir ist, als wäre alles gut.“ „In ein paar Tagen“, sagt der Jünger Jesu, „ich bat, der ‚Heiland‘ möge heilen. Schone noch den Arm, im Hinterhalt warten weitere Piraten. Die sind nun voller Furcht, weil der Angriff nicht gelungen ist.
Reise rasch nach Rom, eine Flotte wäre aufzustellen. Südwestlich von Kreta liegt ein noch unbekanntes Eiland, dahin ziehen sich die übrigen zurück. Das ist deren Nest. Ich sehe es im Geist, und — ach Freund, es ist so schwer, Menschen auszuliefern, und euer Rom geht gar nicht mit den Menschen glimpflich um.“ „Ja leider“, brummt der Tribun dazwischen.
„Einige lassen sich hier retten, die durch deine Milde, weil du sie pflegen läßt, es merken, wie sie besser leben könnten als durch Raub und Mord und Brand. Doch im allgemeinen —? Es ist gut, Räuber unschädlich zu machen, was weniger durch einen Tod geschehen sollte als mehr durch eine Hilfe für die Seele und den Leib.“
„Ich versuche, sie zu retten; das Mindeste allerdings ist die Galeere oder Schwefelbruch.“ „Beides ist sehr bitterlich, doch wird dadurch manches harte Herz gebessert.“ „So soll‘s geschehen! Dank dir, Joanus!“ „Wir danken unserm Herrn“, erklingt es schlicht.
„Hat der Herr verboten, gegenseitig Dank zu sagen?“ „Nein! Wem Gutes widerfährt, soll dem Helfer danken, mit dem kleinen Dank; der große Dank gilt Gott.“ „Dann tat ich recht“, lacht Cornelius, „dir galt der kleine, unserm Gott der große Dank.“ „Weißt du, was du bist?“ „Na höre mal! Ich bin ein Römer, hm, für die Welt; geistig — na, da hapert es, da bin ich bloß ein . . .“
Gotteskind! Und weltlich, o Tribun, bist du ein MENSCH!, bist du weder Römer, Jude, noch ein anderer. Die Kinder Gottes wandern ihren Weg herab ins Dunkel dieser Welt. Sieh, Cornelius, das bin ich auch, sind wir alle, die so gut als möglich leben: treu, wahr und gewissenhaft!
Das sind jene auch, die Gott, den Einen, noch nicht kennen, durch Geburt an anderes gebunden. Wer rechtlich lebt, ist Gottes Kind!“ Cornelius dreht sich hastig um; wie er erschüttert ist, soll Joanus nicht sehen. Dieser lächelt. ‚Ich sehe es, Tribun, mit dem Herzen, das nicht Rom geboren hat!‘ —
Als sich der Kerker öffnet, starren die Piraten haßerfüllt die Römer an. Einer schreit: „Du kannst uns töten, wir sind bereit!“ Cornelius sagt, mit Absicht scheinbar hart: „Rom bestimmt, was mit euch geschieht, nicht ich! Wer ist von euch schwer verwundet? Ihr könnt euch melden, es geschieht euch nichts.“ Einer kriecht am Boden mühsam vor. Der Tribun nimmt ihm die Fesseln ab. Zwei Legionäre tragen ihn nach oben. Als man seine Wunden sieht, sagt der Hauptmann leise, damit es der Verwundete nicht hört: „Dem wäre besser, er drückt die Augen zu — für immer.“
Maria beugt sich nieder und flößt dem Armen Wasser ein. Er trinkt gierig und sieht dabei in reine, wundersame Augen. Da ist‘s, als kehre sich in seiner Seele etwas um. Noch ist‘s kaum ein Funke, der ihn durchzuckt: ‚Nie hätte ich dem Weibe etwas angetan, nie!‘ Maria muß ihn trösten. „Dein Bein ist nicht zu retten, aber deine Seele. Willst du das?“ Fremde Worte, unverständlich der Begriff, und doch eine weiche Flut, die ihn durchdringt. Er sieht Maria an und sie liest in seinem Blick das Unverständnis und ein ‚ja‘. Da legt sie ihre Hände auf sein Haupt.
