Langsam roetet es sich im Osten. Die Sonne steigt majestaetisch empor ueber den Horizont und verscheucht die wallenden Nebel, die rings umher die tiefen Taeler Dein Blick verhuellen, die Hoehen des Gebirges noch verschleiern. Es wird lichter, die Gegend wird klarer. Immer mehr enthuellt sich die den hohen Berg umgebende Landschaft, auf dessen dem Meere zugewandter Seite der kuehne Flug geendet hatte.
Ein lebhafter Wind, der vom Meere herweht und dessen Flaeche zu leichten, schaumgekroenten Wellen kraeuselt, zerreisst die letzten gespensterhaften Nebelstreifen. jetzt liegt die Landschaft klar vor mir in der Roete eines herrlichen neuanbrechenden Morgens. Wie so ganz der Erde aehnlich ist doch diese Gegend, nur alles gigantischer und maechtigeren Eindruck auf die Seele ausuebend.
Der Berg, von dessen Gipfel ich herabschaue, ist hoch bewachsen mit Baeumen und Straeuchern, die auch unsere Erde traegt. Er ist der letzte in der Reihe einer imposanten, jedoch lieblichen Gebirgsreihe. An ihn reiht sich eine Gebirgszenerie von wild zerrissenem Charakter, die, wie es scheint, von noch nicht erstorbenen vulkanischen Kraeften gebildet wurde und wohl auch noch von diesen veraendert wird. So weit das Auge reicht, wird hier das Meer durch hochemporstrebende, gewaltige Felsen abgeschlossen, die dessen Fluten einen unuebersteigbaren Wall entgegensetzen. Dieser ist dringend noetig, denn – ein merkwuerdiger Anblick – nur eine kurze Strecke hinter der natuerlichen Schutzwehr beginnt das Land zu sinken und bildet eine Einsenkung, die bedeutend tiefer als das Meer liegt. Wehe dem Land dort unten, wenn jemals die gewaltige Felsenmauer zerrisse: unwiderstehlich wuerden sich die Fluten in jene Senkung ergiessen und alles zerstoerend mit den Gewaessern des Meeres bedecken.
Dort hinten am Horizont sehe ich Rauch aufsteigen; ab und zu zucken Flammen auf, denen ein leiser, unterirdischer Donner folgt. Vulkanische Kraefte muessen dort taetig sein und einen Kampf fuehren mit dem Meere, das hier eine tiefe Bucht in das Land einschneidet und auch dort von dem Herde jener Eruptionen nur durch jene fortlaufende, hochstrebende Felsenmauer getrennt wird.
ich hegte den Wunsch, diese Staette naeher ins Auge zu fassen. Und siehe, leicht wie eine Feder hebt sich mein Koerper in die Luefte und strebt dem Ziel meines Wunsches zu. -jetzt kenne ich die treibende Kraft, ,die mir die Reise von der Erde aus ermoeglichte: es ist mein Wille, der staerker ist als der Widerstand, den die Materie bildet.
Welch fuerchterlicher Anblick wild tobender und entfesselter Naturkraefte bietet sich hier! Ahnliches gibt es nicht auf Erden. jetzt sehe ich, dass eine andere, fremde Welt von mir betreten wurde. Es ist ein Hoellenrachen, der sich hier zeigt. Nehmt alle Vulkane unserer Erde, haeuft sie zusammen auf einen Fleck, so habt ihr ein Bild von dem, was sich hier zeigt. – Nicht nur einen einzigen Schlund, aus dem gluehende Lavamassen, Flammen und erstickende Duenste sich ergiessen, gibt es hier. Nein, so weit das Auge reicht, reiht sich Krater an Krater, eine taetige Werkstaette gewaltiger Kraefte. Hier ist das wahrhaftige Reich des Pluto und Vulkan, hier sind sie unumschraenkte Gebieter. Aber ihr Feind, der Gott Neptun, der Herr aller Wasser, zeigt sich in bedrohlicher Naehe. Alles Land, von vulkanischen Eruptionen so wild zerrissen, zeigt gleichzeitig die merkwuerdige Depression, wie wir sie auch auf Erden kennen.