Einer aus des Hauptmanns Truppe, der in Rom von einem Arzt sich manches zeigen ließ, trennt den zertrümmerten Unterschenkel ab. Eine Operation mit primitiven Mitteln. Ohnmacht tötet diesen Schmerz. Die Lichtkraft, die Jesu Jünger und Maria geben, helfen ihm nach Tagen, das Bitterste zu überwinden.
Noch ein paar schwere Fälle kommen an die Reihe; von denen geht keiner wieder von der Insel fort; rund ein Dutzend bleiben. Mit den anderen Gefangenen fährt Cornelius nach Rom, er will so bald als möglich wiederkommen. Er entdeckt erst auf dem Schiff, daß er die Rollen bei sich hat, deretwegen er nach Patmos kam. „Bei mir sind sie gut verwahrt, und es gab wirklich keine Zeit, Joanus sie auszuliefern“, sagt er zu sich selbst.
Es geht alles rascher, als gedacht. Ein Sieg wird noch bewertet. Sechs Galeeren laufen aus, das Nest der Piraten auszuräuchern. Mit dem Kaiser hat Cornelius eine Unterredung. „Kannst viel verlangen“, sagt jener gnädig, „wenn ich mich auch erst gewundert habe, was du so oft auf Patmos tust.
Gut war, ein paar Juden in den Schutz zu nehmen, so sieht dieses störrischste Volk, daß wir ja Helfer sind und keine Unterdrücker.“ Cornelius schweigt dazu. „Der Hauptmann war sehr tapfer?“ „Ja, er und andere sind verwundet“, bestätigt der Tribun. „Leider gibt es auf der Insel keinen Arzt, obgleich schon öfter Patmos überfallen worden ist.“
„So? Ich habe mehrere am Hof, einen gebe ich der Insel ab. Der Hauptmann ist von nun an frei; er kann auch nach Rom zurück, wenn er will.“ „Er will auf Patmos bleiben, kennt rundum das Meer. Nur freilich wird der Dienst als Freier ihm mehr Freude machen.“ „Ich gebe dir die Rolle mit. Die Piraten laß ich töten, ist nicht schad‘ um das Gesindel.“
„Mache sie zu Ruderern.“ „Dein Wunsch?“ fragt der Cäsar lauernd. „Ja; doch der ‚Seher Gottes‘ hat ihn ausgesprochen.“ „Was bedeutet das?“ Der Tribun berichtet, was sich alles zugetragen hat. Nicht ganz unbeeindruckt bleibt der Kaiser, obwohl das ‚Licht‘ bei ihm noch keine Morgenröte hat. Cornelius ist zufrieden, ‚in Ehren‘ darf er gehen, mit manchem Privilegium ausgestattet. Der Kontrolleur, der später kommt, wird abgewiesen. Freien Herzens, dankbar, kehrt Cornelius mit seinem Schiff zurück. Bei guter Fahrt kommt er wieder bald auf Patmos an.
Die Piraten denken: ‚Was wird vom Cäsar kommen?‘ Doch Cornelius hat sie nicht erwähnt. Sie stehen eng beisammen, ängstlich und auch trotzig. Maria, Nicodemus und Johannes hatten sie betreut und sie freuten sich, wie einer nach dem andern — zwar noch unbewußt — sich dem Lichte hingegeben hatten. Nach der Ankunft fand Cornelius wenig Zeit, sich mit ihnen zu befassen. Für den Arzt ist eine Unterkunft zu suchen. Der Hauptmann ist so froh, daß sie endlich eine Hilfe haben, aber ein paar Tränen rinnen ihm in seinen Bart, als ihm die Freiheitsrolle ausgehändigt wird.
„Was du nicht alles tust, Tribun!“ Vergeblich wischt er an dem Naß herum. Oh, ein Mann, der heult? Sagt Maria: „Schäme dich nur nicht! Dich hat mancherlei bedrückt, wir wußten bloß nicht was und daß du — Nun ist‘s vorbei; und ein Mann, dem bei einer großen Umwälzung die Tränen fließen, hat noch ein Gemüt. Das gilt vor unserm Gott! Er segnet dich dafür.“
Der Römer küßt Maria auf die Stirn, dem Cornelius dankt er stumm. „Ich bin selber froh“, sagt dieser. „Willst du auf Patmos bleiben?“ Ein Zögern. Hier gibt es keine Götterfeste, kein Amphitheater und kein . . . „Ich bleibe!“ „So kann ich dir nachsagen, daß du hierorts der Befehlende bist. Da, das Privileg. Ich habe es geschrieben, doch sieh ein, was mir der Cäsar übergab.“ Wie staunt man über so viel Freiheit, die Cornelius bekam.
Für den Küstenstrich, auch für Judäa, kann er an Stelle seines Kaisers handeln. Der nächste wird das annullieren; allein, da lebt Cornelius nicht mehr und vieles ändert sich. Man hält ein kleines Fest, bei dem Nicodemus allen Leuten, soweit sie zusammenkamen, von dem ‚wahren Gott‘ eine Predigt hält. Zuletzt spricht Johannes; die Piraten, die nicht mehr eingekerkert sind, hören staunend zu. Das ist‘s, was der Seher Gottes sagt:
„Liebe Menschenfreunde! Vor der Welt bin ich ein Gefangener, vor GOTT ein freier Mann und — umgekehrt: von der Welt bin ich völlig frei; sie bietet mir nichts mehr — das Weltliche des Lebens, meine ich. Doch in Gott gefangen, von Seiner Liebehand gefesselt und von Ihm betreut, so wie euch Piraten von uns auch durch Gottes Liebe eine Hilfe ward. Das ist es, was den meisten Menschen fehlt. Noch währt es lange, bis das ‚Licht der heiligen Versöhnerliebe‘ allen Menschen zugetragen wird; allein der Anfang ist getan. Ich will es euch berichten.
Gott kam wie ein Mensch zu uns auf diese Welt, dort, wo auch ich geboren ward. Ich lernte Ihn als Jüngling kennen, später aber ganz genau, als Er aus Seiner Willensherrlichkeit zur Lehre und zu Seinen Taten schritt. Ich war Sein Jünger, der Jüngste unter einer treuen Schar, die drei Jahre lang mit Ihm durchs Land gezogen sind, von Nord nach Süd, von Ost nach West, wie dem Patriarchen Abraham das Land verheißen worden war (1. Mo. 13, 14).
Überall hat der Herr geholfen, hat getröstet und ermahnt; Wunder sind geschehen, die nie ein Mensch vollbringen kann. Der Tribun kann davon zeugen.“ Cornelius geht zu Johannes hin und ruft vernehmlich: „Das ist wahr; ich habe Ihn erkannt und bezeuge es: ich habe viel gesehen und gehört, ich bin Seiner Lehre nachgegangen. Es war GOTT, dem ich, so ein kleiner, armer Mensch begegnen durfte. Glaubt alles, liebe Leute, was der Seher Gottes zu verkünden hat!“
Noch ist es so: Wenn ein weltlich Großer zeugt, alsdann wird es anerkannt. Johannes war den Leuten fremd; nur seine Freundlichkeit hatte den Kontakt geschlossen, daß man sich gern helfen ließ. Viel weiter war es nicht gekommen. Nun jedoch, wo der große Römer, den man achtet — — Sie wissen nicht, daß die drei nicht streng gebürtige Juden sind. Maria wurde von den Eltern Joachim und Anna wie vom Himmel her gezeugt, und die beiden Männer gehören nicht Judäa an, bloß dem Volke Israel. Und vom ‚geistigen Israel‘ muß man erst die Lehre hören. Später.
„Dank dir, du edler Römer“, sagt Johannes, „du hast mein Zeugnis öffentlich für echt bewertet. Seht, liebe Leute, auch euch Piraten meine ich, wenn ihr erkennen wollt, gewiß nicht leicht, so glaubt, daß GOTT gekommen ist, um Seine Hohe Hilfe herzubringen. Alles ist euch jetzt noch nicht zu sagen“, vom Kreuz Christi und weshalb das Golgatha geschah, „wer nun aber will und möchte Gott, dem Höchsten dienen, Ihm gehorchen und Ihn lieben, den will ich unterweisen, und er wird den Frieden meines Gottes finden.