Waere nicht der Felsenwall, der das Meer begrenzt, es muesste sich unaufhaltsam in jene Feuerschluende stuerzen. Wehe dann diesem Lande, es ist nicht abzusehen, welch fuerchterliche Katastrophe ueber dasselbe hereinbrechen wuerde!
ich schwebe an dem Felsenkamm entlang durch diese Gegend des Schreckens, aus deren Kratern unaufhoerlich Flammen und feurige, oft mit betaeubendem Laerm in den Lueften zerplatzende Bomben aufsteigen. jetzt gelange ich, in rasender Geschwindigkeit die Luefte durcheilend, zu dem Ende dieser schreckensvollen Landschaft. Hohe Berge fallen schroff zum Meere ab, nackte Felsen starren laengs der Kueste und bieten einen ungastlichen Aufenthalt dem armen Schiffbruechigen, der sein Leben vielleicht hierher gerettet. Dort springt ein Vorgebirge weit ins Meer, eine Bucht schliesst sich dahinter an und sieh, gleich einer freundlichen Oase in der Wueste zeigt sich am Gelaende dieser Bucht ein freundliches Landschaftsbild.
Hier gruent und spriesst es hervor von wunderbaren Blumen, Straeuchern und Baeumen, ein kleines Paradies offenbart sich dem erstaunten Blick. Es ist rings eingeschlossen von hohen, schroff abfallenden Bergen, von denen anscheinend ein Niedersteigen zur Kueste unmoeglich; nach der Meeresseite hin geoeffnet, wird die paradiesische Bucht durch eine Felsenbank geschuetzt, die die Kraft der Wellen bricht: ein natuerlicher Hafen, in dem des Wassers ruhige Flaeche die himmelhohen Berge widerspiegelt. Hier hat die guetige Natur einen Ort des Friedens geschaffen, gesichert vor den gewaltigen Kraeften des Feuers, die man zeitweilig mit dumpfem Donnern hinter den Bergen poltern hoert, sowie des Wassers, dem es unmoeglich ist, ueber die Felsenbank hinweg den Strand mit verzehrender Gewalt zu ueberfluten.
In dem weiten Halbkreis dieser sturmgeschuetzten Bucht hat sich eine ueppige Vegetation entwickelt. Voll behangene Fruchtbaeume stehen umher und laden zum Genuss; ein Quell entspringt an der Felsenwand und plaetschert abwaerts dem Meere zu. In der Mitte des Halbkreises haben die einst wohl durch Erdbeben abgestuerzten Felsenmassen eine Art Terrasse erbaut, sodass es moeglich ist, bis zu einem Drittel des schroff abfallenden Gebirges hinanzusteigen. Auch hier hat das verwitternde Gestein ein fruchtbares Erdreich geschaffen, alles gruent und blueht dort in leuchtenden Farben. Dieser anscheinend weltverlassene Winkel bietet in Fuelle was die guetige Mutter Natur zu geben vermag.
Heller Tag ist es inzwischen geworden, die Sonne uebergiesst mit warmen Strahlen das kleine Paradies. Hier ist es wohlig, hier wohnt der Frieden. Ob auch Menschen? Es scheint fast nicht. Doch regt sich nicht etwas auf der Terrasse?
Ganz recht, dort sehe ich einen jungen Menschen! Notduerftig bekleidet mit Fellen, macht er den Eindruck, als sehe man einen der jungen Germanen, wie sie einst in den Waeldern Deutschlands gehaust haben moegen. Die abgestuerzten Felsbloecke haben auf der Terrasse eine Hoehle gebildet, die, dicht umwachsen von bluehenden Schlingpflanzen, einen eigenartigen Anblick bietet. Man koennte glauben, einen von Gnomen gebildeten Felspalast vor sich zu sehen, dem die Zauberkunst ihrer Bewohner einen mit maerchenhafter Blumenpracht geschmueckten Eingang verliehen hat. Es duftet und blueht ringsum. Brennende Farben der Bluetenkelche erfreuen das Auge vor dem Eingang der Hoehle, in die der junge Mensch nun verschwunden ist. Ein herrlicher Blick auf Meer und Bucht bietet sich von dieser Hoehe aus. Wahrlich ein Wohnstaette, die jeden Freund der Natur entzuecken muss. Jetzt regt es sich in der Hoehle, und auf den Juengling gestuetzt tritt langsam eine Ehrfurcht gebietende
Gestalt hervor. Es ist ein Greis mit langwallendem Haupt- und Barthaar. Und welch ein Auge! Das ist der Blick eines Menschen, der sich losgerungen von dem Leid des Daseins, der nur lebt in der Erkenntnis seines Gottes und die Tiefen der Schoepfung zu ergruenden vermag. So moegen sie ausgesehen haben, die gewaltigen Propheten Israels, die ohne Menschenfurcht einher schritten, furchtlose Verkuender des Wortes und Willens Jehovas.