Wir haben aus des Volkes alter Zeit die Schrift, die offenbart, daß dieser Eine Gott schon immer kam, daß treue Menschen, wie es Henoch, Abraham, Mose, die Propheten und andere gewesen sind, IHN sehen konnten, Er mit ihnen sprach wie ein lieber Freund mit seinen Freunden; mehr: wie ein liebevollster Vater mit den Kindern! Und das ist es, was wir werden sollen: Gottes Kinder.
Manch Erwachsener mag denken: Kind? Ja, dem Körper nach sind wir erwachsen; ob unsere Seele, ob das Gemüt es gleichfalls sind, darf bezweifelt werden. Gehen wir denn nicht von dieser Welt, wenn der Tod an unsere Türe klopft?! Was bleibt vom Körper übrig?!
Was bleibt von ihm zurück, in welchem unsere Seele wohnt?, der Geist, den GOTT gegeben hat?! Ist ER der Lebendige, der ewig war, ist und bleiben wird, muß auch unser Geist lebendig bleiben. O, er ist keinem Tod verfallen! Tut es das nicht, was leicht einzusehen wäre, so muß nach einem körperlichen Tod und ohne unser Fleisch der Geist samt Seele weiterleben (Hiob 19, 26). Das geschieht allein bei GOTT, dem Schöpfer der Lebendigkeit, die mit dem Dasein auf der Erde nicht verwechselt werden darf.
Wir gehn dahin und wandern, aus Gott und zu Ihm zurück. Das ist das Herrlichste aus Seiner Fülle, aus der wir Gnade um Gnade nehmen dürfen (Joh. 1, 16)! Sie kostet nichts, Gottes Gaben sind freiherrlich gegeben! Das Einzige, was dafür hinzugeben wäre, ist:
‚Die Liebe zu Gott, daß wir Seine Gebote halten;
und Seine Gebote sind nicht schwer!‘ (1. Joh. 5, 3)
Wir machen keine Unterschiede zwischen dem und jenem“, dazu nickt manch einer, „jene Römer, die den Herrn gefunden haben, tun ebenso an Freund und Feind. Denn solches hat der Herr gelehrt:
‚So ihr euch nur zu eueren Brüdern freundlich tut,
was tut ihr sonderliches?!‘ (Matt. 5, 47)
War das nicht wunderbar? Er stand auf einem Berg, Tausende um Ihn her. Jeder hörte Seine Stimme, mahnend, ernst und schwer. Worte für die Kinder dieser Welt; und das Universum hörte zu. Was bedeutet das? Seht nachts an das Firmament, des ‚Schöpfers Schild‘, auf dem alle Seine Namen prangen! Wir können sie nicht lesen, aber geistig leuchten sie herab aus der Unzahl herrlichster Gebilde.
Gibt es auf unserer Welt die Lebewesen — denken wir erst an uns Menschen —‚ sollten diese herrlichen Gebilde, von Gott geschaffen, leere Räume sein? Wo bliebe da die Schöpfer-Allmacht Gottes, wäre sie nur auf die eine Welt beschränkt, auf der wir leben, ohne sie zu kennen (damals)? Abgesehen unserer lieben Römer hier bei uns versteht ihr von der Insel, einfach und bescheiden lebend, mehr von dieser Offenbarung, als die Hohen dieser Welt.“ Cornelius denkt an Cäsar. Das Unverständnis konnte er in dessen Augen lesen, als Herrscher deckte er die ‚Blöße‘ zu.
Johannes weiß, daß er Patmos nie verlassen wird. Ihm geht es wie dem Hauptmann, zwar anderer Art. „Wer sich bereit erklärt“, sagt er weiter, „Gottes Liebe aufzunehmen, damit verbunden Seine Lehre und der Wille, was wir zu tun, was zu lassen haben, der hat den Anfang dieses Weges hinter sich gebracht.
Ein Anfang ist das schwerste Stück. Altes ist zu überwinden: der Glaube an die Götter. Sie werden menschlich abgestempelt, böse oder auch mal gut, neidisch oder sich bekämpfend. In der Laschheit der Gedanken und darauf bauend, was ‚man‘ die Leute lehrt, hat ergeben, daß man vor lauter Göttern nicht mehr weiß, welchem man am meisten dienen soll.
Daß die Römer einem Trugbild anheim fielen (S. 23, 6), haben unsre Freunde dementiert. Aber alle Völker, die an viele Götter glauben, sind dem Truge ausgesetzt. Aus grauen Zeiten stieg die Mär her auf und ‚war schön‘; denn ein Gott mußte helfen! Wer nun nichts anderes erfahren hat, aber guten Herzens ist, hilfsbereit und freundlichen Gemüts, der ist gleichfalls auf dem rechten Weg und findet noch den EINEN GOTT, Schöpfer Himmels und des Weltenrunds.
So ist‘s mit euch geschehen, liebe Menschenfreunde. Ja, ich darf euch sagen aus der Kraft des Herrn, Dem ich angehöre: nicht umsonst wurde ich zu euch geführt. Woher sollte der Tribun es wissen, daß es hier lichtbereite Menschen gibt? Wer gebot es ihm, mich hierher zu bringen? Konnte es nicht eine andere Insel sein?, oder Rom —?
Meine Bahn hat der Höchste vorgesehen! Der Heiland gab Cornelius den Gedanken ein, und er ging der Stimme nach. Das bezeugt, wie treu er mit dem Herrn verbunden ist. Ihr Fischer hattet es gewünscht, er möchte bei euch bleiben; ihr seid nicht immer mit den Legionären ausgekommen. Das ändert sich! Unser Hauptmann hat sich ebenfalls bekehrt, er wird ein treuer Hüter dieser Insel sein. Nun will ich mit den Worten unseres Gottes schließen:
‚Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf daß ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel; denn Er läßt Seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matt. 5, 44-45)
Der hohe Lichteinfluß gibt eine gute Stille, für die Jesu-Leute andachtsvoll, für alle andern ahnungsvoll gespürt. Daß ein ‚Guter‘ sich um sie bemüht, wird anerkannt. Auch die Piraten sehen sich im stillen Einverständnis an: wir bleiben hier. Cornelius, der noch an des Jüngers Seite steht, spricht zuerst:
„Joanus hat recht: vom Trugbild vieler Götter, dem wir auch mit anheim fielen. Gibt es ein Universum, eine Schöpfung, so auch nur einen GOTT! Ich sage nicht: werft eure Götter über Bord, seid ihr nicht fähig, an den einen Gott zu glauben. Ohne einen Glauben ist der Mensch ein loses Blatt, von Winden hin- und hergetrieben, bis es zuletzt am Boden welkt und stirbt.
An Kräfte glauben kann man wohl, weil Gott mit vielen Kräften schafft. Mensch, Tier, Natur und alles brauchen die verschiedenen Kräfte. Ein kleines Kind ist leicht zu tragen, bei größeren braucht man eine größere Kraft. Daran merkt ihr, daß die alten Götter bei uns wie die welken Blätter abzuschaffen sind. Der Seher Gottes wird euch lehren, den wahren Gott zu finden, wie ich Ihn finden und an Ihn glauben lernen durfte.“
Plötzlich hat er eine Eingebung. Er zeigt auf den Turm. „Das ist ein Bollwerk gegen Feinde. Der Glaube an den Heiland ist für uns ein Schutzwerk gegen alles, was uns überfallen will. Hier mehr das Innere gemeint. Das Äußere ist mit zu bedenken. Es wird manche Mühe kosten, dieser Insel ihren Frieden zu erhalten. Da denkt: GOTT ist das stärkste Bollwerk gegen alle Sünden, Niedrigkeit und Bosheit dieser Welt! Laßt uns im Turm zusammenkommen als Symbol: wir sind in Gott geschützt, von Seiner Kraft umgeben und nichts Äußerliches kann die Andacht stören. Wer das will, der melde sich bei mir. Und Joanus wird wissen, was weiter zu geschehen hat.“
Unvermutet — das hielt man nicht für möglich — tritt ein Pirat herzu. Er hinkt, man sieht ihm seine Schmerzen an. „Die Frau“, sagt er, „die reine Frau hat mich bezwungen. Als ich sie sah, ihr nennt sie Marana (Maria), da wußte ich, daß es Besseres gibt, als auf Verderben auszugehen. Ich, wenn ich darf — ich melde mich zuerst. Ich will —“ Er hält inne. Maria drückt ihm beide Hände, Cornelius ist vor lauter Rührung stolz, Nicodemus freut sich, und Johannes —? Er umarmt den Räuber, dessen Antlitz keine harte Rauhheit zeigt. Es war aufgefallen, weil er wenig Böses an sich hatte. Johannes hebt die Hand und alle hören zu.