Ein einfaches, die ganze Gestalt umhuellendes grobes Gewand – um die Hueften gehalten von einem ledernen Guertel – bekleidet den muskuloesen Koerper des Alten, der keineswegs ein schwacher Greis, sich nur liebevoll auf den jungen Mann an seiner Seite stuetzt. Langsam kommen beide hervor; jetzt schreitet der Alte allein voraus, ehrfuerchtig bleibt der juengere zurueck. Der Alte streckt seine Haende zum Himmel und kniet nieder. Seine Lippen bewegen sich im stummen Gebet. Gleich einer Statue bleibt er in unbeweglicher Stellung. Auch der juengere kniet nieder und beugt das Haupt auf seine Brust, die Arme ueber diese gekreuzt.
Der seltsame Ort, das leise Rauschen des Meeres, das gemeinsam mit dem weitentfernten Donner vulkanischer Eruptionen die sonstige Stille nur unterbricht, die unbeweglichen Gestalten der beiden anscheinend einzigen Bewohner dieser Felsenhoehle, uebergossen von dem warmen, hellen Lichte der immer hoeher steigenden Sonne, im tiefen Gebet versunken ihrem Gotte dienend: das ist ein Bild von maechtigem Eindruck! Es erfuellt mich mit Ahnungen grosser Dinge, die sich enthuellen werden.
Der alte Mann neigt das Haupt tief zur Erde. Seine empor gestreckten Arme kreuzen sich ueber seine Brust. Er murmelt leise Worte und scheint einer Person, die ich nicht sehen kann, zu antworten. – Laengere Zeit dauert diese Unterhaltung mit einem unsichtbaren Wesen. Jetzt erhebt sich der Alte, sein Blick sucht den juengeren Gefaehrten und dieser eilt auf ihn zu.
„Muraval", toent es von seinen Lippen, „Allvater gab mir Aufklaerungen ueber das Schicksal, dem Mallona entgegen geht, wenn nicht bald ein besserer Geist die Herzen jener umstimmt, die sich Herrscher der Welt nennen. Wuerdest Du bereit sein, die Befehle Allvaters zu erfuellen, die er mir gibt?"
Der Juengling antwortet: Vater, alles was Du mir sagst, werde ich tun, denn ich weiss, Du forderst nichts von mir, was nicht im Willen Allvaters liegt!"
„Komm, setze Dich zu mir", sagt der Alte und wendet sich zu einem flachen Felsstueck, einer natuerlichen Bank am Eingang der blumenumrankten Hoehle.
Merkwuerdig, ich verstehe die Sprache dieser Menschen, obgleich sie doch ein mir gaenzlich fremdes Idiom reden! Es ist also wahr, dass der freie Geist unabhaengig ist von der Form des Wortes, nur der in diese eingekleidete Begriff spricht zu ihm und er versteht den Eindruck, den Worte hervorrufen, gleichviel in welcher Form er versteckt liegt. jetzt begreife ich, was es heisst, das Wort ist lebendig; Wort ist der von Buchstaben oder Lauten nur unschlossene Begriff, der unabhaengig ist von seiner toten Huelle; gleichwie ich nun unabhaengig bin von meinem den Geist umhuellenden Koerper.
„Muraval", sagt nun der Alte zu dem Juengling, die Stunde ist gekommen, in der ich Dir erklaeren darf, wozu uns Allvater in diese Gegend wandern hiess, die ich nunmehr mit Dir schon siebzehn Kreislaeufe allein bewohne. Zum siebzehnten Male stieg heute die Sonne dort an dem geschweiften Felsenufer dieser Bucht aus dem Meere empor, als zeichne jener Felsenbogen ihr die Bahn am Himmelszelte. Nur einmal in jeder Jahrung gleitet sie langsam an dessen Kante hin, ohne den Schatten des Felsens in die Bucht zu werfen; was wird geschehen sein, wenn die achtzehnte Jahrung naht?
Muraval, Du weisst doch, hinter jenen Bergen wohnen Menschen, die wir fliehen. Sie wissen nichts von uns, doch habe ich Dir gezeigt, wie sie so ganz anders gesinnt sind als wir. Du weisst, was Suende ist, und dass jene drueben nur der Suende dienen. Einst lebte ich mitten unter ihnen, geehrt und umgeben von allem Glanz, den sie sich geben koennen. Doch nicht den aeusseren Schimmer suchte ich, ich fand Befriedigung nur im Suchen nach der hehren Wahrheit, die nicht im Weltgetuemmel lebt, fuer die in uns der gute Gott, Allvater allein eine Wohnstaette bereitet hat.
ich sehe, wohin es fuehren muss, wenn nicht noch einmal jenen Selbstherrlichen dort hinter den Bergen die Wahrheit gepredigt wird, ihnen ein Spiegel vorgehalten wird, in dem sie sich selbst erkennen koennen. Moechten ihre Herzen dann geruehrt, ihr Sinn geaendert werden.