„Du bist von Piraten aufgelesen worden, und du nahmst dir vor, zu vergelten, was dir widerfahren war. Du dachtest nicht daran, daß eine Rache nicht an denen abzugeben sei, die nicht dein Leid hervorgerufen haben. Erzähle, wie du zu den Meeresräubern kamst. Daran kann ein jeder lernen: das Gute tun, das Böse meiden.“
„Ach“, mengt sich Venitrius ein, „ich hatte ihn mir angesehen, und gedacht: wie kommt der unter diese Bande? Sein Blick war stets wie zugedeckt.“ „Ja“, nickt jener, „es war zu schwer, alles — —“ „Rede nur“, fordert auch der Hauptmann auf, „du stehst jetzt unter meinem Schutz.“ „Auch unter meinem“, sagt Johannes. Da ermannt der Junge sich.
„Ich war ein Kind von vielen, das jüngste, etwa achtzehn waren wir. Der, den ich Vater nennen muß, gab uns mehr Prügel denn ein Brot. Die Mutter war verhärmt, was verständlich war, und bis Jetzt habe ich sie mir bewahrt — in Gedanken — in“, er versteht‘s nicht mehr zu sagen: ‚in der Liebe‘. Und doch ist ein Gefühl dafür in ihm vorhanden.
„Die älteren Kinder wurden eines Tages einfach fortgejagt, zwei oder drei durften bleiben. Mich, damals wohl fünf Jahre alt, führte er ans Meer und schrie: ‚Hinein, bring‘ mir einen großen Fisch!‘ Er drohte mit zwei Fäusten. Erst später wußte ich, daß er das mit Absicht tat. Ich wurde mit der Flut hinausgetrieben, sah ihn einmal noch am Ufer stehen und — hörte ihn — lachen, lachen.
Was waren meine schwachen Kräfte gegen die Gewalt der Wogen? Da kam eine Planke auf mich zu; ich klammerte mich an und mit ihr trieb ich weit ins Meer hinaus. Wie lange ich mich hielt, das war mir unbewußt. Ich fühlte noch, als ein Paar Hände nach mir griffen. Als Kind ging es mir gut im Verhältnis dessen, was ich bei diesem Mann (Vater)“, der Junge sprichts verächtlich aus, „erdulden mußte. Nach und nach erkannte ich, bei wem ich mich befand.
Da erfaßte mich der Trotz: ‚Wie gut, mit Piraten kann ich mich ja rächen!‘ Männern tat ich stets das Argste an, um Frauen ging ich gern herum; ich dachte dabei an die Mutter. Sie mußte sich dem bösen Manne beugen. Er hat sie oft genug geschlagen. Immer härter wurde ich; denn mit Absicht in das Meer gehetzt, ‚der — also ich — geht unter!‘ O, wenn ich diesem Mann (Vater) begegnen werde, ich weiß nicht, was ihm dann von mir geschieht!“ Bodenloser Haß überflutet diesen jungen Seepirat. Das Licht ist wie verlöscht.
Man ist erschüttert. Ein Pirat bestätigt es, wie man das ‚fast gestorbene Bündel‘ aus dem Wasser zog. Der Hauptmann knirscht:
„Den, den hinge ich am nächsten Baume auf, aber so, daß er langsam stirbt, viele Tage!“ Selbst der Tribun braust wieder einmal auf: „Ich weiß nicht, was ich mit ihm täte! Ein Kind — o Joanus, warum gibt‘s so schlechte Menschen?, warum hat Gott . . .“
„Halt ein, getreuer Freund!“ Jesu Jünger drückt die Fäuste des Tribuns zurück und öffnet sie so leicht, wie die Fäustchen eines Kindes. „Ich versteh‘ euch gut; sogar Gott, des seid gewiß! ER hat mit ihm schon abgerechnet, er lebt nicht mehr.“ Jenes Bild, das er sieht, ist zu verschweigen um der guten Lehre willen, und daß er — Johannes — den Menschen einen VATER bringen darf. Erst müssen sie sich festigen, bevor sie das vom Menschen Unverstandene verstehen lernen. Der junge Räuber fragt:
„Er lebt nicht mehr? Oh, das ist gut! Ich hatte es mir vorgenommen, ihn zu suchen und ihm — nein, nichts mehr sei gesagt!“ Dabei zeigt er auf Johannes, Nicodemus, Maria und auf die Römer. Auch Sejananus ist zugegen. „Ihr habt mich bezwungen; mir ist‘s, als könnte ich ganz ruhig sein, innerlich ist es —“ Er weiß nicht, wie er es benennen soll, weil Friede ihn erfüllt, das Köstlichste, was einem Menschen widerfahren kann: ‚Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft“ (Phil. 4, 7).
Fortan dient er Jesu Jünger, solange dieser lebt, Nicodemus auch; und Maria, die Patmos bald verläßt, vergißt er nie. „Dürfen alle an deren“, er meint die Piraten, „die mich einst gerettet haben, frei und ledig sein? Nicht wahr“, wendet er sich ihnen zu, „ihr wollt nicht mehr von der Friedensinsel gehn? O ja, bleibt hier! Legt das alte Handwerk ab, werdet Menschen, wie die Gläubigen es sind!“ Er hatte das Wort ‚Gläubige‘ behalten und gespürt, daß dieses etwas Gutes sei.
Sie kommen alle, vierzehn rauhe Männer, denen Mord und Räuberei ihr ganzer Lebensinhalt war. Nicht mal an Götter glaubten sie. Ein Ahnen, wie ein erster Frühlingshauch, geht über ihre dunklen Seelen hin. Sie beugen sich, heben ihre Hände auf und die Inselleute laufen auch herzu, „Laßt uns eine ‚Turmgemeinde‘ werden“, ruft ein alter Fischer, der zugleich ein Hirte ist. Ob seines Alters kann er nicht mehr mit aufs Meer; doch die kleinen Herden zu betreuen, das ist seines Lebens letzte Lust.
„Du hast das beste Wort geprägt“, lobt Nicodemus, und Cornelius schmettert wieder mal: „Jawohl, die ‚Turmgemeinde‘, das soll Patmos sein! Ich bin der Schirmherr — für die Welt“, besinnt er sich. „Der SCHIRMHERR ist der Vater der Barmherzigkeit!“ ‚O Heiland‘, überflutet es Johannes, ‚wie hast DU alles wohlgemacht! Du führst uns durch die Trübsal dieser Welt, doch ist‘s Dein Licht, Deine Liebe, Deine treue Vaterhand, die uns aus unserer Trübsal in den Hafen Deines Friedens, zur Erlösung lotst, und — zuletzt zurück ins Vater-Hhaus. Dir danke ich!‘
Es herrscht große Freude. Wer nicht zugegen war, kommt her, und die Turmgemeinde zählt gleich ein paar hundert Leute. Der Arzt, ein Sklave aus Athen, ist beizutreten nicht geneigt. ‚Das sind Phantasten‘, dachte er. Allmählich aber fruchtet bei ihm auch das Licht. Als einer von den Letzten bittet er: „Laßt mich zugegen sein.“ Ein Händedruck genügt.
Der Abend erst, der sanft herniedersteigt, löst für heute die Gemeinde auf, nachdem Johannes noch ein ‚Gotteswort‘ gesprochen hat.
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