Muraval, mein Sohn, wisse, dass Koenig Areval nunmehr den Erdkreis beherrscht. Es ist ihm gelungen, durch die Kraft seines Feldherrn Arvodo den letzten Widerstand zu brechen, den ihm der vierte und letzte Teil des Mallonakreises entgegenstellte. Er beherrscht nunmehr Mallona ganz und gar. Ein Reich, ein unumschraenktes Weltenreich ist ihm eigen.
Doch gluecklich ist er nicht. Der Druck, den seine Untertanen von den Grossen des Koenigs ertragen muessen, hat sie laengst zu Sklaven, fast zu Tieren gemacht. Unsaeglicher Hochmut, Genusssucht, alle Freuden und Lueste des Daseins findest Du bei den Hohen, tiefste Schmach und Erniedrigung, Hunger und Not bei den Niedrigen. Nur das Heer des Herrschers, durch das er seine Macht erhaelt, lebt in Freuden und Fuelle: alles ist dem Krieger zu eigen, er ist der wahre Herrscher, der Gewalttaetige, der dem Koenige dient, um sich zu dienen.
Wie so ganz anders koennte, sollte es sein auf unserer schoenen Welt. Anstatt einer Staette des Fluches waere
Mallona eine der erhabensten Freuden, waere nicht der Mensch ein Verworfener geworden, entheiligt in sich selbst. Anstatt dem Allvater hat sich Koenig Areval dem Geist der Finsternis in die Arme geworfen. Unsere Aufgabe soll es sein, den letzten Versuch zu wagen, ihn diesen Faengen zu entreissen. Allvater, ich werde gehorchen, gib uns Weg und Mittel an."
Aufmerksam hoert der Juengling auf die Worte des Alten und feurig beteuert er nochmals seine Bereitwilligkeit zu allem.
Sinnend schaut der Prophet auf das glitzernde Meer und spricht leise: "Noch ist es nicht Zeit, doch bald kommt sie heran und wird von uns vieles, vielleicht alles fordern, was wir noch zu geben haben. Dann fuerchte Dich nicht, Muraval, denn gegen die Macht des Allvaters ist die des Koenigs nur ein Hauch und wir werden geborgen sein im Schutze unseres ewigen Herrn und Vaters. – Komm jetzt, lass uns die Fruechte von den Straeuchern brechen, die wir zu unserem Mahle brauchen."
Schnell erhebt sich der Alte, der Juengling gleichfalls, beide steigen hinab zum Strande und verschwinden schnell zwischen den bluehenden Bueschen und Baeumen.
mich hat es festgehalten vor der Hoehle mit magnetischer Kraft. jetzt zieht es mich, die Wohnstaette beider zu sehen, und ich betrete die Hoehle. Sie ist gross, geraeumig und fuehrt seitwaerts unter die uebereinander getuermten Felsbloecke. Dort ist die Lagerstaette beider, hergestellt von Moos und trockenem Laub. Weniges Hausgeraet liegt geordnet umher, es ist aus den harten Schalen grosser Fruechte hergestellt, aehnlich den Kokosnussschalen und Kuerbissen. Auch Felle von Tieren sehe ich hier, teils als Teppiche dienend, teils als Vorhaenge aufgehaengt bei der einen Lagerstaette, wohl die des Alten, als Schutz gegen den die Hoehle aufsuchenden
Wind. Zu ihren Haeupten sehe ich ein groesseres Gefaess, verziert mit Zeichen, die ich nicht zu deuten weiss; es treibt mich, dasselbe zu oeffnen, um den Inhalt kennen zu lernen.
Es enthaelt glaenzenden Schmuck, einen Kopfreif mit funkelndem Juwel und auf dem Grunde liegt ein goldener Ring mit grossem weissem Stein. – Das ist derselbe Stein mit eingeschnittenem Kopfe, der mir gezeigt wurde und den ich mir noch an die Stirn halte, ich erkenne ihn jetzt deutlich. Von hier also stammt er, hier hat er lange in diesem Gefaess geruht!
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